Fehlende Worte

Weihnachten rückt näher und das Ende des Jahres auch. In all dem Endjahres- und Adventsstress präsentieren wir heute stolzen den letzten Gastbeitrag 2019 – und das in einer besonderen Form. Unsere Autorin hat ihre Gedanken in einem Gedicht zusammengefasst und gleichzeitig eingesprochen. Also unbedingt Anhören!

Jenny, 21, aus dem wunderschönen Südbaden. Studentin.
Mein Herz schlägt für: Gott, Gemeinde, Zeltlager, Innenarchitektur, Kreativität, Tanzen.


Jetzt will ich also einen Text verfassen,
das Ende sollte zum Anfang passen,
geistreich, gewitzt und klug soll er sein,
jeder Satz endet mit einem Reim.
Dazu noch ne schöne Moral am Ende,
nach einer, sich zum Guten fügenden Wende.
Damit jeder denkt: „Hey, was da geschrieben steht
hilft mir voll weiter, weil’s noch jemandem geht
wie mir.“

Währenddessen kommt ne neue Mail rein:
„Die Hausarbeit sollte bald fertig sein.
Ideal sind 12 Seiten, gern aber mehr.“
Und ich frag mich: „Wo nehm‘ ich nur die Worte dafür her?“
Gleichzeitig meldet sich mein schlechtes Gewissen:
„Da sind auch noch ein oder zwei Referate, die gehalten werden müssen!“
Doch wenn es nur das wäre: es fehlen auch noch Gliederung, Anfang und Schluss,
nicht mal das Thema hab ich, aber ich muss
bis morgen damit fertig sein.
Wie krieg ich da bis dahin nur gute Ideen rein?

So viel zu tun und weder Zeit noch Ideen,
Zeitdruck kommt und Worte gehen,
kein Anhaltspunkt, um was Anständiges aufs Blatt zu bringen,
kein Anhaltspunkt, um gegen die Zeit zu gewinnen.
Und was tut man in so einer Situation?
Richtig: Prokrastination.
Das Talent dafür, alles vor mir herzuschieben
und keine Motivation zum Tun zu kriegen
scheint mir in die Wiege gelegt zu sein.
Und ohne Idee und Zeit
komm ich allein
nicht weit.

So schweifen meine Gedanken zum Ursprung des Ganzen:
was ist Kreativität eigentlich und wie kann es passieren,
dass neue Ideen sich stückweise kreieren
in meinen Gedanken, was braucht es dazu,
dass einzelne Gedanken sich einen und nun
ein gutes Ergebnis erzielen? Was brauchen
wir Menschen, dass solche Gedanken auftauchen?

Ist es nicht so, dass es nichts wirklich Neues geben kann?
Das Eine knüpft ans Vorherige an
und alles Neue entsteht aus Dingen, die es schon gab?
Ist es nicht so, dass ich gar keine neue Idee mehr hab?
Denn alles Neu erfundene ist nachempfunden jenem, was schon war,
keine Idee war vorher noch nie da.
Flugzeuge gibt es, weil Menschen wollten, was Vögel schon taten,
U-Boote bauten wir nach dem Vorbild der schwimmenden Arten,
alles, was wir erfanden hier auf Erden,
sollten nur Nachbildungen von der bestehenden Schöpfung werden.

So komm ich nur zu einem logischen Schluss:
Mein Schöpfer ist der, an den ich mich wenden muss,
denn so, wie er als Erster das Fliegen erfand,
so ist auch jede andere Idee aus seiner Hand.
Und ich bin nur klein und ideenlos,
denn keiner meiner Gedanken ist so groß,
als dass er ohne Vorbild funktioniert.

Aber trotzdem sitz ich hier und schreibe nen Text,
obwohl ich nach jedem Wort frag: „Und jetzt?“
Obwohl meine Kreativität dazu nicht reicht.
Denn meinem Schöpfer fällt es leicht,
meine Lücken zu füllen und mir zu helfen all das besser zu schreiben, als ich es allein je kann.
Denn bei meinem Schöpfer fängt alle Kreativität an.
Und so will ich dir sagen:
kein Grund zu verzagen,
Wenn Zeit und Ähnliches gegen dich ist,
dann hilft er dir weiter, wenn du offen dafür bist,
denn ihm reicht auch kürzeste Zeit aus
und trotzdem kommt am Ende was Gutes raus.
Denn er schenkt dir die Zuversicht:
am Ende des Tunnels scheint immer ein Licht.


