Weniger ist mehr – Ein Adventsmedley

In unserer AP-Serie „Back to the Roots“ posten wir bis zum Ende des Jahres die Top-Beiträge vom ersten Jahr Alltagspropheten. Das heißt, alle die neu dazu gekommen sind, kommen auch in den Genuss diese kennenzulernen. Und ihr treuen Leser, die von Anfang an dabei waren… vielleicht entdeckt ihr ja etwas Neues!
Heute gehts weiter mit einem unserer ersten Beiträge vom Dezember 2018

„Und wieder ist Dezember, mitten im Advent“ (1)….
Da schwingt so viel mit: Gemütlichkeit, Langeweile, Vorfreude, Resignation, Erwartung, Ernüchterung, Glühwein, Plätzchen, Wichteln, Handschuhe und Wollsocken, Musik und Lichter, Weihnachtsmarkt, Geschenke, Familie, Tannenduft, Zimt und und und  – „Alle Jahre wieder“ (2)

Ist es das? Was macht die Adventszeit eigentlich aus?
Adventsfeiern hier und Weihnachtsfeiern dort, tausende Einladungen bis der Terminkalender platzt und gleichzeitig denkt jeder schon Richtung Jahresende…

„Es kommt ein Schiff geladen, bis an sein‘ höchsten Bord!“ (3) – Also gebt Gas und „macht euch bereit“ (4)!
Irgendwie noch mein Zeug bis Weihnachten durchballern, auf die Feiern gehen, bei denen ich nicht fehlen sollte und wenn ich dann noch einen Tag frei habe, die wichtigsten Geschenke besorgen, basteln und verpacken.

„Wir sagen euch an den lieben Advent. Sehet, die dritte Kerze brennt!“ (5)
Nur noch 8 Tage bis Weihnachten, das wird mal wieder knapp!

„Bist du schon in Advents- oder Weihnachtsstimmung?“
Eine dieser Standard-Smalltalk-Fragen in Dezember-Edition, genauso wie: „Bist du schon angekommen im Advent?“
Weiß ich nicht. Bin ich das? Sollte ich eigentlich, denn darum geht’s ja im Advent. Allein von der Wortbedeutung: Advent heißt ja Angekommen oder Ankunft. Ankommen in der Weihnachtszeit, sich einstimmen auf das Fest der Liebe, und dann auf die Zielgerade Richtung Jahresende, oder?

Vorgestern bin ich krank geworden. Erkältung. Nase zu, dicker Schädel, kleine Augen, Halsschmerzen, das volle Programm! Dank Pharmaindustrie kann man einige Symptome dämpfen oder für eine Zeit verschwinden lassen, aber eine Sache bleibt bei mir immer da: ich kann nicht mehr richtig denken! Ständig ein Gedankenkarussell, immer im Kreis. Mein Gehirn kriegt das dann nicht mehr hin, was es sonst immer leistet: strukturiert, zielorientiert denken. Allein meine Tasche zu packen dauert ewig, weil ich nicht checke, was ich noch brauche für den Tag und was ich überhaupt schon eingepackt hatte. Adventsstimmung? No way! Eigentlich wird mir jetzt, wo alles zu viel wird, erst richtig klar, wonach ich mich schon die ganze Zeit sehne, wenn ich an die Adventszeit denke:

„Weniger Geschenkpapier und goldverschnürtes Glück

Weniger Berieselung mit Glöckchen und Musik

Weniger Termine und Verpflichtung, die uns treibt

Weniger Fassade und mal sehn, was übrig bleibt…“ (6)

Was denn, weniger? Ja, was bleibt denn? Das Schiff kommt doch geladen bis an sein‘ höchsten Bord (3), direkt auf mich zu! Was hat das Schiff denn nochmal geladen? Ich kann den Text nicht. Nur die erste Zeile. Hab wohl nicht gut genug aufgepasst in der Kirche…

„Es kommt ein Schiff geladen bis an sein‘ höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden, des Vaters ewig’s Wort.“ (3)

Ich lasse das erstmal sacken lassen. Muss das erstmal fassen. O, Déjà-vu! „Alle Jahre wieder“ (2)! An dem Punkt war ich doch letztes Jahr auch schon.

Advent, Ankunft, Ankommen – Jesus, Gottes Sohn kommt in die Welt und will auch in mir und in meinem Herzen einziehen! Bin ich schon soweit? Bin ich schon im Advent angekommen?
„Wie soll ich dich empfangen, und wie begegn‘ ich dir?“ (7)

„Last Christmas, I gave you my heart!“ (8) 
Und dieses Jahr? Bin ich soweit? Kann ich schon singen “Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist“ (9)?

„Es kommt ein Schiff geladen“ (3). Und es kommt so oder so. Auch wenn ich nicht vorbereitet bin, auch wenn ich mich nicht danach fühle. Aber wenn es kommt, wenn ER kommt und mein Herz berührt, dann passiert es:

„Zwar ist solche Herzensstube
Wohl kein schöner Fürstensaal,
Sondern eine finstre Grube;
Doch, sobald dein Gnadenstrahl
In denselben nur wird blinken,
Wird er voller Sonnen dünken.“ (10)

Weniger ist Mehr! Das, was übrig bleibt, ist reine Gnadenzeit. Einmal Jesus spüren, und ich kann singen:

„I don’t want a lot for Christmas
There is just one thing I need
And I don’t care about the presents
Underneath the Christmas tree“ (11)

Advent fängt damit an, dass Jesus kommt und mir sagt: „All I want for christmas is You“ (11)! Wenn ich das in mich hinein lasse, fällt dieser ganze Weihnachtsdruck, dieses Weihnachtsdrama ab! Ich sehe die Kostbarkeit dieser Zeit und lauere auf die Momente, wo es still ist. Wie jetzt zum Beispiel, wenn ich mit Tee in meiner Wohnung sitze, schreibe, mich auskuriere und die Gedanken baumeln lasse. Ich denke an Weihnachten, ich denke an Jesus, schließe die Augen und singe still:

„Ich steh an deiner Krippen hier,

O Jesulein, mein Leben;

Ich komme, bring und schenke dir,

Was du mir hast gegeben.

Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,

Herz, Seel und Mut, nimm alles hin,

Und lass dir’s wohl gefallen!“ (12)

Euer Lukas

Danke an Greg Weaver für das Beitragsbild!
Liedtextquellen:

  1. Rolf Zuckowski – Auf der Suche nach Weihnachten
  2. Wilhelm Hey – Alle Jahre wieder
  3. Daniel Sudermann – Es kommt ein Schiff geladen
  4. Rolf Zuckowski – Macht euch bereit
  5. Maria Ferschl – Wir sagen euch an den lieben Advent
  6. Rolf Zuckowski – Inseln der Stille
  7. J. S. Bach/ Paul Gerhardt – Wie soll ich dich empfangen (Weihnachtsoratorium)
  8. Wham! – Last Christmas
  9. Georg Weissel – Macht hoch die Tür, die Tor macht weit
  10. J. S. Bach/ Johann Franck Strophe 9 aus „Ihr Gestirn, ihr hohlen Lüfte“ (Weihnachtsoratorium)
  11. Maria Carey – All I want for christmas is you
  12. J.S. Bach/ Paul Gerhardt – Ich steh an deiner Krippen hier (Weihnachtsoratorium)

In der digitalen Blase

In unserer AP-Serie „Back to the Roots“ posten wir bis zum Ende des Jahres die Top-Beiträge vom ersten Jahr Alltagspropheten. Das heißt, alle die neu dazu gekommen sind, kommen auch in den Genuss diese kennenzulernen. Und ihr treuen zuhörer, die von Anfang an dabei waren… vielleicht entdeckt ihr ja etwas Neues!

