Wie du mir, so ich dir?

Ein Wind bläst mir um die Nase. Im Takt strampeln meine Beine hoch und runter. Nur ein gleichmäßiges Reiben der Kette ist zu hören. Nach fast acht Stunden auf dem Fahrrad fangen meine Waden an zu ziehen. Von meinem Allerwertesten ganz zu schweigen. Aber noch höchstens eine Stunde, dann haben wir das Tagesziel erreicht. Das ganz große Ziel Amsterdam ist noch in weiter Ferne. Über 500 Kilometer um genau zu sein. Einfach so mit dem Fahrrad fahren. Einfach so irgendwo übernachten. Kein Druck. Nichts was mich ablenkt. Ein Gefühl der Freiheit.

Pfffft… Von einem Moment auf den anderen ist das Gefühl verflogen. Stillstand. Gepäck abladen. Rad abmontieren. Schlauch raus. Flicken drauf. Schlauch rein. Rad drauf. Aufpumpen. Gepäck zurück. Abfahrt. Nach einer halben Stunde sind wir wieder auf den Rädern. Pfffft… Doch das nur für maximal zehn Minuten. Langsam wird es dunkel. Die Zeit rennt uns davon. Aber was solls? Gepäck abladen. Rad abmontieren. Schlauch raus. Flicken drauf. Schlauch rein. Rad drauf. Aufpumpen. Gepäck zurück. Pffft… Das kann doch jetzt nicht wahr sein. Das war der letzte Flicken. Wir sitzen irgendwo in einem Wohngebiet. Der nächste Laden ist eine Stunde entfernt.

So sitzen wir nun da. Drei Jungs, total verloren um ein Fahrrad sitzend. Wir diskutieren. Es kann doch nicht sein, dass wir keine Lösung finden!? Das bekommen wir schon irgendwie hin. Wir wissen uns doch zu helfen! Okay… zum Baumarkt kommen wir nicht mehr. In einer Stunde ist er geschlossen. Und wer weiß, ob sie Rennradschläuche haben? Wo bekommt man die sonst her? Amazon! Natürlich! Wie lange brauchen die, für die Lieferung? Gibt es da nicht den Prime Morningexpress? Ja stimmt! Aber wohin sollen die liefern? Sollen wir einfach irgendeine Adresse angeben und den Postboten abfangen? Ne… das klappt niemals! Paketstation! Ja genau! Gibt es irgendwo eine? Ja! Sogar in diesem Dorf! Super! Dann machen wir das. Aber auch der letzte Rettungsanker, Amazon, hilft nichts. Wir sind ein paar Minuten über dem Zeitlimit für Expresslieferungen. “Kann ich euch irgendwie helfen?” Huch? Wer war das? Vor uns steht ein Mann mittleren Alters. Anscheinend ein Anwohner. Ach was. Ne… Das bekommen wir schon alleine hin. Wir können ihm doch jetzt nicht zur Last fallen. Aber Stück für Stück stehen immer mehr Anwohner bei uns und wollen helfen. Eine Frau fährt mit dem Auto zu einem Freund, der scheinbar Schläuche herumliegen hat. Ein Mann gibt uns neues Flickzeug. Eine Frau bietet uns an, bei ihr daheim aufs Klo zu gehen. Da es regnet, fragt uns eine andere, ob wir uns in der Garage unterstellen wollen. Später kommt sogar eine Omi vorbei und gibt jedem von uns eine Tafel Schokolade und etwas zu Trinken. Total überfordert von der unglaublichen Hilfsbereitschaft stehen wir da und versuchen unser möglichstes, das Fahrrad irgendwie zu reparieren. Aber es hilft nichts, wir werden den Campingplatz wohl nicht erreichen.

Einige Tage später stehen wir vor einer Kneipe und schließen unsere Fahrräder auf. Da kommt ein Mann auf uns zu. Seine Kleider sind zerlöchert und er riecht so, als hätte er schon länger keine Dusche mehr gesehen. In gebrochenem Englisch erzählt er uns eine herzerwärmende Geschichte. Seine Kinder wohnen in Berlin und er möchte dort hin, aber er hat kein Geld für ein Ticket.
Ich schalte automatisch in einen anderen Modus. Der Modus, den ich mir über die Jahre angeeignet habe, nachdem ich von vielen Bettlern um Geld gebeten wurde. Ich tue beschäftigt und hoffe, dass er gleich wieder geht und ich mit meinem Leben weiter machen kann. Aber es hilft nichts. Also Stufe 2: “Sorry! I don’t have any cash.” Irgendwann merkt er, dass es keinen Sinn hat und geht weiter. Der Freund, mit dem ich da stand, schaut mich betroffen an: “Wir hätten ihm helfen sollen”, sagt er.
Ja… Aber wenn wir ihm Geld geben, dann wissen wir ja auch nicht, was er damit anfängt (Eine richtig gute Ausrede, Bettlern kein Geld zu geben)
“Wir hätten ihm einfach das Ticket kaufen sollen. Das kostet fünfzehn Euro.”
Boom! Der hat gesessen. Meine einzige logische Ausrede ist dahin. Stimmt das hätte wir tun können. Vielleicht hätten wir ihm wirklich helfen können. Wie kann man nur so kalt sein? So unmenschlich? So abweisend? Ein Mensch hat mich um Hilfe gebeten und ich habe ihn einfach ignoriert.
Stand ich nicht vor einer Woche genauso hilflos da? Ich war damals überwältigt von dieser riesigen Hilfsbereitschaft. Und jetzt bin ich nicht einmal bereit ein paar Euro für jemanden auszugeben, der offensichtlich Hilfe braucht. Von der Tatsache, dass ich nicht weiß, ob er wirklich nur ein Ticket braucht mal ganz abgesehen.

Ein bisschen erinnert mich das an eine Geschichte aus der Bibel. Dort schuldet ein Mann dem König eine unfassbar hohe Summe Geld. Doch der König erlässt sie ihm einfach. Kurz darauf geht der Mann zu einem seiner Schuldner, der ihm eine vergleichsweise minimale Geldsumme schuldet und fordert sein Geld zurück. Total bescheuert, oder? Null Dankbarkeit. Diese Geschichte steht in einem etwas anderem Kontext (lest das gerne mal nach: Matthäus 18:21-35). Trotzdem kann ich dort ein gewisses Prinzip wiederfinden. Ich finde mich in genau diesem Mann wieder. Da haben Leute für mich ihren Abend geopfert, mir viele Dinge geschenkt, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, aber wenn ich die Möglichkeit habe jemand anderem zu helfen, tue ich es nicht.

Mach dir mal bewusst, was du heute Gutes erlebt hast. Kannst du etwas davon zurückgeben?


Text und Foto: Philipp Jenny

Das Schamekel

Ich sitze hier. Das herrlich warme, blubbernde Wasser umspült samtweich meinen ganzen Körper und schaukelt mich sanft hin und her. Jedes Ausatmen wird zur ultimativen Befreiung, weil der leichte Wasserdruck auf meiner Lunge die ganze Arbeit übernimmt. Nach dem Atemweg-befreienden Dampfbad strömt die Luft wie von selbst durch mich hindurch. Der Nachgeschmack vom Cappuccino, den ich mir eben gegönnt habe, beflügelt meine Geschmacksnerven. Ich könnte mir noch einen bestellen, hier direkt in den Whirlpool – das machen die sogar, außerdem ist es sowieso All-inclusive. Aber ich trinke, glaub ich, lieber einen Espresso zum Nachtisch nach dem fünf-gängigen Abendessen und ein Glas auserlesenen Rotwein.

Ein knappes Jahr zuvor…

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