Socken in Sandalen


Sommer 2018
Die Ferien haben begonnen und ich möchte zusammen mit meiner Familie in Norddeutschland surfen gehen. Um zu ihnen zu fahren, habe ich mir eine günstige Sparpreis-Zugverbindung zu “unbeliebten Zeiten” rausgesucht. Es ist vier Uhr morgens als mein Wecker klingelt und meinen viel zu kurzen Schlaf beendet.

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Rassismus to go


Fünf Wochen zuvor. Am 13. März 2020 saß ich in einer Stuttgarter S-Bahn Richtung Hauptbahnhof. 17:30 Uhr. Was war die letzten Stunden passiert? Eine Entscheidung war getroffen worden: Wegen des Corona-Virus ist von Veranstaltungen über 50 Menschen abzusehen und es werden alle Schulen und Kitas geschlossen. Was bedeutete diese Entscheidung für mich persönlich? Es war für mich der Wendepunkt von „Corona nervt“ zu „Corona wird uns richtig kaputt machen“. Nun saß ich in der S-Bahn, um von meinem Hebräisch-Unterricht in Stuttgart nach Heidelberg zu fahren. Während des Unterrichts waren immer wieder einige meiner Kollegen verschwunden, um zu telefonieren und mit verdatterten Gesichtern wieder in den Raum zu kommen. Meistens ging es um das kurz- und langfristige Absagen jeglicher kirchlicher Veranstaltungen als Reaktion auf die gerade eingegangenen Meldungen. Mich würden diese Themen erst in zwei Stunden erwarten, weil ich auf dem Weg zu einem Treffen unseres Gemeindevorstands in Heidelberg war. 

Aber nun zurück zur Situation in der S-Bahn. Ich hatte das Gefühl, dass wirklich etwas „in der Luft lag“, wie man so sagt. Menschen auf engem Raum, genug Zeit um Viren auszutauschen, kein Sicherheitsabstand möglich – nicht so prickelnd. Es lag was in der Luft. Nach rationalem Überlegen war es sehr unwahrscheinlich, dass irgendjemand in meiner Nähe tatsächlich mit dem Virus infiziert war. Aber es war keine rationale Situation mehr. Es lag etwas in der Luft. Und das war Angst. Auch wenn wir in dem Zug nicht alle miteinander sprachen, hatte ich das Gefühl, dass die meisten dasselbe spürten. Was ich so beängstigend und faszinierend fand, war, dass es keine gedachte Angst war, die jeder in seinem Kopf hatte, sondern es lag in der Luft. Angst war einfach da, irgendwie in uns, aber vor allem um uns herum. Vielleicht kennt ihr so etwas. Es ist diffus und irgendwie nicht zu kontrollieren. Wir hatten die Kontrolle über Corona verloren und traten durch Schulschließungen und Absagen von Veranstaltungen den Rückzug an. Das war völlig unbekanntes, ungeahntes Terrain – insbesondere in diesem Ausmaß. Kontrollverlust führt zu Angst. Und jetzt in der Bahn ging die Kontrolle über die Angst in uns verloren, die Angst war irgendwie atmosphärisch in der Luft. Es fühlt sich ein bisschen so an, wie in einem Film, wenn man denkt: „Gleich passiert was!“ Nur eben real. 

Was ich erschreckend finde: Angst verändert einen! In Sekunden entsteht systematisches Misstrauen gegenüber fast allem und allen. Besonders dem gegenüber, was ein bisschen fremd ist. Das Gehirn assoziiert dann kurios und völlig ungebremst allen möglichen Scheiß zusammen. Zum Beispiel: mir gegenüber saß eine junge Frau mit vermutlich asiatischen Wurzeln. Mein Gehirn assoziiert: asiatisch – China – Wuhan – Corona. Zwei Sitzecken weiter saß eine sehr extrovertierte, angetrunkene Frau mittleren Alters, die sich in gebrochenem Englisch und afrikanischem Akzent mit dem ihr gegenüber sitzenden jungen Mann unterhielt. Der wirkte ebenfalls etwas angetrunken. Er sah nicht afrikanisch aus und hatte wahrscheinlich familiäre Wurzeln im Nahen Osten. Er redete sehr leise, sie dagegen sehr laut. Bis zu der Sitzecke von mir und der Asiatin drangen immer nur Wortfetzen der afrikanischen Frau: „Corona, Corona, Corona!“ oder „Not like Ebola“ (dt: nicht so, wie Ebola) und „Blood, everywhere blood!“ (dt: Blut, überall Blut). Diese Phrasen wiederholten sich. Das Ebola-Virus gehört zu den Viren, die bei Menschen hämorrhagisches Fieber verursachen, dabei kann es passieren, dass Menschen einfach ausbluten. Ich wusste nicht, ob ich wissen wollte, was diese Frau in ihrem Leben schon gesehen hatte. Alles in allem war die Stimmung in der S-Bahn beängstigend. Ich konnte mich selbst beobachten, wie ich alle Menschen unkontrolliert auf ihre hygienischen Standards und ihr Risiko, potentiell ansteckend zu sein, abcheckte – nur aufgrund ihrer möglichen Herkunft, Hautfarbe und sozialem Milieu. Misstrauen, Vorurteile und, ja man kann sagen, rassistische Gedanken fluteten einfach meinen Kopf. Zum Glück blieb da noch ein gewisses Reflektionsvermögen, das merkt, was gerade für ein Quatsch im eigenen Kopf läuft.

Schließlich stiegen wir alle am Hauptbahnhof aus und gingen zügig zur Rolltreppe. Ich hatte das Gefühl, jeder wollte diesen Ort schnellstmöglich verlassen. Vor den Treppen staute es sich dann. Dicht gedrängt huschten Menschen durcheinander. Kennst du das, wenn man versucht nicht einzuatmen, weil man Angst hat, dass die Luft dreckig, verseucht oder infektiös ist? Statt Rolltreppe bin ich dann lieber die lange, normale Treppe gegangen. Oben, auf dem letzten Treppenabsatz angekommen, kamen mir dann plötzlich zwei etwa 13-Jährige pubertierende Jungs entgegen, die ausfallartig und stampfend Schritte auf vorbeilaufende Menschen zu machten und dabei „Corona!“ schrien. Die hatten einen totalen Knall. Aber das gab der ganzen Situation den Rest. Ich wollte da einfach nur weg und war froh als ich den S-Bahnhof verlassen hatte, ruhig auf dem richtigen Gleis stand, um auf den ICE zu warten und über das nachdenken konnte, was in den letzten Minuten abgegangen war.

