Wo ich noch nie war

Heute ist der 27. Dezember. Ich wünsche euch, dass ihr ein wunderschönes Weihnachtsfest verbringen konntet und jetzt so richtig in dem trägen, warmen nach-weihnachtlichen Kater badet. Zeit, um das ganze Essen und die Plätzchen zu verdauen. Sich zu erholen von hoffentlich schönen, vielleicht anstrengenden familiären Turbulenzen. Freie Tage genießen. Ich finde, so richtig ruhig und still wird es erst nach Weihnachten. Wenn die vergangenen Tage sich setzen und man mit melancholischem Seufzen das ausgehende Jahr verabschieden kann. Das Vergangene ziehen lassen und Neues erwarten. Da kommen mir die Worte eines großen Poetry-Slammers in den Kopf:

„Ich sitze hier und denke nach.
Über das, was kommt und das, was war.

Was ist passiert in diesem Jahr?
Wie kam ich hierhin, wo ich zuvor noch nie war?

Das Leben zieht zu schnell an mir vorbei.“

Vergangenheit von Joschka Moravek

So wie jetzt fühle ich mich schon seit ein paar Wochen. Irgendwie dazwischen. Irgendwie im Umbruch. Altes verabschieden und das Neue erwarten. Vor Weihnachten habe ich mein letztes Modul an der Uni abgeschlossen. Im neuen Jahr erwartet mich noch ein kleiner Anhang: zwei Wochen Praktikum in einer Hausarztpraxis und eine kaum nennenswerte Klausur zum krönenden Abschluss. Und dann ist sie Vergangenheit, die Zeit an der Uni: Vorlesungen, Seminare, Praktika, der Kaffee zwischen den Veranstaltungen, das Quatschen mit Freunden, eine Speed-Runde Doppelkopf bevor der Dozent kommt, usw. Gleichzeitig lege ich im Januar meine Leitungsämter in meiner Heidelberger Studentengruppe und im Vorstand meiner Kirchengemeinde nieder und trete aus dem Planungsteam der Ortsgruppe der christlichen Mediziner in Heidelberg und Umgebung aus. Viereinhalb Jahre Vollgas in Studium, Gemeinde, usw. und dann – nicht unerwartet, aber doch plötzlich – ist es alles Vergangenheit und Geschichte. „Wie kam ich hierhin, wo ich zuvor nie war?“ Eine Tür schließen und eine neue öffnen. Ein Kapitel beenden und Neue schreiben! „Into the unknown!“*

Was erwartet mich im neuen Jahr, im nächsten Kapitel, hinter dieser Tür? Zeit. Zeit für neue Herausforderungen. Endlich Zeit für mein stiefmütterlich behandeltes Theologiestudium. Zeit, um das wohl größte Examen meines Lebens zu schreiben – das zweite Staatsexamen in Medizin. Zeit, um mich auf ein Auslandsjahr vorzubereiten. Und sonst? Was sich so ergibt. Ein bisschen treiben lassen, ein bisschen nehmen, was kommt, ein bisschen überraschen lassen. „Just do the next right thing!“

Altes Loslassen tut gut, aber auch ein bisschen weh.
Was bleibt, wenn ich in die Zukunft seh?

„Yes, the wind blows a little bit colder
And we’re all getting older. “

[…]

Yes, some things never change
Like the feel of your hand in mine
Some things stay the same
Like how we get along just fine
Like an old stone wall that will never fall
Some things are always true
Some things never change
Like how I’m holding on tight to you”

Songwriter: Kristen Anderson-Lopez / Robert Lopez
Songtext von Some Things Never Change © Walt Disney Music Company

Oder wie der Psalmbeter sagt:

„Jetzt aber bleibe ich immer bei dir,
und du hältst mich bei der Hand.
[…]
Ich aber darf dir immer nahe sein,
das ist mein ganzes Glück!
Dir vertraue ich, HERR, mein Gott;
von deinen großen Taten will ich allen erzählen.“

Psalm 73,23.28

Auch wenn du gerade nicht so einen tiefgreifenden Umbruch erlebst, erwartet dich doch das neue Jahr. Und was auch immer passiert, wenn wir bei diesem Gott bleiben und diesen Psalm beten, wird das Loslassen leichter und das Erwarten gelassener.

Genieß die Zeit bis zum neuen Jahr. Und wenn du kannst: Guck dir den Film Frozen II an!

Euer Lukas

Photo by Davide Foti on Unsplash

*Alle englischsprachigen Zitate stammen aus Frozen II

Gott – (K)ein Wunschautomat?

