Warmduscher


Ich verlasse das Badezimmer und schließe die Tür, damit der feuchte warme Dampf den Abzug im Bad verlassen kann und sich nicht in der Wohnung verteilt, um potenziellen Schimmel zu vermeiden. Wo habe ich dieses Verhalten noch gleich aufgeschnappt? War es im Physikunterricht oder etwas, das meine Eltern mir als Kind eingetrichtert haben? Im Grunde egal, die Hauptsache ist doch, dass es wissenschaftlich nachgewiesen ist. Falls mich jemand anhand einer Studie etwas Besseren belehrt, bin ich gerne bereit, mein Denken zu ändern. 

Ich schlendere zum Esstisch und schüttele respektvoll mit beiden Händen die Hände meines Kumpels Tair. Er ist der älteste Sohn meiner kasachischen Gastfamilie. Diese für mich etwas merkwürdig scheinende Geste, die zwischen Männern in Kasachstan gebräuchlich ist, ist für ihn so selbstverständlich wie atmen. In Deutschland würde ich meine Familie, die ich jeden Tag im Haus sehe, eher selten mit einem Handschlag begrüßen. Aber was soll’s, Tair scheint es wichtig zu sein, also tue ich es, um ihn nicht zu kränken. Als er meine noch feuchten Haare entdeckt, erzählt er mir davon, dass regelmäßiges, kaltes Duschen einen extrem gegen Kälte abhärtet und man viel seltener krank wird. Ich widerspreche ihm und berufe mich auf ein YouTube Video, das ich kürzlich gesehen habe. Darin wurde von Wissenschaftlern behauptet, dass kaltes Duschen über einen langen Zeitraum zu von ihm genannten Effekten führen kann, diese jedoch minimal seien. „Der negative psychische Effekt ausgelöst durch das Vermissen der angenehmen, warmen Dusche führt viel eher zu einer Erkältung, als dass das kalte Duschen einen davor bewahren kann“, füge ich hinzu. Von meiner Aussage offensichtlich überrascht und nicht mit ihr übereinstimmend kontert Tair: „Doch, was ich gesagt habe stimmt, du kannst deine Mutter oder deinen Vater fragen!“ Ich breche in schallendes Gelächter aus. Wieso sollten meine Eltern das wissen, die kennen sich mit so etwas nicht aus. „Doch, sie wissen es besser, sie sind schon älter“, begründet er seine Argumentation mit völlig ernstem Gesichtsausdruck. Jetzt erst wird mir bewusst, dass hier ein kultureller Konflikt vorliegt. Um ihn nicht weiter zu verunsichern, beende ich die Konversation mit einer genuschelten Zustimmung und ziehe mich in mein Zimmer im zweiten Stock zurück. 

Was sich für mich wie totaler Blödsinn anhört, ist für ihn eine Frage des Respekts. Ältere Menschen werden grundsätzlich sehr respektvoll behandelt und wertgeschätzt. Wo ich herkomme, ist das zwar auch der Fall, jedoch zählen Fakten und Wissen mehr als graue Haare. Warum ist das so? Warum sieht Tair Gleichbehandlung aller Altersgruppen und Geschlechter als respektlos? Wieso sehe ich Hierarchie als etwas Fortschrittsbremsendes? Wieso ist es für mich so wichtig, ehrliche Antworten auf meine Fragen zu erhalten, wohingegen sich für Tair mit dem Ziel die Harmonie zu bewahren und Gefühle zu respektieren auch mal eine Lüge rechtfertigen lässt. Wieso wirkt Handeln aus Scham anstelle von Gesetzestreue für mich chaotisch und wieso wirkt das stumpfe Befolgen von Vorschriften für ihn völlig schamlos? 

Die Antwort liegt auf der Hand: Wir beide sind in komplett verschiedenen Teilen der Erde aufgewachsen und in unterschiedlichen Kulturen erzogen worden. Dieser Hintergrund prägt uns, und macht es uns schwer, den anderen zu verstehen. Die eigene Kultur wird als richtig oder gut angesehen, während es uns sehr schwerfällt, die Sichtweise des anderen nachzuvollziehen oder sogar bloß zu akzeptieren. 

Je länger ich in Kasachstan bin, desto mehr fallen mir Dinge der warmen zentralasiatischen Kultur auf, die ich gegenüber der deutschen Kultur bevorzuge. Genauso vermisse ich aber auch Aspekte der kalten, westlichen Kultur. Als Christ lese ich die Bibel und habe für mich den Entschluss getroffen, der Kultur desjenigen, der mich geschaffen hat, nachzueifern. Er muss doch am besten wissen, wie man sich richtig verhält. Sowohl westliche als auch östliche Kultur beinhalten Verhaltensweisen, die sich ganz klar in der Bibel wiederfinden lassen – von Jesus repräsentiert und vorgelebt. Genauso lassen sich in beiden Kulturen Dinge finden, die Gottes Wort widersprechen.

