Zwischen Chemo und Lockdown 2

Jana. 27. Sonnenmensch. Glücklichst verheiratet. Selbstmacherin. Gemeindediakonin. 
Herzschlag: Gott, Gemeinschaft und Gastfreundlichkeit.


Diagnose Brustkrebs. Bis 2020 war mir das ein völlig unvertrautes Leiden. Hier und da habe ich von Bekannten gehört, die an Krebs leiden, aber was das genau für diese Menschen bedeutet, das konnte ich nicht erfassen. Bis meine Mutter im Frühjahr 2020 die Diagnose Brustkrebs gestellt bekam. Zeitgleich mit dem Einzug von Corona und des Lockdowns. Während der Zeit ihrer Brustkrebs-Therapie schrieb meine Mutter Nachrichten an Freunde und Unterstützer. Weil ich jede Nachricht tief und berührend fand, weil meine Mutter es schafft, gleichzeitig ihr Leiden auszudrücken und die Hoffnung im Blick zu haben, weil niemand sonst (und schon gar nicht ich) so authentisch davon berichten kann, was man in einer solchen Phase durchmacht, wegen all dieser Gründe möchte ich heute gar nicht so viel selbst schreiben, sondern meine Mutter durch ihre Nachrichten zu Wort kommen lassen. Und ihr werdet sehen: Meine Mama ist eine Heldin! 

13.08.2020 16:47

… Die Medikamente, die ich in den letzten vier Monaten immer wieder bekam, haben ihre Spuren hinterlassen. Mein Magen ist sehr empfindlich geworden, meine körperliche Kraft ist eingeschränkt und ich bin immer wieder sehr müde. Alles Nebenwirkungen der Chemo und der Begleitmedikamente. […] Meine Blutwerte haben sich [dagegen] in den letzten Wochen wieder stabilisiert. Und bald werden auch meine Haare wieder anfangen zu wachsen, gerade rechtzeitig für die kältere Jahreszeit ;-). […] 

Es bleibt eine spannende Zeit für mich. […] Und auch wenn es weiterhin Ungewissheiten gibt, will ich hoffnungsvoll in die Zukunft gehen. Ich habe große Sehnsucht, wieder am normalen Leben teilnehmen zu können (was zu Coronazeiten halt normal ist), möchte wieder Leute treffen, Gottesdienste besuchen und Kontakte pflegen; aber die nächste Zeit muss ich noch vorsichtig sein, mein Immunsystem ist noch zu labil.

Ob ich wieder ganz gesund werde? Ich hoffe es und ich habe Chancen, aber garantieren kann es niemand. Noch vor einem Jahr ging ich davon aus, dass ich ganz gesund und noch recht fit bin. Es kann sich alles so schnell ändern. Der Gedanke, dass unser Leben in Gottes Hand ist, dass ER Anfang und Ende bestimmt, entlastet mich. Ich will weiter darauf vertrauen, dass ER den Plan hat. […]

13.09.2020 09:49

… Zwar hat die Chemotherapie verhindert, dass der Tumor weiterwuchs, sie hat ihn im Gegenteil weitgehend aufgelöst, aber das Wissen, dass dieses „Ding“ immer noch in mir ist, hatte mich doch immer belastet.

Am Tag vor der OP wurden in einem radiologischen Verfahren die Lymphknoten markiert; auch dies eine spannende Sache für mich, da man nun unter der OP sehen würde, ob ein Lymphknotenbefall vorliegt. Mein Herz klopfte, während die überdimensionale Kamera über mir schwebte und ich still liegen musste. Diese ganzen diagnostischen Verfahren sind sehr schwer auszuhalten, man fühlt sich ein Stück weit der sterilen Gerätemedizin ausgeliefert; die Mitarbeiter sind meist sehr sachlich und man fühlt sich allein mit seinen Ängsten. Da kommt mir heute zugute, dass ich im Konfirmandenunterricht viele Bibelverse auswendig lernen musste, die ich mir dann bei diesen Untersuchungen vorsage … und das hilft wirklich!

Die OP ging dann sehr gut vorüber. Ich hatte hinterher so gut wie keine Schmerzen, fühlte mich sehr schnell wieder fit und wurde im Krankenhaus gut versorgt. Nach fünf Tagen durfte ich schon nach Hause. Und das Schönste war, als mir die Ärztin sagte, dass die Lymphknoten nicht befallen sind. Ich bin sehr dankbar dafür.

[…] Wenn ich zurückschaue, was im letzten halben Jahr alles passiert ist, dann sehe ich viele beängstigende Situationen, die ich durchstehen musste, mein Körper wurde geschwächt und die Seele durchgeschüttelt. Und trotzdem sehe ich, wie ich durch diese Krisen durchgetragen wurde, ich sehe die Handschrift Gottes, der uns zusagt, uns niemals allein zu lassen, auch wenn wir ihn nicht immer spüren. Ich möchte ihm weiter vertrauen, dass er es gut mit mir meint. […]

07.10.2020 09:35 

… So ging ich nach dem Urlaub recht entspannt zum Gesprächstermin im Krankenhaus, da ich erwartete, dass jetzt nur noch mitgeteilt wird, wann meine Strahlentherapie beginnt. Immerhin hatte mir der Chefarzt ja vor der OP gesagt, der Tumor habe sich ziemlich aufgelöst…

