Nur ein Niemand – vom Versuch, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen

Schon vor längerer Zeit wurde ich auf einen Song hingewiesen, der mich so sehr inspiriert hat, wie schon lange keiner mehr zuvor. Damit das passiert, muss schon einiges zusammenkommen. Die Musik sollte eingängig, aber nicht gewöhnlich sein. Schnell mitzusingen, aber nicht langweilig und natürlich irgendwie besonders. Wenn noch dazu der Text eine tiefe Aussage in sich trägt und unvergleichlich unverkrampft mit der Musik ineinandergreift, ist es geschaffen: das Meisterwerk. So oder einen ähnlichen Prozess muss die amerikanische Rockband „Casting Crowns“ wohl durchlaufen sein, bevor sie 2018 den Song „Nobody“ veröffentlichte. Besonders der Refrain hat mich unmissverständlich angesprochen, mich inspiriert und mir eine neue Perspektive – ja fast schon eine Lebensvision offenbart. Ich bekomme immer noch jedes Mal Gänsehaut, wenn ich mir den Song anhöre. Doch bevor ich das weiter ausführe, höre lieber erstmal selbst:

Was geht dir durch den Kopf, nachdem du dir den Song angehört hast? Konntest du dich auf Text und Musik einlassen? Hast du einen Zugang gefunden? Denke noch ein paar Minuten darüber nach, falls der Song etwas in dir ausgelöst hat, bevor du weiterliest.

Was ich daran so genial finde, ist zunächst einmal der musikalische Einstieg, der mich so leicht und rhythmisch abholt und in den Song mit hinein nimmt. Dazu der Gesang in der Strophe – leicht gegenläufig zum Takt – gibt eine tolle Kombination zum mitwippen ab.

Doch was ich noch viel beeindruckender finde, ist der Refrain, der einerseits sprachlich so ausgefeilt ist und gleichzeitig eine wundersam tiefgründige Message übermittelt. Deswegen hier nochmal ein Ausschnitt:

„I’m just a nobody
trying to tell everybody
all about Somebody
who saved my soul.“

Nobody – Casting Crowns (feat. Matthew West)

„Ich bin nur ein Niemand,
der versucht allen,
alles über jemanden zu erzählen,
der meine Seele gerettet hat.“

Deutsche Übersetzung

„Ich bin nur ein Niemand.“

Wir haben in der Theater AG in der Schule einmal ein Stück gespielt, in dem eine Rolle „Paul Niemand“ hieß. Während es uns riesigen Spaß machte, mit diesem Nachnamen Wortwitze zu bilden wie „Niemand ist schon da“ oder „Niemand hört zu“ oder „Niemand hat heute Lust zu proben“, so ist es eigentlich – wenn man nicht gerade so heißt und es somit auf eine Person zutrifft – ziemlich deprimierend, wenn diese Sätze wahr wären. Wer möchte schon ein Niemand sein? Unbekannt. Unbeachtet. Ungesehen. Was ist daran schon positiv?

Mir gefällt diese Demut, direkt zu Beginn des Refrains. Wie sich der Sänger sieht. Dass er sich selbst nicht so wichtig nimmt und seinen Platz kennt. Dass er weiß, dass seine Fähigkeiten und seine Kraft begrenzt sind und nicht alles von ihm selbst abhängig ist. Mir tut es selbst immer wieder gut: mich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Einerseits hilft es mir, entspannter durch das Leben zu gehen. Wenn ich mir bewusst mache, dass ich auf viele Dinge gar keinen Einfluss habe, auch wenn ich es mir oft einbilde. Andererseits ist es heilsam für den Umgang mit meinen Mitmenschen. Wenn ich mich selbst nicht so wichtig nehme, wenn ich mich selbst nicht nur um mich selbst drehe, habe ich mehr Kapazitäten für meine Mitmenschen. Mir kommt es oft so vor, dass ich eher dazu neige, an mich selbst zu denken und an das, was ich will, als an die Bedürfnisse meiner Mitmenschen.

Nach diesem ersten Schritt steckt in dem Song noch ein ziemlich großer Auftrag drin: nämlich allen alles über jemanden zu erzählen, der irgendeine Seele gerettet hat.

