Der Mann des Zweifels

Es war einmal ein Mann. Er hatte ganz Europa bereist. Überall gelebt – ein Vagabund. Er stammte vom Adel ab und pflegte viele Beziehungen zum gesamten europäischen Klerus. Und obwohl er nicht sonderlich alt wurde, hatte er den gesamten 30-jährigen Krieg erlebt, der Europa verwüstet und entvölkert hatte. Er hatte den größten Schmerz seines Lebens erfahren, als er seine 5-jährige Tochter – sein einziges Kind – zu Grabe tragen musste. Wer ihn sah, hätte ihn wohl als kränklich beschrieben. Und dennoch war er der intellektuelle Rebell seiner Zeit und litt unter der Verfolgung der konservativen Kirchenfürsten. Er war ein Universalgenie – der Vater der neuzeitlichen Philosophie. Europa, wie wir es heute kennen, wäre undenkbar ohne ihn. Und er war ein frommer Mann. Sein Name ist René Descartes.

Vielleicht denkst du dir jetzt: Wer ist dieser Typ? Und was hat er mit meinem Zweifeln und meinem Glauben zu tun? Ich sage dir: sehr viel! Lass uns etwas weiter in sein Leben eintauchen.

Zu einer Zeit, als René gerade 23 Jahre alt war und als Soldat im Dienste des bayrischen König stand, wurde er mit seiner Kompanie in der Nähe von Ulm (manche sagen Neuburg) eingeschneit. Sein Biograf Adrien Baillet berichtet von drei Träumen, die Descartes in der Nacht vom 10. auf den 11. November geträumt haben soll und die seinem Leben eine neue Richtung gaben. Denn ihm sei dort ein Licht aufgegangen und er verspürte eine starke Berufung zum Philosophen. Seit einiger Zeit hatte er eine Vision vor Augen: die Vision von einer universalen Methode zur Erforschung der Wahrheit. Und jetzt wusste er, dass er dazu berufen war, diese zu entwickeln. 

René hatte ein Problem. Das Problem war die Wirklichkeit. Ist das, was ich erlebe, wirklich wahr? Vielleicht kennst du solche Fragen auch. Und wenn nicht von dir selbst, dann vielleicht von Dom Cobb aus Inception, der seine Frau an diese Frage verliert. Rene fragte sich, was er überhaupt glauben könne, und zog alles, aber wirklich alles in Zweifel. Man nennt das auch den methodischen Zweifel. Er habe die Welt in seiner Unruhe „zerdacht“, meint Harald Lesch. Am Ende bleiben nur noch wenige Worte übrig: „Je pense, donc je suis“. Oder auf Deutsch: Ich denke, also bin ich. Oft wird dieser Satz dahingehend missverstanden, dass das menschliche Sein eine Konsequenz des Denkens sei. Hier geht es darum, dass Descartes ein neues Selbstbewusstsein begründet. Für ihn ist Denken gleich Zweifeln und solange er denkt und zweifelt, kann er sich sicher sein, dass mindestens sein eigenes Denken und Zweifeln wirklich wahr sind. Das Denksystem, das daraus entstand, nennt man Rationalismus. Für die Beantwortung unserer Grundfrage (Ist das, was ich erlebe, wirklich wahr?) bedeutet das: Was ich durch mein Denken mit logischen Argumenten nach dem Vorbild der Mathematik begründen kann, ist wahr! Über alles andere sollte man besser keine Aussage treffen. Als sich dieser Denkansatz in Europa verbreitete, entstand eine Fortschrittsexplosion der Naturwissenschaften, von der wir bis heute massiv profitieren.

Musste Descartes seinen Glauben dann nicht über Bord werfen? Nein. Aber er musste anders glauben. Da er nur an seinem Selbstbewusstsein nicht zweifelte, versuchte er seinen Glauben logisch und vernünftig zu begründen. Und das hat er wirklich getan. Wie etliche Philosophen und Theologen des Mittelalters, allen voran Anselm von Canterbury, konnte René Gott beweisen. Wie er das gemacht hat und warum das heute nicht mehr funktioniert, wäre Stoff für einen anderen Beitrag. Aber für Descartes passte das! Auch wenn Gottesbeweise seit einigen Jahrhunderten nicht mehr so populär sind, so ist doch sein Denken erhalten geblieben. Jeder von uns hat so einen kleinen René hinter seiner Stirn, der flüstert: Ich glaube nur, was ich verstehe und was mir logisch erscheint! Vermutlich werden alle europäischen Christus-Glaubende mindestens einmal mit solchen Zweifeln konfrontiert, weil der christliche Glaube oft gar nicht mal so logisch erscheint. Mich haben solche Gedanken oft umgetrieben und zweifeln lassen, aber, Gott sei Dank, durfte ich etwas feststellen:

