Für eine Zeit, wie diese

Eines unserer neuen Formate, die ab jetzt regelmäßig erscheinen, nennt sich „HIS-STORY-MAKER“. Darin wollen wir aus Sicht derjenigen berichten, mit denen Gott Geschichte geschrieben hat. Einige Bibelgeschichten scheinen nämlich nicht so richtig ins 21. Jahrhundert zu passen. Wir wollen diese Geschichten in verständlicher Sprache nacherzählen &/oder in zeitrelevante Kontexte einbinden.


Wir leben in einer Welt und in einer Zeit, die es so, wie sie jetzt ist, nie wieder geben wird. Im Guten wie im Schlechten. Frieden währt selten ewig. Pandemien haben die Welt niemals für immer bestimmt. Das Leben geht weiter. Nach einem Krieg, nach einer Pandemie. Aber auch in unserer Lebenswelt, nach jeder Niederlage, jedem Rückschlag und allen Tiefs.

Wir kämpfen mit den Herausforderungen einer Welt, die Vorgenerationen für uns in einem Zustand hinterlassen haben, den wir nicht weiterführen wollen. Es herrscht so ein Hunger nach Veränderung, nach Fairness, nach Gerechtigkeit – nicht nur für Menschen, sondern auch fürs Klima. Und dennoch stellt sich die Frage, wie man als einzelne Person einen Unterschied in einer unendlich großen Welt macht. 

Wie gut, dass es meist Menschen gibt, die uns schon vorangegangen sind. Die Helden vergangener Zeiten, die uns beibringen mutig zu sein. Die schon Schritte ins Unbekannte gewagt haben und uns ermutigen es ihnen gleich zu tun. Vielleicht ist es an der Zeit ein bisschen unserer Sicherheit aufzugeben.


Sicherheit. Das hat es hier nie gegeben. Mein Cousin hat alles gegeben, um mir ein schönes Leben zu ermöglichen und ich habe alles gegeben eine gute Adoptivtochter zu sein. Aber das einfache Leben in den Straßen der Hauptstadt eines Reiches, in dem unser Volk eine winzige Minderheit darstellt, ist nicht immer leicht. Wir mögen es hier in Susa und deswegen sind wir geblieben, anstatt in unsere Heimat zurückzukehren als es wieder möglich war, aber so richtig angekommen sind wir nie. Außerdem ist unser Gott hier so weit weg und meistens tut man besser daran es nicht an die große Glocke zu hängen, dass man Nachfolgerin des Gottes Israels ist. Wir leben unseren Glauben ziemlich still und dennoch ziemlich treu. Mein Cousin ist mir dahingehend so ein Vorbild, weil er es geschafft hat in dieser pluralistischen und gottlosen Kultur Persiens seinen Glaube nie zu verlieren und seinen Gott zwar nicht zu verkünden, aber auch nie zu verleugnen. Ich weiß noch, wie er den Job als Türsteher im Palast angenommen hat und von ihm verlangt wurde, sich vor dem obersten Berater des Königs zu verbeugen. Das war sein Moment entweder seinen Gott zu verleugnen oder mutig zu seinem Gott zu stehen und seinen Job sowie sein Leben zu riskieren. Er hat es nicht getan hat, mit der Begründung, dass der Einzige, vor dem er sich verneigt sein Gott sei. Das beeindruckt mich und ich wünsche mir die gleiche Stärke zu meinem Gott zu stehen, wenn es drauf ankommt. 


Viel ist passiert in den letzten Monaten. Die Königin wurde abgesetzt, weil sie sich dem König widersetzt hat. Der König hat seine Berater ausgesendet die schönsten Mädchen des Landes an seinen Hof zu bringen und sich um sie zu kümmern, damit sie dann vor ihn geführt werden können und er sich aus ihnen eine neue Königin aussuchen kann. Und irgendeiner dieser Berater fand mich wohl hübsch genug, um in den Palast mitgenommen zu werden. Zum Glück konnte mein Cousin sich jeden Tag erkunden, wie es mir geht, da er ja am Hof arbeitet. Da haben es viele der anderen Mädchen viel schwerer, weil ihre Heimat weit entfernt liegt und sie ganz alleine in diese große Stadt gekommen sind. Zum Glück sind alle wirklich freundlich und kümmern sich sehr liebevoll um uns. Das ist alles andere als selbstverständlich, haben wir doch eigentlich in dieser Gesellschaft als Frauen nichts zu sagen. 

