Alltagspropheten TALK #07 – Glauben und (Ver)zweifeln auf dem Balkan – 056

Kommt mit auf einen Roadtrip! Der heutige Podcast kommt aus einer außergewöhnlichen Location. Joschka und Philipp podcasten dieses Mal aus dem Auto auf ihrer Tour durch den Balkan. Dort sprechen sie über die aktuelle Themenreihe Glaube und Zweifel.

Den Podcast gibt es dieses Mal sowohl auf Spotify zum Anhören, als auch auf YouTube als Video zum Anschauen.

Lasst uns gerne in den Kommentaren wissen, was ihr davon haltet. Oder schickt uns eine E-Mail an: info@alltagspropheten.de

Der Mann des Zweifels

Es war einmal ein Mann. Er hatte ganz Europa bereist. Überall gelebt – ein Vagabund. Er stammte vom Adel ab und pflegte viele Beziehungen zum gesamten europäischen Klerus. Und obwohl er nicht sonderlich alt wurde, hatte er den gesamten 30-jährigen Krieg erlebt, der Europa verwüstet und entvölkert hatte. Er hatte den größten Schmerz seines Lebens erfahren, als er seine 5-jährige Tochter – sein einziges Kind – zu Grabe tragen musste. Wer ihn sah, hätte ihn wohl als kränklich beschrieben. Und dennoch war er der intellektuelle Rebell seiner Zeit und litt unter der Verfolgung der konservativen Kirchenfürsten. Er war ein Universalgenie – der Vater der neuzeitlichen Philosophie. Europa, wie wir es heute kennen, wäre undenkbar ohne ihn. Und er war ein frommer Mann. Sein Name ist René Descartes.

Vielleicht denkst du dir jetzt: Wer ist dieser Typ? Und was hat er mit meinem Zweifeln und meinem Glauben zu tun? Ich sage dir: sehr viel! Lass uns etwas weiter in sein Leben eintauchen.

Zu einer Zeit, als René gerade 23 Jahre alt war und als Soldat im Dienste des bayrischen König stand, wurde er mit seiner Kompanie in der Nähe von Ulm (manche sagen Neuburg) eingeschneit. Sein Biograf Adrien Baillet berichtet von drei Träumen, die Descartes in der Nacht vom 10. auf den 11. November geträumt haben soll und die seinem Leben eine neue Richtung gaben. Denn ihm sei dort ein Licht aufgegangen und er verspürte eine starke Berufung zum Philosophen. Seit einiger Zeit hatte er eine Vision vor Augen: die Vision von einer universalen Methode zur Erforschung der Wahrheit. Und jetzt wusste er, dass er dazu berufen war, diese zu entwickeln. 

René hatte ein Problem. Das Problem war die Wirklichkeit. Ist das, was ich erlebe, wirklich wahr? Vielleicht kennst du solche Fragen auch. Und wenn nicht von dir selbst, dann vielleicht von Dom Cobb aus Inception, der seine Frau an diese Frage verliert. Rene fragte sich, was er überhaupt glauben könne, und zog alles, aber wirklich alles in Zweifel. Man nennt das auch den methodischen Zweifel. Er habe die Welt in seiner Unruhe „zerdacht“, meint Harald Lesch. Am Ende bleiben nur noch wenige Worte übrig: „Je pense, donc je suis“. Oder auf Deutsch: Ich denke, also bin ich. Oft wird dieser Satz dahingehend missverstanden, dass das menschliche Sein eine Konsequenz des Denkens sei. Hier geht es darum, dass Descartes ein neues Selbstbewusstsein begründet. Für ihn ist Denken gleich Zweifeln und solange er denkt und zweifelt, kann er sich sicher sein, dass mindestens sein eigenes Denken und Zweifeln wirklich wahr sind. Das Denksystem, das daraus entstand, nennt man Rationalismus. Für die Beantwortung unserer Grundfrage (Ist das, was ich erlebe, wirklich wahr?) bedeutet das: Was ich durch mein Denken mit logischen Argumenten nach dem Vorbild der Mathematik begründen kann, ist wahr! Über alles andere sollte man besser keine Aussage treffen. Als sich dieser Denkansatz in Europa verbreitete, entstand eine Fortschrittsexplosion der Naturwissenschaften, von der wir bis heute massiv profitieren.

Musste Descartes seinen Glauben dann nicht über Bord werfen? Nein. Aber er musste anders glauben. Da er nur an seinem Selbstbewusstsein nicht zweifelte, versuchte er seinen Glauben logisch und vernünftig zu begründen. Und das hat er wirklich getan. Wie etliche Philosophen und Theologen des Mittelalters, allen voran Anselm von Canterbury, konnte René Gott beweisen. Wie er das gemacht hat und warum das heute nicht mehr funktioniert, wäre Stoff für einen anderen Beitrag. Aber für Descartes passte das! Auch wenn Gottesbeweise seit einigen Jahrhunderten nicht mehr so populär sind, so ist doch sein Denken erhalten geblieben. Jeder von uns hat so einen kleinen René hinter seiner Stirn, der flüstert: Ich glaube nur, was ich verstehe und was mir logisch erscheint! Vermutlich werden alle europäischen Christus-Glaubende mindestens einmal mit solchen Zweifeln konfrontiert, weil der christliche Glaube oft gar nicht mal so logisch erscheint. Mich haben solche Gedanken oft umgetrieben und zweifeln lassen, aber, Gott sei Dank, durfte ich etwas feststellen:

Die Ursache vieler Zweifel liegt nicht so sehr an meiner Begrenztheit oder Gottes Komplexität, sondern an dem kleinen René in meinem Kopf. Seine letzte Sicherheit war sein mehr oder weniger vernünftiges Selbstbewusstsein. Außerhalb davon gab es nichts, was Wahrheit sein durfte. Descartes glaubte an das, was er über Gott dachte. Ich glaube an einen Gott, der zu den Menschen und auch zu mir spricht. Das ist die letzte Sicherheit. Der Schlüssel dazu ist Vertrauen, Treue und Beziehung. Auch wenn ich an mir selbst zweifle, kann ich auf das vertrauen, was Gott über mich sagt. Auch wenn ich an Gott zweifle, kann ich auf das vertrauen, was Gott über sich sagt. 

Als Europäer, muss ich lernen mein „mindset“ etwas flexibler zu gestalten und Gott hilft mir dabei. Er ist auch ein Gott der Europäer, aber in erster Linie war und ist Gott ein Gott der Hebräer. Mein Denken und Glauben aus hebräischer Perspektive zu betrachten, hat mir sehr dabei geholfen die Bibel zu verstehen. Immerhin sind die meisten Menschen und alle Autoren der Bibel althebräisch sozialisiert und nicht europäisch. René glaubte an Gott als das höchste und vollkommenste Wesen. Ich will das nicht leugnen, aber diese verkürzte Ansicht ist durchtränkt mit antiker heidnischer Philosophie à la Platon, die bereits im frühen Mittelalter Einzug in die europäisch-christliche Philosophie und Theologie erhalten hatte.
Gott ist nämlich auch der Typ, der bei Abraham isst und anschließend mit ihm wild über das Schicksal der Stadt Sodom diskutiert.
Gott ist der Typ, der sich mit Jakob auf einen Faustkampf einlässt und gewissermaßen „verliert“.
Gott ist der Typ, der lieber in einer Nomadenhütte wohnt, als im Himmel. Gott ist der Typ, der sich als Mensch gebären lässt und in Windeln kackt. Gott ist der Typ, der als verurteilter Verräter wie Abschaum am Kreuz stirbt.
Gott ist der Typ, den Johannes gesehen, gehört und angefasst hat.
Gott ist der Typ, der für die Jünger Frühstück macht.
Gott ist der Typ, der mit seinem Geist in mir wohnt.
Gott ist der Typ, der Simon fragt „Liebst du mich?“
Gott ist der Typ, der dich fragt: Vertraust du mir?