Angst macht was mit uns. Angst löst das „wir“ auf und hinterlässt ein „ich“. Angst spaltet Mensch und Mensch in Schwarz und Weiß, in Freund und Feind, in schwach und stark, in wertvoll und verzichtbar. Angst lässt Menschen Regale leer kaufen. Angst macht gesunden Menschenverstand trüb. Angst lässt Menschen zweifeln und Angst schürt Misstrauen. Seit Jahren leistet das Robert-Koch-Institut treue Arbeit für unsere Gesundheit. Angst vergisst das. Seit Jahren haben wir immer genug zu essen. Angst verlernt das. Angst macht uns schwach, zerbrechlich und kaputt. Glaube, Liebe und Hoffnung schweißen uns zusammen, machen uns widerstandsfähig und stark.

Euer Lukas

Photo by Arthur Edelman on Unsplash

Wer nicht hören will, muss fühlen!

Kurz vor Neun. Sonnenstrahlen fallen auf mein Gesicht, auf meine Arme und die Bettdecke. Ich genieße den Moment eine Weile, kuschele mich nochmal tief in meine Decke ein und sonne mich in der Wärme, die mein Fenster durchdringt. Die Vorhänge mache ich abends schon lange nicht mehr zu. So ist die Sonne das erste, was mich morgens aufwachen lässt. Die Minuten schreiten dahin und eigentlich will ich viel lieber noch länger liegen bleiben. Nachdem ich mir aber einen kurzen Ruck geben, stehe ich auf und tappe ins Bad. Kurze Morgenwäsche und dann weiter zur Kaffeemaschine. Während mir der Duft von starkem, schwarzem Kaffee in die Nase steigt, werde ich immer wacher. „Wie dankbar bin ich für diese Kaffeemaschine“ denke ich mir jedes Mal, wenn ich sie sehe. Mit dem Kaffee in der Hand geht es zurück zum Sofa. Dort hole ich meine Bibel und meinen Laptop hervor. Nach einer Weile gibt es den zweiten Kaffee und ein leckeres Frühstück.

Als Nächstes checke ich meine E-Mails. Das Postfach läuft über von Arbeitsaufträgen und Anweisungen: Familienrecht, Zwangsvollstreckung, Tarifverträge… Wann muss ich das erledigen? Heute. Abgabetermin? Morgen. Nun, irgendwie und irgendwann muss ich ja anfangen. Und damit mache ich mich an die Arbeit. Den ganzen Vormittag brauche ich dafür, zwischendurch gibt es einen dritten Kaffee. Mittags lasse ich das Essen mittlerweile einfach weg. Entweder vergesse ich es oder haben kein Hunger. Schließlich hocke ich ja eh nur daheim herum.

Nachmittags werden hier und da Kleinigkeiten erledigt, die Wohnung aufgeräumt und was sonst so anfällt. Der Uhrzeiger steht dann schon auf sechs Uhr und draußen taucht die Abendsonne alles in wunderschönes Licht. Ein bisschen frische Luft und Bewegung tut gut, deshalb ziehe ich meine Jacke und Schuhe an und mache einen kleinen Waldspaziergang. Der liegt ja glücklicherweise direkt vor meine Haustür. Als ich nach einer 3/4 Stunde zurückkomme, ist es fast schon dunkel. Ich kehre zurück auf mein Sofa, in der Hand eine Schale voll Obst und öffne Netflix. Und damit ist der Abend ausgefüllt. Irgendwann werde ich müde, lege mich hin und genieße noch etwas die Sterne direkt über meinem Kopf. Ich reflektiere den Tag nochmal kurz und danke Gott dafür. Noch ein Blick auf das Handy und ich schlafe ein.

So in etwa sieht im Moment mein Tagesablauf aus. Ok, nicht immer läuft der Tag so produktiv ab wie beschrieben. Es gibt auch Tage, an denen ich nichts anderes mache, als auf dem Sofa zu gammeln. Und ich liebe es. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal so entspannte Tage erlebt habe. Ihr habt es bestimmt gemerkt, ich sitze auch zu Hause in Quarantäne. Nicht offiziell, aber ich habe das Gefühl, dass wir im Moment alle in einer Art „Selbstquarantäne“ sitzen. Seit ungefähr zwei Wochen bin ich nun zu Hause und von der Arbeit freigestellt. Eigentlich ist es untertrieben zu behaupten, ich wäre bei der Ankündigung, dass wir zu Hause bleiben sollen, in einen Freudentaumel gefallen. Endlich mal Zeit, keine Arbeit, keine langen Anfahrtszeiten und keine Verpflichtungen.

Gleichzeitig könnte ich genauso gut in ein tiefes Loch fallen. Ich weiß, dass ich sehr emotional veranlagt bin und die Situation im Moment bringt meine ganze Gefühlswelt durcheinander. Allein schon alle abgesagten Events, Konzerte und Konferenzen könnten mich zum Heulen bringen. Um euch das bisschen zu verdeutlichen: Schon im Januar hatte ich bis Ende Juli meinen Terminkalender voll durchgeplant. Jedes Wochenende war mindestens eine Sache, auf die ich mich freuen konnte. Sei es die Steps-Konferenz, ein Frauenwochenende, unser Alltagspropheten-Offline-Meeting oder der SAT-Gottesdienst, den ich moderiere. Ich bin sicher, ihr könnt euch sehr gut vorstellen wie es ist, wenn dieser Plan und die damit verbundene Vorfreude nun komplett auf den Kopf gestellt wird! Mein Geburtstag in zwei Wochen wird wahrscheinlich so aussehen, dass ich alleine zu Hause sitze und mich langweile. Das macht mich ganz schön traurig und enttäuscht, gleichzeitig aber auch wütend.

Doch inmitten meines chaotischen Gefühlslebens fällt mir plötzlich eine kleine und unscheinbare Situation ein, die schon paar Wochen her ist. Ich saß mit meinen Eltern im Wohnzimmer und erzählte ihnen über meine Pläne für das nächste halbe Jahr. Dabei zeigte ich ihnen auch meinen Terminkalender auf dem Handy, in dem wirklich jedes Wochenende markiert war. Dabei jammerte ich, wie viel Stress ich doch hätte und das zwei coole Events auf einen Tag fallen würden, zwischen denen ich mich nicht entscheiden konnte. Meine Eltern waren natürlich über den vollen Kalender nicht grade begeistert und versuchten mir klar zu machen, dass ich dies unmöglich alles durchziehen könnte und meinem Körper auch mal eine Pause gönnen sollte. Und an die Ausbildung musste ich auch denken. Den Rat den mein Vater mir mitgab: „Bete doch mal über deinen Terminkalender!“

Im ersten Moment fragte ich mich, was das bringen sollte. Ich würde deswegen kein einziges Event oder Konzert streichen. Trotzdem schickte ich nach einer Weile doch ein Gebet nach oben. Ich weiß nur noch, dass ich dabei weiter dachte, alle Termine durchziehen zu können und Gott mir die nötige Kraft dazu schenken würde. In diesem Punkt hörte ich nicht auf den Rat meiner Eltern und stellte mich selbst quer. Ich sah nicht ein, auch nur ein Event zu streichen und so zu verpassen.

