Haschen nach Wind

Über die Ostertage haben wir ein kleines Special geplant. Wir wollen die Story aus der Sicht verschiedener beteiligter Personen erzählen. Zum ersten Mal auch zum Anhören:


War das alles umsonst? Alles vergeblich? Nur ein Haschen nach Wind? Die Zeichen waren eindeutig! Ich habe es gesehen, mit eigenen Augen. Er war der Messias, der Retter auf den wir tausende Jahre gewartet haben. Die Wunder, die er getan hat, lassen eigentlich keinen Zweifel zu. Eigentlich.

Ich stehe hier noch regungslos vor der Stadt, starre fassungslos in die trübe, staubige Luft. Ich habe kein Zeitgefühl mehr. Die letzten Stunden kamen mir vor wie Tage und gleichzeitig wie Minuten. Und ständig diese Gedankenkreise und Flash-Backs. Wie konnte es soweit kommen? Natürlich, waren die letzten Tage turbulent gewesen. Er hatte ja fast täglich ein theologisches Show-Down vom Allerfeinsten gegen die großen Lehrer im Tempel abgeliefert. Dass die dabei immer extrem schlecht weg gekommen sind, hat sie natürlich aufgeregt, aber dass es so eskalierte, hätte keiner gedacht. Und das auch noch vor dem Passah-Fest. Ich dachte immer, irgendwann würden sie es auch erkennen. Irgendwann würde sie sehen, dass er die Wahrheit sagt. Wie ich auch, vor genau zwei Jahren. Damals war auch Passah und ich war einer der führenden Lehrer im Tempel. Er kam. Und als er die Verkaufsstände sah, nahm er sich eine Peitsche und trieb alle Händler hinaus. Der helle Wahnsinn. Das hatte mich sehr zornig gemacht. Aber in den Tagen darauf machte er viele Wunder, die nur von Gott kommen konnten und er lehrte im Tempel. Ich schnappte immer mal etwas auf. Er redete davon, neu geboren zu werden. So ein Quatsch – dachte ich. Aber dann konnte ich nicht mehr schlafen, das was er sagte, trieb mich um. In der dritten Nacht habe ich ihn gesucht, hab ihn geweckt. Ich wollte verstehen, was er lehrte. Er erklärte, wir werden nicht körperlich, sondern geistlich neu geboren. Ich war einer der größten Lehrer zu der Zeit, aber er sprengte mein Denken. Und dann sagte er etwas, was ich nie vergesse und noch nie ganz begriffen habe: „Der Geist ist wie der Wind, der weht, wo er will. Du hörst zwar sein Rauschen, aber woher er kommt und wohin er geht, weißt du nicht. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“ Erst wusste ich überhaupt nicht was er meinte, aber irgendwann hab ich das Rauschen gehört. Und dann bin ich ihm gefolgt. Eigentlich wollte ich weiter im Tempel lehren, aber seine neue Lehre, brachte mir erhebliche Probleme mit den anderen Lehrern ein. Doch ich hörte das Rauschen. Die Zeit war reif, der Messias war gekommen und die Rettung schien zum Greifen nah. Und jetzt entgleitet alles. Wie konnte es soweit kommen?

