Alles für die Familie

Neues Jahr, neues Konzept. So läuft das bei Alltagspropheten. Während sich sonst alles verändert, ist Veränderung für uns die einzige Konstante. Eines unserer neuen Formate, die ab jetzt monatlich erscheinen, nennt sich „HIS-STORY-MAKER“. Darin wollen wir aus Sicht derjenigen berichten, mit denen Gott Geschichte geschrieben hat. Einige Bibelgeschichten scheinen nämlich nicht so richtig ins 21. Jahrhundert zu passen. Wir wollen diese Geschichten in verständlicher Sprache nacherzählen &/oder in zeitrelevante Kontexte einbinden.

„Lauft! Laaauuuuft! Und dreht euch nicht um!“, schrie mein Vater von hinten. Ich rannte so schnell ich konnte. Drei Meter vor mir meine Schwester. Es war ohrenbetäubend laut. Es donnerte, aber nicht wie Gewitter, sondern viel, viel mächtiger. Von hinten blies heißer Wind. So stark, dass es schwierig war geradeaus zu laufen. Überall war Staub. Ich konnte höchstens fünfMeter sehen. Und die Erde bebte. Die Welt ging unter. „Lauft! Und dreht euch nicht um!“, schrie mein Vater wieder.

Wieder und wieder spielt sich die Szene in meinem Kopf ab. Ich sitze auf einem Stein, mein Gesicht in den Händen vergraben. Ich bekomme nur schwierig Luft. Meine Lunge ist voll von dem ganzen Staub und ausgetrocknet von dem irre heißen Wind. Mittlerweile ist es still. Totenstill. Man hört gar nichts mehr. Außer dem eigenen Atem. Wir haben es geschafft. Zumindest die meisten von uns. Meine Mutter ist verschwunden. Die letzte Stunde haben wir uns die Seele aus dem Leib geschrien und nach ihr gesucht. Vergeblich. Ich glaube nicht, dass sie es geschafft hat, aber heute werden wir nicht mehr zurückgehen können. Wir sind hier in die Berge gelaufen. Haben gerade zwei Zelte aufgebaut. Ich, meine Schwester und unser Vater. Ich musste mich gerade einmal setzen bevor wir anfangen Essen zu machen. „Komm, trink was und dann geht’s weiter!“, ruft meine Schwester mir zu. Ich raffe mich auf. Trinke einen Schluck. Wir haben so hektisch gepackt, dass keine Zeit blieb zum Brunnen zu laufen, um Wasser zu holen. Das einzige, was wir hier haben, sind unsere Weinschläuche. In dieser Situation ist mir das auch ganz lieb so.

Wir machen Feuer. Während ich etwas trockenes Holz und Gestrüpp zusammen sammle, gehen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Wie geht es jetzt weiter? Wir sind die einzigen Überlebenden. Kein anderer unserer Verwandten, unserer Freunde und Nachbarn hat es geschafft. Keiner. Wir sind die einzigen. Sie wurden auch nicht gewarnt. Wir wohl gerade noch rechtzeitig. Wir sind die einzigen Überlebenden. So habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt. Ich schaue meine Schwester an. Ihr Blick ist leer. Meiner wahrscheinlich auch. „Wie geht es weiter?“, frage ich sie. Sie zuckt die Achseln. „Mit Essen“, erwidert sie sarkastisch. „Ne, mal ehrlich, sag ich. Was wird aus unserer Familie?“, frag ich. „Unsere Familie ist gestorben“, sagt meine Schwester, „es geht nicht weiter.“ Das darf nicht sein. Das kann nicht sein. Das will ich nicht wahrhaben. Meine Schwester scheint meine Gedanken zu hören und zischt: „Verstehst du nicht, wir sind die einzigen hier. Du, Vater und ich. Wir sind nicht verheiratet. Mutter ist weg. Das war’s.“ Ich weiß das, aber ich will es nicht hören. Trotzdem klingt in mir nach, was sie gerade gesagt hat und ein Gedanke reift in mir heran. Wie ein Geschwür. Ein unaussprechlicher Gedanke. Ein böser, furchtbarer, schändlicher Gedanke. Ich versuche ihn zu unterdrücken. Vergeblich. Die Idee ist da. Gibt es denn gar keinen anderen Weg? Ich denke krampfhaft nach. Aber so sehr ich es mir auch wünschen würde, es gibt keinen. „Nein, es muss nicht vorbei sein“, sage ich entschlossen und mit zusammengebissenen Zähnen. „Und du weißt, was ich meine“, flüstere ich. Meiner Schwester fällt der Löffel aus der Hand. „Spinnst du?“, knirscht sie. „Nein, es geht nicht anders. Es ist der einzige Weg und es ist unsere Verantwortung, vielleicht unsere Pflicht. Das weißt du auch“, sage ich leise. Unerträglich lange bleibt es still zwischen uns. „Und wie willst du das anstellen?“, flüstert sie mir zu. „Wir haben gerade nur Wein zu trinken, wir wollen alle vergessen oder es wenigstens etwas leichter nehmen, und wir alle haben einen irren Durst nach der Hitze, und dem Staub und der Flucht. Ich werde ihn eindringlich erinnern, dass er viel trinken muss nach einem solchen Tag. Er ist eh etwas durch den Wind. Und dann, heute Abend, naja, gehe ich zu ihm ins Zelt. Ich bin die Ältere von uns, ich werde es zuerst tun“, erkläre ich ihr schweren Herzens mit viel Selbstekel und fühle mich abscheulich. Ich glaube, ich kann heute nichts mehr essen. „Na gut, okay. Wenn du es auch machst, zieh ich mit. Es ist unsere Verantwortung. Nur wir haben es in der Hand, dass es mit unserer Familie weitergeht“, sagt sie. Jetzt redet keiner mehr. Der fürchterliche Plan steht. Die Entscheidung ist gefallen. Es ist unsere Pflicht.