Die Ursache vieler Zweifel liegt nicht so sehr an meiner Begrenztheit oder Gottes Komplexität, sondern an dem kleinen René in meinem Kopf. Seine letzte Sicherheit war sein mehr oder weniger vernünftiges Selbstbewusstsein. Außerhalb davon gab es nichts, was Wahrheit sein durfte. Descartes glaubte an das, was er über Gott dachte. Ich glaube an einen Gott, der zu den Menschen und auch zu mir spricht. Das ist die letzte Sicherheit. Der Schlüssel dazu ist Vertrauen, Treue und Beziehung. Auch wenn ich an mir selbst zweifle, kann ich auf das vertrauen, was Gott über mich sagt. Auch wenn ich an Gott zweifle, kann ich auf das vertrauen, was Gott über sich sagt. 

Als Europäer, muss ich lernen mein „mindset“ etwas flexibler zu gestalten und Gott hilft mir dabei. Er ist auch ein Gott der Europäer, aber in erster Linie war und ist Gott ein Gott der Hebräer. Mein Denken und Glauben aus hebräischer Perspektive zu betrachten, hat mir sehr dabei geholfen die Bibel zu verstehen. Immerhin sind die meisten Menschen und alle Autoren der Bibel althebräisch sozialisiert und nicht europäisch. René glaubte an Gott als das höchste und vollkommenste Wesen. Ich will das nicht leugnen, aber diese verkürzte Ansicht ist durchtränkt mit antiker heidnischer Philosophie à la Platon, die bereits im frühen Mittelalter Einzug in die europäisch-christliche Philosophie und Theologie erhalten hatte.
Gott ist nämlich auch der Typ, der bei Abraham isst und anschließend mit ihm wild über das Schicksal der Stadt Sodom diskutiert.
Gott ist der Typ, der sich mit Jakob auf einen Faustkampf einlässt und gewissermaßen „verliert“.
Gott ist der Typ, der lieber in einer Nomadenhütte wohnt, als im Himmel. Gott ist der Typ, der sich als Mensch gebären lässt und in Windeln kackt. Gott ist der Typ, der als verurteilter Verräter wie Abschaum am Kreuz stirbt.
Gott ist der Typ, den Johannes gesehen, gehört und angefasst hat.
Gott ist der Typ, der für die Jünger Frühstück macht.
Gott ist der Typ, der mit seinem Geist in mir wohnt.
Gott ist der Typ, der Simon fragt „Liebst du mich?“
Gott ist der Typ, der dich fragt: Vertraust du mir?

Euer Lukas

Beitragsbild: Photo by Laurenz Kleinheider on Unsplash

Fun-Fact: Den Schädel von Rene Descartes kannst du dir im Musée de l’Homme in Paris anschauen. Ganz witzig, darin hat das alles stattgefunden!

Photo by Mathew Schwartz on Unsplash

Ja, aber um welchen Preis?

Nachdem es in den letzten Wochen viel um Jahreswechsel, Jahresvorsätze, Jahresrückblicke und so weiter ging, will ich heute über ein Thema schreiben, das mich die letzten Monate sehr viel beschäftigt und bewegt hat. Ein Thema, über das es mir nicht leicht fällt zu schreiben und viel Weisheit und Nachdenken benötigt, um die richtigen Worte zu finden. Es geht um Einheit!

Vorab eine Info: Meine Meinung zu diesem Thema ist meine persönliche. Vielleicht stimmen die anderen vier aus unserem Team dieser nicht zu. Genauso wenig lässt sich meine Ansicht zu diesem Thema auf die Ausrichtung des Blogs projizieren. Vielleicht teilst du diese auch nicht. Das ist okay. Denn auf diesem Blog geht es darum, Erlebnisse und persönliche Gedanken aus unserem Leben als Christen zu teilen und neue Gedanken anzuregen.

