Filmen, Schneiden, Nachbearbeiten

Im Gegensatz zu den meisten Menschen ist mir momentan alles andere als langweilig. Die letzten Wochen habe ich sehr viel Zeit mit Videoschnitt verbracht. Das macht echt Spaß. Da ein bisschen tricksen, hier ein bisschen Farbkorrektur. Dort etwas verbessern. Das Problem ist: Alles dauert auf einmal länger, als ich es eigentlich geplant hatte.

Und wenn ich es mir recht überlegte war alles, was ich den über Tag tat – was Videoschnitt ausmacht – Fehler zu überdecken, verstecken und mit schönen Effekten abzulenken. Damit am Ende bloß nicht auffällt, dass Fehler gemacht wurden. An einer Stelle vergisst der Sprecher seinen Text, versucht die richtigen Worte zu finden. »cmd« + »k«; »delete«; »v«; verschieben; »crossfade«. In diesem Rhythmus klicken die Tasten so vor sich hin bis der Sprecher einen anscheinend perfekten, flüssigen Satz spricht. Doch kaum ist der Fehler ausgemerzt, taucht daraus resultierend der nächste  auf. Jetzt hüpft das Bild vor sich hin und man merkt klar und deutlich, dass getrickst wurde. Anderes Video drüber. Fertig.
Im Endeffekt ist das Schneiden von Filmen ein Teufelskreis der Kompromisse.

Ist das mein tägliches Leben nicht auch manchmal? Ich habe gelogen und jetzt muss ich das mit weiteren Lügen überdecken. Oder mir ist etwas kaputtgegangen und jetzt muss ich versuchen, es zu vertuschen. Im ersten Moment eine perfekte Lösung. Alles scheint gut zu laufen. Doch das Ganze überdecken und vertuschen macht alles nur noch schlimmer, als es schon ist. Am liebsten würde ich die Zeit zurückdrehen und meinen Fehler korrigieren.

Doch genauso wie der Film im Kasten ist, kann man Fehler nicht mehr rückgängig machen. Es gibt kein zurück mehr. Man muss mit dem Material arbeiten, dass man hat. Ich hasse Kompromisse. Ich würde es gerne perfekt machen. Aber dabei bleibt es nun mal.

Aber muss es dabei bleiben? Gibt es einen Weg da heraus? Das ist ein Problem, das schon Generationen vor uns beschäftigt hat. Und in wenigen Tagen denken viele wieder an eine Lösung des ganzen. Im wahren Leben gibt es nämlich zum Glück einen Weg raus. Zwar keine Zeit-Zurück-Dreh-Maschine, aber einer, der die Fehler nicht einfach verdeckt oder irgendwie hilflos zusammen schnipselt, sondern die Konsequenz davon trägt. In der Bibel heißt es sogar, dass es so ist, als würden die Fehler ganz, ganz weit weg »in die Tiefen des Meeres« geworfen. Dort hin, wo sie niemand mehr findet. Menschlich total unverständlich. Es ist doch nur gerecht, wenn man selbst seine gerechte Strafe bekommt. Und ich glaube da würden mir die meisten Menschen zustimmen. Aber selbst die schlimmsten Fehler will Jesus in seinen Augen ungeschehen machen, wenn man sie bereut. Das ist doch krass! Kein Fehler ist zu groß, als dass Jesus ihn nicht vergeben kann. Die Geschichte, die dahintersteckt haben wir letztes Jahr aus verschiedenen Perspektiven nacherzählt und werden sie nächste Woche nochmal auf unserem Blog hervor kramen.

»Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Micha 7,19«

Wo ich noch nie war

Heute ist der 27. Dezember. Ich wünsche euch, dass ihr ein wunderschönes Weihnachtsfest verbringen konntet und jetzt so richtig in dem trägen, warmen nach-weihnachtlichen Kater badet. Zeit, um das ganze Essen und die Plätzchen zu verdauen. Sich zu erholen von hoffentlich schönen, vielleicht anstrengenden familiären Turbulenzen. Freie Tage genießen. Ich finde, so richtig ruhig und still wird es erst nach Weihnachten. Wenn die vergangenen Tage sich setzen und man mit melancholischem Seufzen das ausgehende Jahr verabschieden kann. Das Vergangene ziehen lassen und Neues erwarten. Da kommen mir die Worte eines großen Poetry-Slammers in den Kopf:

„Ich sitze hier und denke nach.
Über das, was kommt und das, was war.