In der alt-orientalischen Kultur ist die Bedeutung und der Fortbestand der Familie kaum zu unterschätzen. Frauen wurden vor allem nach dem Gebären insbesondere männlicher Nachkommen definiert und definierten sich selbst darüber. Die Geschichte reflektiert die Begebenheit, wie nur Lot und seine zwei Töchter den Untergang Sodoms und Gomorrhas überlebten und die Töchter den Fortbestand ihrer Sippe sichern, indem sie Kinder mit ihrem eigenen Vater zeugen (vgl. Genesis 19). Diese Entscheidung ist für uns im Deutschland des 21. Jahrhunderts nicht einfach nachzuvollziehen, da Kinderlosigkeit in der Regel nicht als Schande aufgefasst wird und keine Identitätskrise nach sich ziehen muss – zum Glück. Diese Geschichte soll dazu beitragen, Verständnis für Frauen in stark patriarchalischen Kulturen zu schaffen, deren eigene Daseinsberechtigung sich maßgeblich durch das gebären von Nachkommen zum Fortbestand der Familie definiert – auch heute noch.

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Flüchtlinge, Frechheiten, Fantasie

Shit, habe ich das Handy mitgenommen? Ich greife hektisch an die Tasche meiner Arbeitshose. Zum Glück, ich hab‘s mit. Das wär’s ja noch gewesen. Bin eh schon spät dran. Sorry, ich hab mich gar nicht vorgestellt. Ich bin Bernd. Bernd Rau, Klempner hier in Brothausen. Geschäft läuft okay. Hab ne kleine Firma mit drei Angestellten. Boris, Detlef und Želko. Wir sind die einzigen hier im Ort, Fachkräftemangel. Deswegen haben wir immer alle Hände voll zu tun. Reich werden kannste damit nicht, aber zum Leben reicht‘s. Bin gerade auf dem Weg zur Baustelle. Und es ist schon dreiviertel acht. Deswegen die Eile. Die Jungs sind wahrscheinlich schon fleißig dabei. Das sind echt gute Leute. Bin froh, dass ich die hab. Das ist heute ja nicht mehr selbstverständlich. Die meisten in meiner Branche nehmen nur noch die Rumänen, Ukrainer, Türken und was nicht alles. Da kannste froh sein, wenn du noch deutsch mit denen sprechen kannst. Aber ich kann mich nicht beklagen. Gut, der Boris und der Želko, die sind aus Bulgarien. Aber das sind gute Jungs, die sind auch schon einige Jahre da. Ich glaub, der Želko ist sogar hier geboren. Wie auch immer. 

Gerade wird hier im Ort ein Gebäude kernsaniert. Und wir sind gerade dabei die ganzen alten Rohre rauszureißen und neu zu verlegen. Die Frist ist knapp, bin gespannt ob wir da pünktlich fertig werden. Bin angekommen. Stell den Wagen ab, schnapp mir mein Zeugs und nix wie hoch in den dritten Stock. Ganz schön runtergekommen hier. Die Sanierung hatte die Bruchbude hier echt nötig. Auf der Treppe fällt mir noch ein, dass ich den Jungs noch ein bisschen Feuer machen muss. Im positiven Sinn. „Moin“, sag ich. „Moin, Chef“, sagt Detlef. „Wir haben schon mal die Kippe für den ganzen Schrott da unten aufgebaut. Kann losgehen hier!“. „Wunderbar“, sag ich. „Wir müssen heute mit der halben Etage hier fertig werden, schaffen wir das?“, frag ich energisch. Boris runzelt die Stirn und brummt: „Dann mal los!“ 

Wir ackern bis zur Frühstückspause. Schweißen den ganzen Schrott nach unten, aber die haben hier gute Kupferrohre verbaut. Die sind was wert und wir können die zum Glück behalten. Deswegen sammeln wir die hier drin. Draußen kann sich ja jeder bedienen. „Jungs, ich muss nochmal in die Firma fahren und das ein oder andere erledigen. Bin gleich zurück!“ Den ganzen Papierscheiß, Dokumentation, Rechnungen, Steuern, Telefonate und so weiter. Wenn das nicht wäre, wäre das echt einer der geilsten Jobs der Welt. Mit den Jungs auf der Baustelle. Zusammen was schaffen, das macht echt Spaß. Aber muss halt sein.