Euer Lukas

Beitragsbild: Photo by Laurenz Kleinheider on Unsplash

Fun-Fact: Den Schädel von Rene Descartes kannst du dir im Musée de l’Homme in Paris anschauen. Ganz witzig, darin hat das alles stattgefunden!

Photo by Mathew Schwartz on Unsplash

Woher weiß ich, ob es gut ist, was ich mache?

Diese Frage habe ich mir in der zurückliegenden Zeit sehr häufig gestellt. Man könnte sie auch folgendermaßen nennen: Glaube ich an das, was ich tue, oder (ver-)zweifle ich vielmehr daran?

Ich befinde mich gerade in der entscheidenden Endphase meines Bachelorstudiums. Es stehen einige Entscheidungen an. Wie soll es weitergehen? Master, Volontariat, Journalistenschule? Oder doch lieber halbtags als Barista im Café jobben und nebenher als Poetry Slammer Karriere machen? Ähnlich wie Lukas in einem bisherigen Beitrag beschrieben hat, geht es auch für mich in diesem Jahr auf ins Unbekannte.

An präzisen Plänen und interessanten Ideen hat es mir noch nie gemangelt. Es ist eher so, dass sie ständig, ja fast täglich wechseln. Wollte ich eine Zeit lang nach dem Bachelor unbedingt nach Hamburg, so entdeckte ich eines Tages meine Liebe zu Wien, und München soll ja – abgesehen von den Bayern – auch angenehm attraktiv sein. Doch in diesen Fragen konnte ich bisher einigermaßen entspannt bleiben. Ich mache mir keine großen Sorgen um die Zukunft, sondern kann vergleichsweise darauf vertrauen, dass es gut wird. Weil es bisher immer so war.

Viel schwieriger wird es, wenn ich in die spannungsvolle Sphäre der kreativen Kunst eindringen will, die mich seit der Bekanntheit des Poetry Slams reizt. Habe ich einerseits allerlei Ansprüche an meine eigenen Erzeugnisse, hindern mich diese oft daran, mit einem potentiellen Projekt anzufangen. Glaube ich also selbst an meine eigenen Werke oder zweifle ich vielmehr daran? Wenn ich über Kunst schreibe, geht es bei mir dabei meistens um das Schreiben (an alle pfiffigen Pädagogen: ja wir befinden uns auf der magischen Meta-Ebene). Nicht von banalen Blog-Beiträgen, daran habe ich mich gleichermaßen gewöhnt, sondern von durch und durch durchdachten, präzise pointierten und exklusiv ersonnenen Slam-Texten (früher nannte man das auch, lässig, Lyrik oder, provozierend, Poesie).

Bisher dachte ich immer, dass Künstlern ihre Kunstwerke locker von der Hand gehen. Dass der wundervolle Welthit in seiner finalen Fassung von Anfang an im Kopf des magischen Musikers herumschwirrte. Dass Goethe’s Gedichte in einem Guss aus seiner filigranen Feder flossen. Dass Pablo Picasso seine galanten Gemälde direkt beim ersten Versuch vollendete. Ich hielt es für eine unausweichliche Utopie, dass Künstler mit einer besonderen Begabung ausgestattet sind, die ihre Kunst nicht zu anstrengender Arbeit werden, sondern einfach so nebenbei entstehen lässt.

Mittlerweile hat sich meine sorgfältige Sicht darauf geändert. Ich bin immer noch der Meinung, dass Künstler eine besondere Begabung haben. Allerdings glaube ich auch, dass hinter einem krassen Kunstwerk, eine mühevolle Menge aufopfernder Arbeit steckt. Womit wir wieder bei der Ausgangsfrage angelangt wären: woher weiß ich, ob das gut ist, was ich mache?

Neulich habe ich in meinem Lieblings-Podcast “SWR1 Leute” ein Interview mit dem Künstler HA Schult gehört. Er ist vor allem dafür bekannt, aus Müll Kunst zu machen. Sein bekanntestes Werk heißt “Trash People”. 1974 hat er dafür sogar die Abfälle von Kaiser Franz (Beckenbauer) verwendet. In dieser Folge sagte er: “Wenn ein Künstler über 50-60 Jahre ein Ziel und eine Strategie hat und diese realisiert, dann ist das ein kulturpolitischer Vorgang, aufgrund dessen er das Recht hat, der Erste gewesen zu sein.” Es braucht also einen Künstler, um Kunst zu erschaffen. Laut dem Duden ist ein Künstler eine Person, die Kunstwerke hervorbringt und über besondere Begabungen verfügt. Künstler und Kunstwerk bedingen sich also gegenseitig.

Ich glaube, dass Kunst vor allem dadurch „gut“ wird, wenn andere Menschen, es dafür halten. Diese Haltung festigte sich bereits im damaligen Deutschunterricht, als wir oftmals intratextuelle Interpretationen zu prägender Prosa und gewagten Gedichten anstellten, von denen ich gelegentlich unumstößlicher Überzeugung war, dass sich der Urheber das niemals gedacht haben konnte. Und Schüler und Lehrer darin mehr sahen, als möglicherweise intendiert war.

Nun bin ich einerseits erleichtert und andererseits aufgewühlt. Erleichtert, weil ich entweder Künstler sein muss, um Kunst zu erschaffen oder zum Künstler werde, weil ich Kunst erschaffe. Das kann mir also niemand absprechen. Was mich allerdings aufwühlt, ist der Umstand, dass Kunst nur dadurch gut wird, wenn andere Menschen etwas darin sehen. Das setzt mich ein wenig unter Druck, da ich mich in meinem Schreiben eigentlich nicht zu sehr davon abhängig machen will, wie es ankommt, sondern mich damit beschäftigen möchte, was mir auf dem Herzen liegt.

Was trotzdem nicht weg sind, sind meine Zweifel daran, ob es gut ist, was ich mache. Ich habe dafür bisher auch noch keine Lösung gefunden. Ein latenter Zweifel wird also immer bestehen bleiben. Solange ich es jedoch schaffe, die Phasen zu nutzen, an denen die Zweifel möglichst klein sind, halten sie mich wenigstens nicht davon ab, kreativ zu werden.

by spaghettihirn, der diesen Text als Kunst betrachtet, weil er darin einige Alliterationen verwendet hat. Wie viele hast du entdeckt?

Bild: Angelina Litvin

„Glaubst du, dass es einen Gott gibt?“

Da war sie wieder. Die Frage, die Chance und Gefahr zugleich war. Die Frage, die mich jedes Mal ein panisches SOS-Gebet gen Himmel schicken ließ, in der Hoffnung, daraufhin eine „richtige“ Antwort in den Wolken ablesen zu können. Die Frage, auf die ich mir selbst so sehr eine Antwort wünschte.

Es war Dienstagmorgen und eigentlich nur ein kurzes Small-Talk-Gespräch zwischen zwei Vorlesungen. Ich hatte gerade meine Sachen auf den Tisch gelegt, als meiner Kommilitonin der Sticker mit der Aufschrift „Woran glaubst Du?“ auf meinem Terminkalender auffiel.
„Glaubst du an Gott?“, fragte sie mich, „Glaubst du, dass es wirklich einen Gott gibt?“

Sie blickte mich fragend an. Ihr Blick war weniger skeptisch als erwartet. Vielleicht sogar hoffnungsvoll? Panisch suchte ich nach einer Antwort. Eine Antwort, die logisch durchdacht und überzeugend war. Eine Antwort, die ohne all die mysteriösen, christlichen Floskeln auskam und dabei noch irgendwie „cool“ klang. Doch ich hatte keine Antwort.
Wie auch?