Kennt ihr das Sprichwort: „Man kann nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen“? Nun, statt mir eine Hochzeit auszusuchen und die andere zu streichen, fielen einfach beide gleichzeitig weg. Vor einer Woche strich ich dank der Corona-Krise mehr oder weniger unfreiwillig alle Termine, Geburtstagsfeiern, Meetings, Konzerte und Konferenzen aus meinem Kalender. Dieser ist nun leer. Keine Markierungen, keine Farben. Und ich habe Zeit. So viel Zeit wie seit langem nicht mehr.

Die Lektion die ich gelernt habe? Gottes Wege sind nicht meine Wege und seine Gedanken nicht meine Gedanken (Jesaja 55, 8). Ich habe geplant ohne Rücksicht auf mich oder meinen Körper und Gott musste mir leider auf die harte Tour zeigen, dass dies nicht unbedingt das Richtige war. Auch wenn das ja keine schlechten Dinge waren, auf die ich mich gefreut habe. Im Gegenteil. Aber… Wer nicht hören will, der muss fühlen!

Ich glaube Gott benutzt die Zeit auch gerade einfach, um mir persönlich zu zeigen, dass ich auch mal einen Gang runterschalten und Prioritäten setzen muss. Das habe ich jedenfalls bis jetzt gelernt. Und ich bin gespannt, welche Erkenntnisse noch auf mich warten. Die Corona-Krise ist kein Geschenk des Himmels und fordert jedem etwas ab, dennoch können wir die Zeit, die wir jetzt über haben, sinnvoll nutzen. Das bedeutet für mich zum Beispiel mehr Zeit mit Gott und der Familie zu verbringen, meinen Kleiderschrank auszumisten und alte Kleidung in die Kleidersammlung zu geben, einen großen Frühjahrsputz zu veranstalten und Spaziergänge zu machen. Und natürlich einfach mal nichts zu tun.

In diesem Sinne genießt die Zeit mit euch selber und eurer Familie und bleibt daheim!

Eure Larissa

Danke an Unsplash.com und Joshua Rawson-Harris für das Bild:)

+++ FAKE NEWS +++

Was haben das Corona-Virus und Gossip miteinander gemeinsam?

Ich bin empört! Nein, wütend!
Ich stehe im Zeitschriftenkiosk der Mannheimer Bahnhofshalle. Mein Zug wurde mit 50 Minuten Verspätung angekündigt (,was schon Grund genug für meine Empörung sein könnte…) Doch ich blättere, um meine Wartezeit zu überbrücken, durch einige Outdoor-Zeitschriften. Beim Umdrehen fallen mir die vielen, fett markierten Überschriften der „Klatsch und Tratsch“-Zeitschriften auf: „Ist Helene Fischer schwanger?“, „Im Interview: Herzogin Kate spricht über ihre Schwägerin“ oder „Outfitskandal bei der Berlinale – das ging gar nicht!“…

Wie kann es sein, dass Menschen ihr Geld damit verdienen, über das Leben irgendwelcher „VIPS“ zu schreiben und Wahrheit und Privatsphäre dabei zweitranging sind? Warum reizt es Menschen diese Zeitschriften zu lesen, in denen berühmte Persönlichkeiten unvorteilhaft dargestellt werden und ihre scheinbare „Fehlerhaftigkeit“ mit provokativen Überschriften beworben wird?

Mein verspäteter Zug fährt endlich im Bahnhof ein und meine Wut verfliegt vorerst wieder. Doch es dauert nicht lange, da muss ich feststellen, dass ich selbst diesem gewissen Reiz unterliege, das Leben der Anderen zu beurteilen…
Während der Fahrt scrolle ich durch meinen Instagram-Feed. Ich betrachte Fotos von Freunden und Freundinnen und ertappe mich selbst dabei, wie ich Urteile fälle über ihre (Selbst-)Darstellungen, Meinungen und Entscheidungen. Zwar setzten sie sich mit ihren Posts und Storys der Bewertung anderer bewusst aus, dennoch empfinde ich Scham dafür, dass ich dieser Versuchung so leicht verfalle und meine Bewertungen häufig so schlecht ausfallen. Wollte ich, das so über mich gedacht und gesprochen wurde?

Einen Tag später feiern wir den 84. Geburtstag meiner Oma und ich lausche neben Kaffegeschirrgeklapper und plattdeutschen Liedern auf dem Klavier den überaus interessanten Gespräche von Ü80-Rentnern. Sie tauschen sich über die brandaktuellsten Neuigkeiten aus: den Vorgarten der Nachbarin, den Geiz der abwesenden Freundin, das Outfit von Frau F. beim Einkaufen auf dem Markt, den schnöseligen neuen Partner der Schwester oder die starke Gewichtszunahme der Schwiegertochter.
Scheinbar sind auch im Alter die „Skandale“ aus dem Leben anderer nicht weniger spannend geworden.

Es ist und bleibt Gesprächsthema Nr.1! Und ich frage mich:
Warum ist das Reden, oder eher das „unbarmherzige Spekulieren“ über das Leben der Anderen so hochgradig reizvoll und spannend?

Schließlich kennen ich doch selbst das unbehagliche, ängstliche Gefühl, wenn ich vermute, die Person zu sein, über die andere reden. Und wenn ich erst erfahre, dass über mich gesprochen und dabei die Tatsachen völlig verdreht oder einfach falsch dargestellt wurden, werde ich richtig wütend und fühle mich ohnmächtig!
Auf der einen Seite will ich selbst auf keinen Fall zum „Opfer“ von Lästereien werden und doch neige ich immer wieder dazu, selbst das Urteil über Andere zu fällen. Warum ist das so?

Zum einen glaube ich, dass es eine starke Neugier am aktuellen Geschehen ist. Gossip ist spannend! Wer hat wo, mit wem und was auf welche Art und Weise XY gemacht/gesagt? Wer ist mit wem zusammen? Wer hat sich zerstritten? Was ist wirklich in der Nacht von Samstag auf Sonntag passiert? Wenn mir mein eigenes Leben manchmal langweilig erscheint, interessiere ich mich für die Dramen der Anderen. Quasi eine “gute Unterhaltung”.

Aber ich glaube, dass es noch weitere Gründe für die Verbreitung von höchst spannenden Neuigkeiten aus dem Leben anderer gibt: Stolz, Hochmut und Sicherheit.
Die Fehler des Anderen hervorzuheben, lenkt von den eigenen Fehlern ab und lässt mich selbst „besser“ fühlen. Gossip stellt eine Möglichkeit dar, meinen eigenen Selbstwert zu pushen. Und wenn ich auf der Seite der Gossip-Verbreiter bin, wäge ich mich in scheinbarer Sicherheit, nicht selbst Zentrum der Gespräche anderer zu sein.