Was ist passiert in diesem Jahr?
Wie kam ich hierhin, wo ich zuvor noch nie war?

Das Leben zieht zu schnell an mir vorbei.“

Vergangenheit von Joschka Moravek

So wie jetzt fühle ich mich schon seit ein paar Wochen. Irgendwie dazwischen. Irgendwie im Umbruch. Altes verabschieden und das Neue erwarten. Vor Weihnachten habe ich mein letztes Modul an der Uni abgeschlossen. Im neuen Jahr erwartet mich noch ein kleiner Anhang: zwei Wochen Praktikum in einer Hausarztpraxis und eine kaum nennenswerte Klausur zum krönenden Abschluss. Und dann ist sie Vergangenheit, die Zeit an der Uni: Vorlesungen, Seminare, Praktika, der Kaffee zwischen den Veranstaltungen, das Quatschen mit Freunden, eine Speed-Runde Doppelkopf bevor der Dozent kommt, usw. Gleichzeitig lege ich im Januar meine Leitungsämter in meiner Heidelberger Studentengruppe und im Vorstand meiner Kirchengemeinde nieder und trete aus dem Planungsteam der Ortsgruppe der christlichen Mediziner in Heidelberg und Umgebung aus. Viereinhalb Jahre Vollgas in Studium, Gemeinde, usw. und dann – nicht unerwartet, aber doch plötzlich – ist es alles Vergangenheit und Geschichte. „Wie kam ich hierhin, wo ich zuvor nie war?“ Eine Tür schließen und eine neue öffnen. Ein Kapitel beenden und Neue schreiben! „Into the unknown!“*

Was erwartet mich im neuen Jahr, im nächsten Kapitel, hinter dieser Tür? Zeit. Zeit für neue Herausforderungen. Endlich Zeit für mein stiefmütterlich behandeltes Theologiestudium. Zeit, um das wohl größte Examen meines Lebens zu schreiben – das zweite Staatsexamen in Medizin. Zeit, um mich auf ein Auslandsjahr vorzubereiten. Und sonst? Was sich so ergibt. Ein bisschen treiben lassen, ein bisschen nehmen, was kommt, ein bisschen überraschen lassen. „Just do the next right thing!“

Altes Loslassen tut gut, aber auch ein bisschen weh.
Was bleibt, wenn ich in die Zukunft seh?

„Yes, the wind blows a little bit colder
And we’re all getting older. “

[…]

Yes, some things never change
Like the feel of your hand in mine
Some things stay the same
Like how we get along just fine
Like an old stone wall that will never fall
Some things are always true
Some things never change
Like how I’m holding on tight to you”

Songwriter: Kristen Anderson-Lopez / Robert Lopez
Songtext von Some Things Never Change © Walt Disney Music Company

Oder wie der Psalmbeter sagt:

„Jetzt aber bleibe ich immer bei dir,
und du hältst mich bei der Hand.
[…]
Ich aber darf dir immer nahe sein,
das ist mein ganzes Glück!
Dir vertraue ich, HERR, mein Gott;
von deinen großen Taten will ich allen erzählen.“

Psalm 73,23.28

Auch wenn du gerade nicht so einen tiefgreifenden Umbruch erlebst, erwartet dich doch das neue Jahr. Und was auch immer passiert, wenn wir bei diesem Gott bleiben und diesen Psalm beten, wird das Loslassen leichter und das Erwarten gelassener.

Genieß die Zeit bis zum neuen Jahr. Und wenn du kannst: Guck dir den Film Frozen II an!

Euer Lukas

Photo by Davide Foti on Unsplash

*Alle englischsprachigen Zitate stammen aus Frozen II

Depression oder doch nur November?