Zurück auf der Baustelle. „Und Männer, alles klar hier?“ „Geht voran“, sagt Želko. Aber seit ner Stunde wühlt da ne Frau in unserem Container rum. Ich glaub, die sucht was zum Verkaufen. Ich hab schon gerufen, sie soll weggehen, aber hat sie nicht gemacht.“ Ich sag: „Wie, die fühlt da rum. Zeig ma!“ Wir gehen zum Fenster und ich schau runter. Da wühlt echt ne Frau in der Kippe rum. Ich fasse es nicht! Das ist ja dreist! Und komisch, die muss ungefähr mein Alter sein, aber irgendwie türkisch oder Persien oder so. Warum ist die da? „Ich geh runter und klär das mal“, sag ich. Auf Weg nach unter spielen sich schon alle möglichen Gesprächsszenarien in meinem Kopf ab. Bin sehr gespannt, was das da gleich gibt. Ob die überhaupt deutsch versteht? „Entschuldigung?!“, rufe ich. „Was machen Sie denn da?“ Sie springt erschrocken aus unserer kleinen Mulde. Sie sieht ziemlich mitgenommen aus. Die Sachen sehen alt und durchgetragen aus, aber nicht so pennerhaft, sondern nur alt. Die Angst steht ihr ins Gesicht geschrieben. Ich hebe beschwichtigend eine Hand. „Keine Angst, ich will ja nur mal fragen, weil das da meine Mulde ist“, sag ich ruhig. Sie zieht die Schultern hoch. „Sorry, sorry, for mother-in-law“, erwidert sie in mit starkem Akzent. „A okay, verstehen Sie deutsch?“, frage ich. „Deutsch, bisschen“, entgegnet sie mit einem leicht gezwungenen lächeln. Die Situation wurde jetzt etwas entspannter. „Und was willst du mit dem Schrott, verkaufen? Brauchst du Geld? Sell for money?“, sagte ich und versuchte es mit unbeholfener Gestikulation zu unterstützen. Leider war mein Englisch eine Katastrophe. Sie nickte. „Yes, yes. Mein mother-in-law und ich, refugees, flüchten, from Syria. She said, maybe, ich kann sell scrap“, sagt sie nach Wörtern ringend. „Schrott verkaufen!“, helfe ich ihr auf die Sprünge. Sie nickt. „We live next to Recycling-center.“ „Wertstoffhof, aha, haben Sie eine Wohnung gefunden, found apartment?“ „Just a room, we get a little money, but need more, to buy bed and cooker.“ “O Mann, nicht mal Bett und Herd haben Sie. Haben Sie noch mehr Familie, Mann, Kinder?“, frag ich. Die haben doch eigentlich immer Familie dort. Ihr Blick wird traurig und sie schaut zu Boden. „No, no, my husband, my father-in-law, brother-in-law died in war. And I have no contact to my old family, because I became a Christian, they are Muslim. But my mother-in-law, she is from Germany, from here, Brothausen. She came to Syria 30 years ago.” Aus Brothausen, dachte ich, die muss ich doch kennen. Als ich Kind war, sind einige hier aus dem Dorf ausgewandert. Gab keine Arbeit und dann sind viele gegangen. „Aha, vielleicht kenn ich die ja, von früher!“, antworte ich ihr. „Und wissen Sie was, Sie können hier alles mitnehmen, was Sie brauchen können! Und sagen Sie einen lieben Gruß an die Schwiegermutter!“ „Thank You, danke!“, sagt sie mit leuchtenden Augen. 

Ich dreh mich um, geh wieder hoch und fühle mich irgendwie gut, dass ich helfen konnte. „Und Chef, haste Sie weggeschickt?“; fragt Boris. „Ne, die ist ganz arm dran, Flüchtling aus Syrien. Die ist wohl mit ihrer Schwiegermutter gekommen, die kommt wohl ursprünglich hierher. Familie ist im Krieg gestorben, und so weiter, aber habs nicht alles genau verstanden. Und sie ist irgendwie Christ aber ihre Familie nicht oder so. Egal, die haben da wohl nen Zimmer neben dem Wertstoffhof und ihre Schwiegermutter hat sie Schrott sammeln geschickt, dass sie sich Möbel kaufen können“, erklär ich die Szene in Kurzform. „Ja, macht die jetzt weiter?“, fragt Želko. „Jo, ich habs ihr erlaubt. Die hat ja sonst nix“, sag ich. „Das ist doch kaum zu fassen“, bemerkt Detlef etwas ausgebracht. „Die kommen von überall her, fressen unsere Steuergelder und jetzt nehmen sie schon unseren Schrott und unsere Wertstoffe und irgendwann klauen sie uns die Arbeitsplätze.“ „Detlef, mach ma halblang“, sag ich. „Das sind zwei arme Frauen, die ihre Familie im Krieg verloren haben.“ „Ja weißte, meine Mutter ist mit 39 an Krebs gestorben und mein Vater hat gesoffen wie ein Loch. Ich hab mich auch hochkämpfen müssen, dass ich jetzt da bin, wo ich bin und hab nix vom Staat bekommen.“ Wir diskutierten noch ein bisschen. Aber gut. Ich will die Stimmung in der Firma nicht zerstören, muss ja auch jeder seine politische Meinung finden.