Für mich ist es entscheidend, meine Denkweise und meine Kultur in Gottes Kultur zu verwandeln. Die folgenden beiden Bibelverse sind mir hierfür ein hilfreicher Leitfaden:

Ob ihr esst oder trinkt oder was immer ihr sonst tut – alles soll zur Ehre Gottes geschehen.

Korinther 10:31

Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.

Matthäus 22, 39

Jeder kennt vermutlich banale Situationen, in denen man sich beispielsweise fragt, soll ich nach Feierabend ein Eis mit Freund X essen oder sollte ich mit Freund Y ins Kino gehen? Möglicherweise gibt es hier kein richtig oder falsch. Ich finde es dennoch hilfreich meine Motivation, selbst in mir unbedeutend erscheinenden Situationen, bewusst zu hinterfragen und zu überlegen wie mein Handeln auch hier Gott ehren kann. Vielleicht kann ich einem der Freunde finanziell aushelfen, indem ich für sein Eis oder seinen Kinoeintritt bezahle, weil es bei ihm gerade nicht so läuft. Vielleicht benötigt einer der Freunde ein offenes Ohr oder meinen Rat, da er mit einer schwierigen Situation umzugehen hat. Ehre ich Gott durch mein Handeln? Wenn ja, wodurch?

Wenn wir diese Verse verinnerlichen und uns immer wieder bei Konflikten und Entscheidungen ins Gedächtnis rufen, lassen wir Platz für Veränderung. Wenn wir uns an der Bibel orientieren, geben wir Gott Raum, um unser Denken und unser Handeln zu verwandeln.

Ich fordere dich heraus, dein Handeln zu hinterfragen. Worauf gründest du deine Meinungen, deine Taten, deine Entscheidungen? Erziehung, was dir in der Schule beigebracht wurde oder was Gott von dir möchte? Anerzogene oder göttliche Denkweisen? Denk mal darüber nach.


Simon, 23 Jahre alt, ist nach Abschluss seines Bachelorstudiums für ein Auslandsjahr nach Kasachstan gezogen. Seit 10 Monaten arbeitet er dort als Ingenieur und lässt auch touristische Aktivitäten, wie wandern in den Bergen, nicht zu kurz kommen.

Falls das Thema warme und kalte Kultur dein Interesse geweckt hat, kannst du hier die Basics erfahren. Sehr empfehlenswert. 🡪http://www.everydayanth.com/hot-cold-culture/ 


Danke an Olya Adamovich für das Beitragsfoto von Pixabay.

Wie viele Freunde…?


Wenn ich über Freundschaft nachdenke, fühle ich mich manchmal so, als würde ich einem Blinden erklären, wie Farben aussehen. Nicht weil ich glaube, dass er nicht verstehen würde, was ich meine, sondern weil ich komplett überfordert wäre, die richtigen Worte zu finden. Freundschaft ist für mich eines der schwierigsten und komplexesten Themen. Warum? Weil es Menschen betrifft und die bekanntlich sehr kompliziert sein können. Treffen also zwei oder mehr Menschen aufeinander – nennen wir sie mal Freunde – kann es bisweilen sehr chaotisch werden.

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Ich packe meinen Koffer

Meinen ersten Beitrag auf diesem Blog habe ich über Heimat geschrieben. Es ging darum, wie Heimat sich für mich verändert hat, nachdem ich drei Jahre zuvor von meiner Familie in Bielefeld zum Studieren nach Heidelberg gezogen war. Anlässlich unserer zweiten Themenreihe habe ich meine Gedanken von damals nochmal angesehen und so kommt es jetzt zur einer Neuauflage:

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Der Mann des Zweifels

Es war einmal ein Mann. Er hatte ganz Europa bereist. Überall gelebt – ein Vagabund. Er stammte vom Adel ab und pflegte viele Beziehungen zum gesamten europäischen Klerus. Und obwohl er nicht sonderlich alt wurde, hatte er den gesamten 30-jährigen Krieg erlebt, der Europa verwüstet und entvölkert hatte. Er hatte den größten Schmerz seines Lebens erfahren, als er seine 5-jährige Tochter – sein einziges Kind – zu Grabe tragen musste. Wer ihn sah, hätte ihn wohl als kränklich beschrieben. Und dennoch war er der intellektuelle Rebell seiner Zeit und litt unter der Verfolgung der konservativen Kirchenfürsten. Er war ein Universalgenie – der Vater der neuzeitlichen Philosophie. Europa, wie wir es heute kennen, wäre undenkbar ohne ihn. Und er war ein frommer Mann. Sein Name ist René Descartes.

