Ein Ende in Sicht!

“Mein Diener Mose ist tot. Jetzt mach du dich auf den Weg!”

Nur noch wenige Meter. Ein paar Schritte, dann ist es geschafft. Meine Schuhe reiben heftig an meinen Füßen. Aber was dort schmerzt, tut oben gut. Im Kopf. Ruhe. 
Seit einigen Tagen steige ich immer wieder auf diesen Berg. Ich genieße die Aussicht. Ein befreiendes Gefühl raus zu sein aus dem Trubel. Die letzten Tage waren einfach zu viel für mich. Die Ereignisse haben sich überschlagen. 
Nach Ewigkeiten der Unsicherheit scheint sich Endlich etwas zu ändern. Die Jahre der Einschränkungen sind vorüber. 

Hinter mir die Wüste. Eine Zeit in der wir viel zurückstecken mussten. An der wir aber auch nicht ganz unschuldig waren. Ein ständiges Auf und Ab. Vertrauen und Misstrauen. Unerklärbare Wunder und Tiefe Rückschläge. Mal rannten wir selbstsüchtig durch die Gegend und horteten alles Essbare aus Angst, das Essen könnte nicht reichen. Ein anderes Mal war das Misstrauen in die Führung unseres Volkes so groß, dass wir abstrusen Ideologien nachfolgten und Dinge anbeteten, die keine Macht haben. Doch trotz allem galt weiterhin das große Versprechen. Alles wird gut. Die besten Tage liegen vor uns, nicht hinter uns. 
Ja. Hinter mir ist die Wüste. Aber vor mir? 

In der Ferne. Am Horizont. Dort wo die Sonne gerade in einen rotgelben Dunst abtaucht, kann ich es erahnen. Ein Ort, der ganz anders ist. Ein Land des Überflusses. Der Ort, der uns schon seit unfassbar langer Zeit versprochen wurde. Der Ort, an dem meine Vorfahren schon gewesen sind und an den wir jetzt endlich wieder zurückkehren können. Viele haben schon den Glauben verloren, dass wir dort jemals hinkommen. 

“Ich gebe euch jeden Ort zum Besitz, den ihr mit euren Füßen betretet. So wie ich es Mose versprochen habe”

Vor meinem inneren Auge spielt sich ein Film ab. Von einer Zeit, in der wir uns wieder in die Arme fallen und sagen können: Es ist vorbei! Die ewige Warterei. Die ständigen Irrwege. Ein Ort, an dem wir uns endlich niederlassen können, an dem wir bleiben. Aber ist das wirklich das Ende dieser Wüstenzeit? Jetzt muss ich die Leute anleiten und ihnen sagen, was sie tun sollen. Sie in ein Land führen, in dem uns die Menschen offensichtlich nicht wollen.

“Niemand kann sich dir entgegenstellen, solange du lebst! Ich werde bei dir sein, wie ich bei Mose war.”

So oft habe ich mit Gott gerungen. Scheinbar ohne Erfolg. Er ist doch der Gott, der diesen Planeten geformt hat. Der dafür gesorgt hat, dass Luft durch meine Lunge strömt. Er könnte mit dem kleinen Finger schnipsen und der Sand der Wüste wäre frisches, grünes Gras. Statt der stechenden Sonne käme ein kühlender Sommerregen. Die stacheligen Kakteen wären mächtige Apfelbäume. Stattdessen liefen wir uns täglich blasen in die Füße und von Tag zu Tag brezelte einem die Sonne noch durchdringender auf die Birne. 
Konnte Gott damals nicht oder wollte er nicht?
Doch jetzt, auf diesem Berg, mit dem Ziel in Sichtweite kann ich ganz anders auf diese Zeit Schauen. Ja. Gott könnte jede Wüste in einen Urwald verwandeln. Er kann Hunderttausende Menschen an den undankbarsten Orten mit Essen versorgen. Für ihn ist kein Meer zu tief, kein Boden zu Trocken und keine Krankheit zu gefährlich. Ja. Gott kann. Definitiv. Ohne Zweifel. Unzählige Male haben wir das in den letzten Jahren erlebt. Doch er reißt uns nicht raus aus der Wüste und macht auf ein Mal alles gut. Er bei allem dabei. Er nimmt uns an die Hand und begleitet uns durch. Wird er es auch weiterhin tun?

“Sei stark und mutig! Fürchte dich nicht! Denn ich – dein Gott – bin bei allem dabei, was du unternimmst!”