Wie makaber und armselig. Ich schäme mich für jede Situation, in der mich genau diese Motive dazu verführt haben, in Gesprächen mitzureden oder selbst etwas auszuplaudern. So möchte ich weder reden, noch denken. So ein Mensch möchte ich nicht sein!
Ich wünsche mir, das Gute und Fabelhafte in meinem Mitmenschen zu sehen und in jeder meiner Begegnungen gute und wertschätzende Worte zu sprechen. Ich möchte ein Mensch sein, der andere nach vorne bringt und ihre Fehler annimmt und mit ihnen gemeinsam darüber schmunzeln kann! Dieser Wunsch brennt in mir!

Zurück zu meiner Eingangsfrage:
Was haben das Corona-Virus und Gossip miteinander gemeinsam?
– beides verbreitet sich extrem schnell und die Übertragungsketten sind nur schwer zurückzuverfolgen.

Willst ich andere infizieren oder schützen?

Eure Greta,
die ab jetzt alles daran setzt, eine Epidemie der Nächstenliebe in Gang zu setzten! #letsdoittogether

Rente 2061 – und worüber man noch so nachdenkt, wenn man erwachsen wird

Wann wird man erwachsen? Ich meine jetzt nicht den 18. Geburtstag oder irgendwelche anderen juristischen Definitionen. Was zeichnet einen Erwachsenen aus? Geht es nur darum sich erwachsen zu fühlen? Was macht man als Erwachsener? Was macht erwachsen? Oder erscheint man nur erwachsen?

Ich habe mit 18 Jahren eine Kombination aus Berufsunfähigkeits- und Rentenversicherung (BU, RV) abgeschlossen. Beziehungsweise, ich hab sie unterschrieben, weil mein Papa es empfohlen hat und ich vollstes Vertrauen hatte, dass das das Richtige in dieser Situation war. Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir mit einem Finanzberater bei meinen Eltern im Esszimmer saßen und er das ganze Versicherungskauderwelsch erklärt hat. Ich war maßlos überfordert, habe gar nicht so wirklich verstanden, worum es ging und dachte nur: „Passt schon.“ Altersvorsorge, Fonds, Paragraphen, Chancen-Risiko-Klassen, dynamische Beitragsentwicklung, usw. Voraussichtlicher Renteneintritt: 2061! Ich überblickte damals maximal die nächsten fünf Jahre, der Rest war Fantasy. Ich dachte einfach: Das muss man nicht verstehen, es gehört nur irgendwie dazu, das zu machen. War das erwachsen? Nö. Es war mehr so eine Spielplatzsituation. Papa ruft: „Spring, Junge!“ Lukas springt.

Mittlerweile sind fünf Jahre vergangen. Einiges hat sich verändert: Ausgezogen, geheiratet, Studium geht aufs Ende zu. Erwachsener geworden? Vermutlich. In der vergangenen Woche hat Lina (meine Frau) sich mit dem ganzen BU-RV-Thema beschäftigt. Während ich eher der Passt-schon-Denker bin, ist sie eher die wohlüberlegte Skeptikerin. Das bedeutet, sie wühlt sich mit Textmarkern und Post-Its durch 120 Seiten Verträge, Verpflichtungs- und Datenschutzerklärungen, um sich auf drei DIN A4 Seiten alle ihre Fragen zu notieren, die sie dann mit ihrem Papa und dem Finanzberater erörtert, um zu einer abgeklärten, wohlüberlegten Entscheidung zu kommen. Das wirkt irgendwie schon ein bisschen mehr erwachsen. Niemals wäre ich genauso vorgegangen, weil ich anders bin, aber ganz bestimmt auch nicht so wie vor fünf Jahren. Es hat sich nämlich herausgestellt: es ist besser, wenn man vieles von dem Zeug doch versteht. Letztendlich geht es wirklich um gruselige Dinge, wie: was passiert, wenn ich plötzlich nicht mehr arbeiten kann? Von welchem Geld will ich leben, wenn ich Rentner bin? Verrückt, man entscheidet über Geld, das man nicht einmal angefangen hat zu verdienen. Und man redet plötzlich von merkwürdig viel Geld im sechsstelligen Bereich, das sich irgendwie in den nächsten 40 Jahren ansammeln könnte. Das finde ich krass erwachsen. 

Erwachsensein kommt mir manchmal vor wie Schach spielen. Wie viele Züge kann ich im Voraus überblicken? Im Kindergarten war es crazy, wenn man morgens weiß, was abends passiert; irgendwann denkt man immer bis zum nächsten Geburtstag; dann bis zum Abitur. Und dann kommt die Frage: „Was mache ich nach dem Abi?“ Die endet oft mit einem unsicheren „keine Ahnung, aber ich glaube es ist das Beste, wenn ich hier oder da, oder irgendwo anfange“. Und dann wird man erwachsen und der Horizont wächst plötzlich bis ins Rentenalter. Auf einmal geht’s um Absicherung, Abschätzen von allen möglichen Eventualitäten und Risiken. 

Als Christ frage ich mich da manchmal: wie viel will ich denn absichern und wie viel vertraue ich darauf, dass Gott das schon gut macht und mich bewahrt. Eigentlich richtig dumm. Als gäbe es zwei Konten: eins mit meinen Versicherungen und eins mit Gottvertrauen. Als gäbe es da ein „Entweder-oder“. Als würde das so funktionieren. Ich glaube der Unterschied zwischen Gottvertrauen und Versicherungen ist, dass Versicherungen Schadensbegrenzung erzielen und Gottvertrauen Hoffnung spendet. Man merkt das allein an Worten wie „Vor-Sorge“ und „Zu-verSicht“.

Ich habe mir vorgenommen, mehr darauf zu schauen, was verantwortliches Handeln ist. Also, wie viele Unsicherheiten soll ich absichern, die ich ohnehin nicht in der Hand habe. Wo ist mein Geld vielleicht besser aufgehoben? Ich will ernst nehmen, was Gott über Geld sagt. Ich will nicht weniger Spenden, nur um irgendwelche Sachen zu versichern. In der frommen Subkultur kapitalisieren wir dann gerne irgendwelche Glaubensphänomene und sagen so churchy Zeug wie: „Ich investiere in die Ewigkeit und baue am Reich Gottes.“ Das finde ich ehrlich gesagt etwas missverständlich, wobei der Grundgedanke ja nicht schlecht ist: Die Versprechen Gottes ernstnehmen und glauben, dass sie real und wahr sind. Dennoch bin ich überzeugt, dass so mancher pseudo-frommer Leichtsinn auch nicht so göttlich und heilig ist. Es gibt ja durchaus Versicherungen, die Sinn ergeben und sich lohnen wahrzunehmen, weil man ja nicht allein auf dieser Welt ist, sondern unter Umständen auch Verantwortung für andere trägt. So eine Berufsunfähigkeitsversicherung oder eine Haftpflichtversicherung sind da schon tolle Einrichtungen. Ich denke am besten ist es, wenn man sich beim Nachdenken über Versicherungen die Perspektive Hoffnung und Ewigkeit, die Gott uns gibt, vor Augen hält und die Zukunftssorgen von Gott in göttliche Zuversicht und ganzheitliches Verantwortungsbewusstsein verwandeln lässt.