Einheit. Vielleicht muss ich dieses Wort „Einheit“ erst einmal genauer auseinander nehmen. Der Duden beschreibt Einheit wortwörtlich als „eine in sich geschlossene Ganzheit und Verbundenheit; eine als Ganzes wirkende Geschlossenheit und innere Zusammengehörigkeit.“ 
Wenn ich in die Bibel schaue, sehe ich eigentlich keinen großen Unterschied. In seinem letzten Gebet auf Erden sagt Jesus in Johannes 17, 22-23 zu seinem Vater:

Ich habe ihnen die gleiche Herrlichkeit geschenkt, die du auch mir gegeben hast, damit sie eins sind so wie wir eins sind und damit sie die vollkommene Einheit gewinnen und die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und sie liebst.

Und im ersten Brief an die Korinther, Kapitel 1 Vers 10 schreibt Paulus:

„Sprecht alle mit einer Stimme und lasst keine Spaltungen unter euch zu! Haltet in derselben Gesinnung und Überzeugung zusammen!“

Wir merken also: Einheit ist gewollt, Einheit ist gut und Jesus selbst betet sogar dafür, das  Christen untereinander eins sind. Sie sollen die gleichen Überzeugungen und dieselbe Gesinnung (besser übersetzt mit, die gleiche Einstellung, das gleiche Ziel oder auch die gleiche geistliche Grundeinstellung) haben.

Kommen wir aber zu dem Punkt, der mich stocken lässt. Was bedeutet Einheit heute? Das Einheitsgefühl, welches Deutschland und die Konfessionen des Christentums gerade wie eine Welle überschwemmt, macht mir nicht nur Sorgen, sondern lässt mich auch meine eigenen Überzeugungen hinterfragen. Denn auf den vielen christlichen Events, Gottesdiensten oder Festivals, die ich letztes Jahr besuchte oder verfolgte, nahm ich auch wahr, das dort viele verschiedene Konfessionen, sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche, Freikirchen und verschiedene Gemeinden teilnahmen und diese auch meistens zusammen organisierten.

An sich finde ich das einen tollen Ansatz. Wir können voneinander lernen und dabei eingeschweißte Denkweisen überarbeiten. Aber natürlich fließen bei verschiedenen Konfession auch immer verschiedene Glaubensansichten mit ein. Dabei entstehen dann oft Kompromisse, besonders in der Auslegung der Bibel. In vielem gibt es dann nicht die gleichen Überzeugungen, wie es im Bibelvers weiter oben steht.

Versteht mich nicht falsch, dies ist nicht überall so und in erster Linie will ich hier nicht über Kirche und Konfessionen oder verschiedene Glaubensüberzeugungen reden, sondern über uns und wie wir zu unseren Überzeugungen stehen.

Ich denke, und das ist mir in den letzten Monaten immer deutlicher geworden , dass, wo verschiedenste Ansichten aufeinanderprallen, immer Kompromisse geschlossen werden, um den Frieden und die Gemeinschaft aufrechtzuerhalten. Das ist nicht nur im christlichen Bereich der Fall, sondern überall. Und meiner Meinung nach werfen (manche) Christen dabei schnell ihre Überzeugungen und biblische Wahrheiten über Bord. Denn Einheit ist ja schließlich das wichtigste, oder? Daran sollen Christen doch erkannt werden und sich unterscheiden. So sagt es auch der Bibelvers weiter oben. Ja, dem stimme ich zu. 

ABER: Hinterfragen wir das mal. Ist Einheit und Frieden wichtiger als biblische Grundlagen und Aussagen? Warum stehen viele Christen nicht zu dem was die Bibel sagt, sondern schneidern sich ihre eigenen Vorstellungen zusammen? Warum wird der Wert der Einheit höher gestellt als der Wert der Bibel? Einheit hat einen großen Wert und ist ein erstrebenswerter Zustand. Doch mit welchen Mitteln und unter welchen Kompromissen? Wenn Einheit bedeutet, dass Gottes Wort verharmlost oder verändert wird, kann dies nicht die Einheit sein, um die Jesus gebeten hat. 

Natürlich will ich damit nicht sagen, dass man immerzu sein Recht und seine Meinung durchsetzen muss. In Kleinigkeiten und unwichtigen Streitereien kann und sollte man auch mal den Mund halten können und nachgeben. Das ist übrigens auch ein biblisches Prinzip. Jesus hat seinen Gegenüber geachtet und akzeptiert und ihm nichts übergestülpt. 

