Der Mann des Zweifels

Es war einmal ein Mann. Er hatte ganz Europa bereist. Überall gelebt – ein Vagabund. Er stammte vom Adel ab und pflegte viele Beziehungen zum gesamten europäischen Klerus. Und obwohl er nicht sonderlich alt wurde, hatte er den gesamten 30-jährigen Krieg erlebt, der Europa verwüstet und entvölkert hatte. Er hatte den größten Schmerz seines Lebens erfahren, als er seine 5-jährige Tochter – sein einziges Kind – zu Grabe tragen musste. Wer ihn sah, hätte ihn wohl als kränklich beschrieben. Und dennoch war er der intellektuelle Rebell seiner Zeit und litt unter der Verfolgung der konservativen Kirchenfürsten. Er war ein Universalgenie – der Vater der neuzeitlichen Philosophie. Europa, wie wir es heute kennen, wäre undenkbar ohne ihn. Und er war ein frommer Mann. Sein Name ist René Descartes.

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Zeit zu gehen

Wie lange willst du noch leben?

Noch 70 Jahre? Solange du gesund und selbstständig bist? Solange du nicht alleine bist? Was für eine unverschämte Frage, oder? Du kannst es dir ja doch nicht aussuchen. Früher oder später geht das Leben zu Ende. Ein Leben lang geatmet, gedacht, geliebt, gefühlt, gearbeitet, getrauert, gefeiert, gelebt und irgendwann endet das alles. Wenn ich 80 Jahre alt werde, hat mein Herz ungefähr Dreimilliarden mal geschlagen. 3.000.000.000. Und dann kommt der Herzschlag, der sich von allen anderen unterscheidet – er wird der letzte sein.

Tot zu sein, finde ich ganz komisch. Man ist ja nicht sofort richtig weg. Kurz bevor man stirbt, sieht man fast genauso aus, wie kurz nachdem man gestorben ist. Doch trotzdem war vorher irgendwie viel mehr von einem da. Wenn jemand dann länger tot ist wird es deutlich, dass Totsein doch ganz anders ist als Leben. Für mich ist das gefühlt noch sehr weit weg. Irgendwie hat man ja doch eine eigene, offensichtlich mutmaßliche Vorstellung davon, wie lange man noch lebt.

Sterben ist für viele ein Tabu-Thema. Man hat keine Kontrolle darüber, verbindet schlimme Erlebnisse damit und hat Angst davor. Sterben ist uns sehr fremd. Es hat ja auch noch niemand selbst erlebt, der davon erzählen kann. In der Regel haben wir auch viel seltener als noch vor 200 Jahren die Möglichkeit, Menschen im Sterben zu begleiten, vor allem in meinem Alter. Außerdem habe ich das Gefühl, dass wir gesellschaftlich vermittelt bekommen, dass Sterben nicht sein dürfe, unnatürlich sei und nicht zum Leben dazu gehöre.

Das stimmt nicht. Durch mein Medizinstudium und die Praktika im Krankenhaus komme ich vermutlich öfter als der Durschnitts-23-jährige mit sterbenden und toten Menschen in Verbindung – wobei „oft“ eigentlich auch eine Übertreibung ist. Ich habe Menschen im Krankenhaus sterben sehen, habe tote Menschen aufgeschnitten und seziert, habe Reanimationen gesehen, habe eine Leichenschau nach Suizid durchgeführt – noch nicht Tote, fast Tote, gerade Tote, länger Tote. Vor einer Woche noch habe ich eine Patientin in der Notaufnahme aufgenommen, mit ihr geredet und sie untersucht. Sie war ins Krankenhaus eingeliefert worden, weil es zunehmend schlechter ging. Sie war schon sehr abgemagert, hatte in ihrem Leben zu viel Alkohol getrunken und einige Erkrankungen. Am nächsten Morgen habe ich erfahren, dass sie am letzten Abend verstorben war. Sterben kommt dann plötzlich doch sehr nah. War sie gestern schon dabei gewesen zu sterben, als ich bei ihr war? Immerhin hat sie dann nur noch ein paar Stunden gelebt. Wann beginnt Sterben eigentlich? Ich habe mich auch gefragt, ob das zu meinem Eindruck von ihr gepasst hat. Hätte man noch etwas machen können, oder sollen? Sie wirkte schon sehr alt und krank auf mich, aber nicht direkt sterbenskrank. Von außen betrachtet könnte man sagen, dass es Zeit war zu gehen, aber hätte sie das auch so gesehen?

Wann ist es überhaupt Zeit zu gehen? Es hat sich gezeigt, dass Menschen ihre Meinung über den Wert ihres Lebens überraschend schnell ändern und ihr Bedürfnis nach Lebensqualität den Umständen anpassen. Jemand, der meint mit dem Leben abgeschlossen zu haben und keine OP mehr wünscht, lässt sich im letzten Moment doch operieren, damit es ein bisschen wahrscheinlicher wird, nicht zu sterben. Jemand, der behauptet, dass sein Leben mit einer Querschnittslähmung nicht mehr lebenswert sei, ändert möglicherweise seine Meinung, wenn es soweit ist. Es ist schwer einzuschätzen, wie man unter bestimmten Umständen sein eigenes Leben bewerten würde. Wann ist es Zeit zu gehen? Niemand weiß das, es sei denn, man flieht davor durch Suizid.