Am nächsten Tag, noch morgens, wir waren gerade gut am Schaffen, ruft Boris: „Chef, die ist wieder da.“ Und tatsächlich, da unter war sie wieder und suchte nach Verwertbarem. Die Sache war mir gestern Abend nicht aus dem Kopf gegangen. Ich hatte mich gefragt, ob man nicht mehr tun könnte oder müsste, ohne jetzt irgendwie über die Stränge zu schlagen. Ich hatte da schon eine Idee, aber wer weiß, wie die Jungs reagierten. „Wisst ihr was?“, rief ich. „Die teuren Kupferrohre hier, schmeißt die einfach runter.“ „Jetzt ehrlich?“, fragt Zelko. „Jap“, sag ich. „Chef, du meinst es wohl ein bisschen zu gut“, sagt Detlef. „Ich werd aber nicht kürzer treten, nur wegen irgendeiner Flüchtlingsfrau.“ „Mensch Detlef, hab ich je schlecht gezahlt? Das geht natürlich auf meine Kappe“, sag ich etwas genervt und enttäuscht über das Misstrauen. Aber man kann es eben nicht allen recht machen. Während des Tages, schaue ich immer mal wieder raus, ob sie die Kupferrohre auch nimmt. Tut sie. Davon kriegt sie auf jeden Fall erstmal alles, was sie braucht. Am späten Nachmittag fahre ich dann nochmal ins Büro für ein paar Anrufe und Papier. 

Als ich gegen Abend rauskomme, steht die Frau vor mir. „Hallo“, sag ich. „Thank You, I know, you give the tubes”, erwidert sie strahlend. “Man tut, was man kann”, sag ich möglichst bescheiden und geschmeichelt. „May I ask you something rude?“ Was war nochmal `rude´? Meine Vokabelkenntnis ist einfach peinlich. Irgendwie bin ich gespannt, was sie jetzt sagt. „Ja, was denn?“, frag ich. „Please, could you offer me a job? I need it for application for residence in Germany, and for money, so I can take care for my mother-in-law.” Ich gucke etwas überrascht oder entsetzt? Weiß nicht, ich kann mich ja nicht selbst sehen. Ich runzle die Stirn und atme seufzend aus. Keine Ahnung, ob ich mir das leisten kann. „Was können sie denn?“, sondiere ich. Was wird das hier eigentlich, ein Bewerbungsgespräch auf dem Bürgersteig? „In Syria, I work in administration in a company.“ Mh, klingt mir nicht nach handwerklich begabt. Aber wenn sie nur etwas besser deutsch sprechen könnte, könnte ich sie als Art Sekretärin gebrauchen. Dann wär ich auch diesen ganzen Telefon- und Papierscheiß los. „Wissen Sie was?“, sag ich. „Ich sage ihnen morgen Bescheid, was ich machen kann. Ist das okay?“ „O, thank you, vielen Dank“, antwortet Sie etwas ungläubig, aber hoffnungsvoll. „Wie heißen Sie eigentlich?“ „Ruth“, sagt sie. „Bernd“, sag ich. 

Seitdem ist ein halbes Jahr vergangen. Ich hatte mir den nächsten Tag frei genommen, um mich nach allen möglichen Dingen zu erkundigen. Rechtliches, Finanzielles und nach Deutschkursen. Dann habe ich am nächsten Tag die frohe Kunde überbracht. Der Deal, den ich mir überlegt hatte, war folgender: Ich stellte Ruth auf 450 Euro Basis an, aber sie besuchte zwei Monate lediglich den Deutschkurs, den ich über die Firma finanzieren konnte. Ab dann konnte ich sie in die Firma einarbeiten, aber nur halbtags, während sie weiterhin deutsch lernte. Das Telefonieren musste ich erstmal noch übernehmen. Aber sie war erstaunlich geschickt mit allen möglichen PC-Geschichten und Verwaltungssachen, die für mich immer nur undurchsichtig und nervig waren. Seit vier Wochen hat sie einen richtigen Arbeitsvertrag. Die Jungs mussten das erstmal schlucken, besonders Detlef. Želko und Boris sind da glaub ich verständnisvoller, weil deren Eltern selbst mit nichts hierher kamen. Aber jetzt, wo sie sehen, dass ich viel mehr Zeit habe, um vor Ort mit anzupacken, haben sich alle Zweifel gelegt. Für die Firma war die ganze Sache schon ein finanzielles Wagnis. Mein Gewinn war ziemlich dünn die letzten Monate, aber so ist das als Selbstständiger. Es geht eben mal hoch, mal runter. Seit einigen Wochen geht’s allerdings hoch. Seitdem Ruth voll mitarbeitet, schaffen wir wesentlich mehr Aufträge. Und die jüngsten Neuigkeiten? Aber behaltet sie für euch! Heute habe ich Ruth gefragt, ob sie mit mir ausgeht. Sie hat Ja gesagt.

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Wie die Menschheit sich von der Freiheit befreite

Es gibt keine absolute, grenzenlose Freiheit. Das wird schnell klar, wenn man kurz darüber nachdenkt. Bleibt also die Frage, welche Grenzen der Freiheit zu setzen sind. Dazu lohnt es sich Larissas Beitrag zu lesen. Sie schreibt, dass Freiheit nicht auf Kosten oder zur Unfreiheit anderer ausgelebt werden sollte. Und um das zu gewährleisten, braucht es ein paar Regeln oder Gesetze. Aber welche? Und wer hat die Autorität solche zu machen? Wer sagt, was richtig und was falsch ist?