Nun eröffnete mir die Oberärztin, dass die Chemo doch nicht so gut gewirkt habe, von drei Stufen nur Stufe 1, und dass sie deshalb jetzt beschlossen hätten, ich solle zur Sicherheit nochmal eine orale Chemotherapie machen, die über ein halbes Jahr gehen würde. Mit zahlreichen fiesen Nebenwirkungen derart, wie ich sie schon bei der ersten Chemo erlebt hatte, und parallel zur Bestrahlung. Ich war erstmal völlig geschockt und zutiefst entmutigt. Wie soll mein Körper und Immunsystem, das von der ersten Chemo ja noch nicht wieder ganz erholt ist, das verkraften, mit Schädigungen, die vielleicht irreversibel sind?

Jochen und ich haben dann ein Gespräch mit meiner Frauenärztin gesucht, die sich viel Zeit nahm und meine Bedenken absolut teilte. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese neue Chemo einen positiven Effekt hat, liegt bei unter 10 Prozent und kann auch nicht gemessen werden. Sie ist ein Schuss ins Blaue. Auf meine Frage, wie sie in meiner Situation entscheiden würde, sagte die Gynäkologin: „Ich würde diese Chemo nicht machen!“ Dasselbe bestätigte mir auch ein anderer Arzt, den ich um seine Meinung bat. Auch er riet mir davon ab. So habe ich nach reiflichen Überlegungen beschlossen, diese Chemotherapie abzulehnen. […]

Ich bin ein Mensch, der gern Sicherheit hat. Es ist nicht leicht für mich auszuhalten, dass mir diese Sicherheit niemand geben kann. Auch die Chemo kann mir diese Sicherheit nicht geben. Es könnte mir nicht mal jemand sagen, ob sie denn auch gewirkt hätte, das lässt sich nicht mehr messen, da der Tumor ja schon entfernt ist. Mir bleibt jetzt, auf Gott zu vertrauen, der letztendlich mein Leben in der Hand hält, der den Anfang und das Ende kennt. Als ich die letzten Tage früh wach wurde und meine Gedanken durcheinanderwirbelten, las ich in der Tageslosung den Vers:

„Verlass dich auf den Herrn von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand, sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen, so wird er dich recht führen“.

Darauf will ich bauen. Mein Verstand ist begrenzt (ja wirklich……;-), ich weiß nicht, was das Beste für mich ist. Ich kann nur vertrauen, auch wenn das noch ein Lernprozess ist. […]

20.11.2020 18:54

… […] Jetzt merke ich, wie ich mich jeden Tag besser fühle, der Magen beruhigt sich wieder und dank unserer langen Spaziergänge, die Jochen und ich fast täglich machen, bin ich körperlich ziemlich fit. Dafür bin ich sehr dankbar.

[…] Die Kontakte fehlen mir. Mir ist klar, dass wir alle sehr darunter leiden, uns nicht mit anderen treffen zu können, viel Zeit zu Hause verbringen zu müssen und trotzdem immer damit rechnen müssen, uns selbst dieses Virus einzufangen. […] Es fühlt sich manchmal sehr einsam an; gerade jetzt wünsche ich mir wieder ein Stück Normalität, aber das wird noch lange nicht möglich sein. So freue ich mich, ab und zu mit Freunden eine Wanderung zu machen, dabei kann man auch wunderbar erzählen, und wir nutzen gern die Möglichkeit der Online-Gottesdienste.

Ich hoffe jetzt einfach, dass mein Körper sich wieder erholt, dass die Krebszellen alle beseitigt wurden und ich dauerhaft gesund werde. Beim letzten Gespräch mit dem Strahlenarzt fragte ich, ob ich die Chance hätte, wieder ganz gesund zu werden. Er sagte: „Natürlich haben Sie das! Sie haben alles Nötige getan.“ Eine Garantie gibt es nicht, auch nicht, wenn ich diese zweite Chemo noch gemacht hätte. Es wird mir immer wieder auch von Ärzten bestätigt, dass meine Entscheidung, diese abzulehnen, nachvollziehbar und richtig war. Jetzt will ich nach vorne schauen und mein Leben in Gottes Hand legen. 

Ich habe ein Kästchen im Wohnzimmer, das prall gefüllt ist mit Briefen und Karten, die mich während meiner Krankheit erreichten. Sie sind mir alle sehr viel wert, genauso wie die vielen E-Mails und sonstigen Nachrichten, die ich immer wieder bekam, die Terrassenbesuche im Sommer und die Geschenke, mit denen ich überrascht wurde. All diese Aufmerksamkeiten haben mir so sehr geholfen, die schweren Zeiten zu überstehen. Vielen Dank euch allen! […]

Bleibt behütet!
Liebe Grüße
Andrea

Zwischen Chemo und Lockdown 1

Jana. 27. Sonnenmensch. Glücklichst verheiratet. Selbstmacherin. Gemeindediakonin. 
Herzschlag: Gott, Gemeinschaft und Gastfreundlichkeit.


