Ich packe meinen Koffer

Meinen ersten Beitrag auf diesem Blog habe ich über Heimat geschrieben. Es ging darum, wie Heimat sich für mich verändert hat, nachdem ich drei Jahre zuvor von meiner Familie in Bielefeld zum Studieren nach Heidelberg gezogen war. Anlässlich unserer zweiten Themenreihe habe ich meine Gedanken von damals nochmal angesehen und so kommt es jetzt zur einer Neuauflage:

„Ich packe meinen Koffer“ weiterlesen

Zeit zu gehen

Wie lange willst du noch leben?

Noch 70 Jahre? Solange du gesund und selbstständig bist? Solange du nicht alleine bist? Was für eine unverschämte Frage, oder? Du kannst es dir ja doch nicht aussuchen. Früher oder später geht das Leben zu Ende. Ein Leben lang geatmet, gedacht, geliebt, gefühlt, gearbeitet, getrauert, gefeiert, gelebt und irgendwann endet das alles. Wenn ich 80 Jahre alt werde, hat mein Herz ungefähr Dreimilliarden mal geschlagen. 3.000.000.000. Und dann kommt der Herzschlag, der sich von allen anderen unterscheidet – er wird der letzte sein.

Tot zu sein, finde ich ganz komisch. Man ist ja nicht sofort richtig weg. Kurz bevor man stirbt, sieht man fast genauso aus, wie kurz nachdem man gestorben ist. Doch trotzdem war vorher irgendwie viel mehr von einem da. Wenn jemand dann länger tot ist wird es deutlich, dass Totsein doch ganz anders ist als Leben. Für mich ist das gefühlt noch sehr weit weg. Irgendwie hat man ja doch eine eigene, offensichtlich mutmaßliche Vorstellung davon, wie lange man noch lebt.

Sterben ist für viele ein Tabu-Thema. Man hat keine Kontrolle darüber, verbindet schlimme Erlebnisse damit und hat Angst davor. Sterben ist uns sehr fremd. Es hat ja auch noch niemand selbst erlebt, der davon erzählen kann. In der Regel haben wir auch viel seltener als noch vor 200 Jahren die Möglichkeit, Menschen im Sterben zu begleiten, vor allem in meinem Alter. Außerdem habe ich das Gefühl, dass wir gesellschaftlich vermittelt bekommen, dass Sterben nicht sein dürfe, unnatürlich sei und nicht zum Leben dazu gehöre.

Das stimmt nicht. Durch mein Medizinstudium und die Praktika im Krankenhaus komme ich vermutlich öfter als der Durschnitts-23-jährige mit sterbenden und toten Menschen in Verbindung – wobei „oft“ eigentlich auch eine Übertreibung ist. Ich habe Menschen im Krankenhaus sterben sehen, habe tote Menschen aufgeschnitten und seziert, habe Reanimationen gesehen, habe eine Leichenschau nach Suizid durchgeführt – noch nicht Tote, fast Tote, gerade Tote, länger Tote. Vor einer Woche noch habe ich eine Patientin in der Notaufnahme aufgenommen, mit ihr geredet und sie untersucht. Sie war ins Krankenhaus eingeliefert worden, weil es zunehmend schlechter ging. Sie war schon sehr abgemagert, hatte in ihrem Leben zu viel Alkohol getrunken und einige Erkrankungen. Am nächsten Morgen habe ich erfahren, dass sie am letzten Abend verstorben war. Sterben kommt dann plötzlich doch sehr nah. War sie gestern schon dabei gewesen zu sterben, als ich bei ihr war? Immerhin hat sie dann nur noch ein paar Stunden gelebt. Wann beginnt Sterben eigentlich? Ich habe mich auch gefragt, ob das zu meinem Eindruck von ihr gepasst hat. Hätte man noch etwas machen können, oder sollen? Sie wirkte schon sehr alt und krank auf mich, aber nicht direkt sterbenskrank. Von außen betrachtet könnte man sagen, dass es Zeit war zu gehen, aber hätte sie das auch so gesehen?

Wann ist es überhaupt Zeit zu gehen? Es hat sich gezeigt, dass Menschen ihre Meinung über den Wert ihres Lebens überraschend schnell ändern und ihr Bedürfnis nach Lebensqualität den Umständen anpassen. Jemand, der meint mit dem Leben abgeschlossen zu haben und keine OP mehr wünscht, lässt sich im letzten Moment doch operieren, damit es ein bisschen wahrscheinlicher wird, nicht zu sterben. Jemand, der behauptet, dass sein Leben mit einer Querschnittslähmung nicht mehr lebenswert sei, ändert möglicherweise seine Meinung, wenn es soweit ist. Es ist schwer einzuschätzen, wie man unter bestimmten Umständen sein eigenes Leben bewerten würde. Wann ist es Zeit zu gehen? Niemand weiß das, es sei denn, man flieht davor durch Suizid.

Es ist eine unserer großen Lebensaufgaben eine gesunde Beziehung zum natürlichen Sterben zu finden, eine Akzeptanz und ein umarmendes Loslassen zu erringen. Das Ja zum unkontrollierbaren Sterben ist sicherlich eines der mutigsten in unserem Leben. Die entscheidende Frage dabei ist: Wohin gehen wir, wenn es Zeit ist zu gehen? Ins Nichts? Werden wir wiedergeboren? Lebt etwas, wie unsere Seele weiter? Werden wir eins mit der Natur? Gehen wir in einer Art Weltgeist auf? Als Christ glaube ich an ewiges Leben als praktische Realität, dass Gott allen gibt, die Jesus kennen und ihr Leben nach seinen Ideen und Zielen leben. Dazu wird er mich einmal von den Toten auferwecken und alles, Himmel und Erde, neu erschaffen. Oder es passiert noch während meiner Lebenszeit. Das ist meine Hoffnung.

Welche Beziehung hast du zum Sterben? Wann ist es für dich Zeit zu gehen? Und was glaubst du, wohin gehst du?

Euer Lukas!

Photo by Aron Visuals on Unsplash