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Wenn Freundschaft das Leben kostet


Inspiriert von 1. Samuel 20

„Natürlich will dein Vater mich umbringen! Wie oft hat er es schon versucht, wie oft?! Und immer wieder bin ich zurückgekommen! Und immer wieder hat er es versucht“,  brüllt er mich an, als hätte ich Schuld daran. „Ich kann mit ihm reden. Er würde auf mich hören“, sage ich schlichtend. „Das hast du letztes Mal versucht und wie lange ging das gut, mh? Jedes Mal bin ich wiedergekommen, jedes Mal hab ich seine Kriege gewonnen. Und was ist der Dank? Dass er mich umbringen will?“ Er wird noch ärgerlicher. Ich versuche ihn weiter zu beruhigen: „Ich kann doch auch nichts dafür. Aber wenn er es vorhätte, würde ich es wissen!“ „Einen Scheiß würdest du wissen! Glaubst du ernsthaft, er hätte nicht spitz gekriegt, dass wir Freunde sind? Er würde es dir nicht sagen! Ich glaube, du checkst nicht was hier los ist! Ich komme mit einem Sieg aus dem Krieg zurück, bin gerade angekommen, da muss ich plötzlich fliehen. Und wenn meine Frau, seine Tochter, mir nicht den Arsch gerettet hätte und ihren Vater und König angelogen hätte, würde ich jetzt nicht mehr leben! Jonathan, ich kann  so nicht mehr weiter machen!“ 

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Repost: Er ist weg!

Über die Ostertage haben wir ein kleines Special geplant. Wir wollen die Story aus der Sicht verschiedener beteiligter Personen erzählen. Zum ersten Mal auch zum Anhören:

„Petrus! Petrus!“ Das kann doch nicht wahr sein! Warum macht er nicht auf? „Petrus! Bitte! Mach auf. Es ist wichtig!“ In meinem Kopf ist ein riesiges, emotionales Durcheinander. Und jetzt auch noch das.

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Der Mann des Zweifels

Es war einmal ein Mann. Er hatte ganz Europa bereist. Überall gelebt – ein Vagabund. Er stammte vom Adel ab und pflegte viele Beziehungen zum gesamten europäischen Klerus. Und obwohl er nicht sonderlich alt wurde, hatte er den gesamten 30-jährigen Krieg erlebt, der Europa verwüstet und entvölkert hatte. Er hatte den größten Schmerz seines Lebens erfahren, als er seine 5-jährige Tochter – sein einziges Kind – zu Grabe tragen musste. Wer ihn sah, hätte ihn wohl als kränklich beschrieben. Und dennoch war er der intellektuelle Rebell seiner Zeit und litt unter der Verfolgung der konservativen Kirchenfürsten. Er war ein Universalgenie – der Vater der neuzeitlichen Philosophie. Europa, wie wir es heute kennen, wäre undenkbar ohne ihn. Und er war ein frommer Mann. Sein Name ist René Descartes.

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Ja, aber um welchen Preis?

Nachdem es in den letzten Wochen viel um Jahreswechsel, Jahresvorsätze, Jahresrückblicke und so weiter ging, will ich heute über ein Thema schreiben, das mich die letzten Monate sehr viel beschäftigt und bewegt hat. Ein Thema, über das es mir nicht leicht fällt zu schreiben und viel Weisheit und Nachdenken benötigt, um die richtigen Worte zu finden. Es geht um Einheit!

Vorab eine Info: Meine Meinung zu diesem Thema ist meine persönliche. Vielleicht stimmen die anderen vier aus unserem Team dieser nicht zu. Genauso wenig lässt sich meine Ansicht zu diesem Thema auf die Ausrichtung des Blogs projizieren. Vielleicht teilst du diese auch nicht. Das ist okay. Denn auf diesem Blog geht es darum, Erlebnisse und persönliche Gedanken aus unserem Leben als Christen zu teilen und neue Gedanken anzuregen.

Einheit. Vielleicht muss ich dieses Wort „Einheit“ erst einmal genauer auseinander nehmen. Der Duden beschreibt Einheit wortwörtlich als „eine in sich geschlossene Ganzheit und Verbundenheit; eine als Ganzes wirkende Geschlossenheit und innere Zusammengehörigkeit.“ 
Wenn ich in die Bibel schaue, sehe ich eigentlich keinen großen Unterschied. In seinem letzten Gebet auf Erden sagt Jesus in Johannes 17, 22-23 zu seinem Vater:

Ich habe ihnen die gleiche Herrlichkeit geschenkt, die du auch mir gegeben hast, damit sie eins sind so wie wir eins sind und damit sie die vollkommene Einheit gewinnen und die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und sie liebst.

Und im ersten Brief an die Korinther, Kapitel 1 Vers 10 schreibt Paulus:

„Sprecht alle mit einer Stimme und lasst keine Spaltungen unter euch zu! Haltet in derselben Gesinnung und Überzeugung zusammen!“

Wir merken also: Einheit ist gewollt, Einheit ist gut und Jesus selbst betet sogar dafür, das  Christen untereinander eins sind. Sie sollen die gleichen Überzeugungen und dieselbe Gesinnung (besser übersetzt mit, die gleiche Einstellung, das gleiche Ziel oder auch die gleiche geistliche Grundeinstellung) haben.