Diagnose Brustkrebs. Bis 2020 war mir das ein völlig unvertrautes Leiden. Hier und da habe ich von Bekannten gehört, die an Krebs leiden, aber was das genau für diese Menschen bedeutet, das konnte ich nicht erfassen. Bis meine Mutter im Frühjahr 2020 die Diagnose Brustkrebs gestellt bekam. Zeitgleich mit dem Einzug von Corona und des Lockdowns. Während der Zeit ihrer Brustkrebs-Therapie schrieb meine Mutter Nachrichten an Freunde und Unterstützer. Weil ich jede Nachricht tief und berührend fand, weil meine Mutter es schafft, gleichzeitig ihr Leiden auszudrücken und die Hoffnung im Blick zu haben, weil niemand sonst (und schon gar nicht ich) so authentisch davon berichten kann, was man in einer solchen Phase durchmacht, wegen all dieser Gründe möchte ich heute gar nicht so viel selbst schreiben, sondern meine Mutter durch ihre Nachrichten zu Wort kommen lassen. Und ihr werdet sehen: Meine Mama ist eine Heldin! 

27.04.2020 16:51

… Eigentlich habe ich die Chemo ganz gut vertragen, d.h. ich verspüre eine leichte Übelkeit, die aber zu ertragen ist und die sogar manchmal besser wird, wenn ich etwas esse. Dafür habe ich eine starke Abneigung gegen das Trinken, da dies aber sehr wichtig ist, zwinge ich mich dazu. Vor der Chemo erhielt ich Begleitmedikamente, die die Nebenwirkungen abfangen sollen. […]

Was ich jetzt nach einigen Tagen merke, ist, dass meine Kraft deutlich abnimmt. Ich werde schnell müde und auch sehr dünnhäutig, muss mich immer mal hinlegen. Direkt nach der Diagnose meiner Krankheit war ich wie erstarrt, jetzt und gerade heute merke ich, wie mich die Anspannung der letzten Wochen, das Auf und Ab der Gefühle, die schwierigen Entscheidungen, die ich und wir treffen mussten, mich gefühlsmäßig umhauen; die Tränen sitzen heute sehr locker. Ich bin sehr froh, dass momentan Jana und Marian da sind, die mich ganz viel unterstützen, mir viel abnehmen, meine ganze Familie ist da und trägt meine Gefühlsausbrüche mit Fassung. Das bedeutet mir sehr viel!

Ich danke euch allen für die vielen Grüße und lieben Worte, die immer wieder bei mir eintreffen, auf unterschiedlichsten Wegen. Zu wissen, dass ihr an uns denkt und für uns betet, ist ein tolles Geschenk, das auch dann trägt, wenn man selbst nicht mehr fähig ist zu beten. […] Ich wünsche euch eine gute Woche, bin mir bewusst, dass es für alle keine leichte Zeit ist und wir alle gerade viel Unruhe und Ungewissheit in unserem Leben haben. […]

10.06.2020 18:31

… Seit einigen Tagen fühle ich mich wieder ziemlich in Balance, ich habe mich von den Strapazen der letzten Chemo erholt und fühle mich recht fit. Die Tage direkt nach der Therapie sind immer etwas beschwerlich. Übelkeit, Magenschmerzen und Müdigkeit legen mich dann ziemlich lahm, Gespräche und Telefonate empfinde ich in dieser Zeit als extrem anstrengend; am liebsten habe ich dann meine Ruhe. Nach einer Woche beginne ich mich immer mehr zu erholen … und wenn es mir dann wieder richtig gut geht, kommt die nächste Chemo. Aber ich bin dankbar für diese Tage, wo ich mich fast gesund fühle und auch einiges tun kann. Allerdings muss ich mich weiterhin streng von Kontakten fernhalten, da meine Leukozyten immer wieder abstürzen und ich dadurch infektionsgefährdet bin. Ich bin froh, dass Jochen viel zu Hause sein kann, sodass ich nicht ganz alleine in meiner Isolation bin.

Letzten Freitag wurde ein Ultraschall gemacht, der zeigen sollte, ob sich der Tumor unter der Chemo schon verkleinert hat. Leider ist dies wohl nicht der Fall; wobei der Tumor so lokalisiert ist, dass er sich generell nicht gut im Ultraschall darstellt. […] Ich hatte große Hoffnungen daraufgesetzt, dass man schon eine Auswirkung der Chemo erkennen kann und war erstmal bitter enttäuscht, dass dem nicht so ist. Jetzt habe ich Angst, dass ein neuer Wirkstoff neue unangenehme Nebenwirkungen mit sich bringen kann und dass sich möglicherweise die Anzahl der Chemo-Zyklen erhöht. Ansonsten hätte ich am Freitag die Hälfte geschafft. Ich hoffe so sehr, dass es dabei bleibt, dass sich doch noch eine Wirkung des jetzigen Zytostatikums zeigt und man wie geplant fortfahren kann!