Danka an Alice Achterhof für das Foto von Unsplash.

Laaaangweilig!

Das kann nicht sein! Schockiert starre ich an die Uhr an der Wand. Tatsächlich. Es ist 10:00. In Worten: zehn Uhr! Nicht Abends. Morgens. Ich habe mich doch gestern nur kurz mal hingelegt. Um vier. Nicht Morgens. Nachmittags. Es sollte nur ein Powernap werden. Aber der ist wohl hart eskaliert. Nach 18 Stunden Schlaf wird mir bewusst, was ich meinem Körper in den letzten Monaten angetan habe. Es war eindeutig zu viel!

Hinter mir liegen vier unglaublich ereignisreiche Wochen Zeltlager. Vier Wochen konstant unter Strom. Vier Wochen in denen ich mich nonstop um andere kümmern musste. Vier Wochen mit einem Maximum von sechs Stunden Schlaf pro Tag. So viele Eindrücke. So viele Beschäftigungen. Kein Wunder, dass mein Körper irgendwann »Stopp« sagt. Es war eindeutig zu viel.

Dass es zu viel war, beweist schon ein Blick in die Kalender App auf meinem Handy. Eine schier endlose Liste an Terminen. In der Hoffnung, dass ich wichtige Dinge nicht verpasse, ist jeder Termin mit einer noch auffälligeren Farbe versehen als ein anderer. Übersichtlicher hat es das Ganze aber trotzdem nicht gemacht. Viele Termine habe ich verballert. Und wären da nicht die wandelnden Terminkalender in Form von Freunden, meiner Mutter oder meinen Geschwistern, wäre diese Quote wohl deutlich höher ausgefallen. Ich merke, es war eindeutig zu viel.
Ach ja… Was ich ganz vergessen habe zu erwähnen: Das war zu allem Überfluss mitten in der Prüfungsphase. Jede freie Minute war also entweder mit Lernen oder dem schlechten Gewissen, nichts getan zu haben, gefüllt. Tatsächlich. Es war eindeutig zu viel.

Ich sitze jetzt also hier. Zum ersten Mal wieder am Durchschnaufen. Keine Termine und Verpflichtungen. Und ich frage mich, wie es nur zu dem Terminchaos kommen konnte. Ich muss feststellen: der Grund allen Übels ist ganz klein. Man könnte ihn beinahe übersehen. Es ist das kleine aber mächtige Wörtchen »Ja«.

In zwei Wochen ist ein Konzert. Kommst du mit? Ja.
Am Dienstag ist eine wichtige Besprechung. Bist du da? Ja.
Das Präsentationsvideo für unser Uni-Projekt steht immer noch nicht. Kannst du das nicht einfach machen? Ja.
Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen! Hast du nächstes Wochenende Zeit? Ja.
Wir bräuchten bis September ein neues Logo. Kriegst du das hin? Ja.
Ich baue am Samstag an unserer Terrasse weiter. Kannst du mithelfen? Ja.
Wir bräuchten noch jemanden, der am Samstag Fotos macht. Hast du Lust? Ja.
Auf unserem Zeltlager fehlen noch viele Mitarbeiter. Es könnte sein, dass wir nicht alle Kinder mitnehmen können. Machst du mit? Ja.

Viele „Jas“ später, und der Kalender ist picke packe voll. Und das nicht unbedingt mit Dingen, die mir keinen Spaß machen. Konzerte, ins Kino gehen, Freunde besuchen. Alles coole Sachen. Und auch die Jobs, die ich angenommen habe, machen mir ja Spaß! Aber wenn ich mich entscheiden muss, wird’s problematisch. Nein sagen fällt mir unheimlich schwer.

