Depression oder doch nur November?

Heute ist ein Tag, den ich auch überspringen würde. Der Tag ist nicht so wie die anderen. Sein Alleinstellungsmerkmal ist die Bedeutungslosigkeit. 7 Uhr klingelt ein Wecker. Einer von Vielen. Alle von mir, aber heute keiner für mich. Um 8 Uhr stehe ich doch auf. Was mich zu dieser Tat treibt? Wenn ich jetzt etwas gestresst duschen und frühstücken würde, käme ich nur 15 Minuten zu spät zur Uni. Aber jenseits des Duschvorhangs ist es viel zu kalt, um schnell zu duschen. Die Butter ist zu hart, um sie aufs Brot zu schmieren. Vom Käse ist nur noch die Restkante da. Ich bilde mir ein, dass ich kurz so etwas wie einen Sonnenstrahl aus dem Fenster gesehen hätte. Schnell anziehen. Fahrrad aus dem Keller tragen. Kurz hochgeschaut – ne, kein Schimmer von Sonne mehr. Das Wetter ist so vielfältig in letzter Zeit, so abwechslungsreich. Mal trüb, mal diesig, mal bedeckt, mal bewölkt, mal neblig, mal dunstig, mal regnerisch, verlässlich zwischen 2°C und 7°C. Letztens hat sich meine Kommilitonin aus Norwegen beschwert, dass das Wetter in Deutschland so schlecht wäre. Bei ihr zu Hause liegt Schnee, oder es scheint die Sonne. Nicht so abwechslungsreich wie bei uns. Ich komme 40 Minuten zu spät. Egal. Der Raum ist zu klein für die ganze Gruppe. Ich sitze auf einem Schemel im Türrahmen. Die Vorlesung ist zäher als das Wetter. Anschließend geht´s zum Praktikum in die Ambulanz. Ist freiwillig, aber wenn mich heute irgendetwas interessiert, dann Praxis und Patienten. Echte Geschichten eben. Das Ärzte-Team in der Ambulanz ist unterbesetzt. Nur Arbeitseinsteiger. Keiner ist auf mich vorbereitet. Ich werde woanders hingeschickt. Fühle mich unerwünscht. Ist nicht das erste Mal. Woanders ist auch nicht anders. Nur woanders. 12 Uhr 45. Ich warte noch auf eine Freundin. Wir verpassen uns. Hab Hunger. Die Mensaschlange länger als je zuvor. Ich warte. Ich esse allein. Selbst Schuld, wer zu freiwilligen Veranstaltungen geht. Das, was die letzten vier Stunden passiert ist, nenne ich November-Mood. Das ist der Monat, wo die Bäume hinter dem Nebel und den Wolken so herrlich bunt sind. Wenn es heute dunkler ist, als gestern, wenn die Schuhe nässer, die Hände und Lippen trockener sind, der Kopf dicker, der Nasenrotz dünner ist, wenn das Wetter abwechslungsreich ist und Graustufen das neue bunt sind, dann ist November-Mood.

Mittlerweile sitze ich beim Bäcker, um mich mit einem zu teuren, aber umso wässrigen Kaffee bei Laune zu halten und schreibe diesen Blogbeitrag. Nach Hause fahren lohnt sich nicht und irgendwie müssen diese fünf Stunden bis zum Pub-Quiz, das meine Freunde organisiert haben ja vorbeigehen. Habt ihr auch manchmal solche Tage? Wenn das Glas halb leer ist und alles grauer und dumpfer als sonst? November-Mood?