Euer Lukas, der jetzt auch schon mal gedanklich und etwas stümperhaft bis zur Rente vorgedrungen ist.

Photo by Alexander Schimmeck on Unsplash

Der Mann des Zweifels

Es war einmal ein Mann. Er hatte ganz Europa bereist. Überall gelebt – ein Vagabund. Er stammte vom Adel ab und pflegte viele Beziehungen zum gesamten europäischen Klerus. Und obwohl er nicht sonderlich alt wurde, hatte er den gesamten 30-jährigen Krieg erlebt, der Europa verwüstet und entvölkert hatte. Er hatte den größten Schmerz seines Lebens erfahren, als er seine 5-jährige Tochter – sein einziges Kind – zu Grabe tragen musste. Wer ihn sah, hätte ihn wohl als kränklich beschrieben. Und dennoch war er der intellektuelle Rebell seiner Zeit und litt unter der Verfolgung der konservativen Kirchenfürsten. Er war ein Universalgenie – der Vater der neuzeitlichen Philosophie. Europa, wie wir es heute kennen, wäre undenkbar ohne ihn. Und er war ein frommer Mann. Sein Name ist René Descartes.

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Ja, aber um welchen Preis?

Nachdem es in den letzten Wochen viel um Jahreswechsel, Jahresvorsätze, Jahresrückblicke und so weiter ging, will ich heute über ein Thema schreiben, das mich die letzten Monate sehr viel beschäftigt und bewegt hat. Ein Thema, über das es mir nicht leicht fällt zu schreiben und viel Weisheit und Nachdenken benötigt, um die richtigen Worte zu finden. Es geht um Einheit!

Vorab eine Info: Meine Meinung zu diesem Thema ist meine persönliche. Vielleicht stimmen die anderen vier aus unserem Team dieser nicht zu. Genauso wenig lässt sich meine Ansicht zu diesem Thema auf die Ausrichtung des Blogs projizieren. Vielleicht teilst du diese auch nicht. Das ist okay. Denn auf diesem Blog geht es darum, Erlebnisse und persönliche Gedanken aus unserem Leben als Christen zu teilen und neue Gedanken anzuregen.

Einheit. Vielleicht muss ich dieses Wort „Einheit“ erst einmal genauer auseinander nehmen. Der Duden beschreibt Einheit wortwörtlich als „eine in sich geschlossene Ganzheit und Verbundenheit; eine als Ganzes wirkende Geschlossenheit und innere Zusammengehörigkeit.“ 
Wenn ich in die Bibel schaue, sehe ich eigentlich keinen großen Unterschied. In seinem letzten Gebet auf Erden sagt Jesus in Johannes 17, 22-23 zu seinem Vater:

Ich habe ihnen die gleiche Herrlichkeit geschenkt, die du auch mir gegeben hast, damit sie eins sind so wie wir eins sind und damit sie die vollkommene Einheit gewinnen und die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und sie liebst.

Und im ersten Brief an die Korinther, Kapitel 1 Vers 10 schreibt Paulus:

„Sprecht alle mit einer Stimme und lasst keine Spaltungen unter euch zu! Haltet in derselben Gesinnung und Überzeugung zusammen!“

Wir merken also: Einheit ist gewollt, Einheit ist gut und Jesus selbst betet sogar dafür, das  Christen untereinander eins sind. Sie sollen die gleichen Überzeugungen und dieselbe Gesinnung (besser übersetzt mit, die gleiche Einstellung, das gleiche Ziel oder auch die gleiche geistliche Grundeinstellung) haben.

Kommen wir aber zu dem Punkt, der mich stocken lässt. Was bedeutet Einheit heute? Das Einheitsgefühl, welches Deutschland und die Konfessionen des Christentums gerade wie eine Welle überschwemmt, macht mir nicht nur Sorgen, sondern lässt mich auch meine eigenen Überzeugungen hinterfragen. Denn auf den vielen christlichen Events, Gottesdiensten oder Festivals, die ich letztes Jahr besuchte oder verfolgte, nahm ich auch wahr, das dort viele verschiedene Konfessionen, sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche, Freikirchen und verschiedene Gemeinden teilnahmen und diese auch meistens zusammen organisierten.

An sich finde ich das einen tollen Ansatz. Wir können voneinander lernen und dabei eingeschweißte Denkweisen überarbeiten. Aber natürlich fließen bei verschiedenen Konfession auch immer verschiedene Glaubensansichten mit ein. Dabei entstehen dann oft Kompromisse, besonders in der Auslegung der Bibel. In vielem gibt es dann nicht die gleichen Überzeugungen, wie es im Bibelvers weiter oben steht.

Versteht mich nicht falsch, dies ist nicht überall so und in erster Linie will ich hier nicht über Kirche und Konfessionen oder verschiedene Glaubensüberzeugungen reden, sondern über uns und wie wir zu unseren Überzeugungen stehen.

Ich denke, und das ist mir in den letzten Monaten immer deutlicher geworden , dass, wo verschiedenste Ansichten aufeinanderprallen, immer Kompromisse geschlossen werden, um den Frieden und die Gemeinschaft aufrechtzuerhalten. Das ist nicht nur im christlichen Bereich der Fall, sondern überall. Und meiner Meinung nach werfen (manche) Christen dabei schnell ihre Überzeugungen und biblische Wahrheiten über Bord. Denn Einheit ist ja schließlich das wichtigste, oder? Daran sollen Christen doch erkannt werden und sich unterscheiden. So sagt es auch der Bibelvers weiter oben. Ja, dem stimme ich zu. 

ABER: Hinterfragen wir das mal. Ist Einheit und Frieden wichtiger als biblische Grundlagen und Aussagen? Warum stehen viele Christen nicht zu dem was die Bibel sagt, sondern schneidern sich ihre eigenen Vorstellungen zusammen? Warum wird der Wert der Einheit höher gestellt als der Wert der Bibel? Einheit hat einen großen Wert und ist ein erstrebenswerter Zustand. Doch mit welchen Mitteln und unter welchen Kompromissen? Wenn Einheit bedeutet, dass Gottes Wort verharmlost oder verändert wird, kann dies nicht die Einheit sein, um die Jesus gebeten hat. 

Natürlich will ich damit nicht sagen, dass man immerzu sein Recht und seine Meinung durchsetzen muss. In Kleinigkeiten und unwichtigen Streitereien kann und sollte man auch mal den Mund halten können und nachgeben. Das ist übrigens auch ein biblisches Prinzip. Jesus hat seinen Gegenüber geachtet und akzeptiert und ihm nichts übergestülpt. 

Wie sieht es aber mit essentiellen grundlegenden Aussagen der Bibel aus? In diesem Punkt finde ich es enorm wichtig, dazu zu stehen, was die Bibel sagt und diese Aussagen nicht einfach umzudrehen, wegzulassen oder als unwichtig anzusehen, nur um das Gegenüber nicht zu verärgern.

