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Was haben das Corona-Virus und Gossip miteinander gemeinsam?

Ich bin empört! Nein, wütend!
Ich stehe im Zeitschriftenkiosk der Mannheimer Bahnhofshalle. Mein Zug wurde mit 50 Minuten Verspätung angekündigt (,was schon Grund genug für meine Empörung sein könnte…) Doch ich blättere, um meine Wartezeit zu überbrücken, durch einige Outdoor-Zeitschriften. Beim Umdrehen fallen mir die vielen, fett markierten Überschriften der „Klatsch und Tratsch“-Zeitschriften auf: „Ist Helene Fischer schwanger?“, „Im Interview: Herzogin Kate spricht über ihre Schwägerin“ oder „Outfitskandal bei der Berlinale – das ging gar nicht!“…

Wie kann es sein, dass Menschen ihr Geld damit verdienen, über das Leben irgendwelcher „VIPS“ zu schreiben und Wahrheit und Privatsphäre dabei zweitranging sind? Warum reizt es Menschen diese Zeitschriften zu lesen, in denen berühmte Persönlichkeiten unvorteilhaft dargestellt werden und ihre scheinbare „Fehlerhaftigkeit“ mit provokativen Überschriften beworben wird?

Mein verspäteter Zug fährt endlich im Bahnhof ein und meine Wut verfliegt vorerst wieder. Doch es dauert nicht lange, da muss ich feststellen, dass ich selbst diesem gewissen Reiz unterliege, das Leben der Anderen zu beurteilen…
Während der Fahrt scrolle ich durch meinen Instagram-Feed. Ich betrachte Fotos von Freunden und Freundinnen und ertappe mich selbst dabei, wie ich Urteile fälle über ihre (Selbst-)Darstellungen, Meinungen und Entscheidungen. Zwar setzten sie sich mit ihren Posts und Storys der Bewertung anderer bewusst aus, dennoch empfinde ich Scham dafür, dass ich dieser Versuchung so leicht verfalle und meine Bewertungen häufig so schlecht ausfallen. Wollte ich, das so über mich gedacht und gesprochen wurde?

Einen Tag später feiern wir den 84. Geburtstag meiner Oma und ich lausche neben Kaffegeschirrgeklapper und plattdeutschen Liedern auf dem Klavier den überaus interessanten Gespräche von Ü80-Rentnern. Sie tauschen sich über die brandaktuellsten Neuigkeiten aus: den Vorgarten der Nachbarin, den Geiz der abwesenden Freundin, das Outfit von Frau F. beim Einkaufen auf dem Markt, den schnöseligen neuen Partner der Schwester oder die starke Gewichtszunahme der Schwiegertochter.
Scheinbar sind auch im Alter die „Skandale“ aus dem Leben anderer nicht weniger spannend geworden.

Es ist und bleibt Gesprächsthema Nr.1! Und ich frage mich:
Warum ist das Reden, oder eher das „unbarmherzige Spekulieren“ über das Leben der Anderen so hochgradig reizvoll und spannend?

Schließlich kennen ich doch selbst das unbehagliche, ängstliche Gefühl, wenn ich vermute, die Person zu sein, über die andere reden. Und wenn ich erst erfahre, dass über mich gesprochen und dabei die Tatsachen völlig verdreht oder einfach falsch dargestellt wurden, werde ich richtig wütend und fühle mich ohnmächtig!
Auf der einen Seite will ich selbst auf keinen Fall zum „Opfer“ von Lästereien werden und doch neige ich immer wieder dazu, selbst das Urteil über Andere zu fällen. Warum ist das so?

Zum einen glaube ich, dass es eine starke Neugier am aktuellen Geschehen ist. Gossip ist spannend! Wer hat wo, mit wem und was auf welche Art und Weise XY gemacht/gesagt? Wer ist mit wem zusammen? Wer hat sich zerstritten? Was ist wirklich in der Nacht von Samstag auf Sonntag passiert? Wenn mir mein eigenes Leben manchmal langweilig erscheint, interessiere ich mich für die Dramen der Anderen. Quasi eine “gute Unterhaltung”.

Aber ich glaube, dass es noch weitere Gründe für die Verbreitung von höchst spannenden Neuigkeiten aus dem Leben anderer gibt: Stolz, Hochmut und Sicherheit.
Die Fehler des Anderen hervorzuheben, lenkt von den eigenen Fehlern ab und lässt mich selbst „besser“ fühlen. Gossip stellt eine Möglichkeit dar, meinen eigenen Selbstwert zu pushen. Und wenn ich auf der Seite der Gossip-Verbreiter bin, wäge ich mich in scheinbarer Sicherheit, nicht selbst Zentrum der Gespräche anderer zu sein.

Wie makaber und armselig. Ich schäme mich für jede Situation, in der mich genau diese Motive dazu verführt haben, in Gesprächen mitzureden oder selbst etwas auszuplaudern. So möchte ich weder reden, noch denken. So ein Mensch möchte ich nicht sein!
Ich wünsche mir, das Gute und Fabelhafte in meinem Mitmenschen zu sehen und in jeder meiner Begegnungen gute und wertschätzende Worte zu sprechen. Ich möchte ein Mensch sein, der andere nach vorne bringt und ihre Fehler annimmt und mit ihnen gemeinsam darüber schmunzeln kann! Dieser Wunsch brennt in mir!

Zurück zu meiner Eingangsfrage:
Was haben das Corona-Virus und Gossip miteinander gemeinsam?
– beides verbreitet sich extrem schnell und die Übertragungsketten sind nur schwer zurückzuverfolgen.

Willst ich andere infizieren oder schützen?

Eure Greta,
die ab jetzt alles daran setzt, eine Epidemie der Nächstenliebe in Gang zu setzten! #letsdoittogether

Unter Anderem

Der heutige Beitrag ist ein Spoken-Word-Text und kann in unserem Podcast angehört werden. Viel Spaß!


Michelle. 23. Studiert Sonderpädagogik. Begeisterung, Dankbarkeit, Glaube und Freude prägen ihren Alltag. Kombiniert mit wertvollen Momenten mit Familie und Freunden, Sport und Zeit in der Natur, ist sie sehr glücklich in Heidelberg zu sein.

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