Heute ist ein Tag, den ich auch überspringen würde. Der Tag ist nicht so wie die anderen. Sein Alleinstellungsmerkmal ist die Bedeutungslosigkeit. 7 Uhr klingelt ein Wecker. Einer von Vielen. Alle von mir, aber heute keiner für mich. Um 8 Uhr stehe ich doch auf. Was mich zu dieser Tat treibt? Wenn ich jetzt etwas gestresst duschen und frühstücken würde, käme ich nur 15 Minuten zu spät zur Uni. Aber jenseits des Duschvorhangs ist es viel zu kalt, um schnell zu duschen. Die Butter ist zu hart, um sie aufs Brot zu schmieren. Vom Käse ist nur noch die Restkante da. Ich bilde mir ein, dass ich kurz so etwas wie einen Sonnenstrahl aus dem Fenster gesehen hätte. Schnell anziehen. Fahrrad aus dem Keller tragen. Kurz hochgeschaut – ne, kein Schimmer von Sonne mehr. Das Wetter ist so vielfältig in letzter Zeit, so abwechslungsreich. Mal trüb, mal diesig, mal bedeckt, mal bewölkt, mal neblig, mal dunstig, mal regnerisch, verlässlich zwischen 2°C und 7°C. Letztens hat sich meine Kommilitonin aus Norwegen beschwert, dass das Wetter in Deutschland so schlecht wäre. Bei ihr zu Hause liegt Schnee, oder es scheint die Sonne. Nicht so abwechslungsreich wie bei uns. Ich komme 40 Minuten zu spät. Egal. Der Raum ist zu klein für die ganze Gruppe. Ich sitze auf einem Schemel im Türrahmen. Die Vorlesung ist zäher als das Wetter. Anschließend geht´s zum Praktikum in die Ambulanz. Ist freiwillig, aber wenn mich heute irgendetwas interessiert, dann Praxis und Patienten. Echte Geschichten eben. Das Ärzte-Team in der Ambulanz ist unterbesetzt. Nur Arbeitseinsteiger. Keiner ist auf mich vorbereitet. Ich werde woanders hingeschickt. Fühle mich unerwünscht. Ist nicht das erste Mal. Woanders ist auch nicht anders. Nur woanders. 12 Uhr 45. Ich warte noch auf eine Freundin. Wir verpassen uns. Hab Hunger. Die Mensaschlange länger als je zuvor. Ich warte. Ich esse allein. Selbst Schuld, wer zu freiwilligen Veranstaltungen geht. Das, was die letzten vier Stunden passiert ist, nenne ich November-Mood. Das ist der Monat, wo die Bäume hinter dem Nebel und den Wolken so herrlich bunt sind. Wenn es heute dunkler ist, als gestern, wenn die Schuhe nässer, die Hände und Lippen trockener sind, der Kopf dicker, der Nasenrotz dünner ist, wenn das Wetter abwechslungsreich ist und Graustufen das neue bunt sind, dann ist November-Mood.

Mittlerweile sitze ich beim Bäcker, um mich mit einem zu teuren, aber umso wässrigen Kaffee bei Laune zu halten und schreibe diesen Blogbeitrag. Nach Hause fahren lohnt sich nicht und irgendwie müssen diese fünf Stunden bis zum Pub-Quiz, das meine Freunde organisiert haben ja vorbeigehen. Habt ihr auch manchmal solche Tage? Wenn das Glas halb leer ist und alles grauer und dumpfer als sonst? November-Mood?

Ich bin so froh, dass ich sagen kann: morgen wird’s besser. Manchmal muss man das mehrere Tage nacheinander sagen, aber dann passt’s, wie der Bayer sagt. Und mal ehrlich, das meiste ist ja halb so schlimmes Gejammer. Vielleicht habt ihr schon mal Bekanntschaft mit der Krankheit Depression gemacht. Vielleicht sogar du selbst, oder in deinem näheren Umfeld. Wenn das, was ich gerade oberflächlich angerissen hab, zur andauernden Abwärtsspirale wird und man nicht sagen kann: morgen wird’s besser. Dann ist das ein echtes Problem. Ich hatte durch mein Medizinstudium kürzlich häufiger Kontakt zu depressiven Menschen. Die Krankheit wird gelegentlich verniedlicht und unangemessen verwendet und viele Erkrankte werden stigmatisiert. Warum? Weil sie unfassbar anstrengend sind und nicht mehr in unsere hedonistische Leistungsgesellschaft passen. Sie versprühen so eine Aura, die alles und jeden mit in den Strudel reist. Wenn ich mich 15 Minuten mit einem depressiven Patienten unterhalte, brauche ich danach erstmal etwas Zeit, um wieder aufzutauchen. Zurzeit liegt die Lebenszeitprävalenz, das bedeutet die Wahrscheinlichkeit im Laufe des Lebens mal depressiv zu werden, bei knappen 20 %. Das bedeutet: es betrifft jeden. Nicht zwingend dich persönlich, aber früher oder später jemanden in deinem näheren Umfeld. Besonders bei älteren Menschen, die häufig mit Einsamkeit zu kämpfen haben, wird die Krankheit unterschätzt. Prognostiker prophezeien sogar, dass die Zahlen steigen werden. Hauptsächlich aufgrund von gesellschaftlichen Veränderungen – immer mehr Flexibilität und Anpassungsfähigkeit sind gefordert, größere Herausforderungen im Umgang mit Stress, weniger Abgrenzung zwischen verschieden Lebensbereichen, usw. Oder ist es doch nur eine Frage des Lichts?