Ich starre immer noch in die Luft. Die Gekreuzigten sind jetzt alle tot. Viele waren schon gegangen. Die, die noch da sind, kenne ich fast alle. Sie folgten ihm auch. Niemand hier kann die Situation fassen. Die Frauen schreien, weinen. Die Männer regen sich nicht, pressen die Lippen aufeinander, starren in die Leere. Morgen ist Ruhetag. Wenn irgendwer ihn noch anständig beerdigen will, muss er es bald tun, denn es ist schon später Nachmittag. Ich schaue mich um. Niemand, der irgendwelche Bestrebungen in dieser Richtung anzustreben scheint. Ich fasse mir ein Herz, gebe mir einen Ruck. Ein paar Meter weiter steht Josef, wir kannten uns. Er war auch eher aus der gehobeneren Schicht und war im Gericht tätig. Ich weiß, dass er ihm auch nachfolgt. Aber er hält es geheim, aus Furcht vor den großen Lehrern, denen ich mich seit zwei Jahren zur Wehr setze. Verständlich, irgendwo. Gerade scheint er aber einer der gefassteren Personen hier zu sein. Ich gehe rüber. Er schaut mich an. Ich sehe diese entsetzliche Fassungslosigkeit in seinen Augen. „Du, wenn wir ihn noch begraben wollen, müssen mir uns beeilen“, sage ich. Er schaut zu Boden und nickt. „Ich glaube wir sind die einzigen, die mit etwas Prestige und Portemonnaie heute noch was bewegen können“, fahre ich fort. Ich erkläre ihm, dass ich über etwas Vitamin B noch das Balsamierungsequipment besorgen könnte. „Wenn wir ihn da runter holen wollen, brauchen wir eine rechtliche Genehmigung vom Gouverneur. Ich glaube der schuldet mir noch was für einen Rechtsstreit, den ich geführt hab“, sagt er. Wir gehen stillschweigend. Jeder macht sein Zeug und einige Zeit später stehen wir wieder da. Er mit dem Wisch vom Gouverneur und ich mit dem Karren voll Myrrhe und Aloe. Die meisten waren gegangen, aber einige beobachteten das Ganze doch noch. Wir nicken uns kurz zu. Und dann geht es los. Schritt für Schritt Richtung Kreuz. „Halt, was macht ihr da?!“, fragt einer der Soldaten gebieterisch. Josef zeigt ihm das Schreiben. „Alles klar, ihr könnt ihn runter holen!“, sagt der Soldat. Wir nehmen uns die Leiter. Man muss von hinten das Kreuz hochklettern. Wir stellen uns dicht aneinander gedrängt auf die Leiter. Ich spüre seinen Atem. Wir binden die Seile los. Ich darf mir nicht bewusst machen, was wir hier gerade tun, wir funktionieren einfach nur. Jetzt kommt der schwierige Teil. Während Josef irgendwie versucht die dicken Nägel mit Hammer und Zange aus seinen Gliedmaßen zu ziehen, schlinge ich meine Arme von hinten um das Kreuz und den toten, zusammengesackten Leib, damit er nicht runterfällt. „Du, kannst du ihm die Dornen vom Kopf nehmen? Ich pack das sonst nicht“, flüstert Josef. Ich versuche sie irgendwie mit einer Hand aus seinen Haaren zu fummeln, ohne dass er mir komplett nach vorne wegklappt. Das ist nicht so leicht. Denn durch den Klammergriff drücke ich ziemlich auf die Stelle, an der sie ihm den Speer rein gerammt haben, um zu schauen, ob er tot ist und das, was da raus kommt, macht das hier zu einer ziemlich glitschigen Angelegenheit. Die Dornen hängen zu sehr fest. „Es geht nicht, er rutscht mir sonst weg“, antworte ich angestrengt. Der letzte Nagel ist draußen. Wir lassen ihn langsam runter und legen ihn auf das Tuch in meinem Karren. Jetzt kann ich auch die Dornen abmachen. „Ich hab noch ein Familiengrab, das stelle ich zur Verfügung“, sagt Josef. Auch wenn er seinen Glauben immer geheim gehalten hatte, jetzt, wenn es drauf ankommt, bringt er das Opfer. Seine Familie ist ziemlich reich und berühmt, mit einer langen Tradition. Dementsprechend hat auch das Grab seine Bedeutung. Er meint es wirklich ernst. Und spätestens jetzt zeigt er, dass er mehr Mumm in den Knochen hat, als viele andere. Von den Zwölfen, den engsten Jüngern, habe ich hier heute nicht alle gesehen.

Wir fahren den Karren in die Stadt zu seinem Familiengrab. Die Straßen sind leer. Alle bereiten sich auf den Ruhetag vor. Am Grab angekommen tragen wir den Leichnam auf dem Tuch in die Grabhöhle, wir machen die Waschung, salben den Körper, keiner redet. Während wir schließlich die Tücher ordnungsgemäß über ihn legen und langsam beginnen das Balsamierungszeug wieder zusammen zu packen, denke ich noch mal an diese Nacht zurück, als ich ihn besuchte. Ein Satz, den er damals sagte, schoss mir in den Kopf: „Und wie Mose damals in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss auch der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm das ewige Leben hat. Denn Gott hat der Welt seine Liebe dadurch gezeigt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hergab, damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben hat und nicht verloren geht.“ Erhöht wohin? Ans Kreuz? Wer die Schlange sah, die Mose gemacht hatte, wurde gerettet. Ich sehe überhaupt nichts. Der Messias ist tot. Gott hat seinen Sohn dahingegeben. Hatte er das schon immer gewusst? War das der große Plan? Vom ewigen Leben war bisher keine Spur. Und wir sind verloren. Alles woran wir uns hängten, war heute zusammengebrochen. Unsere Existenzgrundlage, wie die Reben vertrocknen, wenn der Weinstock untergeht. War das alles nur ein Haschen nach Wind? Ich hatte das Rauschen gehört. Es kam plötzlich, und ich wusste nicht woher. Jetzt war es gegangen, und ich weiß nicht wohin. Ich weiß gar nichts mehr. Wir tragen unsere Sachen aus der Grabhöhle. Die Sonne geht gerade unter. Josef hatte einige Diener kommen lassen, vermutlich um den großen Stein vor den Eingang zu rollen. Ich gehe nochmal in das Grab hinein. Ein letzter Blick. Ich kann es immer noch nicht fassen. „Nikodemus, wir wollen jetzt zu machen“, sagt Josef behutsam und legt eine Hand auf meine Schulter. Er war auch noch einmal reingekommen. Ich nicke und wir gehen hinaus. Die Diener rollen den Stein vor den Eingang. Das Grab ist zu.

Inspiriert durch das Johannesevangelium (Kapitel 3 und 19)

Photo by Zoltan Tasi on Unsplash

Euer Lukas

Kommentar verfassen