Heute gehts weiter mit einem Beitrag von Joschka über die Digitale Blase (In der wir momentan vermutlich noch mehr leben denn je)

Die Vorlesung ist vorbei. Der Prof hat ausnahmsweise mal pünktlich aufgehört. Ich packe meine Sachen zusammen und trotte nach draußen. Es ist kalt geworden. Fahrrad aufschließen, Rucksack in den Korb, hoch auf den Sattel und ab geht’s. Dazu: Meine Lieblingsmusik auf den Ohren. Sie hilft mir, Abzuschalten, auf andere Gedanken zu kommen und den Alltag hinter mir zu lassen. Von meiner Umwelt nehme ich nur noch Visuelles wahr. Was um mich herum passiert, interessiert mich kaum. In Wahrheit schirmt sie mich ab. Ich lebe in meiner eigenen, digitalen Blase.

Daheim angekommen geht es direkt in mein Zimmer. Laptop aufklappen, die neuesten Fußball-Videos von letztem Wochenende anschauen. Nach einer Weile widme ich mich dem Uni-Kram. Schwer verständliche Texte flattern über meinen Bildschirm. Immer wieder lasse ich mich ablenken. Wieder zurück zum Text. Der Bildschirm nimmt meine gesamte Aufmerksamkeit ein. Später Abendessen mit Netflix, danach Tagesschau und vor dem Schlafengehen nochmal WhatsApp checken. Auch am nächsten Tag vergeht kaum eine Wartepause, bei der ich nicht mein Smartphone aus der Hosentasche ziehe.

Neulich, als ich im Park auf einer Bank saß, hat mich eine Frau angesprochen. Mein Kopf war voll, ich wollte einfach nur runterkommen. Also: Musik auf die Ohren, Augen schließen und entspannen. Auf einmal stand sie vor mir. Fast hätte sie mich erschreckt. Ich sehe, wie sich ihre Lippen bewegen. Kopfhörer raus. „Sie haben sich da gerade einfach so hingesetzt“, höre ich sie empört sagen. Ja und?!, denke ich und schaue sie irritiert an. „Eure Generation… ihr nehmt doch gar nicht mehr richtig wahr, was um euch herum passiert. Genießen Sie doch mal die schöne Umgebung.“ Halt die Klappe, denke ich und sage: „Würden Sie mich bitte einfach in Ruhe lassen?“

Sie geht, lässt mich in Frieden. Auch wenn ich ihr Verhalten etwas zu „gut gemeint“ fand, hallen ihre Worte in meinem Kopf nach. Scheint sie nicht doch ein wenig Recht zu haben?

Die nächsten Tage achte ich bewusster auf meinen Medienkonsum und den meiner Umwelt. Was ich feststelle, ist erschreckend. Kaum eine freie Minute vergeht, in der ich nicht auf mein Handy schaue. Oft kann ich mich in der Uni nicht gut konzentrieren und bin über eine kurze Ablenkung froh. Die neuesten Fotos auf Instagram checken und WhatsApp-Nachrichten beantworten. Bei kaum einer Busfahrt hat nicht die Mehrzahl der Fahrgäste Kopfhörer auf den Ohren oder tippt etwas in ihr Smartphone.

Wir leben in einer digitalen Blase. Oftmals ist uns das gar nicht mehr richtig bewusst. Der Umgang mit unserem Smartphone ist uns schon so vertraut, so alltäglich, dass wir nicht mehr darauf achten.

Ein Verzicht darauf ist keine Lösung. Die Medien sind nicht das Problem. Sie haben ja auch unschlagbare Vorteile. Es kommt vor allem darauf an, wie wir damit umgehen.

Mein Problem bei der ganzen Sache ist, dass ich mich den ganzen Tag digital ablenken kann. Immer mehr Nachrichten, immer mehr Unterhaltsames, immer mehr Input. Das führt dazu, dass es mir immer schwerer fällt, zur Ruhe zu kommen und mich meinen Gedanken zu stellen. Schnell werde ich unruhig, da ich ja seit fünf Minuten nicht mehr auf mein Smartphone geblickt habe. Die Spannung auszuhalten, mal nichts „Produktives“ zu tun, fällt mir unglaublich schwer. Ich muss doch immer „up to date“ sein, ständig erreichbar, für alles und jeden. Ich darf doch nichts verpassen.

Ich bin mir dieses Problems bewusst, merke, dass ich mir damit keinen Gefallen tue, dauernd online zu sein. Ich will mich von diesem Zwang lösen, dem inneren Drang widerstehen und wieder mehr in meiner Umwelt leben. Und nicht nur an ihr vorbei.

Gleiches Szenario, nur eine Woche später: Die Vorlesung ist vorbei. Der Prof hat heute mal wieder überzogen – wie so oft. Ich packe meine Sachen zusammen und trotte nach draußen. Es ist kalt geworden, die Abendsonne wärmt mit ihren weichen Strahlen mein Gesicht. Fahrrad aufschließen, Rucksack in den Korb, hoch auf den Sattel und ab geht’s. Dazu: Heute mal ohne Musik auf den Ohren. Ich rolle die Straße entlang, runter zum Fluss. Was sich zuerst langweilig anfühlt, entpuppt als großartige Gelegenheit zum Entspannen. Ich genieße die Fahrt, komme auf gute Gedanken und kann endlich mal wieder abschalten, auch ohne Beschallung. Meine digitale Blase ist zerplatzt.

Und deine?

by spaghettihirn

Das Schamekel

In unserer AP-Serie „Back to the Roots“ posten wir bis zum Ende des Jahres die Top-Beiträge vom ersten Jahr Alltagspropheten. Das heißt, alle die neu dazu gekommen sind, kommen auch in den Genuss diese kennenzulernen. Und ihr treuen Leser, die von Anfang an dabei waren… vielleicht entdeckt ihr ja etwas Neues!
Heute gehts weiter mit einem unserer ersten Beiträge vom 2. November 2018

Ich sitze hier. Das herrlich warme, blubbernde Wasser umspült samtweich meinen ganzen Körper und schaukelt mich sanft hin und her. Jedes Ausatmen wird zur ultimativen Befreiung, weil der leichte Wasserdruck auf meiner Lunge die ganze Arbeit übernimmt. Nach dem Atemweg-befreienden Dampfbad strömt die Luft wie von selbst durch mich hindurch. Der Nachgeschmack vom Cappuccino, den ich mir eben gegönnt habe, beflügelt meine Geschmacksnerven. Ich könnte mir noch einen bestellen, hier direkt in den Whirlpool – das machen die sogar, außerdem ist es sowieso All-inclusive. Aber ich trinke, glaub ich, lieber einen Espresso zum Nachtisch nach dem fünf-gängigen Abendessen und ein Glas auserlesenen Rotwein.

Ein knappes Jahr zuvor…

Ich sitze hier – nein, eher etwas zwischen Stehen und Sitzen – auf meinem gefrorenen Fahrradsattel. Es ist eiskalt! Ich komme vom Männergebet. Es ist Freitag. 9:00 Uhr morgens. Ich hetze aus der Altstadt in die Uni, um einigermaßen pünktlich zu kommen. Die Kälte macht mir Kopfschmerzen. Helm und Kopfsteinpflaster machen es nicht besser. Tausend Gedanken schießen durch meinen Kopf: Eindrücke vom Gebet, Gott, das Leben, die Menschen, was muss ich heute alles machen? Ich knalle die schmale Gasse zum Fluss runter. Das Kopfsteinpflaster rüttelt an mir und meinem Fahrrad und bringt das Bild zum Flackern. Dann geht plötzlich alles ganz schnell. Ich sehe jemanden mit Mantel in ein Geschäft in der Gasse huschen – davor ein fettes, blitzendes, schwarzes Auto. BMW X6 oder Audi Q5 oder VW Touareg oder Porsche Cayenne – keine Ahnung, etwas von dieser Sorte. Der Mensch mit Mantel war wohl dort ausgestiegen, um kurz in das Geschäft zu springen. Eine schäbig gekleidete Frau, vielleicht obdachlos, geht zu dem teuren Auto. Kopfsteinpflaster – alles wackelt. Was macht die da? Misstrauen. Was passiert hier? Die Frau zieht ihre Hände unter ihrem Schal-Decke-Mantel hervor und geht ganz nah an das Auto heran. Sie bewegt ihre geradeso sichtbaren, von Kälte, Frost und Dreck gezeichneten Hände über die blitzende Motorhaube bis sie schließlich kurz vor der Windschutzscheibe verharrt. Ich brettere vorbei, höre nur mein klapperndes Fahrrad und die Lüftung des dicken Autos, rolle rüttelnd und ratternd weiter.