Ich glaubte an Gott, schon irgendwie. Aber die Gründe dafür konnte ich nicht als Beweismaterial für die Existenz Gottes anführen. Sie rührten eher von persönlichen Erlebnissen, meiner sozio-kulturellen und familiären Prägung und einer inneren Gewissheit her. Wie glaubwürdig würde das klingen?
Und obwohl mein Glaube an Gott auf der einen Seite für mich das Wichtigste war, zweifelte ich ihn mehr an, als irgendetwas anderes, wovon ich überzeugt war…
Wie sollte ich jemand anderem von der Existenz Gottes erzählen, wenn ich mir selbst immer wieder die Frage danach stellte?

Dieses und viele andere Gespräche über den Glauben machten mir die Dringlichkeit bewusst, mich selbst mit meinem eigenen Glauben kritisch auseinanderzusetzen.
Woran glaubte ich? Wovon war ich überzeugt? Und vor allem: Warum?

„Ein Glaube ohne jeden Zweifel ist wie ein menschlicher Körper ohne Immunsystem. Zweifel sind dazu da, dass man mit ihnen ringt.“

aus “Warum Gott?” von Timothy Keller

Ich wollte meinen eigenen Zweifeln auf den Grund gehen und nicht länger in meinem „Schön-Wetter-Glauben“ festhängen, der alles ausblendete, was diesen infrage stellen konnte. Ich wollte mich nicht länger selbst mit meinen eigenen Zweifeln konfrontiert fühlen, wenn mir Freunde, Familienmitglieder oder Kommilitonen von den ihren berichteten. Ich wollte Perspektiven und Antworten auf Fragen finden, die ich mir selbst schon lange stellte, um schließlich auch durchdachte Antworten geben zu können.

Ich hatte Fragen wie:

– „Warum sind Menschen anderer großer Religionen genauso überzeugt von der Existenz ihrer Gottheit, wie Christen es sind?“
– „Warum legen selbst die Christen die Bibel so unterschiedlich aus und unterscheiden sich so extrem in ihrem Gemeindeleben? Was ist richtig und was ist falsch?“
– „Warum berichten Menschen, die meditieren oder mentales Training, etc. machen von den gleichen spirituellen Erfahrungen, wie ich, wenn ich gebetet und darin Gott(?) erfahren habe?“
– „Ist mein Glaube psychologisch erklärbar und bloß ein Konstrukt, dass mich Krisen besser aushalten lässt und meinem Leben einen Sinn verspricht?“
– „Wie kann Gott jeden einzelnen Menschen auf der Welt aus Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart lieben und kennen?“

Ich entschloss mich damals dazu, neben meinem eigentlichen Lehramtsstudium noch das Fach „evangelische Theologie“ zu studieren. Ich wollte mehr über die Bibel, ihre Hintergründe und den christlichen Glauben erfahren. Darüber hinaus las ich viele Bücher, führte unzählige Gespräche, hörte Predigten und stellte viele Theorien auf. An dem einen Tag war ich völlig überzeugt von Gottes Existenz, am anderen hielt ich alles bloß für einen Irrglauben. Endlich gefundene Antworten lösten wieder neue Fragen aus oder konnten sich in der Diskussion mit anderen nicht behaupten. Es gab schließlich kein objektives „Richtig“ oder „Falsch“.

Ich rang mit Gott, betete um Beweise und Sicherheiten, stellte ihn auf die Probe, klagte ihn an und wandte mich von ihm ab und dann wieder zu. Ich wägte ab, welche Indizien für die Existenz Gottes sprachen und welche dagegen. Ich konnte trotz meines neuen Wissensschatzes Gott nicht beweisen, aber ich konnte auch nicht das Gegenteil tun.
Mein Fazit: die Wahrscheinlichkeit, dass es Gott gab, war für mich höher, als die, dass Gott nur ein altmodisches Hirngespinst aus früheren Zeiten war.

Hatte ich auf jede meiner Fragen eine triftige Antwort gefunden? Nein, aber ich hatte neue Perspektiven, mögliche Erklärungsansätze und nach all dem Ringen mit Gott einen festeren Glauben an ihn als zuvor.

Und meine Antwort auf die Frage meiner Kommilitonin?
Nun ja, Glaube ist keine Wissenschaft und beruht nicht auf nachweisbaren Fakten, sondern auf einer inneren tiefen Überzeugung. Für diese, bzw. meine, tiefe Überzeugung kann ich zwar einige sehr gute Gründe nennen, doch daran glauben, muss sie selbst.
Und eins ist für mich ganz sicher: sich heute auf die Suche nach Gott zu begeben und sich mit seinen Zweifeln auseinanderzusetzen ist in jedem Fall besser, als es eines späteren Lebtages zu bereuen, das nicht schon längst gemacht zu haben.

Jahreslosung 2020: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!”

Eure Greta,
die euch wärmstens das Buch „Warum Gott?“ von Timothy Keller empfehlen kann!

Wenn ich groß bin…

Ich bin mal wieder draußen im Garten. In meiner Hand ein Spaten. Schweiß läuft mir über die Stirn. Wenige Zentimeter unter mir steht mein bester Freund in einem Loch. Wir graben schon seit einigen Tagen, aber es zeigt sich kein großer Fortschritt. Lautstark diskutieren Daniel und ich über die beste Vorgehensweise. Wenn wir so weitermachen, schaffen wir es nie, den Tunnel von Nepal nach Deutschland rechtzeitig fertig zu graben. Wenn das nicht klappt, müssen wir das nächste Mal schon wieder fliegen und davor habe ich doch Angst! Wie schaffen es die Großen nur so schnell zu graben? Auf ein Mal schallt ein lautes Rufen über den Hof: “Philipp, Daniel, Zeit ins Bett zu gehen!” Oh nein. Schon wieder. Es ist doch noch total hell! Wir tun so, als würden wir nichts hören und fangen ganz schnell wieder an zu graben. Doch nur kurze Zeit später, ein zweites Rufen. Diesmal klingt es deutlich näher. Missmutig tragen wir die Werkzeuge in den Schuppen und trotten meiner Mutter hinterher. “Irgendwann, wenn ihr groß seid, dürft ihr länger wach bleiben.” Aber jetzt müssen wir ganz schnell Zähneputzen und ins Bett gehen. Wie oft ich das nur höre. “Nein Philipp, das ist nur für Große.” Wann werde ich endlich so groß, wie die Erwachsenen? Dann darf ich alles! Aber was, wenn das alles eine große Lüge ist? Was, wenn es gar nicht stimmt, dass wir irgendwann mal groß werden? Wie Mama und Papa. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie Mal Kinder waren? Wie soll das denn gehen?

Das ist eines von vielen Dingen, die ich als Kind geglaubt habe.
Als meine Mama mir einmal das Faxgerät erklärte, glaubte ich, dass das Papier mit dem Text durch die Leitung – Quasi als Rohrpost – zum Empfänger geschickt wird.
Als in der Gemeinde Beutel herumgingen, um Spenden zu sammeln und die Gemeindemitglieder geheimnisvoll und andächtig hineingriffen, glaubte ich, es wäre eine geheime Umverteilungsmaßnahme. Die Reichen schmeißen Geld rein, die Armen nehmen sich etwas heraus.
Als ich auf der Weltkarte die dicken Linien an den Ländergrenzen sah, fragte ich mich, wem wohl das Land auf der roten Linie gehört. 
Oder was wäre, wenn sich die Erde nur dreht, weil am Äquator Menschen, wie auf einem Laufband, nichts anderes machen, als den ganzen Tag auf der Stelle laufen? 
Natürlich wusste ich irgendwie, dass das keinen Sinn ergibt. Trotzdem kamen mir zum Beispiel häufig Zweifel, dass ich wirklich einmal so groß werden würde wie die Erwachsenen.