Es ist eine unserer großen Lebensaufgaben eine gesunde Beziehung zum natürlichen Sterben zu finden, eine Akzeptanz und ein umarmendes Loslassen zu erringen. Das Ja zum unkontrollierbaren Sterben ist sicherlich eines der mutigsten in unserem Leben. Die entscheidende Frage dabei ist: Wohin gehen wir, wenn es Zeit ist zu gehen? Ins Nichts? Werden wir wiedergeboren? Lebt etwas, wie unsere Seele weiter? Werden wir eins mit der Natur? Gehen wir in einer Art Weltgeist auf? Als Christ glaube ich an ewiges Leben als praktische Realität, dass Gott allen gibt, die Jesus kennen und ihr Leben nach seinen Ideen und Zielen leben. Dazu wird er mich einmal von den Toten auferwecken und alles, Himmel und Erde, neu erschaffen. Oder es passiert noch während meiner Lebenszeit. Das ist meine Hoffnung.

Welche Beziehung hast du zum Sterben? Wann ist es für dich Zeit zu gehen? Und was glaubst du, wohin gehst du?

Euer Lukas!

Photo by Aron Visuals on Unsplash

Wandern mit Hindernissen


Thomas. 45. Chemiker. Versucht durch seine Arbeit bei der Berufsgenossenschaft Unfälle und Berufskrankheiten mit Chemikalien bei der Arbeit zu verhüten. Setzt seine vielfältigen Gaben gern in der Gemeinde und im SWD-EC-Jugendverband ein. Entspannt gern beim Bergwandern oberhalb der Baumgrenze – am liebsten in der Schweiz.

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Erwartungen und Enttäuschungen (oder warum Enttäuschungen etwas Gutes sind)



Doro. 22. Studentin der Wirtschaftsinformatik. Ist immer sehr neugierig. Liebt es Dinge auszuprobieren und zu hinterfragen. Ist Gott sehr dankbar für die Erfindung von Kaffee und Schokolade. Wurde durch die Beiträge „Gedankenreise“ und „Die Kunst des Erwartens“ zu ihrem Text inspiriert.

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Frieden

Wenn man früher in der Grundschule sein Freundebuch auch mal einem Erwachsenen ausgeliehen hat, so lautete die Antwort bei der Rubrik „Was willst du später werden“ häufig: zufrieden. „Wie langweilig“, fand ich als Kind. Kein spektakulärer Wunsch wie Pilot oder Feuerwehrmann. Und außerdem hatte die Person nicht verstanden, dass die Frage auf einen Berufswunsch abzielte.

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Besser zweimal

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Auszeit

Schon seit ein paar Wochen habe ich mir eine Auszeit gewünscht. Mich danach gesehnt, mal durchzuschnaufen, innezuhalten und nachzudenken. Ich mag es nicht, wenn Leute über ihr stressiges Leben jammern. Das erscheint mir manchmal als das Schlimmste aller Smalltalk-Themen. Doch die letzten Wochen kann ich nicht anders beschreiben, als stressig.

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Gedankenreise

Ich habe mich entschlossen Bahn zu fahren. Auf Facebook habe ich im Vorfeld in einer Gruppe meine Verbindung gepostet und hoffe auf Mitfahrer, um mir gemeinsam ein Gruppenticket zu teilen. Dann ist es billiger. Bisher habe ich damit – sich mit fremden Menschen ein Ticket zu teilen – nur gute Erfahrungen gemacht.

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Auch wenn ich versag

Wir freuen uns, euch einen neuen Gastbeitrag präsentieren zu dürfen. Geschrieben hat ihn:

Tamara. 24. Studentin. Liebt es, griesgrämigen Personen ein kleines Lächeln zu entlocken. Findet, dass kleine Dinge manchmal das Größte sein können. Erdbeermarmeladenglasmomentesammlerin. Meist mit Kamera unterwegs. Liebt es, mit Gott spazieren zu gehen. Heute auch mal etwas nachdenklicher.

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Video

Von oben

Schöne Aussichten mochte ich schon immer. Egal, ob in die Zukunft oder von einem Berg oder einem hohen Turm.

Genauso, wie ich Aussichten geliebt habe, habe ich die Höhe gehasst. Nicht weil ich sie nicht schön finde, sondern aus Angst. Höhenangst. Diesen Moment, in dem mir klar wird, dass ich nicht mehr die Kontrolle über mein Leben habe, finde ich furchterregend. Bei dem Gedanken, dass ich jeden Moment – sollte ich über das Geländer fallen – sterben würde und nichts dagegen tun könnte, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken.

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Wie man (sich) wirklich (selbst) verwirklicht…

„22 geht ab!“ – Das kann ich seit dieser Woche nun auch bestätigen. Anfang der Zwanziger single zu sein, Ideen zu haben und auch gleichzeitig die Zeit sie umzusetzen, ist nicht die allerschlechteste Kombination. Wie Lukas das letzte Woche beschrieben hat, können es – denke ich – viele, die noch in dieser Lebensphase stecken und mindestens genauso viele, die sich gerne an diese Zeit erinnen, bestätigen.

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