Das verträumte Gedanken-Chaos ist auf ein Mal wie weg gepustet. Die Welt steht still. Es gibt nur noch diese eine Frage: was war hier gerade passiert? Ich muss es in Gedanken buchstabieren, weil es so bizarr ist. Die schäbig gekleidete Frau aus der Gasse war zu dem fetten, schwarzen Auto gegangen, um für diesen einen, kurzen Moment ihre Hände an der aufsteigenden Restwärme des Motors zu wärmen. Bevor ich überhaupt glauben kann, wovon ich gerade Zeuge geworden war, springt es mir an die Kehle und krallt sich fest. Es steckt mir einen Kloß in den Hals, es schnürt mir den Brustkorb zu, es wringt meinen Magen aus, es saugt die Energie aus mir raus; dieses kleine, schmierig-stinkende Monster, das ich schon so lange kenne: das Schamekel. Es tanzt und kreischt und keift in mir. Ich empfinde brennende Wut auf den Mensch mit Mantel im Laden, weil ihm das Auto gehört; herzzerreißendes Mitleid mit der Frau; auftürmende Machtlosigkeit, weil ich nur zuschauen kann. Das Schamekel sammelt das alles ein und formt daraus einen verzerrten Spiegel, den es mir unbarmherzig und höhnisch vor das Gesicht hält. Ich sehe mich, einer von den Reichen, einer aus dem Team Mensch mit Mantel und Auto. Ich schäme mich in Grund und Boden und würde gerne betroffen runterschauen, aber das Schamekel presst mein Gesicht an den Spiegel – ich kann mich nicht bewegen. Mit jeder Sekunde, die ich mich im Spiegel anschaue, steigt der Ekel vor mir selbst und dem ganzen Reichtum in dieser Welt in mir auf. Sollte ich nicht dankbar sein, dass ich zu den Reichen gehöre? Ich schäme mich, weil ich so undankbar bin. Ich schaue in den Spiegel und mir wird übel vor Ekel. Ich glaube, ich zittere. Das kleine Monster hatte es mal wieder geschafft!

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Das Schamekel steigt zu mir in den Whirlpool, ich grüße verkrampft und heiße es willkommen. Ich weiß, was jetzt passiert. Statt entspannt auszuatmen, bekomme ich kaum Luft. Statt warmen Wasser, das mich umspült, kriechen schaurig kalte Luftblasen an mir hoch, das herrliche Kaffeearoma schmeckt ranzig und bei dem Gedanken an ein fünf-gängiges Abendessen wird mir schlecht. Jetzt bin ich dankbar. Dankbar, dass die schäbig-gekleidete Frau mich jetzt nicht sehen kann und diesen ekelhaften Reichtum jenseits all ihrer Vorstellungen bemerkt. Sie hat mich gebrandmarkt, gebrandmarkt mit Erinnerung, obwohl sie mich wahrscheinlich gar nicht gesehen hat. Ich ziehe die Notbremse, stehe auf, gehe zur Dusche und wasche mir das vor Luxus stinkende Wasser vom Leib. Ich kann es einfach nicht genießen, es geht nicht. Das konnte ich noch nie so richtig.

Über die Zeit sind das Schamekel und ich Freunde geworden. Wir kennen uns einfach schon seit so vielen Jahren und teilen so viele gemeinsame Momente:

Papa, der mich mit dem Porsche irgendwo abholt und ich in die Augen meiner Freunde schaue, während ich einsteige. Sie blitzen mich an mit einer Mischung aus Bewunderung für etwas, das mir nicht zusteht und Neid auf etwas, das ich selbst gar nicht will.

Skiurlaube mit meiner Familie, die ich so liebe, aber das Schamekel habe ich immer dabei.

Ein Geldgeschenk für ein alternatives Fahrrad, das ich mir schon länger kaufen will, aber im letzten Moment einen Rückzieher mache, weil ich es eigentlich nicht brauche und mir stattdessen Bücher fürs Studium kaufe, die ich sowieso gekauft hätte.

Mama, die fragt, ob ich das feinste Lammfilet mit Papas bester Rotweinsauce zu Weihnachten essen möchte – mein Lieblingsessen. Jedes Mal wieder ein innerer Kampf zwischen Dankbarkeit, Vorfreude, Schuld und Scham – ich mag ja auch Nudeln mit Tomatensauce.

Nicht zuletzt eine Hochzeit, für die ich tausende Euro für Genuss, riesige Freude, geliebte Frau, Freunde, Familie und schönste Erinnerungen investiere. Statt einer hübschen Blume habe ich aber mein Schamekel in die Anzugtasche gesteckt. Diese Liste könnte ich lange fortführen.

Auf der einen Seite tue ich damit ganz vielen Menschen und Gott Unrecht mit meiner Undankbarkeit und mit der Unfähigkeit, Wohlstand als Segen anzunehmen und zu genießen. Das tut mir unendlich Leid. Ich kann nicht anders. Auf der anderen Seite erinnert mich das Schamekel immer wieder an alle, denen es nicht so gut geht wie mir. Es konfrontiert mich mit der Ungleichheit und der Ungerechtigkeit in der Welt, damit sie niemals aufhören an mir zu nagen. Es bewahrt mich vor Gleichgültigkeit und hilft mir, Menschen in Armut und Leid mit liebevollen Augen anzuschauen. Es zeigt mir meine Machtlosigkeit und treibt mich in Gottes offene Arme, damit lerne, ihm zu vertrauen. Denn ihm stehen Wege offen, die ich weder sehen, noch gehen kann. Ich versuche nur einen verschwindend kleinen Beitrag dazu zu leisten: ich bete, ich spende. Ich glaube, Gott hat mir das Schamekel geschickt, damit ich ein Hauch der Vorstellung erhalte, wie er sich fühlt, wenn er allmächtig, allwissend und voller Liebe für die Welt die Ungerechtigkeit, den Schmerz und das Leid in der Welt erträgt. Damit kriegt er mich immer wieder. Wenn ich mich dann angeekelt von meinem Luxus in einem verzerrten Spiegel sehen muss und mich schäme, weiß ich sicher, dass er mich sieht, kennt und trotzdem liebt. Das ist eine Erfahrung, die mir zu einem unerklärlichen Geheimnis des Glaubens geworden ist. Und Stück für Stück lerne ich eine unendlich teure Tugend, wenn ich an Gottes Hand die Ungerechtigkeit der Welt betrachte: Demut

Ich danke dem SchamEkel, ein wahrer Demuts-Engel mit fragwürdigen Unterrichtsmethoden und ein treuer Begleiter.

„Ich bemühte mich, die Weisheit kennenzulernen und das Tun und Treiben auf dieser Welt zu verstehen. Doch ich musste einsehen: Was Gott tut und auf der Welt geschehen lässt, kann der Mensch nicht vollständig begreifen, selbst wenn er sich Tag und Nacht keinen Schlaf gönnt. So sehr er sich auch anstrengt, alles zu erforschen, er wird es nicht ergründen! Und wenn ein weiser Mensch behauptet, er könne das alles verstehen, dann irrt er sich!“

(Prediger 8,16-17 nach Hoffnung für Alle)

Lukas

Socken in Sandalen


Sommer 2018
Die Ferien haben begonnen und ich möchte zusammen mit meiner Familie in Norddeutschland surfen gehen. Um zu ihnen zu fahren, habe ich mir eine günstige Sparpreis-Zugverbindung zu “unbeliebten Zeiten” rausgesucht. Es ist vier Uhr morgens als mein Wecker klingelt und meinen viel zu kurzen Schlaf beendet.