Kennst du noch dieses Gefühl, als kleines Kind sehnsüchtig auf Weihnachten zu warten? Auf den Heiligabend, an dem man endlich die Geschenke auspacken durfte? Wochenlang vorher hatte man schon seine Wunschliste fertig geschrieben und hoffte nun darauf, dass die Eltern die Geschenke kaufen und schön einpacken würden. Natürlich hatte man gewisse Vorstellungen davon, welche Sachen man haben wollte und wie diese auszusehen hatten. Und natürlich, so ging es mir jedenfalls, war man mehr als enttäuscht, wenn diese Vorstellungen dann bei der Bescherung nicht erfüllt wurden oder eben kein Geschenk von der Wunschliste unter dem Tannenbaum lag. Hatte man sich ein rosa Fahrrad gewünscht und erhielt vielleicht stattdessen einen Roller, warf man den Eltern entweder einen vorwurfsvollen Blick zu, der sagen sollte: „Ich wollte doch lieber ein Fahrrad, das wusstet ihr doch“, oder man versuchte die Enttäuschung in den Augen zu verbergen und dankbar für das weniger schöne Geschenk zu sein.

Zugegeben, auch wenn ich mich immer noch über Geschenke, die meinen Vorstellungen entsprechen, freue, denke ich heute weniger über diese Banalitäten nach.

Und doch bleibt eine gewisse Erwartungshaltung, die ich immer noch an andere Dinge oder Personen habe. Ich erwarte, das zu bekommen, was ich mir wünsche oder erhoffe. Eine gewisse Art von Egoismus.

Ich frage mich manchmal, ob ich eine ähnliche Erwartungshaltung gegenüber Gott habe. Ich ertappe mich gelegentlich dabei, dass ich Gott auf eine Art „Wunschautomaten“ reduziere, in den ich ein bisschen Kleingeld werfen kann und sofort das gewünschte Produkt erhalte. 

Klar, ein Automat kann nicht anders, darauf ist er schließlich programmiert. Aber kann ich Gott wirklich so behandeln wie einen Automaten?
Natürlich nicht, sagst du jetzt bestimmt. Und doch tue ich es unbewusst.

Nehmen wir an, ich habe meinen Autoschlüssel verloren, und suche ihn angestrengt überall. Wenn das alles nichts nützt, schicke ich, als letzten Ausweg ein kleines Stoßgebet zum Himmel, in der Hoffnung, dass Gott mir mal eben den Schlüssel vor die Nase wirft. Aber was ist, wenn er dies nicht tut und der Schlüssel nicht auf magische Art und Weise wieder auftaucht? Vielleicht sogar tagelang nicht… 

Was, wenn mich Gott in dieser Situation „enttäuscht“ oder hängen lässt? Wie regiere ich dann? Bin ich dann nicht eingeschnappt, verärgert oder vielleicht sogar wütend über Gott? Frage ich mich dann nicht, warum Gott mir jetzt nicht mein Gebet erfüllt? Leider passiert oft genau das. In diesen Situationen reduziere ich Gott dann ganz schnell auf jemanden, der meine eigenen Wünsche durchsetzen soll.

Leider oder auch glücklicherweise tickt er ganz anders, als ich es erwarte. Verstehe mich bitte nicht falsch: Wir können Gott um alles bitten, das sagt er selbst:

„Bittet und es wird euch gegeben.“

(Matthäus 7,7)

Aber ich denke, wir vergessen oft, dass Gott so viel mehr ist, als nur der Automat, der unsere Wünsche erfüllt. Er ist größer, als wir begreifen können und weiß eigentlich viel besser, was wirklich gut für uns ist. In Matthäus 6,5 steht nämlich auch:

„Der Vater weiß besser, was wir benötigen, noch bevor wir darum bitten“. 

Das zu begreifen und zu verstehen, fällt mir echt schwer. Wenn Gott mir nicht das gibt, was ich mir erhoffe, heißt dies nicht, dass ich ihm egal bin. Im Gegenteil. Ich vergleiche Gott zum Verständnis immer ganz gerne mit einem Vater. Ein Vater, der sein Kind liebt, gibt ihm auch nicht alles, um was es fragt. Manche Dinge sind schlecht für mich; und Gott weiß das. Er möchte mir, seinem Kind, nur das Beste geben und wünschen. So ist Gott. Er enthält uns nichts vor, um uns zu verärgern oder vor den Kopf zu stoßen. Eigentlich ist genau das doch wahre Vaterliebe.
Was wäre das für ein Vater, der seinem Kind nichts vorenthält und ihm alle Wünsche erfüllt? Ich kann mir gut vorstellen, wie sich dieses Kind entwickeln wird. Wenn ich meine Gedanken weiter verfolge, bin ich eigentlich ganz dankbar für manch unerfülltes Gebet.