In letzter Zeit unterhalte ich mich nach dem Gottesdienst häufig mit einem dreijährigen Jungen. Immer, wenn ich etwas erzähle, legt er kurz seinen Kopf schief, nimmt die Hand an den Mund und denkt kurz nach. So gerne würde ich ihm in den Kopf schauen. Was denkt er wohl in der Zeit? Vermutlich versucht er das Gesagte in sein Weltbild einzuordnen. Stimmt es, was der komische Typ erzählt? Kann ich ihm vertrauen?

Ich bin immer wieder fasziniert, wenn ich darüber nachdenke, wie viel Kinder den Tag über verarbeiten und aufnehmen müssen. Jeden Tag gibt es neue Erfahrungen und Eindrücke. Alles müssen sie irgendwie einordnen. Jedes neue Erlebnis trägt dazu bei, dass das Weltbild ein kleines bisschen weiter geformt wird. Das passiert so häufig, dass es ganz normal ist, alte Gedankenkonstrukte zu verwerfen und neu zu denken.

Wir Erwachsenen sind dagegen oft so festgefahren in unserem Denken. So wie ich es gelernt habe, muss es sein. Da gibt es nichts zu rütteln. So wie es früher war, ist es gut und daran darf sich nichts ändern!

Jesus sagte in Matthäus 18 einmal, wir sollen so werden wie Kinder. Wir sollen nicht zu hoch von uns Denken. Wir sollen nicht glauben, wir hätten die Weisheit für uns gepachtet. Ich will nicht, dass mein Glaube festgefahren und statisch ist, sondern sich stetig weiterentwickelt. Ich denke, es gibt niemanden auf dieser Welt, der jetzt schon alles verstanden hat. Jeden Tag kann ich neue Dinge über Gott lernen.

Je älter ich wurde, desto mehr zweifelte ich an der Theorie, dass man nicht größer wird. Allein schon ein Blick in mein Fotoalbum zeigte mir ziemlich deutlich, dass das nicht stimmen kann. Glaube und Zweifel hängen also stark miteinander zusammen. In den nächsten Wochen wollen wir bei Alltagspropheten diesem Thema weiter auf den Grund gehen. Dürfen Christen überhaupt zweifeln? Wie kommt man aus dem Zweifeln wieder heraus? Was, wenn ich daran zweifle, was ich tue? Muss man zweifeln, um zu Glauben? Mit diesen und weiteren Fragen werden wir uns beschäftigen.
In der Zwischenzeit würde mich interessieren, woran habt ihr als Kind geglaubt? Was hat euch vom Gegenteil überzeugt? Schreibt es uns gerne an info@alltagspropheten.de oder erzählt es und auf Instagram. Ich bin schon gespannt auf eure Geschichten!

Text: Philipp Jenny
Bild: Philipp Jenny

Reset the World

Eine neue Dekade ist angebrochen!
Die 2010er: Die Dekade der Smartphones und Tablets. Die, in der die Welt 2012 hätte untergehen sollen. Die glorreichen Jahre von Gangnam Style, Harlem Shake und “What Does The Fox Say”. Ice-Bucket-Challenge, Pokémon Go, Fidget Spinner und #MeToo. So viel ist passiert. Dieser Abschnitt ist jetzt Geschichte. Wir müssen uns jetzt an eine weitere Zwei in der Jahreszahl gewöhnen. Aber außer dieser Nebensächlichkeit? Was wird sich in den nächsten zehn Jahren verändern? Wird es die Dekade, in der Computer die Herrschaft über uns Menschen erlangen? Oder ist das nur utopisches Weltverschwörungsdenken?

Ein neues Jahr ist angebrochen!
2019: Das Jahr von Fridays for future. Das, in dem ein Mann mit blauen Haaren die Gesellschaft spaltete. Regenwald, Notre Dame und Mecklenburg-Vorpommern. Oft waren Brände ein großes Thema. So viel ist passiert. Doch auch diese Zeit  ist jetzt Geschichte.
Was lief gut im letzten Jahr? Was war eher ein Erlebnis zum Vergessen? Diese Frage stellten sich viele zum Ende des Jahres. Und 2020? Mehr Sport. Weniger Handy. Öfter Bibel lesen. Regelmäßiger lernen. Standards eben.
Stand heute? Die neuen Turnschuhe liegen ungenutzt im Schuhregal. Die langweiligen Vorlesungen werden mit Instagram gefüllt. Die Bibel liegt seit ein paar Tagen unbeachtet in der Schublade neben dem Bett. Die To-do-Liste ist wieder so voll wie immer.
Diesen Frust kennen vermutlich viele. Aber vielleicht klappt es ja nächstes Jahr?

Ein neuer Tag ist angebrochen!
31. Dezember: Der Tag der Vorbereitungen. Der, an dem die Raclette-Geräte zu ihrem wohlverdienten Einsatz kommen. Alte Geschichten werden wieder ausgepackt. Dinner for one, Sekt und Feuerwerk. Es war viel los an diesem Abend. Aber der ist jetzt vorbei.
Ich wache auf – vielleicht ein bisschen später als sonst – und eigentlich ist es ein neuer Tag wie jeder Andere.

Jedes Jahr aufs Neue versuche ich dieses Konstrukt, Neujahr zu verstehen. Ja. Eine neue Dekade ist angebrochen. Ein neues Jahr hat begonnen. Aber genauso auch ein ganz normaler neuer Tag. Bloß lasten auf diesen Tag ganz andere Hoffnungen. Er ist wie eine RESET-Taste. Alles ist wieder auf Null. Ein unbeschriebenes Blatt. Ich kann aus den Erfahrungen der letzten Jahre lernen und an diesem Tag einen Neustart beginnen. Das setzt aber auch ziemlich unter Druck. Ab jetzt möchte ich der bessere Philipp sein. Die neue Version mit allen Bugfixes und Updates.
Doch was, wenn ich feststelle, dass dieser Neustart mal wieder in die Hose gegangen ist?
Aufgeben? In die Ecke setzen und Schmollen?

Ich muss da an Petrus denken. Auch er hat einmal versagt (und wahrscheinlich noch öfter). Als Jesus verhaftet wurde, hat er sich ganz fest vorgenommen, an seiner Seite zu stehen. Er war sich ganz sicher, dass er das schaffen würde. Aber Jesus hatte schon vor der Aktion berechtigte Zweifel. Und dann, tatsächlich. In den wohl schwersten Stunden hat Petrus kalte Füße bekommen und hat Jesus verleugnet. Gesagt, dass er ihn nicht kenne. Kurze Zeit später läuft es ihm eiskalt den Rücken herunter: Er hat es nicht geschafft, was er sich vorgenommen hatte. Vermutlich schlimmer, als jeder nicht eingehaltener Jahresvorsatz. Einige Zeit später kommt Jesus auf ihn zu. Wie sich Petrus zu dem Zeitpunkt wohl gefühlt hat? Sicherlich war es ein Gespräch, das er lieber gemieden hätte. Aber Jesus reagiert ganz anders, als er es erwartet hätte. Er gibt Petrus eine neue Chance.

Wir sind jetzt schon einige Tage im neuen Jahr. Die ersten Vorsätze sind schon in den Sand gesetzt. Trotzdem möchte ich dir sagen: Es braucht kein neues Jahr um neu zu starten. Jeder neue Tag ist schon eine Chance auf einen Neustart. Egal, was du dir vorgenommen hast. Bei Jesus bekommst du jeden Morgen eine zweite Chance.