„Socken in Sandalen“ weiterlesen

Rassismus to go


Fünf Wochen zuvor. Am 13. März 2020 saß ich in einer Stuttgarter S-Bahn Richtung Hauptbahnhof. 17:30 Uhr. Was war die letzten Stunden passiert? Eine Entscheidung war getroffen worden: Wegen des Corona-Virus ist von Veranstaltungen über 50 Menschen abzusehen und es werden alle Schulen und Kitas geschlossen. Was bedeutete diese Entscheidung für mich persönlich? Es war für mich der Wendepunkt von „Corona nervt“ zu „Corona wird uns richtig kaputt machen“. Nun saß ich in der S-Bahn, um von meinem Hebräisch-Unterricht in Stuttgart nach Heidelberg zu fahren. Während des Unterrichts waren immer wieder einige meiner Kollegen verschwunden, um zu telefonieren und mit verdatterten Gesichtern wieder in den Raum zu kommen. Meistens ging es um das kurz- und langfristige Absagen jeglicher kirchlicher Veranstaltungen als Reaktion auf die gerade eingegangenen Meldungen. Mich würden diese Themen erst in zwei Stunden erwarten, weil ich auf dem Weg zu einem Treffen unseres Gemeindevorstands in Heidelberg war. 

Aber nun zurück zur Situation in der S-Bahn. Ich hatte das Gefühl, dass wirklich etwas „in der Luft lag“, wie man so sagt. Menschen auf engem Raum, genug Zeit um Viren auszutauschen, kein Sicherheitsabstand möglich – nicht so prickelnd. Es lag was in der Luft. Nach rationalem Überlegen war es sehr unwahrscheinlich, dass irgendjemand in meiner Nähe tatsächlich mit dem Virus infiziert war. Aber es war keine rationale Situation mehr. Es lag etwas in der Luft. Und das war Angst. Auch wenn wir in dem Zug nicht alle miteinander sprachen, hatte ich das Gefühl, dass die meisten dasselbe spürten. Was ich so beängstigend und faszinierend fand, war, dass es keine gedachte Angst war, die jeder in seinem Kopf hatte, sondern es lag in der Luft. Angst war einfach da, irgendwie in uns, aber vor allem um uns herum. Vielleicht kennt ihr so etwas. Es ist diffus und irgendwie nicht zu kontrollieren. Wir hatten die Kontrolle über Corona verloren und traten durch Schulschließungen und Absagen von Veranstaltungen den Rückzug an. Das war völlig unbekanntes, ungeahntes Terrain – insbesondere in diesem Ausmaß. Kontrollverlust führt zu Angst. Und jetzt in der Bahn ging die Kontrolle über die Angst in uns verloren, die Angst war irgendwie atmosphärisch in der Luft. Es fühlt sich ein bisschen so an, wie in einem Film, wenn man denkt: „Gleich passiert was!“ Nur eben real. 

Was ich erschreckend finde: Angst verändert einen! In Sekunden entsteht systematisches Misstrauen gegenüber fast allem und allen. Besonders dem gegenüber, was ein bisschen fremd ist. Das Gehirn assoziiert dann kurios und völlig ungebremst allen möglichen Scheiß zusammen. Zum Beispiel: mir gegenüber saß eine junge Frau mit vermutlich asiatischen Wurzeln. Mein Gehirn assoziiert: asiatisch – China – Wuhan – Corona. Zwei Sitzecken weiter saß eine sehr extrovertierte, angetrunkene Frau mittleren Alters, die sich in gebrochenem Englisch und afrikanischem Akzent mit dem ihr gegenüber sitzenden jungen Mann unterhielt. Der wirkte ebenfalls etwas angetrunken. Er sah nicht afrikanisch aus und hatte wahrscheinlich familiäre Wurzeln im Nahen Osten. Er redete sehr leise, sie dagegen sehr laut. Bis zu der Sitzecke von mir und der Asiatin drangen immer nur Wortfetzen der afrikanischen Frau: „Corona, Corona, Corona!“ oder „Not like Ebola“ (dt: nicht so, wie Ebola) und „Blood, everywhere blood!“ (dt: Blut, überall Blut). Diese Phrasen wiederholten sich. Das Ebola-Virus gehört zu den Viren, die bei Menschen hämorrhagisches Fieber verursachen, dabei kann es passieren, dass Menschen einfach ausbluten. Ich wusste nicht, ob ich wissen wollte, was diese Frau in ihrem Leben schon gesehen hatte. Alles in allem war die Stimmung in der S-Bahn beängstigend. Ich konnte mich selbst beobachten, wie ich alle Menschen unkontrolliert auf ihre hygienischen Standards und ihr Risiko, potentiell ansteckend zu sein, abcheckte – nur aufgrund ihrer möglichen Herkunft, Hautfarbe und sozialem Milieu. Misstrauen, Vorurteile und, ja man kann sagen, rassistische Gedanken fluteten einfach meinen Kopf. Zum Glück blieb da noch ein gewisses Reflektionsvermögen, das merkt, was gerade für ein Quatsch im eigenen Kopf läuft.

Schließlich stiegen wir alle am Hauptbahnhof aus und gingen zügig zur Rolltreppe. Ich hatte das Gefühl, jeder wollte diesen Ort schnellstmöglich verlassen. Vor den Treppen staute es sich dann. Dicht gedrängt huschten Menschen durcheinander. Kennst du das, wenn man versucht nicht einzuatmen, weil man Angst hat, dass die Luft dreckig, verseucht oder infektiös ist? Statt Rolltreppe bin ich dann lieber die lange, normale Treppe gegangen. Oben, auf dem letzten Treppenabsatz angekommen, kamen mir dann plötzlich zwei etwa 13-Jährige pubertierende Jungs entgegen, die ausfallartig und stampfend Schritte auf vorbeilaufende Menschen zu machten und dabei „Corona!“ schrien. Die hatten einen totalen Knall. Aber das gab der ganzen Situation den Rest. Ich wollte da einfach nur weg und war froh als ich den S-Bahnhof verlassen hatte, ruhig auf dem richtigen Gleis stand, um auf den ICE zu warten und über das nachdenken konnte, was in den letzten Minuten abgegangen war.

Angst macht was mit uns. Angst löst das „wir“ auf und hinterlässt ein „ich“. Angst spaltet Mensch und Mensch in Schwarz und Weiß, in Freund und Feind, in schwach und stark, in wertvoll und verzichtbar. Angst lässt Menschen Regale leer kaufen. Angst macht gesunden Menschenverstand trüb. Angst lässt Menschen zweifeln und Angst schürt Misstrauen. Seit Jahren leistet das Robert-Koch-Institut treue Arbeit für unsere Gesundheit. Angst vergisst das. Seit Jahren haben wir immer genug zu essen. Angst verlernt das. Angst macht uns schwach, zerbrechlich und kaputt. Glaube, Liebe und Hoffnung schweißen uns zusammen, machen uns widerstandsfähig und stark.

Euer Lukas

Photo by Arthur Edelman on Unsplash

Wer nicht hören will, muss fühlen!

Kurz vor Neun. Sonnenstrahlen fallen auf mein Gesicht, auf meine Arme und die Bettdecke. Ich genieße den Moment eine Weile, kuschele mich nochmal tief in meine Decke ein und sonne mich in der Wärme, die mein Fenster durchdringt. Die Vorhänge mache ich abends schon lange nicht mehr zu. So ist die Sonne das erste, was mich morgens aufwachen lässt. Die Minuten schreiten dahin und eigentlich will ich viel lieber noch länger liegen bleiben. Nachdem ich mir aber einen kurzen Ruck geben, stehe ich auf und tappe ins Bad. Kurze Morgenwäsche und dann weiter zur Kaffeemaschine. Während mir der Duft von starkem, schwarzem Kaffee in die Nase steigt, werde ich immer wacher. „Wie dankbar bin ich für diese Kaffeemaschine“ denke ich mir jedes Mal, wenn ich sie sehe. Mit dem Kaffee in der Hand geht es zurück zum Sofa. Dort hole ich meine Bibel und meinen Laptop hervor. Nach einer Weile gibt es den zweiten Kaffee und ein leckeres Frühstück.