Wenn du dich auch manchmal so fühlst, wie ich heute, dann will ich dir sagen: Thank God, it’s just November-Mood! Morgen wird’s besser. Wenn du allerdings jemanden im Kopf hast, der oder die unter einer Depression leiden könnte, z.B. deine Oma, dein Freund, deine Arbeitskollegin, oder du dich selbst damit beschäftigen möchtest, dann habe ich dir hier zusammengestellt, worauf du achten kannst und welche Do’s and Dont’s du beachten solltest.

Woran kann man eine Depression erkennen?

  • Negative, gedrückte Stimmung
  • Freudlosigkeit
  • Interessenverlust
  • Antriebslosigkeit
  • Negative Sicht auf sich selbst, die Welt, die Zukunft
  • Die Symptome sollten mindestens 2 Wochen bestehen

Was du tun kannst!

  • Hör zu ohne zu verurteilen.
  • Drück Empathie, Ermutigung und Unterstützung aus.
  • Hilf dabei, Ressourcen zugänglich zu machen (Arzt, Psychotherapeut,…).
  • Kenn deine Rolle und behalte realistische Erwartungen diesbezüglich bei.

Was du NICHT tun solltest!

  • Sag nicht: „Sei stark“, „Stell dich nicht so an“, „Sei dankbar für das, was du hast“, „Fokussiere dich auf das Positive“.
  • Angst haben, nach suizidalen Absichten zu fragen.
  • Unterschätze nicht, was diejenige oder derjenige durchmacht, sag nicht „ich weiß genau, was du fühlst“ und lass Vergleiche mit Menschen aus sozio-ökonomisch schwächeren Regionen beiseite.
  • Lass die Person nicht zurück (ohne mit ihr darüber gesprochen zu haben).
  • Vernachlässige dich nicht und gib Acht auf dich selbst!

https://www.mindbodygreen.com/0-12962/the-dos-donts-of-helping-a-friend-whos-depressed.html

Und für die ganz Interessierten: https://www.leitlinien.de/nvl/html/depression/kapitel-1

Euer Lukas


Photo by Glenn Carstens-Peters on Unsplash

Zeit zu gehen

Wie lange willst du noch leben?

Noch 70 Jahre? Solange du gesund und selbstständig bist? Solange du nicht alleine bist? Was für eine unverschämte Frage, oder? Du kannst es dir ja doch nicht aussuchen. Früher oder später geht das Leben zu Ende. Ein Leben lang geatmet, gedacht, geliebt, gefühlt, gearbeitet, getrauert, gefeiert, gelebt und irgendwann endet das alles. Wenn ich 80 Jahre alt werde, hat mein Herz ungefähr Dreimilliarden mal geschlagen. 3.000.000.000. Und dann kommt der Herzschlag, der sich von allen anderen unterscheidet – er wird der letzte sein.

Tot zu sein, finde ich ganz komisch. Man ist ja nicht sofort richtig weg. Kurz bevor man stirbt, sieht man fast genauso aus, wie kurz nachdem man gestorben ist. Doch trotzdem war vorher irgendwie viel mehr von einem da. Wenn jemand dann länger tot ist wird es deutlich, dass Totsein doch ganz anders ist als Leben. Für mich ist das gefühlt noch sehr weit weg. Irgendwie hat man ja doch eine eigene, offensichtlich mutmaßliche Vorstellung davon, wie lange man noch lebt.

