Nah am Wasser gebaut

Hast du schonmal deinen Vater oder eine andere männliche Person weinen sehen? Ich nur sehr selten. Und wenn doch, muss schon etwas sehr Schlimmes passiert sein. Man(n) weint doch nicht einfach so.

Als Kind war ich eine richtige Heulsuse. Ich habe schnell und viel geweint. Manchmal war das ein willkommenes Mittel, um Autoritätspersonen weichzumachen (funktionierte meistens hervorragend). Als Teenager habe ich mir angewöhnt, nicht mehr so offen zu weinen (was nicht heißt, dass es seltener wurde, geschweige denn immer geklappt hat). Ich habe mich schon immer für sehr emotional gehalten und hatte oft Angst, damit in einer erwachsenen Männerwelt zu bestehen. Was mache ich, wenn ich eigentlich nah am Wasser gebaut bin, aber keine Schwäche zeigen darf oder will? Warum gilt es überhaupt als schwach, Gefühle zu zeigen? Und warum gelten traurige Tränen als besonders schlimm?

Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung finden die Hälfte aller Männer, dass man(n) in der Öffentlichkeit nicht weinen sollte, unter Frauen sind es rund ein Viertel (Q1). Wo man Männer hingegen immer wieder in der Öffentlichkeit weinen sieht, ist beim Fußball. Zuletzt einige Spieler von Paris Saint-Germain nach dem verlorenen Champions League Finale letzte Woche. Was man auch von den überbezahlten Sportlern halten mag, Emotionen zeigen, die für andere unangenehm wären, können sie.

Ich würde mittlerweile behaupten, dass ich mir aufgrund des gesellschaftlichen Drucks das Weinen abgewöhnt habe (was ich nicht gut finde). Zumindest kann ich mich selten daran erinnern, wann es das letzte Mal war. Mittlerweile fällt es mir nicht nur in der Öffentlichkeit schwer Tränen zuzulassen, sondern auch, wenn mich niemand sieht. Oftmals fühle ich mich danach, aber meine Tränendrüsen scheinen nicht mehr richtig funktionieren oder nur noch selten. Ich habe mir angewöhnt, Emotionen in Form von Tränen aus Traurigkeit zu unterdrücken. Doch ich glaube nicht, dass ein reifer Umgang mit Emotionen bedeutet, sie nicht mehr zuzulassen. Emotionale Intelligenz heißt nicht von einer Heulsuse zum Eiszapfen zu werden. Der angemessene Umgang liegt irgendwo in der Mitte und Eis kann schmelzen. Und so sehr man(n) auch versucht, die Tränen zurückzuhalten: Jede Welle bricht, irgendwann.

Letztendlich ist das hier ein Plädoyer mehr Schwachheit, Verletzlichkeit und insbesondere dafür, Gefühle zu zeigen. Weil ich mir das selbst wieder mehr wünsche. Ich glaube, die Gesellschaft kann das (v)ertragen. Traurigkeit ist zwar weniger schön als Freude, aber letztendlich nicht schlimm. Ich glaube, dass wir sie brauchen, um Freude überhaupt als solche zu erkennen.

In der bereits angesprochenen Studie geben 18,5 Prozent der Deutschen (alle Geschlechter) an, aufgrund von bewegenden Filmszenen zu weinen (Q2). Falls du also am Ende dieses Textes richtig Lust hat, deine Tränendrüsen mal wieder durchzuspülen, empfehle ich dir dieses Video, das mich zum Weinen bringt. Also Taschentücher auspacken und los geht’s:


by spaghettihirn

Danke an Luca Bravo für das Foto von Unsplash.