Rassismus to go


Fünf Wochen zuvor. Am 13. März 2020 saß ich in einer Stuttgarter S-Bahn Richtung Hauptbahnhof. 17:30 Uhr. Was war die letzten Stunden passiert? Eine Entscheidung war getroffen worden: Wegen des Corona-Virus ist von Veranstaltungen über 50 Menschen abzusehen und es werden alle Schulen und Kitas geschlossen. Was bedeutete diese Entscheidung für mich persönlich? Es war für mich der Wendepunkt von „Corona nervt“ zu „Corona wird uns richtig kaputt machen“. Nun saß ich in der S-Bahn, um von meinem Hebräisch-Unterricht in Stuttgart nach Heidelberg zu fahren. Während des Unterrichts waren immer wieder einige meiner Kollegen verschwunden, um zu telefonieren und mit verdatterten Gesichtern wieder in den Raum zu kommen. Meistens ging es um das kurz- und langfristige Absagen jeglicher kirchlicher Veranstaltungen als Reaktion auf die gerade eingegangenen Meldungen. Mich würden diese Themen erst in zwei Stunden erwarten, weil ich auf dem Weg zu einem Treffen unseres Gemeindevorstands in Heidelberg war. 

Aber nun zurück zur Situation in der S-Bahn. Ich hatte das Gefühl, dass wirklich etwas „in der Luft lag“, wie man so sagt. Menschen auf engem Raum, genug Zeit um Viren auszutauschen, kein Sicherheitsabstand möglich – nicht so prickelnd. Es lag was in der Luft. Nach rationalem Überlegen war es sehr unwahrscheinlich, dass irgendjemand in meiner Nähe tatsächlich mit dem Virus infiziert war. Aber es war keine rationale Situation mehr. Es lag etwas in der Luft. Und das war Angst. Auch wenn wir in dem Zug nicht alle miteinander sprachen, hatte ich das Gefühl, dass die meisten dasselbe spürten. Was ich so beängstigend und faszinierend fand, war, dass es keine gedachte Angst war, die jeder in seinem Kopf hatte, sondern es lag in der Luft. Angst war einfach da, irgendwie in uns, aber vor allem um uns herum. Vielleicht kennt ihr so etwas. Es ist diffus und irgendwie nicht zu kontrollieren. Wir hatten die Kontrolle über Corona verloren und traten durch Schulschließungen und Absagen von Veranstaltungen den Rückzug an. Das war völlig unbekanntes, ungeahntes Terrain – insbesondere in diesem Ausmaß. Kontrollverlust führt zu Angst. Und jetzt in der Bahn ging die Kontrolle über die Angst in uns verloren, die Angst war irgendwie atmosphärisch in der Luft. Es fühlt sich ein bisschen so an, wie in einem Film, wenn man denkt: „Gleich passiert was!“ Nur eben real. 

Was ich erschreckend finde: Angst verändert einen! In Sekunden entsteht systematisches Misstrauen gegenüber fast allem und allen. Besonders dem gegenüber, was ein bisschen fremd ist. Das Gehirn assoziiert dann kurios und völlig ungebremst allen möglichen Scheiß zusammen. Zum Beispiel: mir gegenüber saß eine junge Frau mit vermutlich asiatischen Wurzeln. Mein Gehirn assoziiert: asiatisch – China – Wuhan – Corona. Zwei Sitzecken weiter saß eine sehr extrovertierte, angetrunkene Frau mittleren Alters, die sich in gebrochenem Englisch und afrikanischem Akzent mit dem ihr gegenüber sitzenden jungen Mann unterhielt. Der wirkte ebenfalls etwas angetrunken. Er sah nicht afrikanisch aus und hatte wahrscheinlich familiäre Wurzeln im Nahen Osten. Er redete sehr leise, sie dagegen sehr laut. Bis zu der Sitzecke von mir und der Asiatin drangen immer nur Wortfetzen der afrikanischen Frau: „Corona, Corona, Corona!“ oder „Not like Ebola“ (dt: nicht so, wie Ebola) und „Blood, everywhere blood!“ (dt: Blut, überall Blut). Diese Phrasen wiederholten sich. Das Ebola-Virus gehört zu den Viren, die bei Menschen hämorrhagisches Fieber verursachen, dabei kann es passieren, dass Menschen einfach ausbluten. Ich wusste nicht, ob ich wissen wollte, was diese Frau in ihrem Leben schon gesehen hatte. Alles in allem war die Stimmung in der S-Bahn beängstigend. Ich konnte mich selbst beobachten, wie ich alle Menschen unkontrolliert auf ihre hygienischen Standards und ihr Risiko, potentiell ansteckend zu sein, abcheckte – nur aufgrund ihrer möglichen Herkunft, Hautfarbe und sozialem Milieu. Misstrauen, Vorurteile und, ja man kann sagen, rassistische Gedanken fluteten einfach meinen Kopf. Zum Glück blieb da noch ein gewisses Reflektionsvermögen, das merkt, was gerade für ein Quatsch im eigenen Kopf läuft.