Wie sieht es aber mit essentiellen grundlegenden Aussagen der Bibel aus? In diesem Punkt finde ich es enorm wichtig, dazu zu stehen, was die Bibel sagt und diese Aussagen nicht einfach umzudrehen, wegzulassen oder als unwichtig anzusehen, nur um das Gegenüber nicht zu verärgern.

Ich will dich mit diesen Überlegungen  ermutigen alles zu überdenken und zu prüfen, was du siehst. Wenn du merkst, das in Gemeinden und Kirchen Kompromisse geschlossen werden, die du nicht unterstützen kannst und die nicht die Aussagen der Bibel unterstreichen, dann bleibe nicht ruhig und akzeptiere dies, sondern steh auf und sage klar deine Meinung. Trau dich auf Gegenwind zu stoßen und andere mit deinen Ansichten zu verärgern. Schwimme gegen den Strom. 

Und wenn du dich jetzt fragst, wie du erkennen kannst, was wahr und was falsch ist oder wo nicht mehr die Bibel und Jesus im Mittelpunkt stehen, sondern das Einheitsgefühl, dann kann ich dir nur sagen: Lese die Bibel. Dort steht alles drin, was du wissen musst. Tausche dich auch mit älteren, gläubigen Menschen aus, die vielleicht schon viel erlebt und gelernt haben. Und bitte Gott, dass er dir Mut schenkt, für die Wahrheit einzustehen.

Eure Larissa

PS: Ich würde mich freuen, wenn du mir schreibst, was du zu diesem Thema  denkst. Vielleicht kann ich von dir auch einiges mitnehmen und lernen;)

Du erreichst mich auf Instagram unter dem Post, hier auf der Webseite oder per E-Mail an larissa@alltagspropheten.de 

Danke an Unsplash.com und Hudson Hintze für das Foto.

Nur ein Niemand – vom Versuch, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen

Schon vor längerer Zeit wurde ich auf einen Song hingewiesen, der mich so sehr inspiriert hat, wie schon lange keiner mehr zuvor. Damit das passiert, muss schon einiges zusammenkommen. Die Musik sollte eingängig, aber nicht gewöhnlich sein. Schnell mitzusingen, aber nicht langweilig und natürlich irgendwie besonders. Wenn noch dazu der Text eine tiefe Aussage in sich trägt und unvergleichlich unverkrampft mit der Musik ineinandergreift, ist es geschaffen: das Meisterwerk. So oder einen ähnlichen Prozess muss die amerikanische Rockband „Casting Crowns“ wohl durchlaufen sein, bevor sie 2018 den Song „Nobody“ veröffentlichte. Besonders der Refrain hat mich unmissverständlich angesprochen, mich inspiriert und mir eine neue Perspektive – ja fast schon eine Lebensvision offenbart. Ich bekomme immer noch jedes Mal Gänsehaut, wenn ich mir den Song anhöre. Doch bevor ich das weiter ausführe, höre lieber erstmal selbst:

Was geht dir durch den Kopf, nachdem du dir den Song angehört hast? Konntest du dich auf Text und Musik einlassen? Hast du einen Zugang gefunden? Denke noch ein paar Minuten darüber nach, falls der Song etwas in dir ausgelöst hat, bevor du weiterliest.

Was ich daran so genial finde, ist zunächst einmal der musikalische Einstieg, der mich so leicht und rhythmisch abholt und in den Song mit hinein nimmt. Dazu der Gesang in der Strophe – leicht gegenläufig zum Takt – gibt eine tolle Kombination zum mitwippen ab.