Als Nächstes checke ich meine E-Mails. Das Postfach läuft über von Arbeitsaufträgen und Anweisungen: Familienrecht, Zwangsvollstreckung, Tarifverträge… Wann muss ich das erledigen? Heute. Abgabetermin? Morgen. Nun, irgendwie und irgendwann muss ich ja anfangen. Und damit mache ich mich an die Arbeit. Den ganzen Vormittag brauche ich dafür, zwischendurch gibt es einen dritten Kaffee. Mittags lasse ich das Essen mittlerweile einfach weg. Entweder vergesse ich es oder haben kein Hunger. Schließlich hocke ich ja eh nur daheim herum.

Nachmittags werden hier und da Kleinigkeiten erledigt, die Wohnung aufgeräumt und was sonst so anfällt. Der Uhrzeiger steht dann schon auf sechs Uhr und draußen taucht die Abendsonne alles in wunderschönes Licht. Ein bisschen frische Luft und Bewegung tut gut, deshalb ziehe ich meine Jacke und Schuhe an und mache einen kleinen Waldspaziergang. Der liegt ja glücklicherweise direkt vor meine Haustür. Als ich nach einer 3/4 Stunde zurückkomme, ist es fast schon dunkel. Ich kehre zurück auf mein Sofa, in der Hand eine Schale voll Obst und öffne Netflix. Und damit ist der Abend ausgefüllt. Irgendwann werde ich müde, lege mich hin und genieße noch etwas die Sterne direkt über meinem Kopf. Ich reflektiere den Tag nochmal kurz und danke Gott dafür. Noch ein Blick auf das Handy und ich schlafe ein.

So in etwa sieht im Moment mein Tagesablauf aus. Ok, nicht immer läuft der Tag so produktiv ab wie beschrieben. Es gibt auch Tage, an denen ich nichts anderes mache, als auf dem Sofa zu gammeln. Und ich liebe es. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal so entspannte Tage erlebt habe. Ihr habt es bestimmt gemerkt, ich sitze auch zu Hause in Quarantäne. Nicht offiziell, aber ich habe das Gefühl, dass wir im Moment alle in einer Art „Selbstquarantäne“ sitzen. Seit ungefähr zwei Wochen bin ich nun zu Hause und von der Arbeit freigestellt. Eigentlich ist es untertrieben zu behaupten, ich wäre bei der Ankündigung, dass wir zu Hause bleiben sollen, in einen Freudentaumel gefallen. Endlich mal Zeit, keine Arbeit, keine langen Anfahrtszeiten und keine Verpflichtungen.

Gleichzeitig könnte ich genauso gut in ein tiefes Loch fallen. Ich weiß, dass ich sehr emotional veranlagt bin und die Situation im Moment bringt meine ganze Gefühlswelt durcheinander. Allein schon alle abgesagten Events, Konzerte und Konferenzen könnten mich zum Heulen bringen. Um euch das bisschen zu verdeutlichen: Schon im Januar hatte ich bis Ende Juli meinen Terminkalender voll durchgeplant. Jedes Wochenende war mindestens eine Sache, auf die ich mich freuen konnte. Sei es die Steps-Konferenz, ein Frauenwochenende, unser Alltagspropheten-Offline-Meeting oder der SAT-Gottesdienst, den ich moderiere. Ich bin sicher, ihr könnt euch sehr gut vorstellen wie es ist, wenn dieser Plan und die damit verbundene Vorfreude nun komplett auf den Kopf gestellt wird! Mein Geburtstag in zwei Wochen wird wahrscheinlich so aussehen, dass ich alleine zu Hause sitze und mich langweile. Das macht mich ganz schön traurig und enttäuscht, gleichzeitig aber auch wütend.

Doch inmitten meines chaotischen Gefühlslebens fällt mir plötzlich eine kleine und unscheinbare Situation ein, die schon paar Wochen her ist. Ich saß mit meinen Eltern im Wohnzimmer und erzählte ihnen über meine Pläne für das nächste halbe Jahr. Dabei zeigte ich ihnen auch meinen Terminkalender auf dem Handy, in dem wirklich jedes Wochenende markiert war. Dabei jammerte ich, wie viel Stress ich doch hätte und das zwei coole Events auf einen Tag fallen würden, zwischen denen ich mich nicht entscheiden konnte. Meine Eltern waren natürlich über den vollen Kalender nicht grade begeistert und versuchten mir klar zu machen, dass ich dies unmöglich alles durchziehen könnte und meinem Körper auch mal eine Pause gönnen sollte. Und an die Ausbildung musste ich auch denken. Den Rat den mein Vater mir mitgab: „Bete doch mal über deinen Terminkalender!“

Im ersten Moment fragte ich mich, was das bringen sollte. Ich würde deswegen kein einziges Event oder Konzert streichen. Trotzdem schickte ich nach einer Weile doch ein Gebet nach oben. Ich weiß nur noch, dass ich dabei weiter dachte, alle Termine durchziehen zu können und Gott mir die nötige Kraft dazu schenken würde. In diesem Punkt hörte ich nicht auf den Rat meiner Eltern und stellte mich selbst quer. Ich sah nicht ein, auch nur ein Event zu streichen und so zu verpassen.

Kennt ihr das Sprichwort: „Man kann nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen“? Nun, statt mir eine Hochzeit auszusuchen und die andere zu streichen, fielen einfach beide gleichzeitig weg. Vor einer Woche strich ich dank der Corona-Krise mehr oder weniger unfreiwillig alle Termine, Geburtstagsfeiern, Meetings, Konzerte und Konferenzen aus meinem Kalender. Dieser ist nun leer. Keine Markierungen, keine Farben. Und ich habe Zeit. So viel Zeit wie seit langem nicht mehr.

Die Lektion die ich gelernt habe? Gottes Wege sind nicht meine Wege und seine Gedanken nicht meine Gedanken (Jesaja 55, 8). Ich habe geplant ohne Rücksicht auf mich oder meinen Körper und Gott musste mir leider auf die harte Tour zeigen, dass dies nicht unbedingt das Richtige war. Auch wenn das ja keine schlechten Dinge waren, auf die ich mich gefreut habe. Im Gegenteil. Aber… Wer nicht hören will, der muss fühlen!

Ich glaube Gott benutzt die Zeit auch gerade einfach, um mir persönlich zu zeigen, dass ich auch mal einen Gang runterschalten und Prioritäten setzen muss. Das habe ich jedenfalls bis jetzt gelernt. Und ich bin gespannt, welche Erkenntnisse noch auf mich warten. Die Corona-Krise ist kein Geschenk des Himmels und fordert jedem etwas ab, dennoch können wir die Zeit, die wir jetzt über haben, sinnvoll nutzen. Das bedeutet für mich zum Beispiel mehr Zeit mit Gott und der Familie zu verbringen, meinen Kleiderschrank auszumisten und alte Kleidung in die Kleidersammlung zu geben, einen großen Frühjahrsputz zu veranstalten und Spaziergänge zu machen. Und natürlich einfach mal nichts zu tun.

In diesem Sinne genießt die Zeit mit euch selber und eurer Familie und bleibt daheim!

Eure Larissa

Danke an Unsplash.com und Joshua Rawson-Harris für das Bild:)

+++ FAKE NEWS +++

Was haben das Corona-Virus und Gossip miteinander gemeinsam?

Ich bin empört! Nein, wütend!
Ich stehe im Zeitschriftenkiosk der Mannheimer Bahnhofshalle. Mein Zug wurde mit 50 Minuten Verspätung angekündigt (,was schon Grund genug für meine Empörung sein könnte…) Doch ich blättere, um meine Wartezeit zu überbrücken, durch einige Outdoor-Zeitschriften. Beim Umdrehen fallen mir die vielen, fett markierten Überschriften der „Klatsch und Tratsch“-Zeitschriften auf: „Ist Helene Fischer schwanger?“, „Im Interview: Herzogin Kate spricht über ihre Schwägerin“ oder „Outfitskandal bei der Berlinale – das ging gar nicht!“…

Wie kann es sein, dass Menschen ihr Geld damit verdienen, über das Leben irgendwelcher „VIPS“ zu schreiben und Wahrheit und Privatsphäre dabei zweitranging sind? Warum reizt es Menschen diese Zeitschriften zu lesen, in denen berühmte Persönlichkeiten unvorteilhaft dargestellt werden und ihre scheinbare „Fehlerhaftigkeit“ mit provokativen Überschriften beworben wird?