Text und Bild: Philipp Jenny

Nur ein Niemand – vom Versuch, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen

Schon vor längerer Zeit wurde ich auf einen Song hingewiesen, der mich so sehr inspiriert hat, wie schon lange keiner mehr zuvor. Damit das passiert, muss schon einiges zusammenkommen. Die Musik sollte eingängig, aber nicht gewöhnlich sein. Schnell mitzusingen, aber nicht langweilig und natürlich irgendwie besonders. Wenn noch dazu der Text eine tiefe Aussage in sich trägt und unvergleichlich unverkrampft mit der Musik ineinandergreift, ist es geschaffen: das Meisterwerk. So oder einen ähnlichen Prozess muss die amerikanische Rockband „Casting Crowns“ wohl durchlaufen sein, bevor sie 2018 den Song „Nobody“ veröffentlichte. Besonders der Refrain hat mich unmissverständlich angesprochen, mich inspiriert und mir eine neue Perspektive – ja fast schon eine Lebensvision offenbart. Ich bekomme immer noch jedes Mal Gänsehaut, wenn ich mir den Song anhöre. Doch bevor ich das weiter ausführe, höre lieber erstmal selbst:

Was geht dir durch den Kopf, nachdem du dir den Song angehört hast? Konntest du dich auf Text und Musik einlassen? Hast du einen Zugang gefunden? Denke noch ein paar Minuten darüber nach, falls der Song etwas in dir ausgelöst hat, bevor du weiterliest.

Was ich daran so genial finde, ist zunächst einmal der musikalische Einstieg, der mich so leicht und rhythmisch abholt und in den Song mit hinein nimmt. Dazu der Gesang in der Strophe – leicht gegenläufig zum Takt – gibt eine tolle Kombination zum mitwippen ab.

Doch was ich noch viel beeindruckender finde, ist der Refrain, der einerseits sprachlich so ausgefeilt ist und gleichzeitig eine wundersam tiefgründige Message übermittelt. Deswegen hier nochmal ein Ausschnitt:

„I’m just a nobody
trying to tell everybody
all about Somebody
who saved my soul.“

Nobody – Casting Crowns (feat. Matthew West)

„Ich bin nur ein Niemand,
der versucht allen,
alles über jemanden zu erzählen,
der meine Seele gerettet hat.“

Deutsche Übersetzung

„Ich bin nur ein Niemand.“

Wir haben in der Theater AG in der Schule einmal ein Stück gespielt, in dem eine Rolle „Paul Niemand“ hieß. Während es uns riesigen Spaß machte, mit diesem Nachnamen Wortwitze zu bilden wie „Niemand ist schon da“ oder „Niemand hört zu“ oder „Niemand hat heute Lust zu proben“, so ist es eigentlich – wenn man nicht gerade so heißt und es somit auf eine Person zutrifft – ziemlich deprimierend, wenn diese Sätze wahr wären. Wer möchte schon ein Niemand sein? Unbekannt. Unbeachtet. Ungesehen. Was ist daran schon positiv?

Mir gefällt diese Demut, direkt zu Beginn des Refrains. Wie sich der Sänger sieht. Dass er sich selbst nicht so wichtig nimmt und seinen Platz kennt. Dass er weiß, dass seine Fähigkeiten und seine Kraft begrenzt sind und nicht alles von ihm selbst abhängig ist. Mir tut es selbst immer wieder gut: mich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Einerseits hilft es mir, entspannter durch das Leben zu gehen. Wenn ich mir bewusst mache, dass ich auf viele Dinge gar keinen Einfluss habe, auch wenn ich es mir oft einbilde. Andererseits ist es heilsam für den Umgang mit meinen Mitmenschen. Wenn ich mich selbst nicht so wichtig nehme, wenn ich mich selbst nicht nur um mich selbst drehe, habe ich mehr Kapazitäten für meine Mitmenschen. Mir kommt es oft so vor, dass ich eher dazu neige, an mich selbst zu denken und an das, was ich will, als an die Bedürfnisse meiner Mitmenschen.

Nach diesem ersten Schritt steckt in dem Song noch ein ziemlich großer Auftrag drin: nämlich allen alles über jemanden zu erzählen, der irgendeine Seele gerettet hat.

Mit diesem jemand ist Jesus gemeint und die Aussage bezieht sich unter anderem auf folgende Bibelstelle:

„Darum geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“

Matthäus 28,19 (NGÜ)

Ein ziemlich großer Auftrag, der fast schon unmöglich scheint. Aber wenn man ihn auf die ganze Menschheit bzw. alle Christen verteilt, ist er vielleicht gar nicht mehr so unmachbar, wie er im ersten Moment klingt.

Gleichzeitig finde ich, dass in diesem Bibelvers oft ein großer Druck mitschwingt – oder vielleicht auch eher erzeugt wird. Dass man irgendetwas Krasses reißen muss, um anderen Menschen von diesem Jemand zu erzählen. In der Fußgängerzone Leute ansprechen oder in fremde Länder fahren.

Ich mag beide Strategien nicht so und bin auch nicht der Meinung, dass das die alleinigen Anleitungen wären, diesen Auftrag zu erfüllen. Ich glaube, dass es kein Zufall ist, in welches Umfeld ich hineingeboren wurde und worin ich mich bewege. Jeden Tag. Ich glaube, dass es eher darum geht, mein Leben authentisch mit diesem Jemand zu leben und wenn sich die Gelegenheit ergibt, nicht zu kneifen und davon zu erzählen (und es ergeben sich genug Gelegenheiten). Aus diesem Grund wurde vor rund 15 Monaten dieser Blog gegründet. Um Möglichkeiten zu schaffen, ein authentisches Leben als Christ zu teilen, in der Hoffnung, andere Menschen dadurch zum Nachdenken anregen oder sogar inspirieren zu können. Um Mut zu machen, möchte ich zum Abschluss noch von einer dieser Gelegenheiten (im echten Leben) erzählen, die mittlerweile fast zwei Jahre her ist. Film ab!

Mein Magen knurrt. Ich habe Hunger. Der Nachmittag ist schon weit vorangeschritten und das Mittagessen eine Weile her. Aber ich muss noch etwas weiterlernen. Noch eine halbe Stunde. Dann kann ich rausgehen, um mein mitgebrachtes Vesper zu genießen (was ich normalerweise nie mache, weil ich zu faul bin). Normalerweise lerne ich auch nie in dieser Bibliothek, für die ich mich heute entschieden habe.

Es ist Dienstag, nach dem Lernen steht noch eine Probe für den Gottesdienst am Sonntag an. Seit kurzem bin ich dort irgendwie in ein Leitungsteam gerutscht und unser Wunsch und Ziel ist es, unser sonntägliches Treffen so zu gestalten, dass wir gerne Freunde mitbringen, ohne sie gleich abzuschrecken. Ich bin nicht so der Held darin – Freunde mitzubringen. Ich habe kein Problem zu meinem Glauben zu stehen, renne jetzt aber auch nicht mit einem „Jesus liebt dich“-Shirt rum und binde es jedem auf die Nase. Doch heute wollte ich es mal wieder versuchen. Ich hatte morgens extra gebetet, dass ich zwei Kommilitonen einlade, mit denen ich mich dienstags immer zum Mittagessen treffe. Doch beide konnten heute nicht. Was für eine Enttäuschung! Da war es mir endlich mal wieder ein Anliegen gewesen und ich hatte sogar gebetet und dann nahm Gott mein Angebot nicht an…

Da stand ich also nun. Draußen vor der Bibliothek. Leicht frustriert, aber auch mit leichter Vorfreude auf die Probe heute Abend. Ich entpackte gerade mein Vesper, als mich auf einmal jemand ansprach: „Hey, was machst du hier so spät noch?“ Ich war etwas überrascht, ihn zu sehen. Wir kannten uns nur aus einer Vorlesung und hatten bisher nicht oft geredet. Aber ein bisschen Gesellschaft beim Essen war ja nicht schlecht. „Ähm… ich…“ Jetzt kam der Moment der Wahrheit. Erfand ich einfach irgendeinen halbwahren Grund wie „Stress mit den Prüfungen“ oder stand ich zu meinem Plan. Ich war leicht nervös und entgegnete: „Ich habe später noch so eine Probe in der Stadt. Für so einen Gottesdienst.“