Kommen wir aber zu dem Punkt, der mich stocken lässt. Was bedeutet Einheit heute? Das Einheitsgefühl, welches Deutschland und die Konfessionen des Christentums gerade wie eine Welle überschwemmt, macht mir nicht nur Sorgen, sondern lässt mich auch meine eigenen Überzeugungen hinterfragen. Denn auf den vielen christlichen Events, Gottesdiensten oder Festivals, die ich letztes Jahr besuchte oder verfolgte, nahm ich auch wahr, das dort viele verschiedene Konfessionen, sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche, Freikirchen und verschiedene Gemeinden teilnahmen und diese auch meistens zusammen organisierten.

An sich finde ich das einen tollen Ansatz. Wir können voneinander lernen und dabei eingeschweißte Denkweisen überarbeiten. Aber natürlich fließen bei verschiedenen Konfession auch immer verschiedene Glaubensansichten mit ein. Dabei entstehen dann oft Kompromisse, besonders in der Auslegung der Bibel. In vielem gibt es dann nicht die gleichen Überzeugungen, wie es im Bibelvers weiter oben steht.

Versteht mich nicht falsch, dies ist nicht überall so und in erster Linie will ich hier nicht über Kirche und Konfessionen oder verschiedene Glaubensüberzeugungen reden, sondern über uns und wie wir zu unseren Überzeugungen stehen.

Ich denke, und das ist mir in den letzten Monaten immer deutlicher geworden , dass, wo verschiedenste Ansichten aufeinanderprallen, immer Kompromisse geschlossen werden, um den Frieden und die Gemeinschaft aufrechtzuerhalten. Das ist nicht nur im christlichen Bereich der Fall, sondern überall. Und meiner Meinung nach werfen (manche) Christen dabei schnell ihre Überzeugungen und biblische Wahrheiten über Bord. Denn Einheit ist ja schließlich das wichtigste, oder? Daran sollen Christen doch erkannt werden und sich unterscheiden. So sagt es auch der Bibelvers weiter oben. Ja, dem stimme ich zu. 

ABER: Hinterfragen wir das mal. Ist Einheit und Frieden wichtiger als biblische Grundlagen und Aussagen? Warum stehen viele Christen nicht zu dem was die Bibel sagt, sondern schneidern sich ihre eigenen Vorstellungen zusammen? Warum wird der Wert der Einheit höher gestellt als der Wert der Bibel? Einheit hat einen großen Wert und ist ein erstrebenswerter Zustand. Doch mit welchen Mitteln und unter welchen Kompromissen? Wenn Einheit bedeutet, dass Gottes Wort verharmlost oder verändert wird, kann dies nicht die Einheit sein, um die Jesus gebeten hat. 

Natürlich will ich damit nicht sagen, dass man immerzu sein Recht und seine Meinung durchsetzen muss. In Kleinigkeiten und unwichtigen Streitereien kann und sollte man auch mal den Mund halten können und nachgeben. Das ist übrigens auch ein biblisches Prinzip. Jesus hat seinen Gegenüber geachtet und akzeptiert und ihm nichts übergestülpt. 

Wie sieht es aber mit essentiellen grundlegenden Aussagen der Bibel aus? In diesem Punkt finde ich es enorm wichtig, dazu zu stehen, was die Bibel sagt und diese Aussagen nicht einfach umzudrehen, wegzulassen oder als unwichtig anzusehen, nur um das Gegenüber nicht zu verärgern.

Ich will dich mit diesen Überlegungen  ermutigen alles zu überdenken und zu prüfen, was du siehst. Wenn du merkst, das in Gemeinden und Kirchen Kompromisse geschlossen werden, die du nicht unterstützen kannst und die nicht die Aussagen der Bibel unterstreichen, dann bleibe nicht ruhig und akzeptiere dies, sondern steh auf und sage klar deine Meinung. Trau dich auf Gegenwind zu stoßen und andere mit deinen Ansichten zu verärgern. Schwimme gegen den Strom. 

Und wenn du dich jetzt fragst, wie du erkennen kannst, was wahr und was falsch ist oder wo nicht mehr die Bibel und Jesus im Mittelpunkt stehen, sondern das Einheitsgefühl, dann kann ich dir nur sagen: Lese die Bibel. Dort steht alles drin, was du wissen musst. Tausche dich auch mit älteren, gläubigen Menschen aus, die vielleicht schon viel erlebt und gelernt haben. Und bitte Gott, dass er dir Mut schenkt, für die Wahrheit einzustehen.

Eure Larissa

PS: Ich würde mich freuen, wenn du mir schreibst, was du zu diesem Thema  denkst. Vielleicht kann ich von dir auch einiges mitnehmen und lernen;)

Du erreichst mich auf Instagram unter dem Post, hier auf der Webseite oder per E-Mail an larissa@alltagspropheten.de 

Danke an Unsplash.com und Hudson Hintze für das Foto.