Sterben ist für viele ein Tabu-Thema. Man hat keine Kontrolle darüber, verbindet schlimme Erlebnisse damit und hat Angst davor. Sterben ist uns sehr fremd. Es hat ja auch noch niemand selbst erlebt, der davon erzählen kann. In der Regel haben wir auch viel seltener als noch vor 200 Jahren die Möglichkeit, Menschen im Sterben zu begleiten, vor allem in meinem Alter. Außerdem habe ich das Gefühl, dass wir gesellschaftlich vermittelt bekommen, dass Sterben nicht sein dürfe, unnatürlich sei und nicht zum Leben dazu gehöre.

Das stimmt nicht. Durch mein Medizinstudium und die Praktika im Krankenhaus komme ich vermutlich öfter als der Durschnitts-23-jährige mit sterbenden und toten Menschen in Verbindung – wobei „oft“ eigentlich auch eine Übertreibung ist. Ich habe Menschen im Krankenhaus sterben sehen, habe tote Menschen aufgeschnitten und seziert, habe Reanimationen gesehen, habe eine Leichenschau nach Suizid durchgeführt – noch nicht Tote, fast Tote, gerade Tote, länger Tote. Vor einer Woche noch habe ich eine Patientin in der Notaufnahme aufgenommen, mit ihr geredet und sie untersucht. Sie war ins Krankenhaus eingeliefert worden, weil es zunehmend schlechter ging. Sie war schon sehr abgemagert, hatte in ihrem Leben zu viel Alkohol getrunken und einige Erkrankungen. Am nächsten Morgen habe ich erfahren, dass sie am letzten Abend verstorben war. Sterben kommt dann plötzlich doch sehr nah. War sie gestern schon dabei gewesen zu sterben, als ich bei ihr war? Immerhin hat sie dann nur noch ein paar Stunden gelebt. Wann beginnt Sterben eigentlich? Ich habe mich auch gefragt, ob das zu meinem Eindruck von ihr gepasst hat. Hätte man noch etwas machen können, oder sollen? Sie wirkte schon sehr alt und krank auf mich, aber nicht direkt sterbenskrank. Von außen betrachtet könnte man sagen, dass es Zeit war zu gehen, aber hätte sie das auch so gesehen?

Wann ist es überhaupt Zeit zu gehen? Es hat sich gezeigt, dass Menschen ihre Meinung über den Wert ihres Lebens überraschend schnell ändern und ihr Bedürfnis nach Lebensqualität den Umständen anpassen. Jemand, der meint mit dem Leben abgeschlossen zu haben und keine OP mehr wünscht, lässt sich im letzten Moment doch operieren, damit es ein bisschen wahrscheinlicher wird, nicht zu sterben. Jemand, der behauptet, dass sein Leben mit einer Querschnittslähmung nicht mehr lebenswert sei, ändert möglicherweise seine Meinung, wenn es soweit ist. Es ist schwer einzuschätzen, wie man unter bestimmten Umständen sein eigenes Leben bewerten würde. Wann ist es Zeit zu gehen? Niemand weiß das, es sei denn, man flieht davor durch Suizid.

Es ist eine unserer großen Lebensaufgaben eine gesunde Beziehung zum natürlichen Sterben zu finden, eine Akzeptanz und ein umarmendes Loslassen zu erringen. Das Ja zum unkontrollierbaren Sterben ist sicherlich eines der mutigsten in unserem Leben. Die entscheidende Frage dabei ist: Wohin gehen wir, wenn es Zeit ist zu gehen? Ins Nichts? Werden wir wiedergeboren? Lebt etwas, wie unsere Seele weiter? Werden wir eins mit der Natur? Gehen wir in einer Art Weltgeist auf? Als Christ glaube ich an ewiges Leben als praktische Realität, dass Gott allen gibt, die Jesus kennen und ihr Leben nach seinen Ideen und Zielen leben. Dazu wird er mich einmal von den Toten auferwecken und alles, Himmel und Erde, neu erschaffen. Oder es passiert noch während meiner Lebenszeit. Das ist meine Hoffnung.

Welche Beziehung hast du zum Sterben? Wann ist es für dich Zeit zu gehen? Und was glaubst du, wohin gehst du?

Euer Lukas!

Photo by Aron Visuals on Unsplash

Laaaangweilig!