„Waaaaaas?! Gottesdienst?! Ist ja mega krass. Das feier ich voll, wegen der Gemeinschaft und so. Meinst du, ich kann auch kommen?“, erwiderte mein Kommilitone. Diese Reaktion hatte ich jetzt nicht erwartet. Eher sowas wie: „Alter, was ist bei dir falsch?! Du gehst in die Kirche?! Glaubst du dann auch an Gott?“

Zum Glück war ich in der Situation nicht sprachlos, aber doch ein bisschen kalt erwischt. „Ja klar kannst du kommen“, sagte ich. Ich nannte ihm Adresse und Zeitpunkt und er versprach auf jeden Fall zu kommen. Wenn das nur immer so einfach laufen würde…

Ich erzähle diese Geschichte so gerne, weil sie zeigt, dass ich gar nichts tun musste, um den in diesem Beitrag angesprochenen Auftrag zu erfüllen. Ich musste nichts Verrücktes oder Außergewöhnliches machen, sondern einfach nur meinen Alltag leben und im entscheidenden Moment ehrlich und authentisch sein. Ich bin ein Niemand in der Geschichte. Meine Rolle hätte auch jemand anders spielen können. Vielleicht nicht an diesem Tag, aber an einem anderen. Es geht nicht um mich, sondern darum, ehrlich und authentisch zu sein.

Die Geschichte geht noch weiter. Mein Kommilitone kam tatsächlich in den Gottesdienst. Es gefiel ihm sehr gut und da er – frisch hergezogen – Anschluss suchte, blieb er und schloss sich unserer Studentengruppe an. Wir begleiteten ihn auf seinem Weg, diesen Jemand (Jesus) kennenzulernen, der bereits unsere Seelen gerettet hatte und nun drauf und dran war, dasselbe auch mit ihm zu tun. Nach einigen Monaten entschied sich mein Kommilitonen dann selbst mit diesem Jemand zu leben – doch das ist eine andere Geschichte. Für heute zählt: Alles begann mit einem Niemand.


Danke an Martin Adams für das Foto von Unsplash.

Das Manna in meinem Leben

Das Jahr 2019 ist vorbei und ein neues Jahr hat begonnen. In den letzten Dezembertagen vor Silvester habe ich mir viel Zeit genommen, um die Ereignisse und Gefühle des letzten Jahres Revue passieren zu lassen. Ich schrieb alles für mich auf. Schönes, wie Schmerzhaftes.
Dann nahm ich meine alten Tagebücher hervor und las darin, was ich die letzten Jahre aufgeschrieben hatte. Dabei stieß ich auf folgenden Eintrag, zu dessen Zeitpunkt ich in Tansania meinen Freiwilligendienst gemacht habe. Dort unterrichtete ich gemeinsam mit meiner Mitfreiwilligen Betty für ein Jahr an einer Schule und half bei einem Patenschaftsprogramm mit.
Die Lebensbedingungen waren dort sehr einfach und das Dorf und die Kirchengemeinde, wo ich gelebt habe, sehr arm.

Tagebucheintrag vom 3. Januar 2016:
„Heute war Sonntag. Also waren Betty und ich im Gottesdienst. Es war schön, unsere Familien und Freunde wiederzusehen und mit ihnen zu singen und zu beten. Der Gottesdienst hat heute mal wieder fast fünf Stunden gedauert. Typisch Tansania!
Mchungaji (Pastor) Maro hat eröffnet, dass sich die Gemeinde von dem Kirchengeld drei neue Plastikstühle kaufen konnte, sodass weniger Gottesdienstbesucher auf Holzbänken sitzen müssten. Die Gemeinde ist daraufhin aufgestanden und hat um die Stühle herumgetanzt, gesungen und laute Dankesgebete ausgerufen. Und das ganze 30 Minuten lang… Puuuh!
Betty und ich mussten erst lachen, weil wir das für etwas übertrieben hielten. Es sind drei Plastikstühle…
Doch nach dem Gottesdienst unterhielten wir uns darüber beim (sehr verspäteten) Mittagessen und plötzlich schämten wir uns für unsere Gedanken. Für uns waren die drei Plastikstühle relativ unbedeutend. Schließlich stehen in meiner Heimatgemeinde 200 hochwertige Holzstühle aufgereiht in einem großen, gut ausgestatteten Saal, von denen einige eigentlich immer unbesetzt blieben.
Die stehen also einfach nur so rum… Holzstühle!
Die Dankbarkeit, die unsere tansanischen Freunde empfanden, konnten wir im ersten Moment nicht nachvollziehen, weil der „Luxus“ von drei Plastikstühlen für uns so selbstverständlich, irgendwie alltäglich war. Wie schade!“

Unter die Zeilen hatte ich einige Wochen später eine Notiz gekritzelt: #Manna #2.mose 16
Nach dem Lesen des Beitrags folgte ich meinem eigenen Hinweis und versuchte herauszufinden, was hinter meiner eigenen Notiz steckte.
Ich fasse mal kurz zusammen:

Das Volk Israel lebte lange Zeit in Sklaverei unter dem Pharao in Ägypten. Gott befreite das Volk auf wundersame (!) Weise durch Moses und Aarons Einsatz und führte es hinaus in die Wüste. Seit 2 ½ Monaten sind sie nun unterwegs und die Leute beginnen zu jammern:
Ach, hätte der HERR uns doch in Ägypten sterben lassen! Dort hatten wir wenigstens Fleisch zu essen und genug Brot, um satt zu werden.“ (2.Mose 16,3)

Daraufhin spricht Mose mit Gott und bittet ihn um Hilfe. Gott antwortet einmal wieder mit einem krassen Wunder:
„Ich habe die Klagen der Israeliten gehört. Darum sag ihnen: Heute Abend, wenn es dämmert, werdet ihr Fleisch zu essen bekommen und morgen früh so viel Brot, wie ihr braucht!“
Am selben Abend zogen Schwärme von Wachteln heran und ließen sich überall im Lager nieder. Und am nächsten Morgen lag Tau rings um das Lager. Als er verdunstet war, blieben auf dem Wüstenboden feine Körner zurück, die aussahen wie Reif. Und das Volk Israel nannte es Manna. Sie waren weiß wie Koriandersamen und schmeckten gebacken wie Honigkuchen. (2.Mose 16, 12-14; 31)

Wir sehen: Gott versorgt sein Volk. Doch nach einiger Zeit ist den Israeliten das Manna nicht genug. Sie sind unzufrieden und weinen:
„Niemand gibt uns Fleisch zu essen! In Ägypten war das anders! Da bekamen wir umsonst so viel Fisch, wie wir wollten, da gab es Gurken, Melonen, Lauch, Zwiebeln und Knoblauch. Aber hier haben wir nichts außer jeden Tag dieses Manna. Darauf ist uns der Appetit gründlich vergangen!“ (4. Mose 10, 4-6)

Nur kurz fürs Protokoll:
Die Israeliten sind endlich frei und nicht länger Sklaven des Pharaos. Damit sie endlich fliehen konnten, hat Gott das ein und andere Wunder vollbracht, hat Plagen geschickt und das Meer mal eben in zwei geteilt. Normal ist das nicht. Damals wie heute. Doch anscheinend selbstverständlich. Jedenfalls für die Israeliten.

Nun befinden sie sich in der Wüste. Kein Ort, an dem normalerweise langes Überlegen möglich ist. Doch Gott versorgt sie mit einer (selbst heute) unerklärlichen Nahrung, die nach Honigkuchen schmeckt… HONIGKUCHEN!

Das Manna in ihrem Alltag ist für sie nach kurzer Zeit „Standard“ geworden und kein Grund mehr zu feiern, sondern Grund zum Weinen.
Echt jetzt?!

Ich denke an meine Gemeinde in Tansania.
Sie nahmen diese drei Plastikstühle nicht als selbstverständlich hin. Nein, sie waren ihr Manna und sie haben Gott dafür gedankt, in dem sie um sie herumtanzten und sangen.