Neben den körperlichen Nebenwirkungen, die mir immer wieder zu schaffen machen, wirken sich die Medikamente auch auf meine Psyche aus. Die ersten Tage nach der Chemo bin ich sehr „weinerlich“ und labil. Glücklicherweise wird auch das besser, wenn die körperlichen Beschwerden abklingen. Insgesamt merke ich immer wieder: So eine Therapie ist kein Spaziergang, sie fordert alle Kraft und alle Reserven, die man hat. Und manchmal sind die Reserven auch mal aufgebraucht… […]

30.06.2020 10:53

… Danke für euer Interesse, eure Nachfragen, die mich fast täglich in Form von elektronischen Nachrichten, Briefen und Karten erreichen, für die Päckchen, die ich per Post erhalte oder die plötzlich auf geheimnisvolle Weise vor unserer Haustür liegen! Es rührt mich und uns immer wieder neu, wie viele Menschen in Gedanken bei uns sind und helfen, diese schwierige Zeit zu ertragen! Das ist ein großes Geschenk!

Am vergangenen Freitag bekam ich also meine fünfte Chemo mit einem neuen Wirkstoff. Ich rechnete mit neuen unangenehmen Nebenwirkungen und war deshalb sehr erfreut und dankbar, dass diese bisher ausblieben, dass es mir sogar wesentlich besser geht als mit dem ersten Wirkstoff. Die Übelkeit und Kreislaufprobleme blieben aus, und was mich besonders freut, ist, dass es mir diesmal nicht so auf die Psyche geschlagen ist und ich mich viel belastbarer fühle. […]

Als ich die Oberärztin nach ihrem Urlaub nach einem weiteren Kontroll-Ultraschall fragte, reagierte sie leicht genervt. Ich würde mich zu viel an Kleinigkeiten aufhalten, man müsse jetzt erstmal abwarten und ich sei viel zu angespannt… Nun ja, ich empfinde diese Krankheit und die Ungewissheit absolut nicht als Kleinigkeit und überlege, ob eine gewisse Anspannung nicht normal ist. Ich möchte die Therapie nicht einfach über mich ergehen lassen, sondern auch wissen, was mit mir passiert, deshalb werde ich auch weiterhin nachfragen. […]

Corrie ten Boom, die bekannte Holländerin, die während der Naziherrschaft ins KZ kam, weil sie Juden versteckt hatte und die durch tiefste Tiefen ging, schrieb: „Wenn wir im Zug sitzen und es geht in einen Tunnel, vor dem wir Angst haben, dann springen wir nicht vorher ab, sondern wir bleiben sitzen und vertrauen dem Zugführer, dass er uns sicher hindurchbringt.“

Das ist es, was ich in dieser Situation erlebe. Die Angst, die Anspannung ist immer wieder da; trotzdem will ich vertrauen, dass Gott mich durch diese Situation bringt, egal, wie lange und wie schwarz der Tunnel ist. […]

20.07.2020 20:58 

… […] Vor zwei Wochen wurde nochmals ein Ultraschall gemacht, und die Oberärztin konnte mir die freudige Mitteilung machen, dass man nun deutlich sehen kann, wie die Chemotherapie auf den Tumor einwirkt. Das war so eine schöne Nachricht für mich; die ganzen Strapazen der Chemo haben sich ausgezahlt, waren nicht umsonst! Die Ärztin freute sich mit mir: „Jetzt würde ich Sie gern mal drücken!“ Was sie natürlich wegen der Corona-bedingten Abstände nicht machte… Aber es war eine schöne Geste, über die ich mich sehr freute. 

[…] Am kommenden Freitag kommt also die siebte und vorletzte Chemo. Wenn die ganze Chemotherapie abgeschlossen ist, soll nach drei bis vier Wochen der Tumor bzw. das, was von ihm noch übrig ist, operativ entfernt werden. Danach ist noch eine Strahlentherapie geplant. Die Therapie wird mich also noch für den Rest des Jahres beschäftigen. Doch ich glaube, die Chemo ist der härteste Brocken, und den habe ich bald geschafft. […]


Fortsetzung folgt am 19. März.

Wir brauchen deine Existenz

Hoffnung. Das ist, was am Ende dieses Beitrags bleiben soll. Und ich weiß, dass der ganze Part dazwischen vermutlich eher in eine gegenteilige Richtung geht. Ich weiß, dass ganz vieles von dem, was ich hier schreibe, nicht danach klingt, als ob ich diejenige sein sollte, dir was von Hoffnung zu erzählen. Aber ich weiß, dass Hoffnung der einzige Grund ist, warum ich heute überhaupt noch irgendwas zu sagen habe. 

Ich habe mich in so vielen Nächten gefragt, ob es einen Unterschied machen würde, wenn ich am nächsten Tag nicht mehr da wäre. Ich habe mich so oft gefragt, ob mein Tod überhaupt auffallen würde. Ob meine Existenz auf der Welt einen Unterschied macht. Ob jemand mich für das wahrnimmt, was ich bin. Ob mich jemals jemand lieben wird. Ob ich auf dieser Welt irgendeine Bedeutung habe. Meine Reaktion auf all diese Fragen waren Selbstmordgedanken.

Das Ding ist aber, die Antwort auf jede einzelne dieser Fragen ist JA. Falls du dir auch nur eine dieser Frage je gestellt hast, lautet die Antwort darauf: JA! Aber in meinem Leben habe ich meistens auf diese Stimme gehört, die mir weismachen wollte, die Antwort sei Nein. Depression. Ich musste ganz schmerzlich lernen, dass Depression lügt. Wirklich immer. Ich musste lernen, dass es zwar sehr viel schwerer ist, nicht darauf zu hören, sich aber im Endeffekt immer lohnt. Und ich durfte verstehen, dass ich so viel stärker bin, als ich meine zu sein. Und das bist DU auch.

