Du bist ein Meisterstück

Ich schaue aus dem Fenster. Die Landschaft zieht an mir vorbei. Draußen wird es langsam dunkel und viel kann man bald nicht mehr erkennen. Das laute Brummen des Zuges nervt mich irgendwie. Deswegen hole ich meine Kopfhörer raus und mache meine Lieblings-Playlist an. Während ich mich von der Musik einlullen lassen, wende ich meinen Blick in das Innere des Zuges. Ich beobachte gerne Menschen. Was sie tragen, wie sie reden oder einfach nur dasitzen. Manchmal stelle ich mir vor, wie sie es ihnen wohl geht. Was für Gefühle sie gerade bewegen oder in welcher Situation sie stecken.

Doch leider bleibt mein Blick oft nur am Äußeren hängen. Dann bewundere ich die langen Wimpern der Frau gegenüber oder ihre wunderschönen Locken, die ich auch gerne hätte. Oder ich frage mich, wie das Mädchen neben mir nur so einen coolen Style haben kann und wie viel ihre Schuhe wohl gekostet haben müssen. Und ach ja, fast hätte ich es vergessen: das ewige Drama um die Figur. Auf Werbeplakaten springt mir eine Frau ins Auge, welche verspricht, dass ich mir in nur zwei Monaten eine Traumfigur zulegen kann. Natürlich sieht sie selbst perfekt aus. Auf Instagram folgen Bilder über Bilder von Frauen, welche eine reine und perfekte Haut haben. Keine Spur von einem Pickel. Braun gebrannte Haut, frisch vom Dauerurlaub. Durchtrainiert im Fitnessstudio. Und, und, und…

Ihr merkt schon. Ich neige dazu, mich sehr schnell zu vergleichen. Das ist vermutlich eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Und nicht nur im Hinblick auf Äußerlichkeiten, sondern auch in ganz alltäglichen Dingen. Ich lasse mich leicht dazu hinreißen, zu denken, dass andere viel begabter, musikalischer, kreativer, selbstbewusster und authentischer sind. Und diese Liste kann ich unendlich weiterführen. Dieser kleine und tückische Gedanke „Andere können das viel besser“ oder „Ich bin nicht gut genug“ hindert mich irgendwie daran, frei zu sein, in dem, was ich tue und denke. Statt also meine Fähigkeiten einzusetzen, ziehe ich mich lieber zurück und überlasse dies den Anderen.

Wärend meine Gedanken so weiter schweifen und das Zugbrummen immer eintöniger wird, erinnere ich mich an einen Vers aus der Bibel:

DU BIST EIN MEISTERWERK GOTTES

Epheser 2,20

Ich muss ehrlich zugeben, dass es mir schwer fällt, diesem Glauben zu schenken. Es ist ein einfacher Satz, den ich oft höre und der so leicht in den Kopf geht, aber umso schwieriger ins Herz. Wie oft habe ich mir diesen Satz schon durchgelesen? 50 Mal oder schon 100 Mal? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich immer dann einen Augenblick Wertschätzung verspüre. Aber spätestens bei dem nächsten Fünkchen Neid oder gar einer Kritik, kehre ich zurück an den Startpunkt.

Und ich merke: Oft hindert mich mein Vergleichen mit anderen Menschen daran, meinen Blick auf Jesus zu lenken und darauf, wie er mich sieht. Ein gutes Zitat, das ich einmal in einer Predigt gehört habe, ist bei mir besonders hängengeblieben: „Durch das Vergleichen vergessen wir, wer wir sind!“.
Ich denke, da ist viel dran.

