Der Mann des Zweifels

Es war einmal ein Mann. Er hatte ganz Europa bereist. Überall gelebt – ein Vagabund. Er stammte vom Adel ab und pflegte viele Beziehungen zum gesamten europäischen Klerus. Und obwohl er nicht sonderlich alt wurde, hatte er den gesamten 30-jährigen Krieg erlebt, der Europa verwüstet und entvölkert hatte. Er hatte den größten Schmerz seines Lebens erfahren, als er seine 5-jährige Tochter – sein einziges Kind – zu Grabe tragen musste. Wer ihn sah, hätte ihn wohl als kränklich beschrieben. Und dennoch war er der intellektuelle Rebell seiner Zeit und litt unter der Verfolgung der konservativen Kirchenfürsten. Er war ein Universalgenie – der Vater der neuzeitlichen Philosophie. Europa, wie wir es heute kennen, wäre undenkbar ohne ihn. Und er war ein frommer Mann. Sein Name ist René Descartes.

Vielleicht denkst du dir jetzt: Wer ist dieser Typ? Und was hat er mit meinem Zweifeln und meinem Glauben zu tun? Ich sage dir: sehr viel! Lass uns etwas weiter in sein Leben eintauchen.

Zu einer Zeit, als René gerade 23 Jahre alt war und als Soldat im Dienste des bayrischen König stand, wurde er mit seiner Kompanie in der Nähe von Ulm (manche sagen Neuburg) eingeschneit. Sein Biograf Adrien Baillet berichtet von drei Träumen, die Descartes in der Nacht vom 10. auf den 11. November geträumt haben soll und die seinem Leben eine neue Richtung gaben. Denn ihm sei dort ein Licht aufgegangen und er verspürte eine starke Berufung zum Philosophen. Seit einiger Zeit hatte er eine Vision vor Augen: die Vision von einer universalen Methode zur Erforschung der Wahrheit. Und jetzt wusste er, dass er dazu berufen war, diese zu entwickeln. 

René hatte ein Problem. Das Problem war die Wirklichkeit. Ist das, was ich erlebe, wirklich wahr? Vielleicht kennst du solche Fragen auch. Und wenn nicht von dir selbst, dann vielleicht von Dom Cobb aus Inception, der seine Frau an diese Frage verliert. Rene fragte sich, was er überhaupt glauben könne, und zog alles, aber wirklich alles in Zweifel. Man nennt das auch den methodischen Zweifel. Er habe die Welt in seiner Unruhe „zerdacht“, meint Harald Lesch. Am Ende bleiben nur noch wenige Worte übrig: „Je pense, donc je suis“. Oder auf Deutsch: Ich denke, also bin ich. Oft wird dieser Satz dahingehend missverstanden, dass das menschliche Sein eine Konsequenz des Denkens sei. Hier geht es darum, dass Descartes ein neues Selbstbewusstsein begründet. Für ihn ist Denken gleich Zweifeln und solange er denkt und zweifelt, kann er sich sicher sein, dass mindestens sein eigenes Denken und Zweifeln wirklich wahr sind. Das Denksystem, das daraus entstand, nennt man Rationalismus. Für die Beantwortung unserer Grundfrage (Ist das, was ich erlebe, wirklich wahr?) bedeutet das: Was ich durch mein Denken mit logischen Argumenten nach dem Vorbild der Mathematik begründen kann, ist wahr! Über alles andere sollte man besser keine Aussage treffen. Als sich dieser Denkansatz in Europa verbreitete, entstand eine Fortschrittsexplosion der Naturwissenschaften, von der wir bis heute massiv profitieren.

Musste Descartes seinen Glauben dann nicht über Bord werfen? Nein. Aber er musste anders glauben. Da er nur an seinem Selbstbewusstsein nicht zweifelte, versuchte er seinen Glauben logisch und vernünftig zu begründen. Und das hat er wirklich getan. Wie etliche Philosophen und Theologen des Mittelalters, allen voran Anselm von Canterbury, konnte René Gott beweisen. Wie er das gemacht hat und warum das heute nicht mehr funktioniert, wäre Stoff für einen anderen Beitrag. Aber für Descartes passte das! Auch wenn Gottesbeweise seit einigen Jahrhunderten nicht mehr so populär sind, so ist doch sein Denken erhalten geblieben. Jeder von uns hat so einen kleinen René hinter seiner Stirn, der flüstert: Ich glaube nur, was ich verstehe und was mir logisch erscheint! Vermutlich werden alle europäischen Christus-Glaubende mindestens einmal mit solchen Zweifeln konfrontiert, weil der christliche Glaube oft gar nicht mal so logisch erscheint. Mich haben solche Gedanken oft umgetrieben und zweifeln lassen, aber, Gott sei Dank, durfte ich etwas feststellen:

Die Ursache vieler Zweifel liegt nicht so sehr an meiner Begrenztheit oder Gottes Komplexität, sondern an dem kleinen René in meinem Kopf. Seine letzte Sicherheit war sein mehr oder weniger vernünftiges Selbstbewusstsein. Außerhalb davon gab es nichts, was Wahrheit sein durfte. Descartes glaubte an das, was er über Gott dachte. Ich glaube an einen Gott, der zu den Menschen und auch zu mir spricht. Das ist die letzte Sicherheit. Der Schlüssel dazu ist Vertrauen, Treue und Beziehung. Auch wenn ich an mir selbst zweifle, kann ich auf das vertrauen, was Gott über mich sagt. Auch wenn ich an Gott zweifle, kann ich auf das vertrauen, was Gott über sich sagt. 