Mein verspäteter Zug fährt endlich im Bahnhof ein und meine Wut verfliegt vorerst wieder. Doch es dauert nicht lange, da muss ich feststellen, dass ich selbst diesem gewissen Reiz unterliege, das Leben der Anderen zu beurteilen…
Während der Fahrt scrolle ich durch meinen Instagram-Feed. Ich betrachte Fotos von Freunden und Freundinnen und ertappe mich selbst dabei, wie ich Urteile fälle über ihre (Selbst-)Darstellungen, Meinungen und Entscheidungen. Zwar setzten sie sich mit ihren Posts und Storys der Bewertung anderer bewusst aus, dennoch empfinde ich Scham dafür, dass ich dieser Versuchung so leicht verfalle und meine Bewertungen häufig so schlecht ausfallen. Wollte ich, das so über mich gedacht und gesprochen wurde?

Einen Tag später feiern wir den 84. Geburtstag meiner Oma und ich lausche neben Kaffegeschirrgeklapper und plattdeutschen Liedern auf dem Klavier den überaus interessanten Gespräche von Ü80-Rentnern. Sie tauschen sich über die brandaktuellsten Neuigkeiten aus: den Vorgarten der Nachbarin, den Geiz der abwesenden Freundin, das Outfit von Frau F. beim Einkaufen auf dem Markt, den schnöseligen neuen Partner der Schwester oder die starke Gewichtszunahme der Schwiegertochter.
Scheinbar sind auch im Alter die „Skandale“ aus dem Leben anderer nicht weniger spannend geworden.

Es ist und bleibt Gesprächsthema Nr.1! Und ich frage mich:
Warum ist das Reden, oder eher das „unbarmherzige Spekulieren“ über das Leben der Anderen so hochgradig reizvoll und spannend?

Schließlich kennen ich doch selbst das unbehagliche, ängstliche Gefühl, wenn ich vermute, die Person zu sein, über die andere reden. Und wenn ich erst erfahre, dass über mich gesprochen und dabei die Tatsachen völlig verdreht oder einfach falsch dargestellt wurden, werde ich richtig wütend und fühle mich ohnmächtig!
Auf der einen Seite will ich selbst auf keinen Fall zum „Opfer“ von Lästereien werden und doch neige ich immer wieder dazu, selbst das Urteil über Andere zu fällen. Warum ist das so?

Zum einen glaube ich, dass es eine starke Neugier am aktuellen Geschehen ist. Gossip ist spannend! Wer hat wo, mit wem und was auf welche Art und Weise XY gemacht/gesagt? Wer ist mit wem zusammen? Wer hat sich zerstritten? Was ist wirklich in der Nacht von Samstag auf Sonntag passiert? Wenn mir mein eigenes Leben manchmal langweilig erscheint, interessiere ich mich für die Dramen der Anderen. Quasi eine “gute Unterhaltung”.

Aber ich glaube, dass es noch weitere Gründe für die Verbreitung von höchst spannenden Neuigkeiten aus dem Leben anderer gibt: Stolz, Hochmut und Sicherheit.
Die Fehler des Anderen hervorzuheben, lenkt von den eigenen Fehlern ab und lässt mich selbst „besser“ fühlen. Gossip stellt eine Möglichkeit dar, meinen eigenen Selbstwert zu pushen. Und wenn ich auf der Seite der Gossip-Verbreiter bin, wäge ich mich in scheinbarer Sicherheit, nicht selbst Zentrum der Gespräche anderer zu sein.

Wie makaber und armselig. Ich schäme mich für jede Situation, in der mich genau diese Motive dazu verführt haben, in Gesprächen mitzureden oder selbst etwas auszuplaudern. So möchte ich weder reden, noch denken. So ein Mensch möchte ich nicht sein!
Ich wünsche mir, das Gute und Fabelhafte in meinem Mitmenschen zu sehen und in jeder meiner Begegnungen gute und wertschätzende Worte zu sprechen. Ich möchte ein Mensch sein, der andere nach vorne bringt und ihre Fehler annimmt und mit ihnen gemeinsam darüber schmunzeln kann! Dieser Wunsch brennt in mir!

Zurück zu meiner Eingangsfrage:
Was haben das Corona-Virus und Gossip miteinander gemeinsam?
– beides verbreitet sich extrem schnell und die Übertragungsketten sind nur schwer zurückzuverfolgen.

Willst ich andere infizieren oder schützen?

Eure Greta,
die ab jetzt alles daran setzt, eine Epidemie der Nächstenliebe in Gang zu setzten! #letsdoittogether

Rente 2061 – und worüber man noch so nachdenkt, wenn man erwachsen wird

Wann wird man erwachsen? Ich meine jetzt nicht den 18. Geburtstag oder irgendwelche anderen juristischen Definitionen. Was zeichnet einen Erwachsenen aus? Geht es nur darum sich erwachsen zu fühlen? Was macht man als Erwachsener? Was macht erwachsen? Oder erscheint man nur erwachsen?

Ich habe mit 18 Jahren eine Kombination aus Berufsunfähigkeits- und Rentenversicherung (BU, RV) abgeschlossen. Beziehungsweise, ich hab sie unterschrieben, weil mein Papa es empfohlen hat und ich vollstes Vertrauen hatte, dass das das Richtige in dieser Situation war. Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir mit einem Finanzberater bei meinen Eltern im Esszimmer saßen und er das ganze Versicherungskauderwelsch erklärt hat. Ich war maßlos überfordert, habe gar nicht so wirklich verstanden, worum es ging und dachte nur: „Passt schon.“ Altersvorsorge, Fonds, Paragraphen, Chancen-Risiko-Klassen, dynamische Beitragsentwicklung, usw. Voraussichtlicher Renteneintritt: 2061! Ich überblickte damals maximal die nächsten fünf Jahre, der Rest war Fantasy. Ich dachte einfach: Das muss man nicht verstehen, es gehört nur irgendwie dazu, das zu machen. War das erwachsen? Nö. Es war mehr so eine Spielplatzsituation. Papa ruft: „Spring, Junge!“ Lukas springt.

Mittlerweile sind fünf Jahre vergangen. Einiges hat sich verändert: Ausgezogen, geheiratet, Studium geht aufs Ende zu. Erwachsener geworden? Vermutlich. In der vergangenen Woche hat Lina (meine Frau) sich mit dem ganzen BU-RV-Thema beschäftigt. Während ich eher der Passt-schon-Denker bin, ist sie eher die wohlüberlegte Skeptikerin. Das bedeutet, sie wühlt sich mit Textmarkern und Post-Its durch 120 Seiten Verträge, Verpflichtungs- und Datenschutzerklärungen, um sich auf drei DIN A4 Seiten alle ihre Fragen zu notieren, die sie dann mit ihrem Papa und dem Finanzberater erörtert, um zu einer abgeklärten, wohlüberlegten Entscheidung zu kommen. Das wirkt irgendwie schon ein bisschen mehr erwachsen. Niemals wäre ich genauso vorgegangen, weil ich anders bin, aber ganz bestimmt auch nicht so wie vor fünf Jahren. Es hat sich nämlich herausgestellt: es ist besser, wenn man vieles von dem Zeug doch versteht. Letztendlich geht es wirklich um gruselige Dinge, wie: was passiert, wenn ich plötzlich nicht mehr arbeiten kann? Von welchem Geld will ich leben, wenn ich Rentner bin? Verrückt, man entscheidet über Geld, das man nicht einmal angefangen hat zu verdienen. Und man redet plötzlich von merkwürdig viel Geld im sechsstelligen Bereich, das sich irgendwie in den nächsten 40 Jahren ansammeln könnte. Das finde ich krass erwachsen. 