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Gegen den Strom

„Hey, wie heißt du? Wo kommst du her? Was studierst du?“

Diese Fragen habe ich in den letzten Wochen unzählige Male gestellt und gestellt bekommen. Der klassische Einstieg in einen (Erasmus-)Smalltalk. Meistens fragt man anschließend noch aus welchen Landesteil genau der Gesprächspartner kommt, obwohl man lediglich die Hauptstadt kennt. So lautet die folgende Reaktion mit einem Schulterzucken häufig: „Nie gehört.“

Es ist Orientierungsphase. So, wie viele von uns sie zu Beginn eines neuen Lebensabschnitts kennen. Man lässt sich auf viel Neues ein, lernt einige Menschen kennen und versucht sich damit zu arrangieren. So weit, so gut. Doch bei Erasmus habe ich diese Zeit noch ein Stück intensiver erlebt und mit ein paar besonderen Eigenarten, weshalb ich mich dazu entschlossen habe, darüber zu schreiben.

Erstmal vorneweg: Erasmus ist ein geniales Austauschprogramm, dass es Studierenden ermöglicht vorwiegend in einem anderen Land innerhalb der Europäischen Union zu studieren und dafür auch noch Geld zu bekommen. Ein tolles Privileg! Für mich ging es in diesem Fall nach Zagreb (die Hauptstadt von Kroatien) – warum ist eine andere Geschichte.

Hinter mir liegt die Eingewöhnungswoche. Im Gegensatz zu den meisten anderen Erasmus-Studierenden war ich bereits zwei Wochen vorher zu einem Intensiv-Sprachkurs in der Stadt. Die dritte Woche bestand zusätzlich im Wesentlichen aus Party und Alkohol. Gegen beides habe ich nichts einzuwenden; die geballte Intensität hat mir jedoch zu schaffen gemacht. Infolgedessen habe ich mir eine Erkältung eingefangen. Meinem Körper wurde es also auch zu viel. Damit bin ich nicht der Einzige (und am Rande stellt sich die Frage, ob man sich genauer mit den gesundheitlichen Risiken von Erasmus auseinandersetzen sollte).

Auf der einen Seite ist die Eingewöhnungswoche unglaublich wichtig, um Menschen kennenzulernen und sich zu vernetzen. Ich habe selten eine so offene Stimmung erlebt. Aus einer kollektiven Unsicherheit kommen selbst Introvertierte ungewöhnlich weit aus sich heraus. Man spürt, dass alle im selben Boot sitzen. Diese anfänglichen Gruppendynamiken finde ich immer spannend.

Nichtsdestotrotz hinterlässt die Woche nicht nur bei mir Spuren. Viele sind erschöpft und meinen, man könnte es auch mal ein bisschen langsam angehen lassen – nächste Woche. Doch das scheint sehr schwierig zu sein. Man möchte ja nichts verpassen, nicht den Anschluss verlieren. Ständig geht jeden Abend irgendwo etwas. In kürzester Zeit hat sich eine permanente Party-Dynamik entwickelt. Da ist es besonders herausfordernd, zu sich selbst und seinen Bedürfnissen zu stehen und auch mal „Nein“ zu einem Event sagen.

Ich bin nicht nach Zagreb gekommen, um ein klassisches Erasmus-Party-Semester zu machen (so wie viele Südeuropäer, deren Nationalität(en) ich an dieser Stelle verschweigen möchte). Das sollte auf keinen Fall zu kurz kommen, aber man kann es auch übertreiben. Teilweise hat sich bereits eine exzessive Party-Dynamik entwickelt. Unterschiedliche Gewohnheiten verschiedener Kulturen prallen aufeinander.

