Ein Sündenbock für den Frieden

Über die Ostertage haben wir ein kleines Special geplant. Wir wollen die Story aus der Sicht verschiedener beteiligter Personen erzählen. Zum ersten Mal auch zum Anhören:

 

„Gouverneur!?“ Tock, tock, tock. „Gouverneur!!?“ Ich schrecke hoch. „Ja, was ist denn?“, rufe ich zurück. „Draußen stehen ein paar Juden mit einem Verbrecher, sie verlangen nach euch!“ Ich blinzle, aber es ist noch dunkel. Die Sonne scheint noch nicht aufgegangen zu sein. Nur das graue Licht vom anbrechenden Tag fällt durch das östliche Fenster. Tock, tock tock. „Gouverneur!!!“ „Ja verdammt! Es ist ja noch mitten in der Nacht! Sollen sie doch reinkommen!“ Halb schlafend setze ich mich auf. „Sie können nicht, wegen des Festes, ihre elenden Reinheitsvorschriften, ihr wisst ja!“ „Dann komme ich eben raus!“ Ich torkle zum Stuhl, werfe mir schnell etwas zum Anziehen über und verlasse das Zimmer. Was sie wohl schon wieder haben, diese über gebildeten Korinthenkacker? Noch mal durchatmen, Kopf hoch, Brust raus – immerhin muss man ja die Autorität Roms repräsentieren, sonst geht ja noch alles den Bach runter zwischen diesen ganzen religiösen Fanatikern.

Ich trete durch das Eingangstor des Prätoriums. Stolz präsentieren sie da ihren Gefangenen – lächerlich. „Was habt ihr gegen ihn?“, frage ich. „Wenn er nichts gemacht hätte, wären wir nicht hier.“ Immer diese super schlauen, pubertären Antworten. „Kümmert euch doch selbst um eure Gefangenen!“ „Das geht nicht, wir dürfen ihn nicht hinrichten.“ Hinrichten? Das überrascht mich jetzt etwas. Was der Kerl wohl Schlimmes angestellt hat? „Mein Gott, dann bringt ihn eben rein!“ Warum muss ich eigentlich immer den Mist von diesen Nervbacken ausbaden. Ich hätte mich wohl lieber nach Britannien oder von mir aus auch nach Mauretanien versetzen lassen sollen. Naja, vielleicht sollte ich mich doch kurz informieren, was jetzt Sache ist. „Du da, sag mal, was wird dem Kerl dort drin eigentlich vorgeworfen?“ „Das ist Jesus von Nazareth, Gouverneur. Man sagt, er habe sich selbst zum König der Juden gekrönt.“ Ein König der Juden, im Leinensackgewand, na das passt ja! Aber dann ist das wohl der Typ, der in der letzten Woche mit seiner neu modernen Lehre den Judentempel etwas aufgemischt hat.

Ich betrete den Verhörraum. „Bist du der König der Juden?“, frage ich forsch. „Bist du selbst drauf gekommen oder sagt man das über mich?“, kontert der König in Ketten. Ganz schön frech, aber für einen Mann in seiner Situation hat er echt Eier in der Hose. Der Typ gefällt mir. Ich erwidere: „Wen interessiert’s, ich bin ja kein Jude, aber immerhin haben deine eigenen Leute dich ausgeliefert, was hast du getan?“ Er sagte: „Das Reich, dessen König ich bin, ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, dann hätten meine Diener für mich gekämpft, damit ich nicht den Juden in die Hände falle. Nun ist aber mein Reich nicht von dieser Erde.“ Na wunderbar, ein Spinner, der sich für einen König hält. Etwas zu transzendent für meinen Geschmack. „Dann bist du also tatsächlich ein König?“, frage ich, um ihm etwas auf die Sprünge zu helfen. Er antwortet: „Du hast Recht – ich bin ein König. Ich bin in die Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeuge zu sein; dazu bin ich geboren. Jeder, der auf der Seite der Wahrheit steht, hört auf meine Stimme.“ „Wahrheit, was ist Wahrheit?“ Ich bin so weit herumgekommen, habe so viele Kriege geführt und Tausende auf den verschiedensten Seiten der Wahrheit sterben sehen. Aber immerhin weiß der Kerl, was er will und ein Zeuge der Wahrheit, bezeugt sie und zettelt keine Unruhen an. Für philosophisches Gelaber muss man nicht gleich sterben.