Depressionen sind deswegen gefährlich, weil sie alles in Frage stellen, was über dein Leben wahr ist. Dass DU aus einem guten Grund hier bist. Dass DU geliebt wirst. Dass ein wunderbarer Schöpfer DICH wahrnimmt und seine Hand über DIR hält. Dass DEINE Existenz einen riesigen Unterschied macht. 

Ich kannte und kenne all diese Wahrheiten und Aussagen und es klingt so leicht, wenn jemand sagt, du musst das nur glauben. Aber das war und ist ein einziger Kampf. Und es klingt so leicht, wenn jemand sagt, du musst doch nur weiteratmen. Doch in Phasen, in denen ich wusste, dass der Schmerz in mir, wenn ich ihn noch ein kleines bisschen länger aushielte, mir den Atmen rauben und ich zusammenbrechen würde, schien selbst Atmen unmöglich zu sein. Während solcher Panikattacken war das Badezimmer oft der Ort, an den ich flüchten konnte und wo ich mich mehr als einmal auf den kalten Badezimmerboden legte und glaubte, im nächsten Moment zu ersticken. Weil ich nicht mehr wusste, wie ich noch Luft bekommen sollte. Weil meine Panik und Angst so groß waren, dass meine Herzschlagfrequenz gefährlich hohe Werte erreichte. Weil alles nur noch schwarz war. Weil mich das Ende nicht überrascht hätte. 

Dabei wollte ich nie wirklich sterben, aber ich hatte das Gefühl nicht mehr leben zu können. 

Gleichzeitig tat es in anderen Momenten so gut zu wissen, dass alles, was ich tun musste, atmen war. Nichts leisten, nichts vorweisen. Nur atmen. Und dennoch war ich geliebt. Niemand brauchte meine Perfektion. Aber meine Existenz war unabdingbar. Mein Atmen und mein Sein wurde und werden weiterhin gebraucht! Das trifft mich immer wieder. Gerade dann, wenn ich es nicht glauben kann. Gerade dann, wenn meine Perfektion sich sonst wo rumtreibt. Bedingungslos geliebt zu sein, ist ein unendliches Privileg. Und der Schöpfer des Universums bringt mir und dir diese selbstlose und völlig unverdiente Liebe entgegen. 

Das durfte ich immer wieder erleben und habe dann lange nach dem gesucht, was ich von diesem einen chaotischen und kostbaren Leben erwarte. Dabei durfte ich feststellen, dass das Leben meist unfassbar schwer und zugleich ganz leicht ist. Das Leben ist selten schwarz und weiß. Ich habe Träume für mein Leben und gleichzeitig gibt es Momente, in denen mir all diese plötzlich gleichgültig erscheinen und in denen alles, was ist und wovon ich träume an Relevanz verliert und nur dieser eine Gedanke bleibt: irgendwie aussteigen zu wollen.

Mich dann immer und immer wieder fürs Leben entscheiden zu müssen, verlangt mir Vieles ab. Aber es gibt mir gleichzeitig auch so viel MEHR zurück. Wie viele wunderschöne Momente, Chancen und Begegnungen hätte ich sonst verpasst. Und ja, für mich war Hoffnung nie einfach da, sie war immer eine Entscheidung. Immer eine Herausforderung. Und es immer wert.

Dennoch ist mein ganzes Leben ein Kampf, den ich entweder gewinne oder beim Versuch zu gewinnen, sterbe. Ich wünschte das wäre anders. Ich wünschte ich hätte nicht so viel für dieses Leben zu kämpfen. Ich wünschte, es wäre ein kleines bisschen leichter. Das einzige, was es möglich macht, weiter vorwärts zu gehen, ist Hoffnung. 

Hoffnung macht es möglich nicht aufzugeben. Dieses Jahr wurden so viele Dinge abgesagt, auf die ich hingelebt habe. Aber Hoffnung wird niemals abgesagt werden. Ich weiß, dass das wahr ist. An manchen Tagen kostet es mich dennoch alles an der Hoffnung festzuhalten. An Tagen, an denen alles in mir bereit ist zu sterben. An Tagen, an denen es mir schwerfällt, den nächsten Atemzug zu machen. An Tagen, an denen ich stundenlang mit der Rasierklinge in der Hand dasitze. An Tagen, an denen ich mich zwingen muss, nicht auf Parkhausdächer zu steigen. An Tagen, an denen ich des Lebens einfach müde bin.

Aufgeben wäre nicht schwer. Zum Aufgaben braucht es nicht viel. Aber Heilung braucht die Bereitschaft zu Kämpfen. Heilung braucht Zeit. Und es ist so wichtig sich diese Zeit zu nehmen! Zeit zu kämpfen und zu hoffen und niemals aufzugeben!

Die Wahrheit ist, die Welt wäre nicht die Gleiche ohne DICH darin. Schon allein, weil du Menschen in tiefster Trauer und mit unfassbarem Schmerz zurücklassen würdest. Selbstmord mag sich nach dem einfachsten und selbstlosesten Ausweg anhören, aber das ist schlichtweg nicht wahr! 