Das kann nicht sein! Schockiert starre ich an die Uhr an der Wand. Tatsächlich. Es ist 10:00. In Worten: zehn Uhr! Nicht Abends. Morgens. Ich habe mich doch gestern nur kurz mal hingelegt. Um vier. Nicht Morgens. Nachmittags. Es sollte nur ein Powernap werden. Aber der ist wohl hart eskaliert. Nach 18 Stunden Schlaf wird mir bewusst, was ich meinem Körper in den letzten Monaten angetan habe. Es war eindeutig zu viel!

Hinter mir liegen vier unglaublich ereignisreiche Wochen Zeltlager. Vier Wochen konstant unter Strom. Vier Wochen in denen ich mich nonstop um andere kümmern musste. Vier Wochen mit einem Maximum von sechs Stunden Schlaf pro Tag. So viele Eindrücke. So viele Beschäftigungen. Kein Wunder, dass mein Körper irgendwann »Stopp« sagt. Es war eindeutig zu viel.

Dass es zu viel war, beweist schon ein Blick in die Kalender App auf meinem Handy. Eine schier endlose Liste an Terminen. In der Hoffnung, dass ich wichtige Dinge nicht verpasse, ist jeder Termin mit einer noch auffälligeren Farbe versehen als ein anderer. Übersichtlicher hat es das Ganze aber trotzdem nicht gemacht. Viele Termine habe ich verballert. Und wären da nicht die wandelnden Terminkalender in Form von Freunden, meiner Mutter oder meinen Geschwistern, wäre diese Quote wohl deutlich höher ausgefallen. Ich merke, es war eindeutig zu viel.
Ach ja… Was ich ganz vergessen habe zu erwähnen: Das war zu allem Überfluss mitten in der Prüfungsphase. Jede freie Minute war also entweder mit Lernen oder dem schlechten Gewissen, nichts getan zu haben, gefüllt. Tatsächlich. Es war eindeutig zu viel.

Ich sitze jetzt also hier. Zum ersten Mal wieder am Durchschnaufen. Keine Termine und Verpflichtungen. Und ich frage mich, wie es nur zu dem Terminchaos kommen konnte. Ich muss feststellen: der Grund allen Übels ist ganz klein. Man könnte ihn beinahe übersehen. Es ist das kleine aber mächtige Wörtchen »Ja«.

In zwei Wochen ist ein Konzert. Kommst du mit? Ja.
Am Dienstag ist eine wichtige Besprechung. Bist du da? Ja.
Das Präsentationsvideo für unser Uni-Projekt steht immer noch nicht. Kannst du das nicht einfach machen? Ja.
Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen! Hast du nächstes Wochenende Zeit? Ja.
Wir bräuchten bis September ein neues Logo. Kriegst du das hin? Ja.
Ich baue am Samstag an unserer Terrasse weiter. Kannst du mithelfen? Ja.
Wir bräuchten noch jemanden, der am Samstag Fotos macht. Hast du Lust? Ja.
Auf unserem Zeltlager fehlen noch viele Mitarbeiter. Es könnte sein, dass wir nicht alle Kinder mitnehmen können. Machst du mit? Ja.

Viele „Jas“ später, und der Kalender ist picke packe voll. Und das nicht unbedingt mit Dingen, die mir keinen Spaß machen. Konzerte, ins Kino gehen, Freunde besuchen. Alles coole Sachen. Und auch die Jobs, die ich angenommen habe, machen mir ja Spaß! Aber wenn ich mich entscheiden muss, wird’s problematisch. Nein sagen fällt mir unheimlich schwer.

Als Kind fiel bei mir oft der Satz: “Mama, mir ist soooooo langweilig. Was soll ich machen?” Langeweile und Nichtstun ist meine größte Hassvorstellung. Wenn ich im Urlaub einfach mal nur auf der Couch gammel oder am Strand vor mich hinbraten soll, werde ich verrückt. Man könnte doch so viel unternehmen.

Ich kämpfe also seit je her gegen die Langeweile, obwohl das mittlerweile gar nicht mehr nötig ist. Wenn es irgendetwas zu tun gibt, dass auch nur halbwegs spannend klingt, versuche ich es möglichst irgendwie in meinen Terminkalender zu pfriemeln. Auch, wenn es nur ein Vormittag ist.