Ich möchte vor allem Sprache, Land und Leute kennenlernen. Mich kulturell weiterbilden. Und vor allem viel Zeit mit Schreiben verbringen – als eine Art kreativ Schaffender im Café. (Vielleicht habe ich mir hier etwas zu ambitionierte Ziele vorgenommen). Vor Erasmus dachte ich, dass das kein Problem ist und ich hier viel Zeit haben werde. Nach einer Woche ist mir klar geworden, dass das mit die größte Herausforderung sein wird – neben dem Teilen eines etwa 12m2 großen Zimmers. Ich hatte nicht erwartet, dass rund 500 Erasmus-Studenten nach Zagreb kommen werden. Es sollte eine Auszeit werden. Ich dachte (oder hatte vielleicht auch gehofft), ich wäre der Einzige…

So setze ich mich also damit auseinander, wie oft ich in der Woche feiern gehen möchte? Wie viele soziale Kontakte oder Freundschaften ich aufbauen/pflegen kann oder will? Oder an wie vielen Aktivitäten des Vereins, der Aktionen für Erasmus-Studierende organisiert, ich teilnehmen möchte? Oder wie viele Reisen ich unternehmen kann?

Mir ist jedoch bewusst geworden, dass es mir um mehr geht, als eine außergewöhnlich schöne Zeit zu haben. Dass ich hier vor allem etwas mitnehmen möchte und deswegen teilweise andere Motive/Ziele/Erwartungen und Wünsche an mein Erasmus-Semester habe, als einige meiner Mit-im-Boot-Sitzer. Deshalb fühlt sich gelegentlich ein bisschen so an, als würde ich ab und an gegen den Strom schwimmen – ein innerer Antrieb, der mich dazu bewegt hat nach Zagreb zu kommen. Ich wollte noch nie machen, was alle machen. Lieber ein bisschen anders sein. Mein Ding machen. Gegen den Strom schwimmen. Das erinnert mich an ein Lied aus meiner Kindheit:

„Sei ein lebendiger Fisch.
Schwimme doch gegen den Strom.“

So möchte ich sein! Lebendig! Was ich früher als Kind voller Leidenschaft mitgegröhlt habe, ist heute eine gelegentlich anstrengende Herausforderung geworden. An dieser Stelle meine ich nicht, dass ich aus Prinzip eine Anti-Haltung einnehme einfach nur um dagegen zu sein und sein Ding zu machen. Ich will vielmehr zu meinen Motiven zu stehen, denn:

„Nur die toten Fisch schwimmen immer mit dem Strom,
lassen sich von allem anderen treiben.“

Zum Abschluss 3 Fragen an dich zum Nachdenken und Beantworten:

  • Schwimmst du eher mit oder gegen den Strom?
  • Wie fühlt es sich für dich an, gegen einen Strom schwimmen?
  • Lohnt sich das für dich? Warum?

Schreib uns doch deine Gedanken entweder per Mail oder Whatsapp (einfach auf den Link klicken).

Hier kannst du dir das ganze Kinderlied anhören:


by spaghettihirn

Vielen Dank an danny moore für das Foto von Pixabay.

Erwartungen und Enttäuschungen (oder warum Enttäuschungen etwas Gutes sind)



Doro. 22. Studentin der Wirtschaftsinformatik. Ist immer sehr neugierig. Liebt es Dinge auszuprobieren und zu hinterfragen. Ist Gott sehr dankbar für die Erfindung von Kaffee und Schokolade. Wurde durch die Beiträge „Gedankenreise“ und „Die Kunst des Erwartens“ zu ihrem Text inspiriert.

„Erwartungen und Enttäuschungen (oder warum Enttäuschungen etwas Gutes sind)“ weiterlesen

Frieden

Wenn man früher in der Grundschule sein Freundebuch auch mal einem Erwachsenen ausgeliehen hat, so lautete die Antwort bei der Rubrik „Was willst du später werden“ häufig: zufrieden. „Wie langweilig“, fand ich als Kind. Kein spektakulärer Wunsch wie Pilot oder Feuerwehrmann. Und außerdem hatte die Person nicht verstanden, dass die Frage auf einen Berufswunsch abzielte.

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Besser zweimal

„Besser zweimal“ weiterlesen

Auszeit

Schon seit ein paar Wochen habe ich mir eine Auszeit gewünscht. Mich danach gesehnt, mal durchzuschnaufen, innezuhalten und nachzudenken. Ich mag es nicht, wenn Leute über ihr stressiges Leben jammern. Das erscheint mir manchmal als das Schlimmste aller Smalltalk-Themen. Doch die letzten Wochen kann ich nicht anders beschreiben, als stressig.

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Für Immer

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Gedankenreise

Ich habe mich entschlossen Bahn zu fahren. Auf Facebook habe ich im Vorfeld in einer Gruppe meine Verbindung gepostet und hoffe auf Mitfahrer, um mir gemeinsam ein Gruppenticket zu teilen. Dann ist es billiger. Bisher habe ich damit – sich mit fremden Menschen ein Ticket zu teilen – nur gute Erfahrungen gemacht.

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