Mit diesem jemand ist Jesus gemeint und die Aussage bezieht sich unter anderem auf folgende Bibelstelle:

„Darum geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“

Matthäus 28,19 (NGÜ)

Ein ziemlich großer Auftrag, der fast schon unmöglich scheint. Aber wenn man ihn auf die ganze Menschheit bzw. alle Christen verteilt, ist er vielleicht gar nicht mehr so unmachbar, wie er im ersten Moment klingt.

Gleichzeitig finde ich, dass in diesem Bibelvers oft ein großer Druck mitschwingt – oder vielleicht auch eher erzeugt wird. Dass man irgendetwas Krasses reißen muss, um anderen Menschen von diesem Jemand zu erzählen. In der Fußgängerzone Leute ansprechen oder in fremde Länder fahren.

Ich mag beide Strategien nicht so und bin auch nicht der Meinung, dass das die alleinigen Anleitungen wären, diesen Auftrag zu erfüllen. Ich glaube, dass es kein Zufall ist, in welches Umfeld ich hineingeboren wurde und worin ich mich bewege. Jeden Tag. Ich glaube, dass es eher darum geht, mein Leben authentisch mit diesem Jemand zu leben und wenn sich die Gelegenheit ergibt, nicht zu kneifen und davon zu erzählen (und es ergeben sich genug Gelegenheiten). Aus diesem Grund wurde vor rund 15 Monaten dieser Blog gegründet. Um Möglichkeiten zu schaffen, ein authentisches Leben als Christ zu teilen, in der Hoffnung, andere Menschen dadurch zum Nachdenken anregen oder sogar inspirieren zu können. Um Mut zu machen, möchte ich zum Abschluss noch von einer dieser Gelegenheiten (im echten Leben) erzählen, die mittlerweile fast zwei Jahre her ist. Film ab!

Mein Magen knurrt. Ich habe Hunger. Der Nachmittag ist schon weit vorangeschritten und das Mittagessen eine Weile her. Aber ich muss noch etwas weiterlernen. Noch eine halbe Stunde. Dann kann ich rausgehen, um mein mitgebrachtes Vesper zu genießen (was ich normalerweise nie mache, weil ich zu faul bin). Normalerweise lerne ich auch nie in dieser Bibliothek, für die ich mich heute entschieden habe.

Es ist Dienstag, nach dem Lernen steht noch eine Probe für den Gottesdienst am Sonntag an. Seit kurzem bin ich dort irgendwie in ein Leitungsteam gerutscht und unser Wunsch und Ziel ist es, unser sonntägliches Treffen so zu gestalten, dass wir gerne Freunde mitbringen, ohne sie gleich abzuschrecken. Ich bin nicht so der Held darin – Freunde mitzubringen. Ich habe kein Problem zu meinem Glauben zu stehen, renne jetzt aber auch nicht mit einem „Jesus liebt dich“-Shirt rum und binde es jedem auf die Nase. Doch heute wollte ich es mal wieder versuchen. Ich hatte morgens extra gebetet, dass ich zwei Kommilitonen einlade, mit denen ich mich dienstags immer zum Mittagessen treffe. Doch beide konnten heute nicht. Was für eine Enttäuschung! Da war es mir endlich mal wieder ein Anliegen gewesen und ich hatte sogar gebetet und dann nahm Gott mein Angebot nicht an…

Da stand ich also nun. Draußen vor der Bibliothek. Leicht frustriert, aber auch mit leichter Vorfreude auf die Probe heute Abend. Ich entpackte gerade mein Vesper, als mich auf einmal jemand ansprach: „Hey, was machst du hier so spät noch?“ Ich war etwas überrascht, ihn zu sehen. Wir kannten uns nur aus einer Vorlesung und hatten bisher nicht oft geredet. Aber ein bisschen Gesellschaft beim Essen war ja nicht schlecht. „Ähm… ich…“ Jetzt kam der Moment der Wahrheit. Erfand ich einfach irgendeinen halbwahren Grund wie „Stress mit den Prüfungen“ oder stand ich zu meinem Plan. Ich war leicht nervös und entgegnete: „Ich habe später noch so eine Probe in der Stadt. Für so einen Gottesdienst.“