Ich weiß, wie sich Schmerz anfühlt, der unaushaltbar ist. Ich habe Erfahrungen mit Autoaggression und Selbstverletzung. Ich weiß, wie sich Einsamkeit und Verzweiflung anfühlen. Ich weiß, wie es ist, wenn man einfach nicht mehr weiterleben will. Aber Selbstmord ist nicht die Antwort darauf! Es mag sein, dass du das als einzigen Ausweg siehst, ich kann das verstehen. Aber ich will dir Mut machen, dein Leben nicht wegzuwerfen, sondern in Gottes Hände zu legen. 

Als ich mit 13 zum ersten Mal nicht mehr existieren wollte, habe ich Gott mein Leben gegeben. Ich wollte dieses Leben nicht mehr, aber er hatte irgendwie dafür gesorgt, dass ich weitergelebt habe. Also sollte er sich gefälligst was Gutes für mein Leben ausdenken. Das hat er auch getan. Es hat allerdings zwei weitere Selbstmordversuche gebraucht, bis ich den unfassbaren Wert meines Lebens wirklich verstanden habe. Es hätte mich nicht gewundert, wenn mich meine eigenen Handlungen das Leben gekostet hätten. Bis heute ist mir unerklärlich, warum sie das nie getan haben und warum da immer irgendjemand oder irgendwas war, das mich aufgehalten hat. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass Gott dabei ein entscheidende Rolle gespielt hat. Heute bin ich einfach nur dankbar, an keinem dieser Tiefpunkte gestorben zu sein.

Ich durfte lernen, dass das Leben die meiste Zeit bunt und Hoffnung der kleine weiße Streifen am Horizont ist. Die Frage ist nur, wie navigieren wir durch die Zeiten, in denen das anders ist? Depression hat mein Leben dunkelgrau gemacht. Die Suizidversuche waren die schwärzesten Momente. Aber gerade in diesen Momenten brauchte ich die Hilfe anderer Menschen, die den Horizont noch im Blick hatten, als ich ihn nicht mehr sehen konnte. 

Für selbstbewusste und eigenständige Menschen wie mich ist das eines der härtesten Dinge, die ich je getan habe – einzugestehen, dass ich Hilfe brauche. Zuzugeben, dass ich es allein nicht mehr schaffe. Der Pastor Steve Austin hat wunderschön formuliert, was passiert, wenn wir uns dazu durchringen, anderen Menschen von unseren Problemen und Kämpfen zu erzählen.

Die Kraft der Verletzlichkeit, des Mutes und der Gnade hat mein Leben verbessert. Allerdings ist das nicht von heute auf morgen passiert. Transformation ist gekommen, als ich mit anderen Menschen mitten in unserer Zerbrochenheit Beziehung gelebt habe.

Steve Austin auf twloha.com/blog/being-christian-and-living-with-a-mental-illness/

Genau das durfte ich auch erfahren. Verletzlichkeit macht uns nicht schwach, sie macht uns stärker. Und sie gibt uns die Möglichkeit auf ganz besondere Art, anderen Menschen Hoffnung zu schenken, weil wir selbst ihren Schmerz so gut kennen. Wir sind Hoffnungsträger und wir waren niemals dafür gemacht, allein durch dieses Leben zu gehen. 

Ich habe drei Menschen in meinem Leben als Notfallkontakte in meiner Suicide Safety App, die ich wirklich jederzeit anrufen kann und mit denen ich bereit bin, meine schlimmsten Momente zu teilen. Ich wüsste nicht, was ich ohne diejenigen tun würde. Und um sicher zu gehen, dass mich nicht mein Stolz davon abhält mich an diejenigen zu wenden, und einen dummen Fehler zu machen, habe ich außerdem das Wort alive (lebendig) auf mein Handgelenk tätowieren lassen. Trotz allem was war, bin ich noch am Leben. Und das ist auch der einzige Zustand, in dem ich mich befinden sollte. Für den ganzen Rest meines Lebens. 

Falls da niemand ist, den du anrufen kannst oder willst, hoffe ich trotzdem inständig, dass du mit deinen Gedanken nicht allein bleibst. Bitte sprich mit jemandem. Irgendwem. Einem Pastor oder einem Telefonseelsorger zum Beispiel.

Die TelefonSeelsorge® erreichst du 24-7 unter der Telefonnummer 0800 / 111 0 111, 0800 / 111 0 222 oder 116 123. Außerdem per Mail und Chat unter online.telefonseelsorge.de.

Ich jedenfalls werde weiter hoffen, weiter kämpfen und weiter leben. 

Letztendlich wünsche ich jedem von euch, dass ihr in eurem eigenen Leben solche Menschen findet und eure Todessehnsucht niemals stärker ist als euer Lebensmut! Passt auf euch auf.

xoxo, eure Karo

Your life matters. You’re needed. You’re loved.

Linkin Park

Weitere Links:

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Da Suizidprävention so wichtig ist, haben die Leute von frnd hier Infos rund ums Thema gebündelt. Schaut gerne auch auf deren Instagram Channel vorbei!

Auch Lukas & Jana haben sich bei uns schon Gedanken zum Thema gemacht. Einfach auf die Namen klicken und du kommst direkt zu ihren Beiträgen.