Erwachsensein kommt mir manchmal vor wie Schach spielen. Wie viele Züge kann ich im Voraus überblicken? Im Kindergarten war es crazy, wenn man morgens weiß, was abends passiert; irgendwann denkt man immer bis zum nächsten Geburtstag; dann bis zum Abitur. Und dann kommt die Frage: „Was mache ich nach dem Abi?“ Die endet oft mit einem unsicheren „keine Ahnung, aber ich glaube es ist das Beste, wenn ich hier oder da, oder irgendwo anfange“. Und dann wird man erwachsen und der Horizont wächst plötzlich bis ins Rentenalter. Auf einmal geht’s um Absicherung, Abschätzen von allen möglichen Eventualitäten und Risiken. 

Als Christ frage ich mich da manchmal: wie viel will ich denn absichern und wie viel vertraue ich darauf, dass Gott das schon gut macht und mich bewahrt. Eigentlich richtig dumm. Als gäbe es zwei Konten: eins mit meinen Versicherungen und eins mit Gottvertrauen. Als gäbe es da ein „Entweder-oder“. Als würde das so funktionieren. Ich glaube der Unterschied zwischen Gottvertrauen und Versicherungen ist, dass Versicherungen Schadensbegrenzung erzielen und Gottvertrauen Hoffnung spendet. Man merkt das allein an Worten wie „Vor-Sorge“ und „Zu-verSicht“.

Ich habe mir vorgenommen, mehr darauf zu schauen, was verantwortliches Handeln ist. Also, wie viele Unsicherheiten soll ich absichern, die ich ohnehin nicht in der Hand habe. Wo ist mein Geld vielleicht besser aufgehoben? Ich will ernst nehmen, was Gott über Geld sagt. Ich will nicht weniger Spenden, nur um irgendwelche Sachen zu versichern. In der frommen Subkultur kapitalisieren wir dann gerne irgendwelche Glaubensphänomene und sagen so churchy Zeug wie: „Ich investiere in die Ewigkeit und baue am Reich Gottes.“ Das finde ich ehrlich gesagt etwas missverständlich, wobei der Grundgedanke ja nicht schlecht ist: Die Versprechen Gottes ernstnehmen und glauben, dass sie real und wahr sind. Dennoch bin ich überzeugt, dass so mancher pseudo-frommer Leichtsinn auch nicht so göttlich und heilig ist. Es gibt ja durchaus Versicherungen, die Sinn ergeben und sich lohnen wahrzunehmen, weil man ja nicht allein auf dieser Welt ist, sondern unter Umständen auch Verantwortung für andere trägt. So eine Berufsunfähigkeitsversicherung oder eine Haftpflichtversicherung sind da schon tolle Einrichtungen. Ich denke am besten ist es, wenn man sich beim Nachdenken über Versicherungen die Perspektive Hoffnung und Ewigkeit, die Gott uns gibt, vor Augen hält und die Zukunftssorgen von Gott in göttliche Zuversicht und ganzheitliches Verantwortungsbewusstsein verwandeln lässt.

Euer Lukas, der jetzt auch schon mal gedanklich und etwas stümperhaft bis zur Rente vorgedrungen ist.

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Der Mann des Zweifels

Es war einmal ein Mann. Er hatte ganz Europa bereist. Überall gelebt – ein Vagabund. Er stammte vom Adel ab und pflegte viele Beziehungen zum gesamten europäischen Klerus. Und obwohl er nicht sonderlich alt wurde, hatte er den gesamten 30-jährigen Krieg erlebt, der Europa verwüstet und entvölkert hatte. Er hatte den größten Schmerz seines Lebens erfahren, als er seine 5-jährige Tochter – sein einziges Kind – zu Grabe tragen musste. Wer ihn sah, hätte ihn wohl als kränklich beschrieben. Und dennoch war er der intellektuelle Rebell seiner Zeit und litt unter der Verfolgung der konservativen Kirchenfürsten. Er war ein Universalgenie – der Vater der neuzeitlichen Philosophie. Europa, wie wir es heute kennen, wäre undenkbar ohne ihn. Und er war ein frommer Mann. Sein Name ist René Descartes.

„Der Mann des Zweifels“ weiterlesen

Ja, aber um welchen Preis?

Nachdem es in den letzten Wochen viel um Jahreswechsel, Jahresvorsätze, Jahresrückblicke und so weiter ging, will ich heute über ein Thema schreiben, das mich die letzten Monate sehr viel beschäftigt und bewegt hat. Ein Thema, über das es mir nicht leicht fällt zu schreiben und viel Weisheit und Nachdenken benötigt, um die richtigen Worte zu finden. Es geht um Einheit!

Vorab eine Info: Meine Meinung zu diesem Thema ist meine persönliche. Vielleicht stimmen die anderen vier aus unserem Team dieser nicht zu. Genauso wenig lässt sich meine Ansicht zu diesem Thema auf die Ausrichtung des Blogs projizieren. Vielleicht teilst du diese auch nicht. Das ist okay. Denn auf diesem Blog geht es darum, Erlebnisse und persönliche Gedanken aus unserem Leben als Christen zu teilen und neue Gedanken anzuregen.

Einheit. Vielleicht muss ich dieses Wort „Einheit“ erst einmal genauer auseinander nehmen. Der Duden beschreibt Einheit wortwörtlich als „eine in sich geschlossene Ganzheit und Verbundenheit; eine als Ganzes wirkende Geschlossenheit und innere Zusammengehörigkeit.“ 
Wenn ich in die Bibel schaue, sehe ich eigentlich keinen großen Unterschied. In seinem letzten Gebet auf Erden sagt Jesus in Johannes 17, 22-23 zu seinem Vater:

Ich habe ihnen die gleiche Herrlichkeit geschenkt, die du auch mir gegeben hast, damit sie eins sind so wie wir eins sind und damit sie die vollkommene Einheit gewinnen und die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und sie liebst.

Und im ersten Brief an die Korinther, Kapitel 1 Vers 10 schreibt Paulus:

„Sprecht alle mit einer Stimme und lasst keine Spaltungen unter euch zu! Haltet in derselben Gesinnung und Überzeugung zusammen!“

Wir merken also: Einheit ist gewollt, Einheit ist gut und Jesus selbst betet sogar dafür, das  Christen untereinander eins sind. Sie sollen die gleichen Überzeugungen und dieselbe Gesinnung (besser übersetzt mit, die gleiche Einstellung, das gleiche Ziel oder auch die gleiche geistliche Grundeinstellung) haben.

Kommen wir aber zu dem Punkt, der mich stocken lässt. Was bedeutet Einheit heute? Das Einheitsgefühl, welches Deutschland und die Konfessionen des Christentums gerade wie eine Welle überschwemmt, macht mir nicht nur Sorgen, sondern lässt mich auch meine eigenen Überzeugungen hinterfragen. Denn auf den vielen christlichen Events, Gottesdiensten oder Festivals, die ich letztes Jahr besuchte oder verfolgte, nahm ich auch wahr, das dort viele verschiedene Konfessionen, sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche, Freikirchen und verschiedene Gemeinden teilnahmen und diese auch meistens zusammen organisierten.

An sich finde ich das einen tollen Ansatz. Wir können voneinander lernen und dabei eingeschweißte Denkweisen überarbeiten. Aber natürlich fließen bei verschiedenen Konfession auch immer verschiedene Glaubensansichten mit ein. Dabei entstehen dann oft Kompromisse, besonders in der Auslegung der Bibel. In vielem gibt es dann nicht die gleichen Überzeugungen, wie es im Bibelvers weiter oben steht.

Versteht mich nicht falsch, dies ist nicht überall so und in erster Linie will ich hier nicht über Kirche und Konfessionen oder verschiedene Glaubensüberzeugungen reden, sondern über uns und wie wir zu unseren Überzeugungen stehen.

