Mut zum Abbruch

Ich bin Judith, 23 Jahre alt und wohne im schönen Cuxhaven an der Nordsee, doch komme ursprünglich aus der Nähe von Hamburg. Obwohl ich eher ein ruhiger Mensch bin, liebe ich es mit meinen Freunden unterwegs zu sein und Abenteuer zu erleben.

Ich bin ein Mensch mit einem starken Willen. Das stellten meine Eltern schon fest, als ich noch ein Kind war.  Als „Jüngste“ der Familie, mit zwei älteren Geschwistern, … (Was hat dich deshalb zu einem Menschen mit starkem Willen gemacht? Was bedeutet es für dich, die jüngste zu sein? Warum ist das wichtig?)
Auch meine Freunde haben oft gesagt, dass sie es bewundern, wie ich meine Pläne in die Tat umsetze und das mache, was ich will.
Ich habe nicht nur einen starken Willen, sondern auch großen Träumen. Schon früh wusste ich, dass ich eines Tages gerne auf einem Kreuzfahrtschiff arbeiten möchte. Für meine berufliche Laufbahn hieß das, dass ich einen Job brauchte, mit dem ich auf einem Kreuzfahrtschiff arbeiten könne.

Nach verschiedensten Ideen, habe ich meine Leidenschaft zum Beruf gemacht und ein Duales Studium zur Fitnesstrainerin begonnen. Obwohl ich mir zunächst unsicher war, ob meine, erst spät gewonnene Leidenschaft zum Sport, dafür ausreichte, war das definitiv die richtige Entscheidung. Ich habe mich in dieser Zeit stark weiterentwickelt und bin mehr und mehr zu dem Menschen geworden, der ich sein wollte und habe viel gemacht und gesehen und letztendlich viele neue Lebenserfahrungen gesammelt.

Die Ausbildung, der Auszug und all das, was zum Erwachsenwerden dazugehört, fielen mir nicht immer leicht, aber ich hatte immer meinen Traum vor Augen und meine Familie als Unterstützung. Nach meinem lang ersehnten Bachelorabschluss stand dann für mich fest: Ab aufs Kreuzfahrtschiff! Mein Traum sollte endlich wahr werden!

Ich hatte für sechs Monate einen Job als Kurstrainerin auf der “MeinSchiff 3” bekommen. Im Oktober letzten Jahres ging es dann los. Ich hatte mich so sehr auf diese Erfahrung gefreut und war gut vorbereitet. Ich wusste, dass ich sieben Tage die Woche arbeiten würde und das für sechs Monate. Ich wusste, dass ich in einer maximal 5 m² großen Kabine ohne Fenster schlafen würde. Ich wusste, dass ich meine Familie und Freunde lange Zeit nicht sehen würde. Doch ich habe mich darauf gefreut, neue Menschen kennenzulernen und jeden Tag in einem anderen Hafen aufzuwachen. Ich habe mich auch darauf gefreut, den Job den ich liebe ausüben zu können und das mit wahnsinnigem Ausblick. Also ging es los. Der Abschied von meiner Familie fiel mir sehr schwer und auch von meinem vorherigen Job konnte ich mich nur schwer trennen. Aber es war mein Traum!

Ich kannte Kreuzfahrten zuvor nur aus dem Fernsehen. Ich weiß nicht, wer von euch schon mal eine Kreuzfahrt gemacht hat, aber es lohnt sich auf jeden Fall, sich so ein Schiff mal anzuschauen. Auf so einem großen Schiff gibt es wirklich alles. Meine Reise startete auf Mallorca, von dort ging es zehn Tage lang durch das Mittelmeer. Mein Team bestand aus fünf weiteren Fitnesstrainern, die mich sehr nett aufgenommen haben. Insgesamt arbeiteten knapp 1000 Menschen aus 42 verschiedenen Nationen auf dem Schiff und die waren nun meine Familie. Als ich am ersten Abend in meiner Kabine im Bett lag, hatte ich sehr viel zu verarbeiten, war aber auch gespannt auf meinen ersten richtigen Arbeitstag. Dieser war ein Seetag, was viel Stress bedeutet und somit wenig Zeit für eine richtige Einarbeitung. Ich habe direkt die ersten Kurse gegeben. Highlight dabei war definitiv Spinning unter freiem Himmel auf hoher See. Am nächsten Tag legten wir im ersten Hafen an. Ich war das erste Mal in Italien. Bisher klingt das alles ziemlich cool, oder?