Zwölf Stunden später

Janina, fast 21, Studentin aus Heidelberg, liebt Gemeinschaft & Menschen, die von Jesus begeistert sind. Lässt sich besonders für gemeinsamen Lobpreis, Outdooraktivitäten oder gemeinsame Handlettering-/Spieleabende begeistern.


Voller Vorfreude stieg ich abends in den Bus ein. Nur noch einmal schlafen und schon würde ich bei meinem Freund sein. Ich machte es mir im Bus gemütlich, schaute einen Film und versuchte dann, so gut es eben ging, zu schlafen. Obwohl ich immer wieder aufwachte, konnte ich mich doch einigermaßen erholen. Am nächsten Morgen stieg langsam die Nervosität. Nur noch etwa eine Stunde und ich würde meinen Freund endlich wiedersehen und gemeinsam mit ihm ein paar schöne Tage verbringen. Ich malte mir aus, wie es wohl werden würde, sich nach einem Monat wiederzusehen. Auf jeden Fall war meine Freude riesig und ich schrieb ihm, dass mein Bus sogar noch etwas früher ankommen würde, als geplant. 

Mittlerweile waren wir an der slowenisch-kroatischen Grenze angekommen und der Busfahrer forderte uns auf, auszusteigen und unsere Ausweise vorzuzeigen. Ich zog also meine Schuhe an und nahm meinen Geldbeutel, um meinen Ausweis herauszuholen. Verwundert, dass dieser nicht an der gewohnten Stelle war, begann ich etwas hektisch, meine Sachen zu durchsuchen. Normalerweise habe ich ihn immer in meinem Geldbeutel. Wo ist er denn? Das kann doch wohl nicht sein? Bin ich etwa im falschen Film? Da fiel mir ein, dass ich ihn wahrscheinlich nach meinem Flug aus Norwegen zwei Tage zuvor in meiner anderen Jacke vergessen hatte. 

Etwas nervös stieg ich aus dem Bus aus und stellte mich in der Schlange zur Passkontrolle an. Zum Glück hatte ich noch ein Foto von meinem Ausweis auf dem Handy und meinen Führerschein dabei. Da ich ja innerhalb der EU reiste, würde ich schon irgendwie durchkommen, dachte ich. Kurz hatte ich noch überlegt, mich einfach in der Toilette des Busses zu verstecken, aber lieber direkt ehrlich sein, als später dort entdeckt zu werden. 

Als ich an der Reihe war, erklärte ich der Polizistin alles, zeigte ihr meinen Führerschein und das Foto meines Ausweises. Doch sie antwortete in gebrochenem Englisch, dass das so nicht ausreiche und sie meinen Pass sehen möchte. Ich versuchte es ihr nochmal zu erklären, doch sie blieb dabei und holte schließlich den Busfahrer, redete kurz auf Kroatisch mit ihm, bis dieser zu mir sagte: „You can go back, it is your problem.“ Ich verstand erst gar nicht genau, was er meinte und meine Anspannung wurde immer größer. Wohin sollte ich denn jetzt gehen? Wieder in den Bus oder an der Grenze warten oder was meinte er. Schließlich kam der zweite Busfahrer und meinte, ich solle ihm sagen, welches meine Tasche ist und dann könne ich mit meinem Gepäck einen Bus nehmen, der wieder zurück nach Lubiljana fahren würde.

Jetzt begriff ich erst wirklich, dass ich hier nicht durchkommen würde. Völlig verzweifelt und überfordert, fing ich an zu weinen und ging mit ihm zum Bus, um mein Gepäck zu holen. Was sollte ich jetzt machen? Ich hatte mich doch so gefreut und den ganzen weiten Weg nicht auf mich genommen, um kurz vor dem Ziel wieder umzudrehen und nach Hause zu fahren. Gab es keine andere Möglichkeit über die Grenze zu kommen? Ich überlegte, ob ein anderer Polizist vielleicht gnädiger wäre und noch ein Auge zudrücken würde, doch alle waren beschäftigt und mein Bus fuhr gerade schon über die Grenze – ohne mich. Könnte man mit einem Taxi irgendwo über eine unbewachte Grenze fahren? Ich war doch in der EU, irgendwie musste es doch möglich sein. Völlig überfordert, rief ich meinen Freund an, um ihm erstmal zu sagen, dass ich nicht wie geplant in 45 Minuten bei ihm sein würde, sondern gerade an der Grenze feststeckte. Ich fragte ihn, was ich nun machen sollte. Er war auch erstmal geschockt und meinte, ob es dort niemanden gab, der mir helfen könne. Um mich herum standen ein paar Kroaten, die auch mit dem Bus nach Ljubiljana fahren wollten und kein Englisch sprachen. Er riet mir, mit dem Bus erstmal nach Ljubiljana zu fahren und dort dann mal in die Deutsche Botschaft zu gehen. Irgendwas in mir sträubte sich aber dagegen, ich wollte nicht einfach zurückfahren und aufgeben. So konnte das alles doch nicht wirklich enden. Und was sollten die in der Botschaft schon machen, außer mir zu sagen, dass es dumm ist, ohne Ausweis zu reisen. Da ich aber auch keine bessere Idee hatte, fuhr ich also wieder zurück nach Ljubljana. Auf der Fahrt saß ich weinend neben drei Kroatinnen, die mich nur mitleidig ansahen, und offensichtlich mit mir überfordert waren. Gleichzeitig versuchte ich mit meinem Freund übers Telefon herauszufinden, was ich am besten als Nächstes machen sollte. 