Als das Brausen begann…

50! Heute ist es soweit. Jeden Tag haben wir gezählt, wie schon all die Jahre zuvor. 50 Tage sind vergangen seit dem Passah-Fest, an dem wir uns erinnern, wie Gott uns damals aus Ägypten und der Sklaverei befreite. Doch dieses Jahr wurde das Passah von allerlei seltsamen Begebenheiten überschattet. Tumulte und Aufruhr gab es. Ein Schwindler, der sich als unser Messias und König ausgab, war hier nach Jerusalem gekommen und riss eine riesige Menge von Menschen in seinen Sog. Er war mir als Rabbi bekannt. Er hatte viele kluge Dinge gesagt in den letzten Jahren und konnte sich mit den Gebildetsten messen. Letztendlich hatte er sich überschätzt und war zu weit gegangen. Noch vor dem Sabbat war er als Gotteslästerer hingerichtet worden. Doch dabei blieb es nicht. Rund um das Passah war viel Sonderbares geschehen. Ich kann mich nicht erinnern, dass es mitten am Tag schon mal so dunkel war. Gruselig war das. Aber noch mehr war geschehen. Darüber sollte ich eigentlich nicht sprechen. Es wird sehr diskret damit umgegangen. Ich arbeite im Tempel und bekomme allerlei mit. An eben diesem Tag, als es dunkel wurde und der Gotteslästerer hingerichtet wurde, riss der dicke Vorhang in unserem Heiligtum. Noch nie war das passiert, viel zu dick ist der und außerdem gut bewacht. Entweder muss hier ein riesen Komplott geschmiedet worden sein, oder Gott selbst hat das getan. 

Seit 50 Tagen grüble ich darüber nach. Ach ja, 50 Tage. Da war ich stehen geblieben. 50 Tage nach dem Passah feiern wir das Wochenfest und erinnern uns daran, wie Gott uns seine Weisungen am Berg Sinai gab und danken für den ersten Weizen, den wir ernten. Die ganze Nacht hindurch habe ich in der Synagoge die Thora, unsere heilige Schrift, studiert. So machen wir es jedes Jahr und nennen es „Nachtwache“. Aber die Begebenheiten vom letzten Passah gehen mir immer noch nach. Dieser Rabbi, Jesus, hatte mich eigentlich auch sehr überzeugt. Beinahe hätte ich selbst geglaubt, er sei der Messias. Er hatte so viele Wunder getan, die sonst niemand tun konnte. Er hätte es sein können. Einige seiner Anhänger sind immer noch in der Stadt. Es geht sogar das Gerücht um, er sei auferstanden. Wahrscheinlich verbreiten seine Anhänger das, um zu verarbeiten, dass sein Grab geplündert und seine Leiche gestohlen wurde. So sagen es zumindest die Anführer unseres Volkes. Viel zu viel Sonderbares und Merkwürdiges umgibt diese Ereignisse. Ich kann nicht leugnen, dass auch ich etwas zweifle. Irgendetwas Überirdisches scheint im Gang gewesen zu sein. Fragt sich nur, ob Gutes oder Böses.

Während ich hier so stehe und grüble, schrecke ich auf. Was ist das? Irgendein Geräusch, so ein Brausen und Rütteln, als wäre es plötzlich sehr windig. Oder wieder ein Aufruhr? Ich eile nach draußen, um zu sehen, was los ist. Alle Nachbarn sind auch schon draußen. Es herrscht viel Aufregung und Gewirre. Das Rauschen scheint vom Ende der Straße zu kommen. Ich lasse mich von der Menge ziehen und mitreißen. Alle wollen sehen, was da los ist. Auch aus den anderen Gassen strömen Menschen dazu. Während wir dem Brausen entgegen gehen, als würde es uns anziehen, wird es langsam leiser. Ich bin in einer der vorderen Reihen und höre es noch lange genug, um zu bemerken, dass es aus dem Haus da vorne zu kommen scheint. Als wir das Haus erreichen, ist es abgeklungen und ich höre nur noch das aufgeregte Getuschel um mich herum. Was war das? Da! Da kommen Leute aus dem Haus! Die muss es voll getroffen haben, aber Moment. Die sind nicht erschrocken oder verängstigt. Die sind euphorisch! Was ist hier denn los? Einer von ihnen hebt die Hände und will wohl etwas sagen. Vielleicht bringt das jetzt etwas Licht ins Dunkel. 

Er beginnt zu reden, aber warte mal… das ist nicht Aramäisch. Das ist die Sprache meiner Heimat! Ich komme eigentlich aus Libyen und bin mit meiner Familie hierher ausgewandert. Aber der Mann redet in meiner Muttersprache und offensichtlich spricht er über Gott. Er sieht überhaupt nicht so aus, als käme er aus Libyen. Außerdem würde ich ihn kennen. Ich kenne eigentlich alle Libyer hier, denn wir haben unsere eigene Synagoge. Ich schaue mich um. Alle scheinen so perplex zu sein wie ich, aber alle hören zu. Und das kann gar nicht sein, eigentlich sollte ihn kaum jemand verstehen können.