Ich muss mir immer wieder selbst sagen, dass mein persönlicher Wert nicht davon abhängt, wie ich äußerlich oder innerlich aussehe, was ich gut kann oder Besonderes leiste. Nein, mein persönlicher Wert ist schon längst festgesetzt. Wenn Jesus mich anschaut, sieht er ein Meisterstück. Er sagt zu mir: „Hey du, weißt du was? Ich weiß, dass du wunderbar gemacht bist.“
Vielleicht ist der Gedanke besser dargestellt mit einem Künstler, der ein Gemälde malt und unglaublich stolz darauf ist. Egal wie Kritiker das Bild finden, seine Meinung über sein Werk wird sich nicht ändern. Genauso hat auch Gott mich gemacht. Mit all meinen Macken, Fehlern und genau dem Körper, den er sich vorgestellt hat. Und darauf ist er stolz. Warum sollte ich es dann nicht auch sein? Aber es geht noch weiter; denn Gott hat mich auch mit Talenten und Gaben ausgestattet, die mich ausmachen und welche nicht zu gering oder wertlos sind. Genau das was ich gut kann, sollte ich nutzen und fördern, statt zu verringern.

Meine Identität und das, was mich ausmacht, ist in Gott verankert und durch ihn bestimmt. Nichts kann daran etwas ändern!
Die Frage ist nur, inwieweit mir dies bewusst ist und wie ich damit umgehe?! Ich wünsche mir so sehr, dass sich in mir ein tiefes Bewusstsein für die Liebe Gottes zu mir entwickelt und in meinen Gedanken präsenter wird.

Vielleicht geht es dir ja wie mir. Dann wünsche ich dir, dass du dich selbst mit den Augen Gottes sehen kannst. Vielleicht hast du aber auch mit Gott und der Bibel gar nichts am Hut und weißt überhaupt nicht, was diese Identität, die ich selbst bei Gott finden kann, jetzt mit dir zu tun hat. Dann kann ich dir sagen: Auch du bist ein Mensch wie ich. Und auch dich hat Gott erschaffen, daran glaube ich ganz fest. Deshalb glaube ich auch, dass auch du wunderbar und wertvoll bist, ganz egal wie deine äußeren Umstände sind oder ob du überhaupt an einen Gott glaubst. Ich möchte dir trotzdem Mut machen, dich selbst so anzunehmen wie du bist und deinen Körper, deine Talente und Fähigkeiten als einen Beweis von Gottes Liebe zu sehen.

Wie kann das Ganze aber nun praktisch aussehen. Wie kommt man von dem ewigen Vergleichen und des Neid weg? Ich kann dir darauf keine allumfassende, hundertprozentig richtige und anwendbare Antwort geben. Vielleicht hilft dir aber der nächste Tipp, einen ersten Schritt in die richtige Richtung zu gehen.

Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, dass Neid oder Eifersucht ganz schnell verschwinden, wenn man der anderen Person einfach mal schnell ein Kompliment zuwirft. Wenn dich also das nächste Mal wieder ein leises Gefühl des Neides beschleicht, dann probiere doch mal selbst aktiv dagegen vorzugehen. Es reicht schon ein kleiner Satz wie „Wow, du bist echt gut darin. Das liegt dir voll.“ Oder „Hey, ich finde du hast echt wunderschöne Locken. Die stehen dir so gut.“ Damit zauberst du der anderen Person ein Lächelns ins Gesicht und veränderst ganz schnell dein negatives Gefühl in ein Positives.

Probiere es doch einmal aus, auch wenn es viel Überwindung kostet.

Eure Larissa


Danke an unsplash.com und Hieu-vu-minh für das Foto.

Schubladen im Kopf

Es ist der 1. Oktober. Ich stehe gemeinsam mit rund 50 anderen Gleichaltrigen vor einer verschlossenen Tür, die mit „I0.15“ beschriftet ist. Eine interessante Szene, die sich dieser Tage wohl auch an vielen anderen Orten in Deutschland abspielt. Eine Situation, die ich in meinem 21-jährigen Leben schon so oft miterlebt habe.

Verunsichert stehen im Flur 50 junge Menschen. Bis auf drei Mädels, die sich offensichtlich schon kennen, redet niemand.

„Schubladen im Kopf“ weiterlesen