Ich nehme mir ein weiteres, weißes Blatt Papier hervor und sammle darauf all die „Kostbarkeiten meines Alltags“, die für mich mittlerweile als selbstverständlich galten.
Oben drüber schreibe ich: „Das Manna in meinem Leben“.

Was ist dein Manna?

Impuls zum neuen Jahr:
Seit einigen Jahren ändere ich immer am 1.Januar mein Computerpasswort. Nicht unbedingt aus Sicherheitsgründen, sondern weil das Passwort mich an „mein persönliches Motto für das Jahr“ erinnern soll. Ich gebe dieses Passwort schließlich mehrmals täglich ein – mal mehr und mal weniger bewusst. Und so begleitet mich dieses besondere Wort das ganze Jahr über und erinnert mich an das, was mir wichtig ist oder was ich mir wünsche.

2019 war es „ER beruhigt“, weil ich mir wünschte, mehr zur Ruhe zu kommen und nur Gott meine innere Unruhe stillen konnte, wenn mir wieder einmal alles zu viel wurde

Und 2020? Nun ja, wenn ich das nun verraten würde, bräuchte ich meinen Computer nicht mehr passwortsichern… 😉

Aber ich möchte DICH gerne dazu ermutigen, es mir gleich zu tun und Dich täglich neu von deinem Passwort an deinen Jahreswunsch oder dein Jahresgebetsanliegen erinnern zu lassen.
Kleiner Sicherheitstipp: ergänze das Wort mit ein paar Zahlen und Satzzeichen #safetyfirst

Eure Greta,
die jetzt erstmal ihr Laptop-Passwort für 2020 ändert.

Gott – (K)ein Wunschautomat?

Kennst du noch dieses Gefühl, als kleines Kind sehnsüchtig auf Weihnachten zu warten? Auf den Heiligabend, an dem man endlich die Geschenke auspacken durfte? Wochenlang vorher hatte man schon seine Wunschliste fertig geschrieben und hoffte nun darauf, dass die Eltern die Geschenke kaufen und schön einpacken würden. Natürlich hatte man gewisse Vorstellungen davon, welche Sachen man haben wollte und wie diese auszusehen hatten. Und natürlich, so ging es mir jedenfalls, war man mehr als enttäuscht, wenn diese Vorstellungen dann bei der Bescherung nicht erfüllt wurden oder eben kein Geschenk von der Wunschliste unter dem Tannenbaum lag. Hatte man sich ein rosa Fahrrad gewünscht und erhielt vielleicht stattdessen einen Roller, warf man den Eltern entweder einen vorwurfsvollen Blick zu, der sagen sollte: „Ich wollte doch lieber ein Fahrrad, das wusstet ihr doch“, oder man versuchte die Enttäuschung in den Augen zu verbergen und dankbar für das weniger schöne Geschenk zu sein.

Zugegeben, auch wenn ich mich immer noch über Geschenke, die meinen Vorstellungen entsprechen, freue, denke ich heute weniger über diese Banalitäten nach.

Und doch bleibt eine gewisse Erwartungshaltung, die ich immer noch an andere Dinge oder Personen habe. Ich erwarte, das zu bekommen, was ich mir wünsche oder erhoffe. Eine gewisse Art von Egoismus.

Ich frage mich manchmal, ob ich eine ähnliche Erwartungshaltung gegenüber Gott habe. Ich ertappe mich gelegentlich dabei, dass ich Gott auf eine Art „Wunschautomaten“ reduziere, in den ich ein bisschen Kleingeld werfen kann und sofort das gewünschte Produkt erhalte. 

Klar, ein Automat kann nicht anders, darauf ist er schließlich programmiert. Aber kann ich Gott wirklich so behandeln wie einen Automaten?
Natürlich nicht, sagst du jetzt bestimmt. Und doch tue ich es unbewusst.

Nehmen wir an, ich habe meinen Autoschlüssel verloren, und suche ihn angestrengt überall. Wenn das alles nichts nützt, schicke ich, als letzten Ausweg ein kleines Stoßgebet zum Himmel, in der Hoffnung, dass Gott mir mal eben den Schlüssel vor die Nase wirft. Aber was ist, wenn er dies nicht tut und der Schlüssel nicht auf magische Art und Weise wieder auftaucht? Vielleicht sogar tagelang nicht… 

Was, wenn mich Gott in dieser Situation „enttäuscht“ oder hängen lässt? Wie regiere ich dann? Bin ich dann nicht eingeschnappt, verärgert oder vielleicht sogar wütend über Gott? Frage ich mich dann nicht, warum Gott mir jetzt nicht mein Gebet erfüllt? Leider passiert oft genau das. In diesen Situationen reduziere ich Gott dann ganz schnell auf jemanden, der meine eigenen Wünsche durchsetzen soll.

Leider oder auch glücklicherweise tickt er ganz anders, als ich es erwarte. Verstehe mich bitte nicht falsch: Wir können Gott um alles bitten, das sagt er selbst:

„Bittet und es wird euch gegeben.“

(Matthäus 7,7)

Aber ich denke, wir vergessen oft, dass Gott so viel mehr ist, als nur der Automat, der unsere Wünsche erfüllt. Er ist größer, als wir begreifen können und weiß eigentlich viel besser, was wirklich gut für uns ist. In Matthäus 6,5 steht nämlich auch:

„Der Vater weiß besser, was wir benötigen, noch bevor wir darum bitten“. 

Das zu begreifen und zu verstehen, fällt mir echt schwer. Wenn Gott mir nicht das gibt, was ich mir erhoffe, heißt dies nicht, dass ich ihm egal bin. Im Gegenteil. Ich vergleiche Gott zum Verständnis immer ganz gerne mit einem Vater. Ein Vater, der sein Kind liebt, gibt ihm auch nicht alles, um was es fragt. Manche Dinge sind schlecht für mich; und Gott weiß das. Er möchte mir, seinem Kind, nur das Beste geben und wünschen. So ist Gott. Er enthält uns nichts vor, um uns zu verärgern oder vor den Kopf zu stoßen. Eigentlich ist genau das doch wahre Vaterliebe.
Was wäre das für ein Vater, der seinem Kind nichts vorenthält und ihm alle Wünsche erfüllt? Ich kann mir gut vorstellen, wie sich dieses Kind entwickeln wird. Wenn ich meine Gedanken weiter verfolge, bin ich eigentlich ganz dankbar für manch unerfülltes Gebet.

Ich möchte dich zum Schluss einmal fragen: Wie sieht es bei dir aus? Welchen Platz nimmt Gott in deinem Leben ein? Ist er für dich nur ein Wunschautomat oder ein Vater, dem du vertrauen kannst, dass er wirklich Gutes für dich bereithält, auch wenn du es manchmal nicht siehst? Ich möchte dir wirklich Mut machen, über den Tellerrand hinauszublicken und zu entdecken, was Gott für dich bereithält.

Vielleicht betest du oft zu Gott, vielleicht hast du das noch nie getan. Ich will dich diese Woche mal dazu herausfordern, es auszuprobieren und Gott für Dinge in deinem Leben zu danken. 

Falls du regelmäßig betest, habe ich folgende Challenge für dich: Setze dich in der kommenden Woche doch mal damit auseinander, was oder wie Gott für dich ist. Probiere deinen Fokus auf seine Eigenschaften und sein Wesen zu legen, statt auf dich selbst. Ich hoffe, dass du dadurch Gott ganz neu erleben und kennenlernen kannst.