Ich will dich mit diesen Überlegungen  ermutigen alles zu überdenken und zu prüfen, was du siehst. Wenn du merkst, das in Gemeinden und Kirchen Kompromisse geschlossen werden, die du nicht unterstützen kannst und die nicht die Aussagen der Bibel unterstreichen, dann bleibe nicht ruhig und akzeptiere dies, sondern steh auf und sage klar deine Meinung. Trau dich auf Gegenwind zu stoßen und andere mit deinen Ansichten zu verärgern. Schwimme gegen den Strom. 

Und wenn du dich jetzt fragst, wie du erkennen kannst, was wahr und was falsch ist oder wo nicht mehr die Bibel und Jesus im Mittelpunkt stehen, sondern das Einheitsgefühl, dann kann ich dir nur sagen: Lese die Bibel. Dort steht alles drin, was du wissen musst. Tausche dich auch mit älteren, gläubigen Menschen aus, die vielleicht schon viel erlebt und gelernt haben. Und bitte Gott, dass er dir Mut schenkt, für die Wahrheit einzustehen.

Eure Larissa

PS: Ich würde mich freuen, wenn du mir schreibst, was du zu diesem Thema  denkst. Vielleicht kann ich von dir auch einiges mitnehmen und lernen;)

Du erreichst mich auf Instagram unter dem Post, hier auf der Webseite oder per E-Mail an larissa@alltagspropheten.de 

Danke an Unsplash.com und Hudson Hintze für das Foto.

Reset the World

Eine neue Dekade ist angebrochen!
Die 2010er: Die Dekade der Smartphones und Tablets. Die, in der die Welt 2012 hätte untergehen sollen. Die glorreichen Jahre von Gangnam Style, Harlem Shake und “What Does The Fox Say”. Ice-Bucket-Challenge, Pokémon Go, Fidget Spinner und #MeToo. So viel ist passiert. Dieser Abschnitt ist jetzt Geschichte. Wir müssen uns jetzt an eine weitere Zwei in der Jahreszahl gewöhnen. Aber außer dieser Nebensächlichkeit? Was wird sich in den nächsten zehn Jahren verändern? Wird es die Dekade, in der Computer die Herrschaft über uns Menschen erlangen? Oder ist das nur utopisches Weltverschwörungsdenken?

Ein neues Jahr ist angebrochen!
2019: Das Jahr von Fridays for future. Das, in dem ein Mann mit blauen Haaren die Gesellschaft spaltete. Regenwald, Notre Dame und Mecklenburg-Vorpommern. Oft waren Brände ein großes Thema. So viel ist passiert. Doch auch diese Zeit  ist jetzt Geschichte.
Was lief gut im letzten Jahr? Was war eher ein Erlebnis zum Vergessen? Diese Frage stellten sich viele zum Ende des Jahres. Und 2020? Mehr Sport. Weniger Handy. Öfter Bibel lesen. Regelmäßiger lernen. Standards eben.
Stand heute? Die neuen Turnschuhe liegen ungenutzt im Schuhregal. Die langweiligen Vorlesungen werden mit Instagram gefüllt. Die Bibel liegt seit ein paar Tagen unbeachtet in der Schublade neben dem Bett. Die To-do-Liste ist wieder so voll wie immer.
Diesen Frust kennen vermutlich viele. Aber vielleicht klappt es ja nächstes Jahr?

Ein neuer Tag ist angebrochen!
31. Dezember: Der Tag der Vorbereitungen. Der, an dem die Raclette-Geräte zu ihrem wohlverdienten Einsatz kommen. Alte Geschichten werden wieder ausgepackt. Dinner for one, Sekt und Feuerwerk. Es war viel los an diesem Abend. Aber der ist jetzt vorbei.
Ich wache auf – vielleicht ein bisschen später als sonst – und eigentlich ist es ein neuer Tag wie jeder Andere.

Jedes Jahr aufs Neue versuche ich dieses Konstrukt, Neujahr zu verstehen. Ja. Eine neue Dekade ist angebrochen. Ein neues Jahr hat begonnen. Aber genauso auch ein ganz normaler neuer Tag. Bloß lasten auf diesen Tag ganz andere Hoffnungen. Er ist wie eine RESET-Taste. Alles ist wieder auf Null. Ein unbeschriebenes Blatt. Ich kann aus den Erfahrungen der letzten Jahre lernen und an diesem Tag einen Neustart beginnen. Das setzt aber auch ziemlich unter Druck. Ab jetzt möchte ich der bessere Philipp sein. Die neue Version mit allen Bugfixes und Updates.
Doch was, wenn ich feststelle, dass dieser Neustart mal wieder in die Hose gegangen ist?
Aufgeben? In die Ecke setzen und Schmollen?

Ich muss da an Petrus denken. Auch er hat einmal versagt (und wahrscheinlich noch öfter). Als Jesus verhaftet wurde, hat er sich ganz fest vorgenommen, an seiner Seite zu stehen. Er war sich ganz sicher, dass er das schaffen würde. Aber Jesus hatte schon vor der Aktion berechtigte Zweifel. Und dann, tatsächlich. In den wohl schwersten Stunden hat Petrus kalte Füße bekommen und hat Jesus verleugnet. Gesagt, dass er ihn nicht kenne. Kurze Zeit später läuft es ihm eiskalt den Rücken herunter: Er hat es nicht geschafft, was er sich vorgenommen hatte. Vermutlich schlimmer, als jeder nicht eingehaltener Jahresvorsatz. Einige Zeit später kommt Jesus auf ihn zu. Wie sich Petrus zu dem Zeitpunkt wohl gefühlt hat? Sicherlich war es ein Gespräch, das er lieber gemieden hätte. Aber Jesus reagiert ganz anders, als er es erwartet hätte. Er gibt Petrus eine neue Chance.

Wir sind jetzt schon einige Tage im neuen Jahr. Die ersten Vorsätze sind schon in den Sand gesetzt. Trotzdem möchte ich dir sagen: Es braucht kein neues Jahr um neu zu starten. Jeder neue Tag ist schon eine Chance auf einen Neustart. Egal, was du dir vorgenommen hast. Bei Jesus bekommst du jeden Morgen eine zweite Chance.

Text und Bild: Philipp Jenny

Der Friedhof der jungen Leute

»Facebook ist der Friedhof der jungen Leute.« Das hat meine Oma einmal gesagt. Damit meinte sie nicht, dass auf Facebook in irgendeiner Form Menschen vergraben werden. (Auch wenn im Jahre 2070 vermutlich mehr Tote als lebende Menschen auf Facebook angemeldet sein werden [1] ) Meine Oma meinte etwas ganz anderes. Und diesen Aspekt finde ich viel interessanter. Der Friedhof war früher der große Sammelplatz in unserem Dorf. Dort bekam man den neuesten Dorftratsch mit. Wer bandelt gerade mit wem an? Wer ist gerade schwanger? Wie kommt der Nachbar auf einmal zu so viel Geld? Facebook ist Dorftratsch – nur mit der ganzen Welt.