Nur ein Niemand – vom Versuch, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen

Schon vor längerer Zeit wurde ich auf einen Song hingewiesen, der mich so sehr inspiriert hat, wie schon lange keiner mehr zuvor. Damit das passiert, muss schon einiges zusammenkommen. Die Musik sollte eingängig, aber nicht gewöhnlich sein. Schnell mitzusingen, aber nicht langweilig und natürlich irgendwie besonders. Wenn noch dazu der Text eine tiefe Aussage in sich trägt und unvergleichlich unverkrampft mit der Musik ineinandergreift, ist es geschaffen: das Meisterwerk. So oder einen ähnlichen Prozess muss die amerikanische Rockband „Casting Crowns“ wohl durchlaufen sein, bevor sie 2018 den Song „Nobody“ veröffentlichte. Besonders der Refrain hat mich unmissverständlich angesprochen, mich inspiriert und mir eine neue Perspektive – ja fast schon eine Lebensvision offenbart. Ich bekomme immer noch jedes Mal Gänsehaut, wenn ich mir den Song anhöre. Doch bevor ich das weiter ausführe, höre lieber erstmal selbst:

Was geht dir durch den Kopf, nachdem du dir den Song angehört hast? Konntest du dich auf Text und Musik einlassen? Hast du einen Zugang gefunden? Denke noch ein paar Minuten darüber nach, falls der Song etwas in dir ausgelöst hat, bevor du weiterliest.

Was ich daran so genial finde, ist zunächst einmal der musikalische Einstieg, der mich so leicht und rhythmisch abholt und in den Song mit hinein nimmt. Dazu der Gesang in der Strophe – leicht gegenläufig zum Takt – gibt eine tolle Kombination zum mitwippen ab.

Doch was ich noch viel beeindruckender finde, ist der Refrain, der einerseits sprachlich so ausgefeilt ist und gleichzeitig eine wundersam tiefgründige Message übermittelt. Deswegen hier nochmal ein Ausschnitt:

„I’m just a nobody
trying to tell everybody
all about Somebody
who saved my soul.“

Nobody – Casting Crowns (feat. Matthew West)

„Ich bin nur ein Niemand,
der versucht allen,
alles über jemanden zu erzählen,
der meine Seele gerettet hat.“

Deutsche Übersetzung

„Ich bin nur ein Niemand.“

Wir haben in der Theater AG in der Schule einmal ein Stück gespielt, in dem eine Rolle „Paul Niemand“ hieß. Während es uns riesigen Spaß machte, mit diesem Nachnamen Wortwitze zu bilden wie „Niemand ist schon da“ oder „Niemand hört zu“ oder „Niemand hat heute Lust zu proben“, so ist es eigentlich – wenn man nicht gerade so heißt und es somit auf eine Person zutrifft – ziemlich deprimierend, wenn diese Sätze wahr wären. Wer möchte schon ein Niemand sein? Unbekannt. Unbeachtet. Ungesehen. Was ist daran schon positiv?

Mir gefällt diese Demut, direkt zu Beginn des Refrains. Wie sich der Sänger sieht. Dass er sich selbst nicht so wichtig nimmt und seinen Platz kennt. Dass er weiß, dass seine Fähigkeiten und seine Kraft begrenzt sind und nicht alles von ihm selbst abhängig ist. Mir tut es selbst immer wieder gut: mich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Einerseits hilft es mir, entspannter durch das Leben zu gehen. Wenn ich mir bewusst mache, dass ich auf viele Dinge gar keinen Einfluss habe, auch wenn ich es mir oft einbilde. Andererseits ist es heilsam für den Umgang mit meinen Mitmenschen. Wenn ich mich selbst nicht so wichtig nehme, wenn ich mich selbst nicht nur um mich selbst drehe, habe ich mehr Kapazitäten für meine Mitmenschen. Mir kommt es oft so vor, dass ich eher dazu neige, an mich selbst zu denken und an das, was ich will, als an die Bedürfnisse meiner Mitmenschen.

Nach diesem ersten Schritt steckt in dem Song noch ein ziemlich großer Auftrag drin: nämlich allen alles über jemanden zu erzählen, der irgendeine Seele gerettet hat.

Mit diesem jemand ist Jesus gemeint und die Aussage bezieht sich unter anderem auf folgende Bibelstelle:

„Darum geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“

Matthäus 28,19 (NGÜ)

Ein ziemlich großer Auftrag, der fast schon unmöglich scheint. Aber wenn man ihn auf die ganze Menschheit bzw. alle Christen verteilt, ist er vielleicht gar nicht mehr so unmachbar, wie er im ersten Moment klingt.

Gleichzeitig finde ich, dass in diesem Bibelvers oft ein großer Druck mitschwingt – oder vielleicht auch eher erzeugt wird. Dass man irgendetwas Krasses reißen muss, um anderen Menschen von diesem Jemand zu erzählen. In der Fußgängerzone Leute ansprechen oder in fremde Länder fahren.