„Hey, warum redest du ägyptisch?“, ruft jemand ein paar Meter neben mir. „Du bist doch Galiläer, ich kenn dich doch!“ Was? Ägyptisch? „Nein, er redet arabisch, ich erkenne noch meine Muttersprache!“, grätscht eine Frau dazwischen. „Quatsch, das ist doch Griechisch, seid ihr blöd?“, ruft jemand von hinten. Offensichtlich scheinen hier alle etwas anderes zu hören. Und wohl alle in ihrer Muttersprache. Das ist verrückt! Alle fangen an wild durch einander zu reden. „Der da vorne ist doch besoffen. Das ist doch Unsinn hier!“, ruft jemand und viele lachen. Da hab ich meine Zweifel, er spricht ja deutlich, auch, wenn seine Euphorie etwas erzeugt scheint.

„Aber, aber meine lieben Brüder und Schwestern…“, beginnt der Mann vorne, der die vielen Sprachen spricht und hebt beschwichtigend die Hände. Was er jetzt sagt, trifft mich mitten ins Herz, wie ein Schlag! Was hier gerade passiert ist, scheint die Erfüllung einer Prophezeiung des Propheten Joels zu sein. Naklar! Die Ausgießung des Geistes am Ende der Zeiten! Deshalb dieses Brausen! Warum haben wir das nicht eher verstanden. Aber dann… dann müsste der Messias ja schon gekommen sein. Was sagt er dazu? O nein, jetzt redet er von diesem gekreuzigten Rabbi Jesus. Offensichtlich ist er einer seiner verbliebenen Anhänger. Aber was er sagt… was er sagt, ergibt Sinn! Vergangene Nacht, als ich in der Synagoge war, habe ich genau diesen Psalm gelesen, den er zitiert, und mir den Kopf darüber zerbrochen. Aber wie er es jetzt erklärt – das ergibt wirklich Sinn! Es ist, als fielen mir Schuppen von den Augen, als würde ich endlich klar sehen. Dieser Jesus war wirklich der Messias! O, Gott! Und wir haben ihn ermordet! Meine Gefühle überwältigen mich. Ich habe mich noch nie so leicht und klar, aber gleichzeitig so schwer und betrübt gefühlt! Ich bin voller Trauer und Schmerz und voller Freude zur selben Zeit! Niemals hatte ich so ein berauschendes, aber irgendwie auch unangenehmes Bewusstsein von Wahrheit. Als ich mich umschaue, merke ich, dass ich damit nicht allein bin. So ziemlich allen scheint gerade ein warmes Licht aufgegangen zu sein und gleichzeitig sind so viele alte Haltungen, Meinungen und Ansichten schmerzlich zerbrochen.

Der Mann vorne hat seine Predigt beendet und viele Momente herrscht eine seltsame, aber irgendwie heilige Stille. Wie reagiert man auf solch ein Ereignis, auf das Umkrempeln unserer aller Leben? Wie macht man weiter? Ich nehme mir ein Herz und trete einen Schritt vor. „Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?“, frage ich den Mann vorne und die ganze Betroffenheit und Scham, aber irgendwie auch diese Befreiung liegt in meiner Frage. „Ändert euren Sinn, und jeder von euch soll sich taufen lassen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen“, fordert er uns auf.

Ja, das will ich. Ich habe eher das Gefühl, dass mein Sinn schon dabei ist sich zu ändern. Mich taufen lassen auf den Namen des Messias, den wir töteten, aber der lebt und uns trotzdem vergibt. Das bekomme ich noch nicht in meinen Kopf, aber irgendwie hat es mich auf andere Weise erfüllt. Es scheint ein Geheimnis zu sein. Und jetzt weiß ich, worüber ich in Zukunft nachgrübeln will. Über dieses Geheimnis, damit sich mein Sinn immer weiter ändert durch das, was ich heute empfangen habe.

Photo by Aaron Burden on Unsplash

Für eine Zeit, wie diese

Eines unserer neuen Formate, die ab jetzt regelmäßig erscheinen, nennt sich „HIS-STORY-MAKER“. Darin wollen wir aus Sicht derjenigen berichten, mit denen Gott Geschichte geschrieben hat. Einige Bibelgeschichten scheinen nämlich nicht so richtig ins 21. Jahrhundert zu passen. Wir wollen diese Geschichten in verständlicher Sprache nacherzählen &/oder in zeitrelevante Kontexte einbinden.


Wir leben in einer Welt und in einer Zeit, die es so, wie sie jetzt ist, nie wieder geben wird. Im Guten wie im Schlechten. Frieden währt selten ewig. Pandemien haben die Welt niemals für immer bestimmt. Das Leben geht weiter. Nach einem Krieg, nach einer Pandemie. Aber auch in unserer Lebenswelt, nach jeder Niederlage, jedem Rückschlag und allen Tiefs.

Wir kämpfen mit den Herausforderungen einer Welt, die Vorgenerationen für uns in einem Zustand hinterlassen haben, den wir nicht weiterführen wollen. Es herrscht so ein Hunger nach Veränderung, nach Fairness, nach Gerechtigkeit – nicht nur für Menschen, sondern auch fürs Klima. Und dennoch stellt sich die Frage, wie man als einzelne Person einen Unterschied in einer unendlich großen Welt macht. 