Wie meine Oma ziemlich präzise festgestellt hat, findet heutzutage ein großer Teil unseres alltäglichen Lebens im Internet und nicht mehr auf dem Dorfplatz statt. Auch sie konnte sich dieser digitalen Welt nicht ewig entziehen. Über WhatsApp organisiert sie mit Freunden ihren Sommerurlaub und auf Pinterest tauscht sie mit wildfremden Menschen Kuchenrezepte aus. Das Internet ist für sie kein “Neuland” mehr.

Doch dieses »Neuland« und was damit zusammenhängt, steht in unserer Zeit stark in der Kritik. Wie Greta es in ihrem Beitrag auch schon deutlich gemacht hat, stehen wir unter ständigem Druck. Wir wollen (oder fühlen uns sogar dazu gedrängt) ständig erreichbar zu sein. Den Moment, den wir jetzt gerade erleben, können wir kaum noch genießen. 
Das Thema »Fake News« beherrscht die Nachrichtenlandschaft. Das Internet ist voll von wütenden Tweets. In den Kommentarspalten werfen sich Menschen Worte an den Kopf, die ich mich niemals trauen würde, auszusprechen.

Trotzdem fahre ich jede Woche in die Uni, um einen Bachelor in »Online Medien« zu machen. Warum um alles in der Welt, verbringe ich so viel Zeit mit etwas, das doch so düster und unmenschlich erscheint?

Oft bin ich mir gar nicht mehr bewusst, in wie vielen Bereichen meines Lebens dieses Medium mittlerweile Einzug gehalten hat. Ein Blick in die Vergangenheit hilft dabei ganz gut. Als Kind habe ich in Nepal gelebt. Kontakt nach Deutschland hatten wir nur selten. Es war einfach unglaublich teuer, zu telefonieren. Mit jeder Minute wuchs die Telefonrechnung. Deshalb beschränkte man sich beim Reden auf das Wesentliche. Viele Jahre später, als ich wieder in Deutschland war, gab es in Nepal ein starkes Erdbeben. Ich machte mir riesige Sorgen um meine Freunde dort. Doch innerhalb von wenigen Stunden konnten sie sich auf Facebook als »sicher« melden und ich wusste, dass es ihnen gut geht. Ohne das Internet hätte ich vermutlich tagelang in der Ungewissheit gelebt, ob meine Freunde wirklich noch leben.

Das ist aber nicht alles. Um von A nach B zu kommen, muss ich keine Fahrpläne auswendig lernen oder einen Straßenatlas studieren. Wenn ich nachts um 01:00 Uhr in Mathe nicht weiter komme, kann ich mein Problem im Internet eingeben. In die Uni muss ich keine kiloschweren Leitz Ordner mehr schleppen. So vieles ist einfacher geworden!

Was mir erst vor Kurzem richtig bewusst geworden ist: Ein Projekt wie Alltagspropheten wäre ohne das Internet niemals möglich gewesen. Abgesehen davon, dass der Blog im Internet ist, wäre auch die Organisation über viele Kilometer hinweg beinahe unmöglich. Unsere Meetings finden gleichzeitig in Zagreb, Heidelberg und anderen Orten statt. Menschen, die wir noch nie getroffen haben, lesen einfach so unsere Texte. Ist das nicht crazy? Da beschließen fünf junge Erwachsene einfach ein paar Texte hochzuladen und wildfremde Menschen finden sie.

Je mehr und je länger ich darüber nachdenke, desto dankbarer werde ich. So viele Möglichkeiten, die ich vor ein paar Jahren noch nicht gehabt habe. Wie bei Vielem im Leben hat man die Möglichkeit das Internet für Gutes oder Schlechtes zu nutzen. 
Doch nutze ich die »neuen Medien« nur, um freie Minuten zu füllen bzw. Zeit totzuschlagen, wie Greta es geschrieben hat
Oder nutze ich diesen Fortschritt um etwas Neues mit Mehrwert zu erschaffen?

So viele Dinge, die für die Generation unserer Eltern weit entfernte Träume waren, halten wir nun fast selbstverständlich in der Hand. Um einen Film zu produzieren und zu veröffentlichen, hätte mein Vater tausende Mark ausgeben müssen. Heute reicht dazu eine Idee und ein Handy. Unsere Generation kann sich so glücklich schätzen. Lasst uns die Werkzeuge und Möglichkeiten, die wir haben dazu nutzen, diese neue Welt, in der wir leben mit positiven Inhalten zu überfluten!

Ein praktischer Tipp zum Schluss oder Challenge der Woche:
Mit wem hattest du schon lange keinen Kontakt mehr? Schreibe der Person doch einmal eine Nachricht!

[1] www.spiegel.de/netzwelt/web/facebook-hat-2070-moeglicherweise-mehr-tote-als-lebende-nutzer-a-1265260.html

Text: Philipp Jenny
Foto: Robin Worrall

Weg vom Fenster #challengeaccepted

Es ist wieder soweit – Plätzchenrezepte werden aus dem Schrank hervorgekramt und vom Mehl des letzten Jahres befreit, 24 liebevoll verpackte Geschenke hängen in den meisten Haushalten vor dem Fenster, übervolle Weihnachtsmärkte laden zum Glühweintrinken ein, Lebkuchen haben endlich ihre Berechtigung im Supermarktregal zu stehen, die Weihnachtsklassiker „Last Christmas“ und „All I want for Christmas“ werden im Radio rauf und runter gespielt, Kerzenlicht von Adventskränzen erhellt wieder die Wohnzimmer, während es draußen schon am späten Nachmittag finster wird, die Postboten tragen gefährlich hohe Pakettürme von Tür zur Tür und nahezu jedes Smalltalk-Gespräch endet mit der Frage, ob es dieses Jahr wohl weiße Weihnachten geben wird.

Es ist wieder soweit – es ist Adventszeit.
Eine Zeit, die dazu einlädt, ruhig zu werden und der Hektik des Alltags einmal mehr zu entfliehen. Eine Zeit, die ihren Ursprung im Christentum hat und auf das Ankommen des Baby-Königs in der Krippe hinweisen will – auch, wenn das bei all den „Merry Christmas“-Lichtreklamen in der Stadt, den kitschigen Weihnachtsfilmen und den panischen Geschenkekäufen schnell mal untergeht.
Eine Zeit der Besinnlichkeit und Stille; der gelebten Nächstenliebe und einer tiefen, in uns Menschen verankerten Sehnsucht nach Liebe, die einer himmlischen Freude am Weihnachtsabend weicht, wenn wir den kleinen großen Heiland in der Krippe feiern.