Ich bin so froh, dass ich sagen kann: morgen wird’s besser. Manchmal muss man das mehrere Tage nacheinander sagen, aber dann passt’s, wie der Bayer sagt. Und mal ehrlich, das meiste ist ja halb so schlimmes Gejammer. Vielleicht habt ihr schon mal Bekanntschaft mit der Krankheit Depression gemacht. Vielleicht sogar du selbst, oder in deinem näheren Umfeld. Wenn das, was ich gerade oberflächlich angerissen hab, zur andauernden Abwärtsspirale wird und man nicht sagen kann: morgen wird’s besser. Dann ist das ein echtes Problem. Ich hatte durch mein Medizinstudium kürzlich häufiger Kontakt zu depressiven Menschen. Die Krankheit wird gelegentlich verniedlicht und unangemessen verwendet und viele Erkrankte werden stigmatisiert. Warum? Weil sie unfassbar anstrengend sind und nicht mehr in unsere hedonistische Leistungsgesellschaft passen. Sie versprühen so eine Aura, die alles und jeden mit in den Strudel reist. Wenn ich mich 15 Minuten mit einem depressiven Patienten unterhalte, brauche ich danach erstmal etwas Zeit, um wieder aufzutauchen. Zurzeit liegt die Lebenszeitprävalenz, das bedeutet die Wahrscheinlichkeit im Laufe des Lebens mal depressiv zu werden, bei knappen 20 %. Das bedeutet: es betrifft jeden. Nicht zwingend dich persönlich, aber früher oder später jemanden in deinem näheren Umfeld. Besonders bei älteren Menschen, die häufig mit Einsamkeit zu kämpfen haben, wird die Krankheit unterschätzt. Prognostiker prophezeien sogar, dass die Zahlen steigen werden. Hauptsächlich aufgrund von gesellschaftlichen Veränderungen – immer mehr Flexibilität und Anpassungsfähigkeit sind gefordert, größere Herausforderungen im Umgang mit Stress, weniger Abgrenzung zwischen verschieden Lebensbereichen, usw. Oder ist es doch nur eine Frage des Lichts?

Wenn du dich auch manchmal so fühlst, wie ich heute, dann will ich dir sagen: Thank God, it’s just November-Mood! Morgen wird’s besser. Wenn du allerdings jemanden im Kopf hast, der oder die unter einer Depression leiden könnte, z.B. deine Oma, dein Freund, deine Arbeitskollegin, oder du dich selbst damit beschäftigen möchtest, dann habe ich dir hier zusammengestellt, worauf du achten kannst und welche Do’s and Dont’s du beachten solltest.

Woran kann man eine Depression erkennen?

  • Negative, gedrückte Stimmung
  • Freudlosigkeit
  • Interessenverlust
  • Antriebslosigkeit
  • Negative Sicht auf sich selbst, die Welt, die Zukunft
  • Die Symptome sollten mindestens 2 Wochen bestehen

Was du tun kannst!

  • Hör zu ohne zu verurteilen.
  • Drück Empathie, Ermutigung und Unterstützung aus.
  • Hilf dabei, Ressourcen zugänglich zu machen (Arzt, Psychotherapeut,…).
  • Kenn deine Rolle und behalte realistische Erwartungen diesbezüglich bei.

Was du NICHT tun solltest!

  • Sag nicht: „Sei stark“, „Stell dich nicht so an“, „Sei dankbar für das, was du hast“, „Fokussiere dich auf das Positive“.
  • Angst haben, nach suizidalen Absichten zu fragen.
  • Unterschätze nicht, was diejenige oder derjenige durchmacht, sag nicht „ich weiß genau, was du fühlst“ und lass Vergleiche mit Menschen aus sozio-ökonomisch schwächeren Regionen beiseite.
  • Lass die Person nicht zurück (ohne mit ihr darüber gesprochen zu haben).
  • Vernachlässige dich nicht und gib Acht auf dich selbst!

https://www.mindbodygreen.com/0-12962/the-dos-donts-of-helping-a-friend-whos-depressed.html

Und für die ganz Interessierten: https://www.leitlinien.de/nvl/html/depression/kapitel-1

Euer Lukas


Photo by Glenn Carstens-Peters on Unsplash

NaturWUNDER

Es schneit. Richtig dicke Flocken. Es hat die ganze Nacht durchgeschneit. Die schneebedeckte Straße mit den angrenzenden Vorgärten und Häusern, beinahe unberührt am frühen Morgen, strahlt eine umgreifende Ruhe und Frieden aus. Als wäre es schon immer so weiß und gleichmäßig gewesen und als würde es sich niemals mehr ändern. Leider bin ich etwas in Eile, muss das Auto noch freikratzen und vom Schnee befreien, um dann zügig in die Klinik zu fahren. Zurzeit mache ich eine Famulatur. So nennt man ein fünfwöchiges Praktikum als Medizinstudierender. Eine prima Möglichkeit, Sachen auszuprobieren, um mich am Ende des Studiums entscheiden zu können, in welchem Fachgebiet ich mich spezialisieren möchte. Und gleichzeitig eine Möglichkeit, neue Orte, neue Menschen und Lebensweisen kennen zu lernen. Daher befinde ich mich gerade in Obersöchering, einem 1500-Menschen-Dorf in der Nähe von Garmisch und der Zugspitze im bayrischen Oberland, also quasi weder in, noch vor den Alpen. Vielleicht eher an den Alpen.

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