Wie gut, dass es meist Menschen gibt, die uns schon vorangegangen sind. Die Helden vergangener Zeiten, die uns beibringen mutig zu sein. Die schon Schritte ins Unbekannte gewagt haben und uns ermutigen es ihnen gleich zu tun. Vielleicht ist es an der Zeit ein bisschen unserer Sicherheit aufzugeben.


Sicherheit. Das hat es hier nie gegeben. Mein Cousin hat alles gegeben, um mir ein schönes Leben zu ermöglichen und ich habe alles gegeben eine gute Adoptivtochter zu sein. Aber das einfache Leben in den Straßen der Hauptstadt eines Reiches, in dem unser Volk eine winzige Minderheit darstellt, ist nicht immer leicht. Wir mögen es hier in Susa und deswegen sind wir geblieben, anstatt in unsere Heimat zurückzukehren als es wieder möglich war, aber so richtig angekommen sind wir nie. Außerdem ist unser Gott hier so weit weg und meistens tut man besser daran es nicht an die große Glocke zu hängen, dass man Nachfolgerin des Gottes Israels ist. Wir leben unseren Glauben ziemlich still und dennoch ziemlich treu. Mein Cousin ist mir dahingehend so ein Vorbild, weil er es geschafft hat in dieser pluralistischen und gottlosen Kultur Persiens seinen Glaube nie zu verlieren und seinen Gott zwar nicht zu verkünden, aber auch nie zu verleugnen. Ich weiß noch, wie er den Job als Türsteher im Palast angenommen hat und von ihm verlangt wurde, sich vor dem obersten Berater des Königs zu verbeugen. Das war sein Moment entweder seinen Gott zu verleugnen oder mutig zu seinem Gott zu stehen und seinen Job sowie sein Leben zu riskieren. Er hat es nicht getan hat, mit der Begründung, dass der Einzige, vor dem er sich verneigt sein Gott sei. Das beeindruckt mich und ich wünsche mir die gleiche Stärke zu meinem Gott zu stehen, wenn es drauf ankommt. 


Viel ist passiert in den letzten Monaten. Die Königin wurde abgesetzt, weil sie sich dem König widersetzt hat. Der König hat seine Berater ausgesendet die schönsten Mädchen des Landes an seinen Hof zu bringen und sich um sie zu kümmern, damit sie dann vor ihn geführt werden können und er sich aus ihnen eine neue Königin aussuchen kann. Und irgendeiner dieser Berater fand mich wohl hübsch genug, um in den Palast mitgenommen zu werden. Zum Glück konnte mein Cousin sich jeden Tag erkunden, wie es mir geht, da er ja am Hof arbeitet. Da haben es viele der anderen Mädchen viel schwerer, weil ihre Heimat weit entfernt liegt und sie ganz alleine in diese große Stadt gekommen sind. Zum Glück sind alle wirklich freundlich und kümmern sich sehr liebevoll um uns. Das ist alles andere als selbstverständlich, haben wir doch eigentlich in dieser Gesellschaft als Frauen nichts zu sagen. 

Viel ist passiert, hatte ich gesagt. Unglaubliches, Unfassbares. Ich hab diesen Schönheitswettbewerb tatsächlich gewonnen und das nicht nur weil ich gut aussehe, sondern weil der König meinen Charakter beeindruckend fand! Charakter zählt in der persischen Kultur eigentlich nichts. Aber der König hat sich für mich entschieden, weil ich voller Anmut, liebenswürdig und selbstlos sei. Was will er denn damit anfangen? Da gab es so viel hübschere Mädchen, aber ich habe mich an all das gehalten, was mir beigebracht wurde, ich habe an meinen Wurzeln festgehalten und bin jeder Empfehlung der Berater treu gefolgt. Und jetzt bin ich Königin. Königin Persiens! Der Ruhm im ersten Moment war so schön und meine Zukunft so viel glamouröser als ich sie mir damals in den Straßen von Susa je hätte erträumen können. Der Palast ist schön und groß und ich habe wunderbare Dienerinnen, Freundinnen und mein Cousin hält immer so liebevoll nach mir Ausschau. Was will ich mehr? Und wieso fühle ich mich noch immer nicht sicher? Sollte ich mich nicht sicher fühlen als Königin an der Seite des mächtigsten Mannes unserer Welt? Wieso habe ich dennoch nicht das Gefühl hier angekommen zu sein und dazuzugehören?