Ich mag beide Strategien nicht so und bin auch nicht der Meinung, dass das die alleinigen Anleitungen wären, diesen Auftrag zu erfüllen. Ich glaube, dass es kein Zufall ist, in welches Umfeld ich hineingeboren wurde und worin ich mich bewege. Jeden Tag. Ich glaube, dass es eher darum geht, mein Leben authentisch mit diesem Jemand zu leben und wenn sich die Gelegenheit ergibt, nicht zu kneifen und davon zu erzählen (und es ergeben sich genug Gelegenheiten). Aus diesem Grund wurde vor rund 15 Monaten dieser Blog gegründet. Um Möglichkeiten zu schaffen, ein authentisches Leben als Christ zu teilen, in der Hoffnung, andere Menschen dadurch zum Nachdenken anregen oder sogar inspirieren zu können. Um Mut zu machen, möchte ich zum Abschluss noch von einer dieser Gelegenheiten (im echten Leben) erzählen, die mittlerweile fast zwei Jahre her ist. Film ab!

Mein Magen knurrt. Ich habe Hunger. Der Nachmittag ist schon weit vorangeschritten und das Mittagessen eine Weile her. Aber ich muss noch etwas weiterlernen. Noch eine halbe Stunde. Dann kann ich rausgehen, um mein mitgebrachtes Vesper zu genießen (was ich normalerweise nie mache, weil ich zu faul bin). Normalerweise lerne ich auch nie in dieser Bibliothek, für die ich mich heute entschieden habe.

Es ist Dienstag, nach dem Lernen steht noch eine Probe für den Gottesdienst am Sonntag an. Seit kurzem bin ich dort irgendwie in ein Leitungsteam gerutscht und unser Wunsch und Ziel ist es, unser sonntägliches Treffen so zu gestalten, dass wir gerne Freunde mitbringen, ohne sie gleich abzuschrecken. Ich bin nicht so der Held darin – Freunde mitzubringen. Ich habe kein Problem zu meinem Glauben zu stehen, renne jetzt aber auch nicht mit einem „Jesus liebt dich“-Shirt rum und binde es jedem auf die Nase. Doch heute wollte ich es mal wieder versuchen. Ich hatte morgens extra gebetet, dass ich zwei Kommilitonen einlade, mit denen ich mich dienstags immer zum Mittagessen treffe. Doch beide konnten heute nicht. Was für eine Enttäuschung! Da war es mir endlich mal wieder ein Anliegen gewesen und ich hatte sogar gebetet und dann nahm Gott mein Angebot nicht an…

Da stand ich also nun. Draußen vor der Bibliothek. Leicht frustriert, aber auch mit leichter Vorfreude auf die Probe heute Abend. Ich entpackte gerade mein Vesper, als mich auf einmal jemand ansprach: „Hey, was machst du hier so spät noch?“ Ich war etwas überrascht, ihn zu sehen. Wir kannten uns nur aus einer Vorlesung und hatten bisher nicht oft geredet. Aber ein bisschen Gesellschaft beim Essen war ja nicht schlecht. „Ähm… ich…“ Jetzt kam der Moment der Wahrheit. Erfand ich einfach irgendeinen halbwahren Grund wie „Stress mit den Prüfungen“ oder stand ich zu meinem Plan. Ich war leicht nervös und entgegnete: „Ich habe später noch so eine Probe in der Stadt. Für so einen Gottesdienst.“

„Waaaaaas?! Gottesdienst?! Ist ja mega krass. Das feier ich voll, wegen der Gemeinschaft und so. Meinst du, ich kann auch kommen?“, erwiderte mein Kommilitone. Diese Reaktion hatte ich jetzt nicht erwartet. Eher sowas wie: „Alter, was ist bei dir falsch?! Du gehst in die Kirche?! Glaubst du dann auch an Gott?“

Zum Glück war ich in der Situation nicht sprachlos, aber doch ein bisschen kalt erwischt. „Ja klar kannst du kommen“, sagte ich. Ich nannte ihm Adresse und Zeitpunkt und er versprach auf jeden Fall zu kommen. Wenn das nur immer so einfach laufen würde…

Ich erzähle diese Geschichte so gerne, weil sie zeigt, dass ich gar nichts tun musste, um den in diesem Beitrag angesprochenen Auftrag zu erfüllen. Ich musste nichts Verrücktes oder Außergewöhnliches machen, sondern einfach nur meinen Alltag leben und im entscheidenden Moment ehrlich und authentisch sein. Ich bin ein Niemand in der Geschichte. Meine Rolle hätte auch jemand anders spielen können. Vielleicht nicht an diesem Tag, aber an einem anderen. Es geht nicht um mich, sondern darum, ehrlich und authentisch zu sein.

Die Geschichte geht noch weiter. Mein Kommilitone kam tatsächlich in den Gottesdienst. Es gefiel ihm sehr gut und da er – frisch hergezogen – Anschluss suchte, blieb er und schloss sich unserer Studentengruppe an. Wir begleiteten ihn auf seinem Weg, diesen Jemand (Jesus) kennenzulernen, der bereits unsere Seelen gerettet hatte und nun drauf und dran war, dasselbe auch mit ihm zu tun. Nach einigen Monaten entschied sich mein Kommilitonen dann selbst mit diesem Jemand zu leben – doch das ist eine andere Geschichte. Für heute zählt: Alles begann mit einem Niemand.


Danke an Martin Adams für das Foto von Unsplash.