War es eigentlich auch und trotzdem spürte ich in mir ein Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Neben Italien waren wir auf dieser Reise noch in Frankreich und auf Ibiza, bevor wir dann wieder auf Mallorca anlegten. Ich kann mich an jeden einzelnen Hafen noch ganz genau erinnern und könnte vermutlich ein ganzes Buch über die Erfahrungen dort schreiben. Nicht nur über die Städte, die ich gesehen habe, sondern auch über die unfassbar vielen Menschen, die ich kennengelernt habe. Auf jeder Reise kommen über 2000 neue Gäste und jedes Mal verschwinden sie nach spätestens zwei Wochen wieder. Die Reise ging weiter zu vielen sehr schönen Orten, die ich noch nicht kannte. Aber obwohl das alles so schön war, konnte ich es nicht genießen. Die Arbeit auf dem Kreuzfahrtschiff ist eine absolute Typ-Sache und eine Erfahrung, die man selbst gemacht haben muss, um sie zu verstehen. 

Ich stand also vor der Frage, warum es mir so schlecht ging, obwohl ich mich so auf dieses Abenteuer gefreut hatte. Es war mein Traum. Ich versuchte mir alles schönzureden, habe viel mit Gott gesprochen und auch mit meinen Eltern telefoniert. Der Gedanke, dass ich nach Hause möchte, kam trotzdem immer wieder.
Aber einfach aufgeben? Das passte nicht zu mir! Von mir erwartete man Kampfgeist.  Außerdem hatte ich allen erzählt, dass ich sechs Monate lang weg bin, da kann ich doch nicht schon nach einem Monat wiederkommen. Alles Neue ist am Anfang schwer, sagte ich mir, ich würde mich bestimmt noch einleben. Was soll ich zudem zu Hause? Zurück in meinen alten Job? Nein, nicht nach der großen Abschiedsfeier. 

Diese Gedanken und noch viele mehr schwirrten mir Tag und Nacht durch den Kopf. Eines Morgens wachte ich auf und war mir sicher: Ich wollte nach Hause. Der einzige, der mich davon abhalten könnte, war mein Vater. Mein größter Motivator, Ratgeber und Unterstützer, aber auch der ehrgeizigste Mensch, den ich kannte. Ich rief ihn in einer kurzen Pause an und schilderte ihm meine Lage unter Tränen. Ganz anders als erwartet, sagte er: „Julchen, pack deinen Koffer und komm‘ nach Hause. Ich habe dich noch nicht einmal glücklich am Telefon gehört. Ich weiß, dass du versucht hast es zu vertuschen, aber ich kenne dich.“ Er hatte so recht. Ich war nicht glücklich. Ich wollte meinen Traum leben, aber das tat ich offensichtlich nicht. Warum also quälen? Wofür? Und vor allem für wen? Meine Entscheidung stand also fest. 

Schon zwei Wochen später war ich wieder zu Hause. Kaum einer konnte mich verstehen, aber ich brauchte und wollte mich nicht rechtfertigen. Ich habe diese Entscheidung für mich getroffen und bisher auch kein einziges Mal bereut. Es war eine großartige Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Ich habe viel gelernt über mich, aber auch über Menschen im Allgemeinen. Es hat meine Persönlichkeit und meinen Charakter gestärkt. Das Wichtigste, was ich bei all dem gelernt habe, ist, dass es manchmal mutiger ist aufzugeben, als etwas durchzuziehen, nur weil andere es vielleicht erwarten. Im Leben kommt oft alles anderes als gedacht und das ist gut so. Ziele und Träume sind wichtig, aber lass dich nicht entmutigen, wenn etwas nicht so läuft wie geplant. Sorge dich nicht darum, was andere von dir denken, sondern höre nur auf Menschen, denen du wirklich etwas bedeutest, sie werden jede Entscheidung mit dir tragen.