Ich möchte dich zum Schluss einmal fragen: Wie sieht es bei dir aus? Welchen Platz nimmt Gott in deinem Leben ein? Ist er für dich nur ein Wunschautomat oder ein Vater, dem du vertrauen kannst, dass er wirklich Gutes für dich bereithält, auch wenn du es manchmal nicht siehst? Ich möchte dir wirklich Mut machen, über den Tellerrand hinauszublicken und zu entdecken, was Gott für dich bereithält.

Vielleicht betest du oft zu Gott, vielleicht hast du das noch nie getan. Ich will dich diese Woche mal dazu herausfordern, es auszuprobieren und Gott für Dinge in deinem Leben zu danken. 

Falls du regelmäßig betest, habe ich folgende Challenge für dich: Setze dich in der kommenden Woche doch mal damit auseinander, was oder wie Gott für dich ist. Probiere deinen Fokus auf seine Eigenschaften und sein Wesen zu legen, statt auf dich selbst. Ich hoffe, dass du dadurch Gott ganz neu erleben und kennenlernen kannst.

Eure Larissa 


Vielen Dank an Unsplash.com und Priscilla Du Preez für das Bild 🙂

Zeit zu gehen

Wie lange willst du noch leben?

Noch 70 Jahre? Solange du gesund und selbstständig bist? Solange du nicht alleine bist? Was für eine unverschämte Frage, oder? Du kannst es dir ja doch nicht aussuchen. Früher oder später geht das Leben zu Ende. Ein Leben lang geatmet, gedacht, geliebt, gefühlt, gearbeitet, getrauert, gefeiert, gelebt und irgendwann endet das alles. Wenn ich 80 Jahre alt werde, hat mein Herz ungefähr Dreimilliarden mal geschlagen. 3.000.000.000. Und dann kommt der Herzschlag, der sich von allen anderen unterscheidet – er wird der letzte sein.

Tot zu sein, finde ich ganz komisch. Man ist ja nicht sofort richtig weg. Kurz bevor man stirbt, sieht man fast genauso aus, wie kurz nachdem man gestorben ist. Doch trotzdem war vorher irgendwie viel mehr von einem da. Wenn jemand dann länger tot ist wird es deutlich, dass Totsein doch ganz anders ist als Leben. Für mich ist das gefühlt noch sehr weit weg. Irgendwie hat man ja doch eine eigene, offensichtlich mutmaßliche Vorstellung davon, wie lange man noch lebt.

Sterben ist für viele ein Tabu-Thema. Man hat keine Kontrolle darüber, verbindet schlimme Erlebnisse damit und hat Angst davor. Sterben ist uns sehr fremd. Es hat ja auch noch niemand selbst erlebt, der davon erzählen kann. In der Regel haben wir auch viel seltener als noch vor 200 Jahren die Möglichkeit, Menschen im Sterben zu begleiten, vor allem in meinem Alter. Außerdem habe ich das Gefühl, dass wir gesellschaftlich vermittelt bekommen, dass Sterben nicht sein dürfe, unnatürlich sei und nicht zum Leben dazu gehöre.

Das stimmt nicht. Durch mein Medizinstudium und die Praktika im Krankenhaus komme ich vermutlich öfter als der Durschnitts-23-jährige mit sterbenden und toten Menschen in Verbindung – wobei „oft“ eigentlich auch eine Übertreibung ist. Ich habe Menschen im Krankenhaus sterben sehen, habe tote Menschen aufgeschnitten und seziert, habe Reanimationen gesehen, habe eine Leichenschau nach Suizid durchgeführt – noch nicht Tote, fast Tote, gerade Tote, länger Tote. Vor einer Woche noch habe ich eine Patientin in der Notaufnahme aufgenommen, mit ihr geredet und sie untersucht. Sie war ins Krankenhaus eingeliefert worden, weil es zunehmend schlechter ging. Sie war schon sehr abgemagert, hatte in ihrem Leben zu viel Alkohol getrunken und einige Erkrankungen. Am nächsten Morgen habe ich erfahren, dass sie am letzten Abend verstorben war. Sterben kommt dann plötzlich doch sehr nah. War sie gestern schon dabei gewesen zu sterben, als ich bei ihr war? Immerhin hat sie dann nur noch ein paar Stunden gelebt. Wann beginnt Sterben eigentlich? Ich habe mich auch gefragt, ob das zu meinem Eindruck von ihr gepasst hat. Hätte man noch etwas machen können, oder sollen? Sie wirkte schon sehr alt und krank auf mich, aber nicht direkt sterbenskrank. Von außen betrachtet könnte man sagen, dass es Zeit war zu gehen, aber hätte sie das auch so gesehen?