Viel ist passiert, hatte ich gesagt. Unglaubliches, Unfassbares. Ich hab diesen Schönheitswettbewerb tatsächlich gewonnen und das nicht nur weil ich gut aussehe, sondern weil der König meinen Charakter beeindruckend fand! Charakter zählt in der persischen Kultur eigentlich nichts. Aber der König hat sich für mich entschieden, weil ich voller Anmut, liebenswürdig und selbstlos sei. Was will er denn damit anfangen? Da gab es so viel hübschere Mädchen, aber ich habe mich an all das gehalten, was mir beigebracht wurde, ich habe an meinen Wurzeln festgehalten und bin jeder Empfehlung der Berater treu gefolgt. Und jetzt bin ich Königin. Königin Persiens! Der Ruhm im ersten Moment war so schön und meine Zukunft so viel glamouröser als ich sie mir damals in den Straßen von Susa je hätte erträumen können. Der Palast ist schön und groß und ich habe wunderbare Dienerinnen, Freundinnen und mein Cousin hält immer so liebevoll nach mir Ausschau. Was will ich mehr? Und wieso fühle ich mich noch immer nicht sicher? Sollte ich mich nicht sicher fühlen als Königin an der Seite des mächtigsten Mannes unserer Welt? Wieso habe ich dennoch nicht das Gefühl hier angekommen zu sein und dazuzugehören?


Ich hatte ja erzählt, dass mein Cousin sich nicht vor dem obersten Berater verneigen wollte und er dafür gut hätte sein Leben lassen können. Das ging jetzt eine Weile gut, aber inzwischen findet der oberste Berater das gar nicht mehr witzig. Der König hält sich da allerdings mir zuliebe raus, da er ja weiß, dass es sich um meinen Cousin handelt. Jetzt hat dieser fiese Berater allerdings mitbekommen, dass der Gott meines Cousins der Gott Israels ist und dass es in Susa und im ganzen Reich noch ein paar mehr Anhänger dieses fremden Gottes gibt. Anstatt sich nur gegen meinem Cousin zu wenden, hat er ein Dekret erlassen, dass es den Persern erlaubt alle Juden an einem bestimmten Tag umzubringen und somit auszulöschen. Und da der König nicht sonderlich aufmerksam ist, wenn es sich um Regierungsangelegenheiten handelt und sich lieber seiner Außenwirkung widmet, hat er seinem obersten Berater seinen Siegelring überlassen und dieser konnte sein eigenes Dekret im Alleingang königlich rechtsgültig machen. Was für eine riesige Scheiße! Jetzt stehe ich hier komplett zwischen den Welten. Persische Königin und jüdische Gläubige. 

In all den Jahren in Susa habe ich meinen Cousin niemals weinen sehen, aber seitdem das Dekret öffentlich geworden ist, fastet und trauert und weint er nur noch. E sitzt zusammengekauert, wie ein Häufchen Elend am Tor. Und ich weiß nicht, was ich tun soll. Was macht man, wenn das Schicksal des eigenen Volkes am eigenen Leben hängt? Hab ich mir nicht gewünscht, Stärke zu besitzen, zu meinem Gott zu stehen, wenn es drauf ankommt? Dann ist das hier ein jetzt oder nie. Wenn ich jetzt schweige, gehen wir alle drauf. Wenn ich was sage, kann ich dann das Schicksal unserer Minderheit vielleicht noch drehen? All die Jahre meines Leben habe ich gelernt den Mund zu halten, den Anweisungen von Männern zu gehorchen, niemals laut zu sein, niemals rebellisch zu sein. Aber war Gott nicht vielleicht den ganzen weiten Weg immer mit mir? Was hatte mein Cousin gesagt: „Vielleicht bist du für einen Moment, wie diesen, Königin geworden. Vielleicht hat Gott dich an diesen Posten gestellt, für diesen Augenblick. Glaube ja nicht, dass du mit dem Leben davonkommst, wenn du jetzt schweigst. Irgendwer wird rausfinden, dass du Jüdin bist und dann wirst auch du mit deinem Leben bezahlen müssen.“ Was macht man mit dieser Verantwortung? Und wann ist das eigentlich passiert, dass ich angefangen habe eine Rolle für die Zukunft meines Volkes zu spielen? Und wie genau soll das denn gehen? Was sollte ich schon ändern können in dieser Welt? Mein Herz ist so schwer. Mein Glaube so klein. Und die Zeit gegen mich. Ich kann entweder jetzt mein Leben riskieren oder für immer schweigen.