Doch was ich noch viel beeindruckender finde, ist der Refrain, der einerseits sprachlich so ausgefeilt ist und gleichzeitig eine wundersam tiefgründige Message übermittelt. Deswegen hier nochmal ein Ausschnitt:

„I’m just a nobody
trying to tell everybody
all about Somebody
who saved my soul.“

Nobody – Casting Crowns (feat. Matthew West)

„Ich bin nur ein Niemand,
der versucht allen,
alles über jemanden zu erzählen,
der meine Seele gerettet hat.“

Deutsche Übersetzung

„Ich bin nur ein Niemand.“

Wir haben in der Theater AG in der Schule einmal ein Stück gespielt, in dem eine Rolle „Paul Niemand“ hieß. Während es uns riesigen Spaß machte, mit diesem Nachnamen Wortwitze zu bilden wie „Niemand ist schon da“ oder „Niemand hört zu“ oder „Niemand hat heute Lust zu proben“, so ist es eigentlich – wenn man nicht gerade so heißt und es somit auf eine Person zutrifft – ziemlich deprimierend, wenn diese Sätze wahr wären. Wer möchte schon ein Niemand sein? Unbekannt. Unbeachtet. Ungesehen. Was ist daran schon positiv?

Mir gefällt diese Demut, direkt zu Beginn des Refrains. Wie sich der Sänger sieht. Dass er sich selbst nicht so wichtig nimmt und seinen Platz kennt. Dass er weiß, dass seine Fähigkeiten und seine Kraft begrenzt sind und nicht alles von ihm selbst abhängig ist. Mir tut es selbst immer wieder gut: mich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Einerseits hilft es mir, entspannter durch das Leben zu gehen. Wenn ich mir bewusst mache, dass ich auf viele Dinge gar keinen Einfluss habe, auch wenn ich es mir oft einbilde. Andererseits ist es heilsam für den Umgang mit meinen Mitmenschen. Wenn ich mich selbst nicht so wichtig nehme, wenn ich mich selbst nicht nur um mich selbst drehe, habe ich mehr Kapazitäten für meine Mitmenschen. Mir kommt es oft so vor, dass ich eher dazu neige, an mich selbst zu denken und an das, was ich will, als an die Bedürfnisse meiner Mitmenschen.

Nach diesem ersten Schritt steckt in dem Song noch ein ziemlich großer Auftrag drin: nämlich allen alles über jemanden zu erzählen, der irgendeine Seele gerettet hat.

Mit diesem jemand ist Jesus gemeint und die Aussage bezieht sich unter anderem auf folgende Bibelstelle:

„Darum geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“

Matthäus 28,19 (NGÜ)

Ein ziemlich großer Auftrag, der fast schon unmöglich scheint. Aber wenn man ihn auf die ganze Menschheit bzw. alle Christen verteilt, ist er vielleicht gar nicht mehr so unmachbar, wie er im ersten Moment klingt.

Gleichzeitig finde ich, dass in diesem Bibelvers oft ein großer Druck mitschwingt – oder vielleicht auch eher erzeugt wird. Dass man irgendetwas Krasses reißen muss, um anderen Menschen von diesem Jemand zu erzählen. In der Fußgängerzone Leute ansprechen oder in fremde Länder fahren.

Ich mag beide Strategien nicht so und bin auch nicht der Meinung, dass das die alleinigen Anleitungen wären, diesen Auftrag zu erfüllen. Ich glaube, dass es kein Zufall ist, in welches Umfeld ich hineingeboren wurde und worin ich mich bewege. Jeden Tag. Ich glaube, dass es eher darum geht, mein Leben authentisch mit diesem Jemand zu leben und wenn sich die Gelegenheit ergibt, nicht zu kneifen und davon zu erzählen (und es ergeben sich genug Gelegenheiten). Aus diesem Grund wurde vor rund 15 Monaten dieser Blog gegründet. Um Möglichkeiten zu schaffen, ein authentisches Leben als Christ zu teilen, in der Hoffnung, andere Menschen dadurch zum Nachdenken anregen oder sogar inspirieren zu können. Um Mut zu machen, möchte ich zum Abschluss noch von einer dieser Gelegenheiten (im echten Leben) erzählen, die mittlerweile fast zwei Jahre her ist. Film ab!

Mein Magen knurrt. Ich habe Hunger. Der Nachmittag ist schon weit vorangeschritten und das Mittagessen eine Weile her. Aber ich muss noch etwas weiterlernen. Noch eine halbe Stunde. Dann kann ich rausgehen, um mein mitgebrachtes Vesper zu genießen (was ich normalerweise nie mache, weil ich zu faul bin). Normalerweise lerne ich auch nie in dieser Bibliothek, für die ich mich heute entschieden habe.