Ich gehe wieder raus zu den Juden. Ich muss sowieso noch mit ihnen reden. Wegen ihres Festes lasse ich immer einen jüdischen Gefangenen frei, warum nicht den da drin. Dann gehen sie mir heute nicht mehr auf die Nerven. „Ich finde keine Schuld an ihm, wollt ihr, dass ich ihn frei lasse?“ Heftiges Gekeife und entrüstete Proteste, war ja klar. Mittlerweile war die Sonne aufgegangen und die kleine Truppe von vorhin war mittlerweile eine ziemliche Menschenmasse geworden. Sie wollen lieber Barabbas frei sehen. Die haben echt den letzten Schuss nicht gehört, lieber den Schwerverbrecher als den Philosophen mit etwas zu viel Selbstbewusstsein. Kaum zu glauben! Die spinnen, die Juden! Aber um des Friedens willen, meinetwegen. „Lasst ihn auspeitschen!“

Ich gehe wieder ins Prätorium. Ich hoffe sie geben Ruhe und ich finde noch ein paar Minuten Schlaf. Vergeblich! Der Lärm draußen macht es unmöglich. Warum muss ich hier eigentlich immer Streitschlichter für diese Irren spielen? Ich gehe wieder raus. Auf dem Weg durch die Vorhalle sehe ich, dass die Soldaten dem vermeintlichen König der Juden eine Krone aus Dornen aufgesetzt haben und ihm einen königlichen, purpurnen Mantel angezogen haben. Sie verhöhnen und schlagen ihn. Eigentlich hatte ich nur auspeitschen gesagt. Ich merke wie mein Herz etwas schneller schlägt und ein mulmiges Gefühl meine Brust hoch kriecht. Irgendwie verselbstständigt sich die ganze Sache hier.

Ich muss das unter Kontrolle bringen. Wenn in Rom die Stimmen laut werden, dass ich der Situation hier in Palästina nicht gewachsen sei, werde ich schneller, als ich zwinkern kann, abgezogen und muss in irgendeinem Loch die Steuern verwalten. Ich zeige dem Volk mal ihren König. Wenn sie sehen, wie runtergeprügelt er aussieht, geben sie vielleicht Ruhe. Ich gehe raus. Mittlerweile sind es Menschenmassen und es werden immer mehr. Sie stehen schon auf den Dächern der Häuser rund um den Platz. „Ich bringe ihn jetzt raus. Ich finde keine Schuld an ihm!“, schreie ich gegen den Lärm. Der verkleidete und gepeinigte König stolpert durchs Tor. Ein Tosen bricht aus. Die Leute brüllen, pfeifen, werfen mit Dingen. Und wie nach einem guten Theaterstück, wenn alle anfangen gleichzeitig zu klatschen, schreien sie: „Kreuzige ihn!“ „Kreuzigt ihn doch selbst, ich kann keine Schuld an ihm finden!“, brülle ich in die Menge. Vergeblich, bei der Geräuschkulisse haben mich höchstens die Schlaumeier von heute Morgen in den ersten Reihen gehört. „Wir haben ein Gesetz, nachdem er sterben muss, weil er behauptet er sei Gottes Sohn!“, keift einer zurück. Verdammt was soll er denn jetzt noch sein: König, Spinner, Halbgott oder wirklich Gott? Irgendetwas stimmt hier nicht.