Ich renne im Starkregen und Halbdunkel durch den völlig leeren Innenhof dieses riesigen Palastes. Ein Mädchen aus den Straßen dieser Stadt, das hier nie so richtig hingehört hat. Noch dazu eine, die in den Augen dieses Reiches an den falschen Gott glaubt. Mein Ehemann, der mächtigste Mann unserer Welt, sitzt in eben diesem Moment mit den höchsten Männern des Reiches im Thronsaal. Unaufgefordert vor den König zu treten, ist mit der Todesstrafe belegt. Das weiß ich sehr wohl, aber mir bleibt keine Wahl. Was hatte mein Leibwächter noch gesagt: „Ich hab keine Ahnung, was du vorhast, aber das ist nicht Königin gegen König. Hier stehst du gegen das Gesetz, gegen das ganze Imperium Persiens. Die einzige Möglichkeit dein Leben zu retten, ist wenn der König dir sein Zepter entgegenstreckt. Aber warum um alles in der Welt, sollte er das tun?“ Warum um alles in der Welt sollte er das tun? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was mein Plan ist. Ich weiß nur, dass auch David nicht gegen Goliath gesiegt hat, weil er einen Plan gehabt hätte oder weil er besonders gut gekämpft hat. Nein, David hat besonderen Glaube bewiesen und das hat ihn gerettet. Möge mich mein Gott und mein Glaube ebenfalls retten. Und wenn nicht, dann komme ich eben um. Ich wollte die Stärke für meinen Gott einzustehen und irgendwie hat Gott es geschafft mich dazu zu bewegen meinen Mut zusammen zu nehmen. 

Ich kann das Stimmengetümmel des Thronsaals von außen durch den Regen hindurch hören, aber sobald ich diese mächtigen Türen aufgestoßen habe, wird es plötzlich totenstill. Kein Wort wird mehr gesprochen, niemand hält mich auf, niemand stürmt auf mich los. Also setze ich einen Fuß vor den anderen und laufe tropfend nass diesen langen Gang entlang auf den Thron zu. Ich halte meinen Blick gesenkt und hoffe nur, dass Gott bei mir ist. Ich sende ein Stoßgebet nach dem nächsten.

Bewahre mein Leben, HERR. Sei mir gnädig. Jetzt oder nie. Ich hab alles für dich gegeben, gib du nun alles für mich. Ich bin nicht bereit zu sterben, aber jetzt umkehren kann ich schlecht. Gott, du hast mir Mut geschenkt. Jetzt bring zu Ende, was du angefangen hast. Sei bei mir. Beschütze mich, bewahre mich. Bitte Gott. Bitte, bitte, bitte. 

Ich sehe die ersten Stufen, die zum Thron führen. Niemand hat mich bisher umgebracht. Ich nehme nochmal all meinen Mut zusammen, blicke ganz kurz auf und sehe meinen König in die Augen, um den Kopf dann wieder zu senken und langsam Stufe für Stufe hinaufzusteigen. Plötzlich schreien alle wild durcheinander, es wird wahnsinnig laut, jemand schreit, dass das Gesetzt gebrochen wurde. Jemand anderes stimmt zu und verlangt meinen Tod. Die Leibwache zieht ihr Schwert, ich sehe die Klinge aus dem Augenwinkel über seinem Kopf schwingen…

Bitte Gott! Tu was, irgendwas! Jetzt oder nie!

…und dann wehrt mein König mit seiner einen Hand das Schwert ab und streckt mir mit der anderen sein Zepter entgegen. 

Danke Gott! Danke, danke, danke!

Ich atme ganz langsam alle Anspannung aus. Der Tumult erlischt augenblicklich und es wird wieder ganz still im Saal. Ich habe das Wort. Jetzt muss ich gestehen an den Gott der Juden zu glauben, gestehen zu diesem Volk zu gehören, das ausgelöscht werden soll. Vor all diesen Männern im Saal zu dem stehen, was ich glaube und wer ich bin. Das ist hier noch lange nicht vorbei. Aber sollte meinem Gott nicht alles möglich sein?


Der König hat mir und meinem Volk Gnade erwiesen und wir wurden verschont. Alles ist gut geworden. Gott hat für uns gesorgt und für uns gekämpft. Gott sieht uns – selbst wenn wir ihn nicht laut verkünden, sondern leise und treu unseren Glauben leben. Selbst wenn alles gegen uns steht, bleibt Gott an unserer Seite. Ich hab ein winziges bisschen Glaube gehabt, aber dieses bisschen hat Gott gebrauchen können. Es fühlt sich nicht an als hätte ich Großes vollbracht, aber meine Schritte ins Ungewisse haben mein Volk gerettet. Gott hat alles wunderbar geführt und hatte schon so viel länger einen Plan mit mir, als ich mir dessen überhaupt bewusst war. Von Anfang bis Ende hat Gott seine Hand über mir gehalten. Meinem Gott ist alles möglich! Und wenn Gott mich gebrauchen kann, ein Waisenkind, ein Flüchtling, ein Niemand, dann darfst auch du bereit sein, Gottes Vorsehung zu vertrauen, auch wenn du noch nicht siehst, dass es gut ausgeht. Dann kannst auch du die Welt an den Orten und Stellen verändern, an denen du gerade bist. Und letztendlich dürfen wir alle darauf hoffen, dass egal wie schlecht die Dinge stehen, Gott sich dafür einsetzt, diese Welt zu erlösen.


Die ganze biblische Geschichte kann man im Buch Esther nachlesen. 

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