Ich denke, und das ist mir in den letzten Monaten immer deutlicher geworden , dass, wo verschiedenste Ansichten aufeinanderprallen, immer Kompromisse geschlossen werden, um den Frieden und die Gemeinschaft aufrechtzuerhalten. Das ist nicht nur im christlichen Bereich der Fall, sondern überall. Und meiner Meinung nach werfen (manche) Christen dabei schnell ihre Überzeugungen und biblische Wahrheiten über Bord. Denn Einheit ist ja schließlich das wichtigste, oder? Daran sollen Christen doch erkannt werden und sich unterscheiden. So sagt es auch der Bibelvers weiter oben. Ja, dem stimme ich zu. 

ABER: Hinterfragen wir das mal. Ist Einheit und Frieden wichtiger als biblische Grundlagen und Aussagen? Warum stehen viele Christen nicht zu dem was die Bibel sagt, sondern schneidern sich ihre eigenen Vorstellungen zusammen? Warum wird der Wert der Einheit höher gestellt als der Wert der Bibel? Einheit hat einen großen Wert und ist ein erstrebenswerter Zustand. Doch mit welchen Mitteln und unter welchen Kompromissen? Wenn Einheit bedeutet, dass Gottes Wort verharmlost oder verändert wird, kann dies nicht die Einheit sein, um die Jesus gebeten hat. 

Natürlich will ich damit nicht sagen, dass man immerzu sein Recht und seine Meinung durchsetzen muss. In Kleinigkeiten und unwichtigen Streitereien kann und sollte man auch mal den Mund halten können und nachgeben. Das ist übrigens auch ein biblisches Prinzip. Jesus hat seinen Gegenüber geachtet und akzeptiert und ihm nichts übergestülpt. 

Wie sieht es aber mit essentiellen grundlegenden Aussagen der Bibel aus? In diesem Punkt finde ich es enorm wichtig, dazu zu stehen, was die Bibel sagt und diese Aussagen nicht einfach umzudrehen, wegzulassen oder als unwichtig anzusehen, nur um das Gegenüber nicht zu verärgern.

Ich will dich mit diesen Überlegungen  ermutigen alles zu überdenken und zu prüfen, was du siehst. Wenn du merkst, das in Gemeinden und Kirchen Kompromisse geschlossen werden, die du nicht unterstützen kannst und die nicht die Aussagen der Bibel unterstreichen, dann bleibe nicht ruhig und akzeptiere dies, sondern steh auf und sage klar deine Meinung. Trau dich auf Gegenwind zu stoßen und andere mit deinen Ansichten zu verärgern. Schwimme gegen den Strom. 

Und wenn du dich jetzt fragst, wie du erkennen kannst, was wahr und was falsch ist oder wo nicht mehr die Bibel und Jesus im Mittelpunkt stehen, sondern das Einheitsgefühl, dann kann ich dir nur sagen: Lese die Bibel. Dort steht alles drin, was du wissen musst. Tausche dich auch mit älteren, gläubigen Menschen aus, die vielleicht schon viel erlebt und gelernt haben. Und bitte Gott, dass er dir Mut schenkt, für die Wahrheit einzustehen.

Eure Larissa

PS: Ich würde mich freuen, wenn du mir schreibst, was du zu diesem Thema  denkst. Vielleicht kann ich von dir auch einiges mitnehmen und lernen;)

Du erreichst mich auf Instagram unter dem Post, hier auf der Webseite oder per E-Mail an larissa@alltagspropheten.de 

Danke an Unsplash.com und Hudson Hintze für das Foto.

Reset the World

Eine neue Dekade ist angebrochen!
Die 2010er: Die Dekade der Smartphones und Tablets. Die, in der die Welt 2012 hätte untergehen sollen. Die glorreichen Jahre von Gangnam Style, Harlem Shake und “What Does The Fox Say”. Ice-Bucket-Challenge, Pokémon Go, Fidget Spinner und #MeToo. So viel ist passiert. Dieser Abschnitt ist jetzt Geschichte. Wir müssen uns jetzt an eine weitere Zwei in der Jahreszahl gewöhnen. Aber außer dieser Nebensächlichkeit? Was wird sich in den nächsten zehn Jahren verändern? Wird es die Dekade, in der Computer die Herrschaft über uns Menschen erlangen? Oder ist das nur utopisches Weltverschwörungsdenken?

Ein neues Jahr ist angebrochen!
2019: Das Jahr von Fridays for future. Das, in dem ein Mann mit blauen Haaren die Gesellschaft spaltete. Regenwald, Notre Dame und Mecklenburg-Vorpommern. Oft waren Brände ein großes Thema. So viel ist passiert. Doch auch diese Zeit  ist jetzt Geschichte.
Was lief gut im letzten Jahr? Was war eher ein Erlebnis zum Vergessen? Diese Frage stellten sich viele zum Ende des Jahres. Und 2020? Mehr Sport. Weniger Handy. Öfter Bibel lesen. Regelmäßiger lernen. Standards eben.
Stand heute? Die neuen Turnschuhe liegen ungenutzt im Schuhregal. Die langweiligen Vorlesungen werden mit Instagram gefüllt. Die Bibel liegt seit ein paar Tagen unbeachtet in der Schublade neben dem Bett. Die To-do-Liste ist wieder so voll wie immer.
Diesen Frust kennen vermutlich viele. Aber vielleicht klappt es ja nächstes Jahr?

Ein neuer Tag ist angebrochen!
31. Dezember: Der Tag der Vorbereitungen. Der, an dem die Raclette-Geräte zu ihrem wohlverdienten Einsatz kommen. Alte Geschichten werden wieder ausgepackt. Dinner for one, Sekt und Feuerwerk. Es war viel los an diesem Abend. Aber der ist jetzt vorbei.
Ich wache auf – vielleicht ein bisschen später als sonst – und eigentlich ist es ein neuer Tag wie jeder Andere.

Jedes Jahr aufs Neue versuche ich dieses Konstrukt, Neujahr zu verstehen. Ja. Eine neue Dekade ist angebrochen. Ein neues Jahr hat begonnen. Aber genauso auch ein ganz normaler neuer Tag. Bloß lasten auf diesen Tag ganz andere Hoffnungen. Er ist wie eine RESET-Taste. Alles ist wieder auf Null. Ein unbeschriebenes Blatt. Ich kann aus den Erfahrungen der letzten Jahre lernen und an diesem Tag einen Neustart beginnen. Das setzt aber auch ziemlich unter Druck. Ab jetzt möchte ich der bessere Philipp sein. Die neue Version mit allen Bugfixes und Updates.
Doch was, wenn ich feststelle, dass dieser Neustart mal wieder in die Hose gegangen ist?
Aufgeben? In die Ecke setzen und Schmollen?

Ich muss da an Petrus denken. Auch er hat einmal versagt (und wahrscheinlich noch öfter). Als Jesus verhaftet wurde, hat er sich ganz fest vorgenommen, an seiner Seite zu stehen. Er war sich ganz sicher, dass er das schaffen würde. Aber Jesus hatte schon vor der Aktion berechtigte Zweifel. Und dann, tatsächlich. In den wohl schwersten Stunden hat Petrus kalte Füße bekommen und hat Jesus verleugnet. Gesagt, dass er ihn nicht kenne. Kurze Zeit später läuft es ihm eiskalt den Rücken herunter: Er hat es nicht geschafft, was er sich vorgenommen hatte. Vermutlich schlimmer, als jeder nicht eingehaltener Jahresvorsatz. Einige Zeit später kommt Jesus auf ihn zu. Wie sich Petrus zu dem Zeitpunkt wohl gefühlt hat? Sicherlich war es ein Gespräch, das er lieber gemieden hätte. Aber Jesus reagiert ganz anders, als er es erwartet hätte. Er gibt Petrus eine neue Chance.

Wir sind jetzt schon einige Tage im neuen Jahr. Die ersten Vorsätze sind schon in den Sand gesetzt. Trotzdem möchte ich dir sagen: Es braucht kein neues Jahr um neu zu starten. Jeder neue Tag ist schon eine Chance auf einen Neustart. Egal, was du dir vorgenommen hast. Bei Jesus bekommst du jeden Morgen eine zweite Chance.

Text und Bild: Philipp Jenny