Es ist Dienstag, nach dem Lernen steht noch eine Probe für den Gottesdienst am Sonntag an. Seit kurzem bin ich dort irgendwie in ein Leitungsteam gerutscht und unser Wunsch und Ziel ist es, unser sonntägliches Treffen so zu gestalten, dass wir gerne Freunde mitbringen, ohne sie gleich abzuschrecken. Ich bin nicht so der Held darin – Freunde mitzubringen. Ich habe kein Problem zu meinem Glauben zu stehen, renne jetzt aber auch nicht mit einem „Jesus liebt dich“-Shirt rum und binde es jedem auf die Nase. Doch heute wollte ich es mal wieder versuchen. Ich hatte morgens extra gebetet, dass ich zwei Kommilitonen einlade, mit denen ich mich dienstags immer zum Mittagessen treffe. Doch beide konnten heute nicht. Was für eine Enttäuschung! Da war es mir endlich mal wieder ein Anliegen gewesen und ich hatte sogar gebetet und dann nahm Gott mein Angebot nicht an…

Da stand ich also nun. Draußen vor der Bibliothek. Leicht frustriert, aber auch mit leichter Vorfreude auf die Probe heute Abend. Ich entpackte gerade mein Vesper, als mich auf einmal jemand ansprach: „Hey, was machst du hier so spät noch?“ Ich war etwas überrascht, ihn zu sehen. Wir kannten uns nur aus einer Vorlesung und hatten bisher nicht oft geredet. Aber ein bisschen Gesellschaft beim Essen war ja nicht schlecht. „Ähm… ich…“ Jetzt kam der Moment der Wahrheit. Erfand ich einfach irgendeinen halbwahren Grund wie „Stress mit den Prüfungen“ oder stand ich zu meinem Plan. Ich war leicht nervös und entgegnete: „Ich habe später noch so eine Probe in der Stadt. Für so einen Gottesdienst.“

„Waaaaaas?! Gottesdienst?! Ist ja mega krass. Das feier ich voll, wegen der Gemeinschaft und so. Meinst du, ich kann auch kommen?“, erwiderte mein Kommilitone. Diese Reaktion hatte ich jetzt nicht erwartet. Eher sowas wie: „Alter, was ist bei dir falsch?! Du gehst in die Kirche?! Glaubst du dann auch an Gott?“

Zum Glück war ich in der Situation nicht sprachlos, aber doch ein bisschen kalt erwischt. „Ja klar kannst du kommen“, sagte ich. Ich nannte ihm Adresse und Zeitpunkt und er versprach auf jeden Fall zu kommen. Wenn das nur immer so einfach laufen würde…

Ich erzähle diese Geschichte so gerne, weil sie zeigt, dass ich gar nichts tun musste, um den in diesem Beitrag angesprochenen Auftrag zu erfüllen. Ich musste nichts Verrücktes oder Außergewöhnliches machen, sondern einfach nur meinen Alltag leben und im entscheidenden Moment ehrlich und authentisch sein. Ich bin ein Niemand in der Geschichte. Meine Rolle hätte auch jemand anders spielen können. Vielleicht nicht an diesem Tag, aber an einem anderen. Es geht nicht um mich, sondern darum, ehrlich und authentisch zu sein.

Die Geschichte geht noch weiter. Mein Kommilitone kam tatsächlich in den Gottesdienst. Es gefiel ihm sehr gut und da er – frisch hergezogen – Anschluss suchte, blieb er und schloss sich unserer Studentengruppe an. Wir begleiteten ihn auf seinem Weg, diesen Jemand (Jesus) kennenzulernen, der bereits unsere Seelen gerettet hatte und nun drauf und dran war, dasselbe auch mit ihm zu tun. Nach einigen Monaten entschied sich mein Kommilitonen dann selbst mit diesem Jemand zu leben – doch das ist eine andere Geschichte. Für heute zählt: Alles begann mit einem Niemand.


Danke an Martin Adams für das Foto von Unsplash.

Er ist weg!

Über die Ostertage haben wir ein kleines Special geplant. Wir wollen die Story aus der Sicht verschiedener beteiligter Personen erzählen. Zum ersten Mal auch zum Anhören:

„Petrus! Petrus!“ Das kann doch nicht wahr sein! Warum macht er nicht auf? „Petrus! Bitte! Mach auf. Es ist wichtig!“ In meinem Kopf ist ein riesiges, emotionales Durcheinander. Und jetzt auch noch das.

„Er ist weg!“ weiterlesen