„Waaaaaas?! Gottesdienst?! Ist ja mega krass. Das feier ich voll, wegen der Gemeinschaft und so. Meinst du, ich kann auch kommen?“, erwiderte mein Kommilitone. Diese Reaktion hatte ich jetzt nicht erwartet. Eher sowas wie: „Alter, was ist bei dir falsch?! Du gehst in die Kirche?! Glaubst du dann auch an Gott?“

Zum Glück war ich in der Situation nicht sprachlos, aber doch ein bisschen kalt erwischt. „Ja klar kannst du kommen“, sagte ich. Ich nannte ihm Adresse und Zeitpunkt und er versprach auf jeden Fall zu kommen. Wenn das nur immer so einfach laufen würde…

Ich erzähle diese Geschichte so gerne, weil sie zeigt, dass ich gar nichts tun musste, um den in diesem Beitrag angesprochenen Auftrag zu erfüllen. Ich musste nichts Verrücktes oder Außergewöhnliches machen, sondern einfach nur meinen Alltag leben und im entscheidenden Moment ehrlich und authentisch sein. Ich bin ein Niemand in der Geschichte. Meine Rolle hätte auch jemand anders spielen können. Vielleicht nicht an diesem Tag, aber an einem anderen. Es geht nicht um mich, sondern darum, ehrlich und authentisch zu sein.

Die Geschichte geht noch weiter. Mein Kommilitone kam tatsächlich in den Gottesdienst. Es gefiel ihm sehr gut und da er – frisch hergezogen – Anschluss suchte, blieb er und schloss sich unserer Studentengruppe an. Wir begleiteten ihn auf seinem Weg, diesen Jemand (Jesus) kennenzulernen, der bereits unsere Seelen gerettet hatte und nun drauf und dran war, dasselbe auch mit ihm zu tun. Nach einigen Monaten entschied sich mein Kommilitonen dann selbst mit diesem Jemand zu leben – doch das ist eine andere Geschichte. Für heute zählt: Alles begann mit einem Niemand.


Danke an Martin Adams für das Foto von Unsplash.

#läuftbeimir. Nicht.

Wenn du diesen Beitrag jetzt liest, dann versetze dich einmal eine Woche zurück. Was hast du an diesem Tag gemacht? Nun, ich saß ziemlich verzweifelt vor meinem Laptop, schaute die Kalendertage an, die wie ein Wimpernschlag vergingen und fragte mich, wann ich endlich diesen Beitrag zu Papier bringen würde. Normalerweise hätte ich ihn schon längst fertig haben sollen. Alleine deshalb, um nachher keinen unnötigen Stress haben zu müssen und nochmal Korrektur lesen zu können.

Genau dieses Problem hatte ich nun. Weniger als eine Woche vor Veröffentlichung hatte ich nicht einmal den ersten Satz aufgeschrieben. Ich kann euch versichern, ich war sehr verzweifelt.

Doch warum bin ich überhaupt in diese Situation gelangt? Ich wusste, an äußeren Umständen konnte es nicht liegen, da ich die gesamte Woche Urlaub hatte und diese eigentlich für das Schreiben dieses Beitrags nutzen wollte. Stattdessen mühte ich mich mit anderen Dingen ab, tat alles andere als meinen Laptop zu schnappen und anzufangen. Ich musste ja noch die Wohnung gründlich putzen… Einkaufen war auch wieder mal an der Zeit, geschweige denn von den dreckigen Fenstern…

Du entdeckst vielleicht ein Gefühl zwischen den Zeilen, welches du auch kennst. In unserem Leben haben wir uns spätestens vor den Hausaufgaben in der Schule gedrückt und erst einmal alles andere erledigt außer das, in dem Moment, Wichtigere. Genauso ging es mir mit diesem Beitrag.