Wann ist es überhaupt Zeit zu gehen? Es hat sich gezeigt, dass Menschen ihre Meinung über den Wert ihres Lebens überraschend schnell ändern und ihr Bedürfnis nach Lebensqualität den Umständen anpassen. Jemand, der meint mit dem Leben abgeschlossen zu haben und keine OP mehr wünscht, lässt sich im letzten Moment doch operieren, damit es ein bisschen wahrscheinlicher wird, nicht zu sterben. Jemand, der behauptet, dass sein Leben mit einer Querschnittslähmung nicht mehr lebenswert sei, ändert möglicherweise seine Meinung, wenn es soweit ist. Es ist schwer einzuschätzen, wie man unter bestimmten Umständen sein eigenes Leben bewerten würde. Wann ist es Zeit zu gehen? Niemand weiß das, es sei denn, man flieht davor durch Suizid.

Es ist eine unserer großen Lebensaufgaben eine gesunde Beziehung zum natürlichen Sterben zu finden, eine Akzeptanz und ein umarmendes Loslassen zu erringen. Das Ja zum unkontrollierbaren Sterben ist sicherlich eines der mutigsten in unserem Leben. Die entscheidende Frage dabei ist: Wohin gehen wir, wenn es Zeit ist zu gehen? Ins Nichts? Werden wir wiedergeboren? Lebt etwas, wie unsere Seele weiter? Werden wir eins mit der Natur? Gehen wir in einer Art Weltgeist auf? Als Christ glaube ich an ewiges Leben als praktische Realität, dass Gott allen gibt, die Jesus kennen und ihr Leben nach seinen Ideen und Zielen leben. Dazu wird er mich einmal von den Toten auferwecken und alles, Himmel und Erde, neu erschaffen. Oder es passiert noch während meiner Lebenszeit. Das ist meine Hoffnung.

Welche Beziehung hast du zum Sterben? Wann ist es für dich Zeit zu gehen? Und was glaubst du, wohin gehst du?

Euer Lukas!

Photo by Aron Visuals on Unsplash

Alltagspropheten Talk #02 – Erwartungen

Erwartungen – das war in den letzten Wochen immer mal wieder Thema auf unserem Blog. Zuletzt in Doro’s Gastbeitrag vom letzten Freitag.

In unserer zweiten Podcastfolge im Talkformat haben wir unsere Gedanken darüber ausgetauscht. Also schnapp dir etwas zu Trinken und ruhige 20 Minuten. Viel Spaß beim Anhören und Mitdenken!

Wie gehst du mit Erwartungen um? Lass es uns wissen und schreib uns deine Gedanken! Entweder direkt hier als Kommentar, per Mail oder auf Social Media.

Erwartungen und Enttäuschungen (oder warum Enttäuschungen etwas Gutes sind)



Doro. 22. Studentin der Wirtschaftsinformatik. Ist immer sehr neugierig. Liebt es Dinge auszuprobieren und zu hinterfragen. Ist Gott sehr dankbar für die Erfindung von Kaffee und Schokolade. Wurde durch die Beiträge „Gedankenreise“ und „Die Kunst des Erwartens“ zu ihrem Text inspiriert.

„Erwartungen und Enttäuschungen (oder warum Enttäuschungen etwas Gutes sind)“ weiterlesen

Die Kunst des Erwartens

In meinem letzten Beitrag habe ich euch auf eine kleine Gedankenreise mitgenommen, die mich sehr ins Grübeln gebracht hat. Die Frage, die das Erlebte in mir ausgelöst hat, war folgende: Warum habe ich krampfhaft versucht, den Erwartungen eines Fremden zu entsprechen?

„Die Kunst des Erwartens“ weiterlesen

Für Immer

„Für Immer“ weiterlesen

Gedankenreise

Ich habe mich entschlossen Bahn zu fahren. Auf Facebook habe ich im Vorfeld in einer Gruppe meine Verbindung gepostet und hoffe auf Mitfahrer, um mir gemeinsam ein Gruppenticket zu teilen. Dann ist es billiger. Bisher habe ich damit – sich mit fremden Menschen ein Ticket zu teilen – nur gute Erfahrungen gemacht.

„Gedankenreise“ weiterlesen

Wann wir wohl anfangen, uns wieder wirklich füreinander zu interessieren – ein Plädoyer

Kennst du das? Wenn viele deiner Freunde auf einen bestimmten Kreis oder eine Gruppe beschränkt sind? Du hast Freunde in der Schule, in der Uni oder bei der Arbeit. Du hast Freunde, mit denen du zusammen Sport machst. Du hast Freunde, mit denen du abends weggehst. Vielleicht noch ein paar von früher oder von Zuhause. Ein paar in deiner Gemeinde. Mit vielen deiner Freunde verbindet dich eine, vielleicht auch zwei Interessen, aber selten mehr. Du siehst sie nur bei bestimmten Aktivitäten.

„Wann wir wohl anfangen, uns wieder wirklich füreinander zu interessieren – ein Plädoyer“ weiterlesen