Als Kind fiel bei mir oft der Satz: “Mama, mir ist soooooo langweilig. Was soll ich machen?” Langeweile und Nichtstun ist meine größte Hassvorstellung. Wenn ich im Urlaub einfach mal nur auf der Couch gammel oder am Strand vor mich hinbraten soll, werde ich verrückt. Man könnte doch so viel unternehmen.

Ich kämpfe also seit je her gegen die Langeweile, obwohl das mittlerweile gar nicht mehr nötig ist. Wenn es irgendetwas zu tun gibt, dass auch nur halbwegs spannend klingt, versuche ich es möglichst irgendwie in meinen Terminkalender zu pfriemeln. Auch, wenn es nur ein Vormittag ist.

Langeweile? In keiner Zeit komme ich auf so viele Ideen oder entdecke ich so viel Neues, wie in Zeiten in denen ich nichts zu tun habe. Aus Langeweile habe ich damals die Kamera für mich entdeckt. Aus Langeweile habe ich angefangen, die Kinderstunden in der Kirche zu besuchen. Aus Langeweile habe ich angefangen, über mein Leben nachzudenken und Texte zu schreiben. Vermutlich wäre ich sonst nie Teil dieses Blogs geworden. Es sind die ereignisloseren Tage, in denen ich Gott besser kennenlerne, in denen ich mehr Zeit habe mit ihm zu reden und zu schauen, was er sagt. Langeweile empfinde ich mittlerweile als etwas sehr Wertvolles. Doch Erfindungen wie mein Handy verleiten mich mehr und mehr dazu, selbst die wenigen freien Minuten zwischendrin auszufüllen.

Zeiten, in denen ich mit meinen Gedanken ganz woanders sein kann.
Zeiten, in denen ich mich niemandem gegenüber rechtfertigen muss.
Zeiten, in denen ich einfach ganz da sein kann.
Zeiten, in denen ich nur mit Gott und sonst niemanden Zeit verbringe.
An diesen Zeiten mangelt es mir und ich möchte sie mir unbedingt zurückholen. Um das zu erreichen muss ich „Nein“ sagen lernen. Ich muss aufhören, mich mit unnötigen Sachen zu beschäftigen. Lasst uns miteinander ein bisschen mehr Langeweile haben. Vor allem wenn es mal wieder drunter und drüber geht.

Text: Philipp Jenny
Bild:
Javier Canada

Alles unter Kontrolle

Ich sitze in einem kleinen Raum. Unter mir meine weiche, durchgelegene Matratze.
Das Bett steht auseinandergebaut in der Ecke. Daneben ein großer Karton
voll mit Dingen. An ihnen kleben Erinnerungen. Das kleine Blechflugzeug, dass mir mein Vater mal aus Uganda mitgebracht hat. Der zerfetzte Fußball, der jedes Wochenende auf dem Bolzplatz war. Schon viele Vasen sind seinetwegen zu Bruch gegangen. Die Unterschriften von meinen Freunden sind ausgeblichen.
Ich lasse meinen Blick über die Wände wandern. Kleine Flecken und Risse in der Tapete lassen nur noch erahnen, dass dort einmal Poster und Bilder hingen.
Auf der anderen Seite des Raumes steht ein Koffer, mein Cajón und eine Laptoptasche.
Es ging alles so schnell. Jetzt ist es vorbei. Das war es dann wohl.

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Wann wir wohl anfangen, uns wieder wirklich füreinander zu interessieren – ein Plädoyer

Kennst du das? Wenn viele deiner Freunde auf einen bestimmten Kreis oder eine Gruppe beschränkt sind? Du hast Freunde in der Schule, in der Uni oder bei der Arbeit. Du hast Freunde, mit denen du zusammen Sport machst. Du hast Freunde, mit denen du abends weggehst. Vielleicht noch ein paar von früher oder von Zuhause. Ein paar in deiner Gemeinde. Mit vielen deiner Freunde verbindet dich eine, vielleicht auch zwei Interessen, aber selten mehr. Du siehst sie nur bei bestimmten Aktivitäten.

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