Ich mag die Adventszeit sehr! Ich kann es jedes Jahr kaum erwarten, dass der düstere und nasse November endlich endet und die gemütliche, gesellige, fröhliche Adventszeit beginnt.
Doch jedes Jahr stelle ich frustriert am 24. Dezember fest, dass die Adventszeit schon wieder vorüber ist und ich so vieles von dem, worauf ich mich gefreut und was ich mir vorgenommen habe, gar nicht umgesetzt habe. Kein Plätzchenbacken, kein Weihnachtsbasteln, keine Lesenachmittage bei einer Tasse Kakao, keine Winterspaziergänge, kein Gedichteschreiben, kein Weihnachtsliedersingen mit Freunden, kein Weihnachtskartenschreiben…
Jedes Jahr bedaure ich aufs Neue, dass Zeitstress und ewig lange To-Do-Listen (und nicht Besinnlichkeit und Stille) die Quintessenz meiner Adventszeit waren.

Vor einem Jahr evaluierte ich einmal den Grund für die immer wieder auftretende, innere Unruhe in mir und traf eine einfache und zugleich (für die meisten von uns) radikale Entscheidung:
Ich verabschiedete mich von dem, was mich am meisten davon abhielt, im Hier und Jetzt zu sein: WhatsApp und allen weiteren Social-Media- und Unterhaltungs-Apps auf meinem Handy. Für 24 Tage.

Ich erklärte natürlich zuvor meinen Freunden und Familienmitgliedern, dass ich nur noch telefonisch erreichbar sein würde und sie mir SMS‘ oder Emails schicken könnten, wenn etwas Wichtiges anstünde. Das funktionierte wunderbar.
Der ein oder andere beschwerte sich zwar, dass ich so schlecht erreichbar sei, aber genau das war es ja, was ich mir wünschte. Es hatte mich zuvor enorm gestresst, (gefühlt) immer erreichbar sein zu müssen. Außerdem wollte ich nicht länger meine Freundschaften in unpersönlichen Chats über mein Smartphone pflegen, sondern Zeit für persönliche Begegnungen haben. Und so vertraute ich darauf, dass ich – auch ohne WhatsApp – mit den wichtigsten Menschen in Kontakt bleiben würde.
Klar, ich bekam weniger von all dem mit, was noch so abging. Die Angst, etwas zu verpassen, war immer mal wieder präsent. Doch im Grunde genommen tat es mir gut, nicht auf jedem spontanen Bar- oder Spieleabend dabei zu sein. Denn so hatte ich endlich einmal wieder freie Zeit!
Ich schrieb neue Poetry Slams, bastelte Geschenke, trank Kaffee in schönen Cafés, ging wandern, machte Musik und all die schönen Dinge, die ich mir vorgenommen hatte. Mal allein und mal mit Freunden.

Nach den 24 Tagen Adventszeit fühlte ich mich überhaupt nicht so gestresst wie sonst. Ich hatte meine Tage viel intensiver wahrgenommen. Ich war wirklich präsent gewesen. Und auch meine Gedanken waren nicht mehr so „schwer und überladen“.

Mir wurde mehr denn je bewusst, wie häufig ich mein Handy im Alltag nutzte, um „leere Minuten“ zu füllen. Ich wollte mich rund um die Uhr unterhalten fühlen und ließ dadurch für meine eigenen Gedanken kaum Raum. Unmöglich war es dabei, zur Ruhe zu kommen!
In den ersten Tagen nahm ich die Ruhe auch nicht unbedingt als angenehm war. Innezuhalten und mich mehr mit meinen eigenen Gedanken auseinanderzusetzen, war ungewohnt und beängstigend für mich. Früher hätte ich schnell zu meinem Handy gegriffen und mich mit irgendwelchen Chats, Posts und Videos abgelenkt. Doch diese Flucht war nicht mehr möglich. Das Ergebnis dieser Zeit waren heilsame und weiterbringende Erkenntnisse.

Nach dieser „Probezeit“ im Advent entschied ich mich dazu, weiterhin nur noch über Telefon, SMS und Email zu kommunizieren und Instagram und Facebook ausschließlich über meinen Laptop (und meist nur 1xtäglich) zu nutzen. Ich habe diese Entscheidung keinen einzigen Tag bereut.

Warum schreibe ich all dies nieder?
In zwei Tagen beginnt offiziell die Adventszeit und ich bin mir sicher, dass nicht nur ich mir wünsche, der „alljährlichen Weihnachts-Hektik“ zu entfliehen und die Adventszeit bewusster wahrzunehmen…

Deshalb möchte ich DICH zu einer Challenge einladen, die das Potenzial hat, deinen Alltag die nächsten 24 Tage krass zu verändern!
24 Tage weniger Zeit allein vorm Handy, weniger oberflächliche „Wie geht’s dir?“-Nachrichten beantworten, weniger schlaflose, am Handy verbrachte Nächte, weniger vollgestopfte Terminkalender und vor allem weniger Weihnachts-Hektik!

Advent bedeutet Ankunft, Ankommen, Neubeginn. Die letzten Tage des Jahres 2019 brechen an. Halte inne. Komm an – im Hier und Jetzt.
Komm bei DIR an und bereite DICH für das Ankommen Gottes in unserer Welt vor. Jetzt ist die Zeit dafür!
Trenn dich von dem, was dich daran hindert, im Hier und Jetzt zu sein! #digitalerminimalismus

Ich habe einige Vorschläge für Dich gesammelt (und selbst ausprobiert), wie das aussehen könnte – zum Beispiel:
– nur 1-2x am Tag „bewusst“ online gehen (z.B. für 15-30Minuten)
– mobile Daten ausgeschaltet lassen und nur die WLAN-Verbindung zu Hause nutzen
– WhatsApp ganz deaktivieren oder löschen (#hardcore, aber lohnenswert!)
– Apps von deinem Handy löschen, die in Wahrheit echte „Zeitfresser“ sind (und z.B. Instagram und Facebook nur noch über deinen PC benutzen)
– jeweils an den Adventssonntagen dein Handy ausgeschaltet lassen, um diese Tage bewusst wahrzunehmen
– 24 Tage keine Videos/Serien schauen
– …

Wie sieht’s aus? Bist DU dabei? Challenge accepted?
Oder hast Du vielleicht eine ganz andere Idee, der Weihnachts-Hektik zu entkommen?
Schreib unserem Team gerne bei Telegram, Instagram, Facebook oder Email! Ich fänd’s mega, wenn wir’s zusammen durchziehen.

Eure Greta,
die sich auf die nächsten 24 Dezembertage schon sehr freut!

Alltagspropheten TALK #04 – Prokrastinieren

Vor einer weile schrieb Greta in ihrem Beitrag „Das mach ich morgen…“ darüber, wie sie Dinge, die sie eigentlich schon immer mal machen wollte, immer wieder verschiebt. Auf morgen. Wem geht das nicht so? Auch Maike kennt ein ähnliches Problem. In ihrem Beitrag Das große WWW, oder auch: Hätte, hätte, Fahrradkette schreibt sie über verpasste Chancen.

Joschka und Philipp unterhalten sich im heutigen Podcast über diese „(Studenten-)krankheit“: Prokrastinieren. Viel Spaß beim Anhören!