Schließlich stiegen wir alle am Hauptbahnhof aus und gingen zügig zur Rolltreppe. Ich hatte das Gefühl, jeder wollte diesen Ort schnellstmöglich verlassen. Vor den Treppen staute es sich dann. Dicht gedrängt huschten Menschen durcheinander. Kennst du das, wenn man versucht nicht einzuatmen, weil man Angst hat, dass die Luft dreckig, verseucht oder infektiös ist? Statt Rolltreppe bin ich dann lieber die lange, normale Treppe gegangen. Oben, auf dem letzten Treppenabsatz angekommen, kamen mir dann plötzlich zwei etwa 13-Jährige pubertierende Jungs entgegen, die ausfallartig und stampfend Schritte auf vorbeilaufende Menschen zu machten und dabei „Corona!“ schrien. Die hatten einen totalen Knall. Aber das gab der ganzen Situation den Rest. Ich wollte da einfach nur weg und war froh als ich den S-Bahnhof verlassen hatte, ruhig auf dem richtigen Gleis stand, um auf den ICE zu warten und über das nachdenken konnte, was in den letzten Minuten abgegangen war.

Angst macht was mit uns. Angst löst das „wir“ auf und hinterlässt ein „ich“. Angst spaltet Mensch und Mensch in Schwarz und Weiß, in Freund und Feind, in schwach und stark, in wertvoll und verzichtbar. Angst lässt Menschen Regale leer kaufen. Angst macht gesunden Menschenverstand trüb. Angst lässt Menschen zweifeln und Angst schürt Misstrauen. Seit Jahren leistet das Robert-Koch-Institut treue Arbeit für unsere Gesundheit. Angst vergisst das. Seit Jahren haben wir immer genug zu essen. Angst verlernt das. Angst macht uns schwach, zerbrechlich und kaputt. Glaube, Liebe und Hoffnung schweißen uns zusammen, machen uns widerstandsfähig und stark.

Euer Lukas

Photo by Arthur Edelman on Unsplash

Zeit zu gehen

Wie lange willst du noch leben?

Noch 70 Jahre? Solange du gesund und selbstständig bist? Solange du nicht alleine bist? Was für eine unverschämte Frage, oder? Du kannst es dir ja doch nicht aussuchen. Früher oder später geht das Leben zu Ende. Ein Leben lang geatmet, gedacht, geliebt, gefühlt, gearbeitet, getrauert, gefeiert, gelebt und irgendwann endet das alles. Wenn ich 80 Jahre alt werde, hat mein Herz ungefähr Dreimilliarden mal geschlagen. 3.000.000.000. Und dann kommt der Herzschlag, der sich von allen anderen unterscheidet – er wird der letzte sein.

Tot zu sein, finde ich ganz komisch. Man ist ja nicht sofort richtig weg. Kurz bevor man stirbt, sieht man fast genauso aus, wie kurz nachdem man gestorben ist. Doch trotzdem war vorher irgendwie viel mehr von einem da. Wenn jemand dann länger tot ist wird es deutlich, dass Totsein doch ganz anders ist als Leben. Für mich ist das gefühlt noch sehr weit weg. Irgendwie hat man ja doch eine eigene, offensichtlich mutmaßliche Vorstellung davon, wie lange man noch lebt.

Sterben ist für viele ein Tabu-Thema. Man hat keine Kontrolle darüber, verbindet schlimme Erlebnisse damit und hat Angst davor. Sterben ist uns sehr fremd. Es hat ja auch noch niemand selbst erlebt, der davon erzählen kann. In der Regel haben wir auch viel seltener als noch vor 200 Jahren die Möglichkeit, Menschen im Sterben zu begleiten, vor allem in meinem Alter. Außerdem habe ich das Gefühl, dass wir gesellschaftlich vermittelt bekommen, dass Sterben nicht sein dürfe, unnatürlich sei und nicht zum Leben dazu gehöre.