Ich hatte ja erzählt, dass mein Cousin sich nicht vor dem obersten Berater verneigen wollte und er dafür gut hätte sein Leben lassen können. Das ging jetzt eine Weile gut, aber inzwischen findet der oberste Berater das gar nicht mehr witzig. Der König hält sich da allerdings mir zuliebe raus, da er ja weiß, dass es sich um meinen Cousin handelt. Jetzt hat dieser fiese Berater allerdings mitbekommen, dass der Gott meines Cousins der Gott Israels ist und dass es in Susa und im ganzen Reich noch ein paar mehr Anhänger dieses fremden Gottes gibt. Anstatt sich nur gegen meinem Cousin zu wenden, hat er ein Dekret erlassen, dass es den Persern erlaubt alle Juden an einem bestimmten Tag umzubringen und somit auszulöschen. Und da der König nicht sonderlich aufmerksam ist, wenn es sich um Regierungsangelegenheiten handelt und sich lieber seiner Außenwirkung widmet, hat er seinem obersten Berater seinen Siegelring überlassen und dieser konnte sein eigenes Dekret im Alleingang königlich rechtsgültig machen. Was für eine riesige Scheiße! Jetzt stehe ich hier komplett zwischen den Welten. Persische Königin und jüdische Gläubige. 

In all den Jahren in Susa habe ich meinen Cousin niemals weinen sehen, aber seitdem das Dekret öffentlich geworden ist, fastet und trauert und weint er nur noch. E sitzt zusammengekauert, wie ein Häufchen Elend am Tor. Und ich weiß nicht, was ich tun soll. Was macht man, wenn das Schicksal des eigenen Volkes am eigenen Leben hängt? Hab ich mir nicht gewünscht, Stärke zu besitzen, zu meinem Gott zu stehen, wenn es drauf ankommt? Dann ist das hier ein jetzt oder nie. Wenn ich jetzt schweige, gehen wir alle drauf. Wenn ich was sage, kann ich dann das Schicksal unserer Minderheit vielleicht noch drehen? All die Jahre meines Leben habe ich gelernt den Mund zu halten, den Anweisungen von Männern zu gehorchen, niemals laut zu sein, niemals rebellisch zu sein. Aber war Gott nicht vielleicht den ganzen weiten Weg immer mit mir? Was hatte mein Cousin gesagt: „Vielleicht bist du für einen Moment, wie diesen, Königin geworden. Vielleicht hat Gott dich an diesen Posten gestellt, für diesen Augenblick. Glaube ja nicht, dass du mit dem Leben davonkommst, wenn du jetzt schweigst. Irgendwer wird rausfinden, dass du Jüdin bist und dann wirst auch du mit deinem Leben bezahlen müssen.“ Was macht man mit dieser Verantwortung? Und wann ist das eigentlich passiert, dass ich angefangen habe eine Rolle für die Zukunft meines Volkes zu spielen? Und wie genau soll das denn gehen? Was sollte ich schon ändern können in dieser Welt? Mein Herz ist so schwer. Mein Glaube so klein. Und die Zeit gegen mich. Ich kann entweder jetzt mein Leben riskieren oder für immer schweigen.


Ich renne im Starkregen und Halbdunkel durch den völlig leeren Innenhof dieses riesigen Palastes. Ein Mädchen aus den Straßen dieser Stadt, das hier nie so richtig hingehört hat. Noch dazu eine, die in den Augen dieses Reiches an den falschen Gott glaubt. Mein Ehemann, der mächtigste Mann unserer Welt, sitzt in eben diesem Moment mit den höchsten Männern des Reiches im Thronsaal. Unaufgefordert vor den König zu treten, ist mit der Todesstrafe belegt. Das weiß ich sehr wohl, aber mir bleibt keine Wahl. Was hatte mein Leibwächter noch gesagt: „Ich hab keine Ahnung, was du vorhast, aber das ist nicht Königin gegen König. Hier stehst du gegen das Gesetz, gegen das ganze Imperium Persiens. Die einzige Möglichkeit dein Leben zu retten, ist wenn der König dir sein Zepter entgegenstreckt. Aber warum um alles in der Welt, sollte er das tun?“ Warum um alles in der Welt sollte er das tun? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was mein Plan ist. Ich weiß nur, dass auch David nicht gegen Goliath gesiegt hat, weil er einen Plan gehabt hätte oder weil er besonders gut gekämpft hat. Nein, David hat besonderen Glaube bewiesen und das hat ihn gerettet. Möge mich mein Gott und mein Glaube ebenfalls retten. Und wenn nicht, dann komme ich eben um. Ich wollte die Stärke für meinen Gott einzustehen und irgendwie hat Gott es geschafft mich dazu zu bewegen meinen Mut zusammen zu nehmen. 

Ich kann das Stimmengetümmel des Thronsaals von außen durch den Regen hindurch hören, aber sobald ich diese mächtigen Türen aufgestoßen habe, wird es plötzlich totenstill. Kein Wort wird mehr gesprochen, niemand hält mich auf, niemand stürmt auf mich los. Also setze ich einen Fuß vor den anderen und laufe tropfend nass diesen langen Gang entlang auf den Thron zu. Ich halte meinen Blick gesenkt und hoffe nur, dass Gott bei mir ist. Ich sende ein Stoßgebet nach dem nächsten.