Eure Larissa 


Vielen Dank an Unsplash.com und Priscilla Du Preez für das Bild 🙂

Du bist ein Meisterstück

Ich schaue aus dem Fenster. Die Landschaft zieht an mir vorbei. Draußen wird es langsam dunkel und viel kann man bald nicht mehr erkennen. Das laute Brummen des Zuges nervt mich irgendwie. Deswegen hole ich meine Kopfhörer raus und mache meine Lieblings-Playlist an. Während ich mich von der Musik einlullen lassen, wende ich meinen Blick in das Innere des Zuges. Ich beobachte gerne Menschen. Was sie tragen, wie sie reden oder einfach nur dasitzen. Manchmal stelle ich mir vor, wie sie es ihnen wohl geht. Was für Gefühle sie gerade bewegen oder in welcher Situation sie stecken.

Doch leider bleibt mein Blick oft nur am Äußeren hängen. Dann bewundere ich die langen Wimpern der Frau gegenüber oder ihre wunderschönen Locken, die ich auch gerne hätte. Oder ich frage mich, wie das Mädchen neben mir nur so einen coolen Style haben kann und wie viel ihre Schuhe wohl gekostet haben müssen. Und ach ja, fast hätte ich es vergessen: das ewige Drama um die Figur. Auf Werbeplakaten springt mir eine Frau ins Auge, welche verspricht, dass ich mir in nur zwei Monaten eine Traumfigur zulegen kann. Natürlich sieht sie selbst perfekt aus. Auf Instagram folgen Bilder über Bilder von Frauen, welche eine reine und perfekte Haut haben. Keine Spur von einem Pickel. Braun gebrannte Haut, frisch vom Dauerurlaub. Durchtrainiert im Fitnessstudio. Und, und, und…

Ihr merkt schon. Ich neige dazu, mich sehr schnell zu vergleichen. Das ist vermutlich eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Und nicht nur im Hinblick auf Äußerlichkeiten, sondern auch in ganz alltäglichen Dingen. Ich lasse mich leicht dazu hinreißen, zu denken, dass andere viel begabter, musikalischer, kreativer, selbstbewusster und authentischer sind. Und diese Liste kann ich unendlich weiterführen. Dieser kleine und tückische Gedanke „Andere können das viel besser“ oder „Ich bin nicht gut genug“ hindert mich irgendwie daran, frei zu sein, in dem, was ich tue und denke. Statt also meine Fähigkeiten einzusetzen, ziehe ich mich lieber zurück und überlasse dies den Anderen.

Wärend meine Gedanken so weiter schweifen und das Zugbrummen immer eintöniger wird, erinnere ich mich an einen Vers aus der Bibel:

DU BIST EIN MEISTERWERK GOTTES

Epheser 2,20

Ich muss ehrlich zugeben, dass es mir schwer fällt, diesem Glauben zu schenken. Es ist ein einfacher Satz, den ich oft höre und der so leicht in den Kopf geht, aber umso schwieriger ins Herz. Wie oft habe ich mir diesen Satz schon durchgelesen? 50 Mal oder schon 100 Mal? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich immer dann einen Augenblick Wertschätzung verspüre. Aber spätestens bei dem nächsten Fünkchen Neid oder gar einer Kritik, kehre ich zurück an den Startpunkt.

Und ich merke: Oft hindert mich mein Vergleichen mit anderen Menschen daran, meinen Blick auf Jesus zu lenken und darauf, wie er mich sieht. Ein gutes Zitat, das ich einmal in einer Predigt gehört habe, ist bei mir besonders hängengeblieben: „Durch das Vergleichen vergessen wir, wer wir sind!“.
Ich denke, da ist viel dran.

Ich muss mir immer wieder selbst sagen, dass mein persönlicher Wert nicht davon abhängt, wie ich äußerlich oder innerlich aussehe, was ich gut kann oder Besonderes leiste. Nein, mein persönlicher Wert ist schon längst festgesetzt. Wenn Jesus mich anschaut, sieht er ein Meisterstück. Er sagt zu mir: „Hey du, weißt du was? Ich weiß, dass du wunderbar gemacht bist.“
Vielleicht ist der Gedanke besser dargestellt mit einem Künstler, der ein Gemälde malt und unglaublich stolz darauf ist. Egal wie Kritiker das Bild finden, seine Meinung über sein Werk wird sich nicht ändern. Genauso hat auch Gott mich gemacht. Mit all meinen Macken, Fehlern und genau dem Körper, den er sich vorgestellt hat. Und darauf ist er stolz. Warum sollte ich es dann nicht auch sein? Aber es geht noch weiter; denn Gott hat mich auch mit Talenten und Gaben ausgestattet, die mich ausmachen und welche nicht zu gering oder wertlos sind. Genau das was ich gut kann, sollte ich nutzen und fördern, statt zu verringern.

Meine Identität und das, was mich ausmacht, ist in Gott verankert und durch ihn bestimmt. Nichts kann daran etwas ändern!
Die Frage ist nur, inwieweit mir dies bewusst ist und wie ich damit umgehe?! Ich wünsche mir so sehr, dass sich in mir ein tiefes Bewusstsein für die Liebe Gottes zu mir entwickelt und in meinen Gedanken präsenter wird.

Vielleicht geht es dir ja wie mir. Dann wünsche ich dir, dass du dich selbst mit den Augen Gottes sehen kannst. Vielleicht hast du aber auch mit Gott und der Bibel gar nichts am Hut und weißt überhaupt nicht, was diese Identität, die ich selbst bei Gott finden kann, jetzt mit dir zu tun hat. Dann kann ich dir sagen: Auch du bist ein Mensch wie ich. Und auch dich hat Gott erschaffen, daran glaube ich ganz fest. Deshalb glaube ich auch, dass auch du wunderbar und wertvoll bist, ganz egal wie deine äußeren Umstände sind oder ob du überhaupt an einen Gott glaubst. Ich möchte dir trotzdem Mut machen, dich selbst so anzunehmen wie du bist und deinen Körper, deine Talente und Fähigkeiten als einen Beweis von Gottes Liebe zu sehen.

Wie kann das Ganze aber nun praktisch aussehen. Wie kommt man von dem ewigen Vergleichen und des Neid weg? Ich kann dir darauf keine allumfassende, hundertprozentig richtige und anwendbare Antwort geben. Vielleicht hilft dir aber der nächste Tipp, einen ersten Schritt in die richtige Richtung zu gehen.

Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, dass Neid oder Eifersucht ganz schnell verschwinden, wenn man der anderen Person einfach mal schnell ein Kompliment zuwirft. Wenn dich also das nächste Mal wieder ein leises Gefühl des Neides beschleicht, dann probiere doch mal selbst aktiv dagegen vorzugehen. Es reicht schon ein kleiner Satz wie „Wow, du bist echt gut darin. Das liegt dir voll.“ Oder „Hey, ich finde du hast echt wunderschöne Locken. Die stehen dir so gut.“ Damit zauberst du der anderen Person ein Lächelns ins Gesicht und veränderst ganz schnell dein negatives Gefühl in ein Positives.

Probiere es doch einmal aus, auch wenn es viel Überwindung kostet.

Eure Larissa


Danke an unsplash.com und Hieu-vu-minh für das Foto.

Menschenfurcht

Wer von euch kennt nicht dieses brennende Gefühl in der Brust, wenn das Herz einem bis zum Hals schlägt und man das Gefühl hat, etwas sagen oder tun zu müssen, um nicht zu platzen? Und sich dann aber nicht traut… Sei es, um Standpunkte klarzustellen, sich verletzlich zu machen, indem man Schwächen und Fehler zugibt oder eben indem man sagt, dass man an Jesus glaubt. Dies war nämlich ein Punkt, an dem ich sehr viel zu knabbern hatte. Wie oft wollte ich von Gott erzählen und was er in meinem Leben getan hat? Dass ich glaube, dass Jesus Gottes Sohn und auferstanden ist? Und wie oft bin ich einfach nur still geblieben? Wie oft hat mir der Mut gefehlt, mich auf seine Seite zu stellen… Und wie oft habe ich mich einfach nur für meinen Glauben geschämt…

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