Das stimmt nicht. Durch mein Medizinstudium und die Praktika im Krankenhaus komme ich vermutlich öfter als der Durschnitts-23-jährige mit sterbenden und toten Menschen in Verbindung – wobei „oft“ eigentlich auch eine Übertreibung ist. Ich habe Menschen im Krankenhaus sterben sehen, habe tote Menschen aufgeschnitten und seziert, habe Reanimationen gesehen, habe eine Leichenschau nach Suizid durchgeführt – noch nicht Tote, fast Tote, gerade Tote, länger Tote. Vor einer Woche noch habe ich eine Patientin in der Notaufnahme aufgenommen, mit ihr geredet und sie untersucht. Sie war ins Krankenhaus eingeliefert worden, weil es zunehmend schlechter ging. Sie war schon sehr abgemagert, hatte in ihrem Leben zu viel Alkohol getrunken und einige Erkrankungen. Am nächsten Morgen habe ich erfahren, dass sie am letzten Abend verstorben war. Sterben kommt dann plötzlich doch sehr nah. War sie gestern schon dabei gewesen zu sterben, als ich bei ihr war? Immerhin hat sie dann nur noch ein paar Stunden gelebt. Wann beginnt Sterben eigentlich? Ich habe mich auch gefragt, ob das zu meinem Eindruck von ihr gepasst hat. Hätte man noch etwas machen können, oder sollen? Sie wirkte schon sehr alt und krank auf mich, aber nicht direkt sterbenskrank. Von außen betrachtet könnte man sagen, dass es Zeit war zu gehen, aber hätte sie das auch so gesehen?

Wann ist es überhaupt Zeit zu gehen? Es hat sich gezeigt, dass Menschen ihre Meinung über den Wert ihres Lebens überraschend schnell ändern und ihr Bedürfnis nach Lebensqualität den Umständen anpassen. Jemand, der meint mit dem Leben abgeschlossen zu haben und keine OP mehr wünscht, lässt sich im letzten Moment doch operieren, damit es ein bisschen wahrscheinlicher wird, nicht zu sterben. Jemand, der behauptet, dass sein Leben mit einer Querschnittslähmung nicht mehr lebenswert sei, ändert möglicherweise seine Meinung, wenn es soweit ist. Es ist schwer einzuschätzen, wie man unter bestimmten Umständen sein eigenes Leben bewerten würde. Wann ist es Zeit zu gehen? Niemand weiß das, es sei denn, man flieht davor durch Suizid.

Es ist eine unserer großen Lebensaufgaben eine gesunde Beziehung zum natürlichen Sterben zu finden, eine Akzeptanz und ein umarmendes Loslassen zu erringen. Das Ja zum unkontrollierbaren Sterben ist sicherlich eines der mutigsten in unserem Leben. Die entscheidende Frage dabei ist: Wohin gehen wir, wenn es Zeit ist zu gehen? Ins Nichts? Werden wir wiedergeboren? Lebt etwas, wie unsere Seele weiter? Werden wir eins mit der Natur? Gehen wir in einer Art Weltgeist auf? Als Christ glaube ich an ewiges Leben als praktische Realität, dass Gott allen gibt, die Jesus kennen und ihr Leben nach seinen Ideen und Zielen leben. Dazu wird er mich einmal von den Toten auferwecken und alles, Himmel und Erde, neu erschaffen. Oder es passiert noch während meiner Lebenszeit. Das ist meine Hoffnung.

Welche Beziehung hast du zum Sterben? Wann ist es für dich Zeit zu gehen? Und was glaubst du, wohin gehst du?

Euer Lukas!

Photo by Aron Visuals on Unsplash

Menschenfurcht

Wer von euch kennt nicht dieses brennende Gefühl in der Brust, wenn das Herz einem bis zum Hals schlägt und man das Gefühl hat, etwas sagen oder tun zu müssen, um nicht zu platzen? Und sich dann aber nicht traut… Sei es, um Standpunkte klarzustellen, sich verletzlich zu machen, indem man Schwächen und Fehler zugibt oder eben indem man sagt, dass man an Jesus glaubt. Dies war nämlich ein Punkt, an dem ich sehr viel zu knabbern hatte. Wie oft wollte ich von Gott erzählen und was er in meinem Leben getan hat? Dass ich glaube, dass Jesus Gottes Sohn und auferstanden ist? Und wie oft bin ich einfach nur still geblieben? Wie oft hat mir der Mut gefehlt, mich auf seine Seite zu stellen… Und wie oft habe ich mich einfach nur für meinen Glauben geschämt…

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Alles unter Kontrolle

Ich sitze in einem kleinen Raum. Unter mir meine weiche, durchgelegene Matratze.
Das Bett steht auseinandergebaut in der Ecke. Daneben ein großer Karton
voll mit Dingen. An ihnen kleben Erinnerungen. Das kleine Blechflugzeug, dass mir mein Vater mal aus Uganda mitgebracht hat. Der zerfetzte Fußball, der jedes Wochenende auf dem Bolzplatz war. Schon viele Vasen sind seinetwegen zu Bruch gegangen. Die Unterschriften von meinen Freunden sind ausgeblichen.
Ich lasse meinen Blick über die Wände wandern. Kleine Flecken und Risse in der Tapete lassen nur noch erahnen, dass dort einmal Poster und Bilder hingen.
Auf der anderen Seite des Raumes steht ein Koffer, mein Cajón und eine Laptoptasche.
Es ging alles so schnell. Jetzt ist es vorbei. Das war es dann wohl.

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