Bewahre mein Leben, HERR. Sei mir gnädig. Jetzt oder nie. Ich hab alles für dich gegeben, gib du nun alles für mich. Ich bin nicht bereit zu sterben, aber jetzt umkehren kann ich schlecht. Gott, du hast mir Mut geschenkt. Jetzt bring zu Ende, was du angefangen hast. Sei bei mir. Beschütze mich, bewahre mich. Bitte Gott. Bitte, bitte, bitte. 

Ich sehe die ersten Stufen, die zum Thron führen. Niemand hat mich bisher umgebracht. Ich nehme nochmal all meinen Mut zusammen, blicke ganz kurz auf und sehe meinen König in die Augen, um den Kopf dann wieder zu senken und langsam Stufe für Stufe hinaufzusteigen. Plötzlich schreien alle wild durcheinander, es wird wahnsinnig laut, jemand schreit, dass das Gesetzt gebrochen wurde. Jemand anderes stimmt zu und verlangt meinen Tod. Die Leibwache zieht ihr Schwert, ich sehe die Klinge aus dem Augenwinkel über seinem Kopf schwingen…

Bitte Gott! Tu was, irgendwas! Jetzt oder nie!

…und dann wehrt mein König mit seiner einen Hand das Schwert ab und streckt mir mit der anderen sein Zepter entgegen. 

Danke Gott! Danke, danke, danke!

Ich atme ganz langsam alle Anspannung aus. Der Tumult erlischt augenblicklich und es wird wieder ganz still im Saal. Ich habe das Wort. Jetzt muss ich gestehen an den Gott der Juden zu glauben, gestehen zu diesem Volk zu gehören, das ausgelöscht werden soll. Vor all diesen Männern im Saal zu dem stehen, was ich glaube und wer ich bin. Das ist hier noch lange nicht vorbei. Aber sollte meinem Gott nicht alles möglich sein?


Der König hat mir und meinem Volk Gnade erwiesen und wir wurden verschont. Alles ist gut geworden. Gott hat für uns gesorgt und für uns gekämpft. Gott sieht uns – selbst wenn wir ihn nicht laut verkünden, sondern leise und treu unseren Glauben leben. Selbst wenn alles gegen uns steht, bleibt Gott an unserer Seite. Ich hab ein winziges bisschen Glaube gehabt, aber dieses bisschen hat Gott gebrauchen können. Es fühlt sich nicht an als hätte ich Großes vollbracht, aber meine Schritte ins Ungewisse haben mein Volk gerettet. Gott hat alles wunderbar geführt und hatte schon so viel länger einen Plan mit mir, als ich mir dessen überhaupt bewusst war. Von Anfang bis Ende hat Gott seine Hand über mir gehalten. Meinem Gott ist alles möglich! Und wenn Gott mich gebrauchen kann, ein Waisenkind, ein Flüchtling, ein Niemand, dann darfst auch du bereit sein, Gottes Vorsehung zu vertrauen, auch wenn du noch nicht siehst, dass es gut ausgeht. Dann kannst auch du die Welt an den Orten und Stellen verändern, an denen du gerade bist. Und letztendlich dürfen wir alle darauf hoffen, dass egal wie schlecht die Dinge stehen, Gott sich dafür einsetzt, diese Welt zu erlösen.


Die ganze biblische Geschichte kann man im Buch Esther nachlesen. 

Beitragsbild von Brooke Cagle auf Unsplash.

Warum bekomme ich kein Kind?!

Eines unserer neuen Formate, die ab jetzt regelmäßig erscheinen, nennt sich „HIS-STORY-MAKER“. Darin wollen wir aus Sicht derjenigen berichten, mit denen Gott Geschichte geschrieben hat. Einige Bibelgeschichten scheinen nämlich nicht so richtig ins 21. Jahrhundert zu passen. Wir wollen diese Geschichten in verständlicher Sprache nacherzählen &/oder in zeitrelevante Kontexte einbinden.


Ich halte das nicht mehr länger aus. Hier an diesem Festmahl teilzunehmen. Ich kriege keinen Bissen mehr runter, obwohl mein Teller noch fast voll ist. Mein Mann hat mir eine ordentliche Portion drauf gepackt, ja fast doppelt so viel wie seiner anderen Ehefrau. Ich weiß, dass er mir damit seine Liebe zeigen will. Er ist sehr gut zu mir und bevorzugt mich sogar oft, was mir etwas unangenehm ist, weil mir das noch mehr Hass und Verachtung von ihr bringt. Aber im Moment kann ich einfach nichts mehr essen. Der Kloß im Hals versperrt meine Speiseröhre wie ein Korken eine Weinflasche. Diese ständigen Provokationen und Sticheleien von ihr, weil ich meinem Mann noch kein Kind geschenkt habe. Was kann ich denn dafür?! Wir haben es doch schon oft genug probiert. Warum hat es nicht geklappt?! Ich verstehe das einfach nicht. Hätte ich nur ein Kind, wäre mein Leben einfacher. Stattdessen muss ich jedes Jahr an diesen Ort hier mitkommen, um Gott anzubeten und ihm ein Opfer zu bringen. Also mein Mann will das so. Mit der ganzen Familie. Ich finde das ja auch gut, aber dieses Jahr ist mir überhaupt nicht danach, Gott anzubeten. Ich habe nichts wofür ich ihm danken kann. Ich kann nicht mehr. Ich muss hier weg. Raus aus diesem Zelt und weg von all den Menschen. Ich spüre, wie Wut und Trauer langsam in mir aufsteigen und meine Augen langsam wässrig werden. Ich schnappe meinen Umhang und versuche damit, mein Gesicht zu verbergen. Hektisch stehe ich auf und stolpere aus dem Zelt. Bloß weg hier. Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll, habe keine Ahnung, wie ich mein Leid ertragen soll. Ich laufe planlos umher und irgendwann bin ich am Tempel angelangt. Na, wenn ich schonmal hier bin, denke ich, kann ich Gott auch mein Leid klagen:


Krass, ein paar Jahre ist es jetzt schon her, seit ich das letzte Mal hier stand. Kaum zu glauben, was alles in dieser Zeit passiert ist. Damals hatte ich fast meinen Glauben an Gott verloren. Ich konnte nicht mehr glauben, dass er es gut mit mir meint. Ich verstehe immer noch nicht, warum alles so kommen musste. Und es fällt mir noch schwerer zu akzeptieren, warum ich Gott nicht verstehen kann, warum er mir seine Pläne nicht offenbart. Ich bin erleichtert, dass diese schlimme Zeit nun endlich hinter mir liegt und ich das irgendwie durchgestanden habe. Ich war nicht allein. Mein Mann war immer für mich da und Gott auch. Selbst, wenn ich das erst im Nachhinein erkannt habe. Ich kann es immer noch kaum glauben, dass er mir endlich, nach so langer Zeit, einen Sohn geschenkt hat. Ich bin überglücklich und Gott unendlich dankbar dafür und will ihn loben:


Inspiriert durch 1. Samuel 1,1-2,8 (BasisBibel). Das Lobgebet von Hanna wurde wörtlich aus 1. Samuel 2,1-8 übernommen. Das Klagegebet ist fiktiv. Diese Geschichte soll dazu beitragen, Verständnis für Frauen in stark patriarchalischen Kulturen zu schaffen, deren eigene Daseinsberechtigung sich maßgeblich durch das Gebären von Nachkommen zum Fortbestand der Familie definiert – auch heute noch. In der alt-orientalischen Kultur ist die Bedeutung und der Fortbestand der Familie kaum zu unterschätzen. Frauen wurden vor allem nach dem Gebären insbesondere männlicher Nachkommen definiert und definierten sich selbst darüber.

by spaghettihirn

Danka an Kat J für das Foto von Unsplash.

Alles für die Familie

Neues Jahr, neues Konzept. So läuft das bei Alltagspropheten. Während sich sonst alles verändert, ist Veränderung für uns die einzige Konstante. Eines unserer neuen Formate, die ab jetzt monatlich erscheinen, nennt sich „HIS-STORY-MAKER“. Darin wollen wir aus Sicht derjenigen berichten, mit denen Gott Geschichte geschrieben hat. Einige Bibelgeschichten scheinen nämlich nicht so richtig ins 21. Jahrhundert zu passen. Wir wollen diese Geschichten in verständlicher Sprache nacherzählen &/oder in zeitrelevante Kontexte einbinden.

„Lauft! Laaauuuuft! Und dreht euch nicht um!“, schrie mein Vater von hinten. Ich rannte so schnell ich konnte. Drei Meter vor mir meine Schwester. Es war ohrenbetäubend laut. Es donnerte, aber nicht wie Gewitter, sondern viel, viel mächtiger. Von hinten blies heißer Wind. So stark, dass es schwierig war geradeaus zu laufen. Überall war Staub. Ich konnte höchstens fünfMeter sehen. Und die Erde bebte. Die Welt ging unter. „Lauft! Und dreht euch nicht um!“, schrie mein Vater wieder.

Wieder und wieder spielt sich die Szene in meinem Kopf ab. Ich sitze auf einem Stein, mein Gesicht in den Händen vergraben. Ich bekomme nur schwierig Luft. Meine Lunge ist voll von dem ganzen Staub und ausgetrocknet von dem irre heißen Wind. Mittlerweile ist es still. Totenstill. Man hört gar nichts mehr. Außer dem eigenen Atem. Wir haben es geschafft. Zumindest die meisten von uns. Meine Mutter ist verschwunden. Die letzte Stunde haben wir uns die Seele aus dem Leib geschrien und nach ihr gesucht. Vergeblich. Ich glaube nicht, dass sie es geschafft hat, aber heute werden wir nicht mehr zurückgehen können. Wir sind hier in die Berge gelaufen. Haben gerade zwei Zelte aufgebaut. Ich, meine Schwester und unser Vater. Ich musste mich gerade einmal setzen bevor wir anfangen Essen zu machen. „Komm, trink was und dann geht’s weiter!“, ruft meine Schwester mir zu. Ich raffe mich auf. Trinke einen Schluck. Wir haben so hektisch gepackt, dass keine Zeit blieb zum Brunnen zu laufen, um Wasser zu holen. Das einzige, was wir hier haben, sind unsere Weinschläuche. In dieser Situation ist mir das auch ganz lieb so.