Ich schnappe mir den Judenkönig und gehe mit ihm rein. Das wird mir alles zu bunt. „Woher kommst du eigentlich?“ Schweigen. „Du weißt schon, dass ich der bin, der gleich entscheiden muss, ob du stirbst oder frei kommst?!“ „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre. Deshalb trägt der, der mich dir übergeben hat, eine größere Schuld“, erwidert er. Das hilft mir hier auch nicht weiter. Was will der Kerl? Wenigstens nimmt er mir etwas Druck, falls ich hier falsch entscheide. Und von oben gegeben hin oder her, die Juden da draußen steigen mir gleich aufs Dach. Mir wird immer mulmiger zumute. Die ganze Situation artet irgendwie aus. Es schnürt mir die Kehle zu, ich fange an zu Zittern, aber wage einen letzten Anlauf und gehe nochmal raus in das Getöse. „Er ist nicht schuldig, ich will ihn frei lassen!“, rufe ich. Meine Stimme ist brüchig. „Wenn du den freilässt, bist du nicht mehr der Freund des Kaisers! Jeder, der sich selbst zum König macht, stellt sich gegen den Kaiser“, bellt mir einer entgegen. Jetzt rutscht mir das Herz endgültig in die Hose. Sie schlagen mich mit meinen eigenen Argumenten, mit römischem Recht und Herrschaftsanspruch. Wenn ich jetzt nicht nachgebe, war es das hier für mich. „Bringt ihn her!“, keuche ich. Ich schwitze fürchterlich. Mit wackelnden Knien und flauem Magen taumele ich zum Richtstuhl auf dem Platz. Es ist bereits mittags und die knallende Sonne macht es nicht besser. Mir ist schwindelig. Jetzt darf es nicht weiter eskalieren. Rom muss seine Integrität bewahren und die Herrschaft in diesem verfluchten Land behalten. Das ist meine Pflicht. Ihre Loyalität muss zurückgewonnen werden. Ein Sündenbock für Rom, wenn es sein muss. Sie bringen den Judenkönig vor das Gebäude. Ich hole Luft. „Seht da, euer König!“ Die Menge tobt. „Kreuzige ihn!“, donnert und bebt es durch mich hindurch. Ein letzter Test, ich muss es hören. „Euren König soll ich kreuzigen lassen?“ „Wir haben keinen König außer dem Kaiser“, brüllt einer ihrer Anführer. Das reicht mir. Ich lasse meinen Arm mit dem Richthammer zitternd auf das Pult fallen. Es wird mucksmäuschenstill. Alle halten die Luft an und erwarten das Urteil.

Mit zusammengebissenen Zähnen presse ich es gegen alle inneren Widerstände heraus: „Kreuzigt ihn.“ Das Geschrei und Gepfeife explodiert. Ich schließe die Augen. Schlucke. Stehe auf. Muss in mein Zimmer ins Prätorium zurück. Mein Magen hat sich umgedreht und alles wackelt. Tunnelblick. Am Eingang halte ich mich an einer Säule fest und atme durch. „Gouverneur, was schreiben wir auf sein Schild?“ „Jesus von Nazareth – König der Juden, in den gängigen Sprachen“, hauche ich noch heraus. Einer der Anführer der Juden, der am nächsten steht, erwidert empört: „Es darf nicht König der Juden heißen! Schreibe: Dieser Mann behauptet er sei der König der Juden.“ Es reicht. Ich kann nicht mehr. Mit nichts kann man dieses elende Pack zufrieden stellen. „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben“, zische ich.

Ich wanke durch das Prätorium. Die Geräusche von draußen verblassen langsam. Ich stolpere nur noch über die Türschwelle in mein Zimmer, wo heute Nacht alles angefangen hatte und erbreche in die Schale neben meinem Bett. Das ist irgendwie befreiend. Zusammengesackt bleibe ich da auf dem Boden sitzen und starre minutenlang in den leeren Raum. Was war passiert? Ich habe einen ekligen Brechgeschmack im Mund und an meinen Händen klebt der Dreck des Tages. Ich wasche sie, spucke etwas Schleim aus und greife zu dem Weinkrug auf dem Nachttisch. Spätestens übermorgen, nach ihrem Ruhetag, wird man alles vergessen haben. Wenn ich schneller trinke, schaffe ich es schon eher. Und irgendwann wird sich niemand mehr an diesen Tag erinnern. Und niemand wird sich mehr an ihn erinnern: Jesus von Nazareth – Der König der Juden und ein Sündenbock für den Frieden.

Euer Lukas


Inspiriert durch das Johannesevangelium (Kapitel 18 & 19).

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