Der ein oder andere kennt dieses kleine gefürchtete Wort: SCHREIBBLOCKADE. Vermutlich haben ebenso alle Musiker, Poetry Slammer, Dichter oder Autoren damit Erfahrungen gemacht. Rein aus Interesse habe ich mich mal auf Wikipedia schlau gemacht und das Wort gegoogelt. Und irgendwie habe ich mich dort in meiner Situation wiedergefunden. Was ich herausgefunden habe? Lest selbst:

Punkt eins. Definition: „Eine Schreibblockade ist ein psychisches Phänomen, bei dessen Auftreten die Autoren dauerhaft oder vorübergehend nicht in der Lage sind zu schreiben.“ Check. Dem kann ich zustimmen.

Punkt zwei. Erscheinungsformen: „Der Text wird zwar geplant, es gelingt aber nicht, ihn zu schreiben.“ Check. Auch dies kann ich bestätigen. In meinem Kopf hatte ich schon 2 Wochen vorher ein festes Thema über das ich schreiben wollte. Feste Formulierungen hatte ich auch schon zwischengespeichert, ich hätte den Text also nur noch runter schreiben müssen.

Aber gehen wir weiter zur zweiten Erscheinungsform, die wie ich finde, noch besser passte: „Das Schreiben wird als qualvoll empfunden und es werden Vermeidungshandlungen wie Aufräumen, Putzen etc. ausgeführt.“ Ok, als qualvoll würde ich es vielleicht nicht unbedingt bezeichnen, eher vielleicht als eine große Überwindung. Aber ja, die Vermeidungshandlungen habe ich leider tatsächlich ausgeführt. Was zum Putzen und Aufräumen allerdings noch dazu kam ist Netflix. Muss ich zugeben.

Punkt drei. Ursachen: „Eine davon ist der Anspruch, sofort einen fehlerfreien und perfekten Text schreiben zu müssen.“ Check. Irgendwie fand ich gerade diese Formulierung interessant, obwohl ich doch erst einmal stutzen musste. Hatte ich diesen Anspruch denn? Eigentlich wusste ich ja, dass es auf unserem Blog darum geht, authentisch zu sein und aus alltäglichen Erlebnissen erzählen. Ein perfekter Text ist dann ja nicht wirklich nötig. Oder doch? Ich glaube im Insgeheimen will jeder von uns einen möglichst spannenden, anregenden, stilistisch guten und fehlerfreien Artikel präsentieren. Ist logisch und natürlich auch erstrebenswert und doch brauchen wir vielleicht manchmal grade diese Zeiten der Schreibblockaden, um zu realisieren, dass es nicht darauf ankommt. Mir ging es jedenfalls so.

Aber um das Ganze noch zu übertrumpfen, las ich erst vor paar Tagen einen Post von einer Autorin, die ein ganz ähnliches Gefühl beschrieb. Ein Gefühl der Leere und des „Ich habe gerade nichts zu teilen“. Ihr Fazit dazu war: „Ich will nicht reden, um zu reden. Ich will nicht posten, um zu posten. Ich will nicht schreiben, um zu schreiben.“ Das hat mich sehr bewegt und hing mir noch lange nach. Und je länger ich darüber nachdachte, desto stärker wuchs in mir das Gefühl, dass ich nicht über das eigentlich geplante Thema schreiben konnte, nur um einen Text zu präsentieren, der dann pünktlich um 16:00 Uhr erscheint. Ich wollte nicht schreiben, um zu schreiben!

Schlussendlich habe ich mich dann dazu entschieden, diesem Artikel kein Thema, kein besonders spannendes Ereignis oder eine Fragestellung zu Grunde zu legen, sondern lieber das nieder zu schreiben, was mir grade am schwersten fällt und auf der Seele liegt. Ich habe am Ende dieses Beitrags kein Fazit und keine Aufforderung an dich. Stattdessen hoffe ich nur, dass du einen ehrlichen Einblick in mein Herz gewinnen konntest. Denn zuallererst möchte ich authentisch sein in dem, was ich tue. Oder in dem, was ich schreibe. Auch wenn ich in manchen Momente eigentlich nichts zu sagen haben.

Danke an Lauren Mancke und Unplash.com für das Bild.