Er fand heraus, dass man in der Deutschen Botschaft in Ljubljana einen vorläufigen Pass beantragen konnte. Ich schöpfte also wieder etwas Hoffnung, dass ich vielleicht doch noch an dem Tag über die Grenze kommen würde. Da fiel mir auf, dass ich meine andere Tasche mit meinen Ladekabeln und meinem iPad noch im anderen Bus vergessen hatte. Dieser Tag war einfach nur bescheuert. Kurz vor Ljubljana fiel mir auf, dass die Botschaft erst wieder Termine für den nächsten Tag freihatte. Erneut fing ich an zu weinen. Sollte ich jetzt auch noch dort ein Hotel buchen müssen und dann womöglich erst am nächsten Abend in Zagreb ankommen? Dann würden uns ja nur noch eineinhalb gemeinsame Tage bleiben. Während ich dann aus dem Bus ausstieg und mich bemühte mit den wenigen Leuten, die im Bus Englisch sprachen, eine Taxifahrt ins Zentrum zu organisieren, rief mein Freund bei der Botschaft an und sagte mir, dass ich doch noch heute kommen könnte, aber Passbilder und Bargeld mitbringen sollte.

Im Zentrum angekommen, versuchte ich mich also zusammenzureißen und alles so gut wie möglich hinter mich zu bringen. Ich ging zum Fotostudio, machte Passbilder, hob Geld ab und ging danach zur Botschaft. Während der Wartezeit dort, versuchte ich mit dem wenigen Handyakku, den ich noch hatte, schonmal eine neue Verbindung nach Zagreb zu suchen. Wenn ich Glück hatte, würde ich am Nachmittag schon in Zagreb sein. Als ich meine Formulare ausgefüllt und abgegeben hatte, meinte die Dame, dass die Passausgabe, wenn alles gut läuft um 15 Uhr 30 sei, da sie erst noch Kontakt zu den Behörden in Deutschland aufnehmen müssten. Toll, dann konnte ich die rausgesuchte Verbindung vergessen und erst abends nach Zagreb fahren. Was sollte ich denn jetzt noch mit sechs Stunden hier anfangen. Handyakku hatte ich kaum mehr, sodass ich nicht wusste, ob es überhaupt noch reichen würde, um abends dem Busfahrer das Ticket zu zeigen. Egal, ich sollte froh sein, wenn es überhaupt klappen würde. Und so beschloss ich, in meiner fast ausweglosen Situation das Beste daraus zu machen und Ljubiljana in der Zeit etwas kennenzulernen. So lief ich durch die Innenstadt und bummelte durch ein paar Läden, kaufte mir neue Kontaktlinsen, da ich diese und meine Brille auch im Bus liegen gelassen hatte. Mit – im wahrsten Sinne des Wortes – neuer Sicht, konnte ich die Zeit dort bei schönem Wetter noch ganz gut genießen. Ich setzte mich immer wieder auf eine Bank und nutzte die Zeit, um Bibel zu lesen und zu beten. 

Als ich dann um 15 Uhr 30 zum Glück meinen vorläufigen neuen Pass bekam, war ich ziemlich erleichtert. Ich lief nochmal ein bisschen durch die Innenstadt und hatte schließlich noch gerade so genug Akku, um das Busticket zu zeigen und nach der Grenzüberfahrt meinem Freund Bescheid zu geben, dass diesmal alles klappte und ich um kurz nach neun in Zagreb ankommen würde.  Zum Glück war dem auch so, sodass ich, zwölf Stunden später als eigentlich geplant, bei ihm in Zagreb ankam – gar nicht mehr nervös über das Wiedersehen, sondern nur noch erleichtert. 

Heute kann ich echt dankbar zurückblicken und bin erstaunt, wie ich es geschafft habe, trotz der schief gelaufenen Situation die Stunden in Ljubljana zu genießen. Das ermutigt mich in Situationen, in denen alles nur schief zu laufen scheint, in Zukunft die Situation anzunehmen und das Beste daraus zu machen. Meinen Blick weg von meinen Fehlern hin zu Gott zu richten. Außerdem werde ich wohl nie mehr meinen Ausweis vergessen und weiß jetzt, dass Kroatien nicht Teil des Schengen-Abkommens ist und man somit an der Grenze seinen Ausweis zeigen muss. Und schlussendlich weiß ich jetzt, auf wen wirklich Verlass ist – auf Gott und auf meinen Freund.

Danke, dass du mich unterstützt und getröstet hast, wo es ging. 


Danke an Imre Tömösvári für das Foto von Unsplash.

Ich packe meinen Koffer

Meinen ersten Beitrag auf diesem Blog habe ich über Heimat geschrieben. Es ging darum, wie Heimat sich für mich verändert hat, nachdem ich drei Jahre zuvor von meiner Familie in Bielefeld zum Studieren nach Heidelberg gezogen war. Anlässlich unserer zweiten Themenreihe habe ich meine Gedanken von damals nochmal angesehen und so kommt es jetzt zur einer Neuauflage:

„Ich packe meinen Koffer“ weiterlesen