Wir machen Feuer. Während ich etwas trockenes Holz und Gestrüpp zusammen sammle, gehen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Wie geht es jetzt weiter? Wir sind die einzigen Überlebenden. Kein anderer unserer Verwandten, unserer Freunde und Nachbarn hat es geschafft. Keiner. Wir sind die einzigen. Sie wurden auch nicht gewarnt. Wir wohl gerade noch rechtzeitig. Wir sind die einzigen Überlebenden. So habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt. Ich schaue meine Schwester an. Ihr Blick ist leer. Meiner wahrscheinlich auch. „Wie geht es weiter?“, frage ich sie. Sie zuckt die Achseln. „Mit Essen“, erwidert sie sarkastisch. „Ne, mal ehrlich, sag ich. Was wird aus unserer Familie?“, frag ich. „Unsere Familie ist gestorben“, sagt meine Schwester, „es geht nicht weiter.“ Das darf nicht sein. Das kann nicht sein. Das will ich nicht wahrhaben. Meine Schwester scheint meine Gedanken zu hören und zischt: „Verstehst du nicht, wir sind die einzigen hier. Du, Vater und ich. Wir sind nicht verheiratet. Mutter ist weg. Das war’s.“ Ich weiß das, aber ich will es nicht hören. Trotzdem klingt in mir nach, was sie gerade gesagt hat und ein Gedanke reift in mir heran. Wie ein Geschwür. Ein unaussprechlicher Gedanke. Ein böser, furchtbarer, schändlicher Gedanke. Ich versuche ihn zu unterdrücken. Vergeblich. Die Idee ist da. Gibt es denn gar keinen anderen Weg? Ich denke krampfhaft nach. Aber so sehr ich es mir auch wünschen würde, es gibt keinen. „Nein, es muss nicht vorbei sein“, sage ich entschlossen und mit zusammengebissenen Zähnen. „Und du weißt, was ich meine“, flüstere ich. Meiner Schwester fällt der Löffel aus der Hand. „Spinnst du?“, knirscht sie. „Nein, es geht nicht anders. Es ist der einzige Weg und es ist unsere Verantwortung, vielleicht unsere Pflicht. Das weißt du auch“, sage ich leise. Unerträglich lange bleibt es still zwischen uns. „Und wie willst du das anstellen?“, flüstert sie mir zu. „Wir haben gerade nur Wein zu trinken, wir wollen alle vergessen oder es wenigstens etwas leichter nehmen, und wir alle haben einen irren Durst nach der Hitze, und dem Staub und der Flucht. Ich werde ihn eindringlich erinnern, dass er viel trinken muss nach einem solchen Tag. Er ist eh etwas durch den Wind. Und dann, heute Abend, naja, gehe ich zu ihm ins Zelt. Ich bin die Ältere von uns, ich werde es zuerst tun“, erkläre ich ihr schweren Herzens mit viel Selbstekel und fühle mich abscheulich. Ich glaube, ich kann heute nichts mehr essen. „Na gut, okay. Wenn du es auch machst, zieh ich mit. Es ist unsere Verantwortung. Nur wir haben es in der Hand, dass es mit unserer Familie weitergeht“, sagt sie. Jetzt redet keiner mehr. Der fürchterliche Plan steht. Die Entscheidung ist gefallen. Es ist unsere Pflicht.

In der alt-orientalischen Kultur ist die Bedeutung und der Fortbestand der Familie kaum zu unterschätzen. Frauen wurden vor allem nach dem Gebären insbesondere männlicher Nachkommen definiert und definierten sich selbst darüber. Die Geschichte reflektiert die Begebenheit, wie nur Lot und seine zwei Töchter den Untergang Sodoms und Gomorrhas überlebten und die Töchter den Fortbestand ihrer Sippe sichern, indem sie Kinder mit ihrem eigenen Vater zeugen (vgl. Genesis 19). Diese Entscheidung ist für uns im Deutschland des 21. Jahrhunderts nicht einfach nachzuvollziehen, da Kinderlosigkeit in der Regel nicht als Schande aufgefasst wird und keine Identitätskrise nach sich ziehen muss – zum Glück. Diese Geschichte soll dazu beitragen, Verständnis für Frauen in stark patriarchalischen Kulturen zu schaffen, deren eigene Daseinsberechtigung sich maßgeblich durch das gebären von Nachkommen zum Fortbestand der Familie definiert – auch heute noch.

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