Langeweile? In keiner Zeit komme ich auf so viele Ideen oder entdecke ich so viel Neues, wie in Zeiten in denen ich nichts zu tun habe. Aus Langeweile habe ich damals die Kamera für mich entdeckt. Aus Langeweile habe ich angefangen, die Kinderstunden in der Kirche zu besuchen. Aus Langeweile habe ich angefangen, über mein Leben nachzudenken und Texte zu schreiben. Vermutlich wäre ich sonst nie Teil dieses Blogs geworden. Es sind die ereignisloseren Tage, in denen ich Gott besser kennenlerne, in denen ich mehr Zeit habe mit ihm zu reden und zu schauen, was er sagt. Langeweile empfinde ich mittlerweile als etwas sehr Wertvolles. Doch Erfindungen wie mein Handy verleiten mich mehr und mehr dazu, selbst die wenigen freien Minuten zwischendrin auszufüllen.

Zeiten, in denen ich mit meinen Gedanken ganz woanders sein kann.
Zeiten, in denen ich mich niemandem gegenüber rechtfertigen muss.
Zeiten, in denen ich einfach ganz da sein kann.
Zeiten, in denen ich nur mit Gott und sonst niemanden Zeit verbringe.
An diesen Zeiten mangelt es mir und ich möchte sie mir unbedingt zurückholen. Um das zu erreichen muss ich „Nein“ sagen lernen. Ich muss aufhören, mich mit unnötigen Sachen zu beschäftigen. Lasst uns miteinander ein bisschen mehr Langeweile haben. Vor allem wenn es mal wieder drunter und drüber geht.

Text: Philipp Jenny
Bild:
Javier Canada

NaturWUNDER

Es schneit. Richtig dicke Flocken. Es hat die ganze Nacht durchgeschneit. Die schneebedeckte Straße mit den angrenzenden Vorgärten und Häusern, beinahe unberührt am frühen Morgen, strahlt eine umgreifende Ruhe und Frieden aus. Als wäre es schon immer so weiß und gleichmäßig gewesen und als würde es sich niemals mehr ändern. Leider bin ich etwas in Eile, muss das Auto noch freikratzen und vom Schnee befreien, um dann zügig in die Klinik zu fahren. Zurzeit mache ich eine Famulatur. So nennt man ein fünfwöchiges Praktikum als Medizinstudierender. Eine prima Möglichkeit, Sachen auszuprobieren, um mich am Ende des Studiums entscheiden zu können, in welchem Fachgebiet ich mich spezialisieren möchte. Und gleichzeitig eine Möglichkeit, neue Orte, neue Menschen und Lebensweisen kennen zu lernen. Daher befinde ich mich gerade in Obersöchering, einem 1500-Menschen-Dorf in der Nähe von Garmisch und der Zugspitze im bayrischen Oberland, also quasi weder in, noch vor den Alpen. Vielleicht eher an den Alpen.

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Wie man (sich) wirklich (selbst) verwirklicht…

„22 geht ab!“ – Das kann ich seit dieser Woche nun auch bestätigen. Anfang der Zwanziger single zu sein, Ideen zu haben und auch gleichzeitig die Zeit sie umzusetzen, ist nicht die allerschlechteste Kombination. Wie Lukas das letzte Woche beschrieben hat, können es – denke ich – viele, die noch in dieser Lebensphase stecken und mindestens genauso viele, die sich gerne an diese Zeit erinnen, bestätigen.

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Alles unter Kontrolle

Ich sitze in einem kleinen Raum. Unter mir meine weiche, durchgelegene Matratze.
Das Bett steht auseinandergebaut in der Ecke. Daneben ein großer Karton
voll mit Dingen. An ihnen kleben Erinnerungen. Das kleine Blechflugzeug, dass mir mein Vater mal aus Uganda mitgebracht hat. Der zerfetzte Fußball, der jedes Wochenende auf dem Bolzplatz war. Schon viele Vasen sind seinetwegen zu Bruch gegangen. Die Unterschriften von meinen Freunden sind ausgeblichen.
Ich lasse meinen Blick über die Wände wandern. Kleine Flecken und Risse in der Tapete lassen nur noch erahnen, dass dort einmal Poster und Bilder hingen.
Auf der anderen Seite des Raumes steht ein Koffer, mein Cajón und eine Laptoptasche.
Es ging alles so schnell. Jetzt ist es vorbei. Das war es dann wohl.

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