Als Europäer, muss ich lernen mein „mindset“ etwas flexibler zu gestalten und Gott hilft mir dabei. Er ist auch ein Gott der Europäer, aber in erster Linie war und ist Gott ein Gott der Hebräer. Mein Denken und Glauben aus hebräischer Perspektive zu betrachten, hat mir sehr dabei geholfen die Bibel zu verstehen. Immerhin sind die meisten Menschen und alle Autoren der Bibel althebräisch sozialisiert und nicht europäisch. René glaubte an Gott als das höchste und vollkommenste Wesen. Ich will das nicht leugnen, aber diese verkürzte Ansicht ist durchtränkt mit antiker heidnischer Philosophie à la Platon, die bereits im frühen Mittelalter Einzug in die europäisch-christliche Philosophie und Theologie erhalten hatte.
Gott ist nämlich auch der Typ, der bei Abraham isst und anschließend mit ihm wild über das Schicksal der Stadt Sodom diskutiert.
Gott ist der Typ, der sich mit Jakob auf einen Faustkampf einlässt und gewissermaßen „verliert“.
Gott ist der Typ, der lieber in einer Nomadenhütte wohnt, als im Himmel. Gott ist der Typ, der sich als Mensch gebären lässt und in Windeln kackt. Gott ist der Typ, der als verurteilter Verräter wie Abschaum am Kreuz stirbt.
Gott ist der Typ, den Johannes gesehen, gehört und angefasst hat.
Gott ist der Typ, der für die Jünger Frühstück macht.
Gott ist der Typ, der mit seinem Geist in mir wohnt.
Gott ist der Typ, der Simon fragt „Liebst du mich?“
Gott ist der Typ, der dich fragt: Vertraust du mir?

Euer Lukas

Beitragsbild: Photo by Laurenz Kleinheider on Unsplash

Fun-Fact: Den Schädel von Rene Descartes kannst du dir im Musée de l’Homme in Paris anschauen. Ganz witzig, darin hat das alles stattgefunden!

Photo by Mathew Schwartz on Unsplash

Woher weiß ich, ob es gut ist, was ich mache?

Diese Frage habe ich mir in der zurückliegenden Zeit sehr häufig gestellt. Man könnte sie auch folgendermaßen nennen: Glaube ich an das, was ich tue, oder (ver-)zweifle ich vielmehr daran?

Ich befinde mich gerade in der entscheidenden Endphase meines Bachelorstudiums. Es stehen einige Entscheidungen an. Wie soll es weitergehen? Master, Volontariat, Journalistenschule? Oder doch lieber halbtags als Barista im Café jobben und nebenher als Poetry Slammer Karriere machen? Ähnlich wie Lukas in einem bisherigen Beitrag beschrieben hat, geht es auch für mich in diesem Jahr auf ins Unbekannte.

An präzisen Plänen und interessanten Ideen hat es mir noch nie gemangelt. Es ist eher so, dass sie ständig, ja fast täglich wechseln. Wollte ich eine Zeit lang nach dem Bachelor unbedingt nach Hamburg, so entdeckte ich eines Tages meine Liebe zu Wien, und München soll ja – abgesehen von den Bayern – auch angenehm attraktiv sein. Doch in diesen Fragen konnte ich bisher einigermaßen entspannt bleiben. Ich mache mir keine großen Sorgen um die Zukunft, sondern kann vergleichsweise darauf vertrauen, dass es gut wird. Weil es bisher immer so war.

Viel schwieriger wird es, wenn ich in die spannungsvolle Sphäre der kreativen Kunst eindringen will, die mich seit der Bekanntheit des Poetry Slams reizt. Habe ich einerseits allerlei Ansprüche an meine eigenen Erzeugnisse, hindern mich diese oft daran, mit einem potentiellen Projekt anzufangen. Glaube ich also selbst an meine eigenen Werke oder zweifle ich vielmehr daran? Wenn ich über Kunst schreibe, geht es bei mir dabei meistens um das Schreiben (an alle pfiffigen Pädagogen: ja wir befinden uns auf der magischen Meta-Ebene). Nicht von banalen Blog-Beiträgen, daran habe ich mich gleichermaßen gewöhnt, sondern von durch und durch durchdachten, präzise pointierten und exklusiv ersonnenen Slam-Texten (früher nannte man das auch, lässig, Lyrik oder, provozierend, Poesie).

Bisher dachte ich immer, dass Künstlern ihre Kunstwerke locker von der Hand gehen. Dass der wundervolle Welthit in seiner finalen Fassung von Anfang an im Kopf des magischen Musikers herumschwirrte. Dass Goethe’s Gedichte in einem Guss aus seiner filigranen Feder flossen. Dass Pablo Picasso seine galanten Gemälde direkt beim ersten Versuch vollendete. Ich hielt es für eine unausweichliche Utopie, dass Künstler mit einer besonderen Begabung ausgestattet sind, die ihre Kunst nicht zu anstrengender Arbeit werden, sondern einfach so nebenbei entstehen lässt.

Mittlerweile hat sich meine sorgfältige Sicht darauf geändert. Ich bin immer noch der Meinung, dass Künstler eine besondere Begabung haben. Allerdings glaube ich auch, dass hinter einem krassen Kunstwerk, eine mühevolle Menge aufopfernder Arbeit steckt. Womit wir wieder bei der Ausgangsfrage angelangt wären: woher weiß ich, ob das gut ist, was ich mache?

Neulich habe ich in meinem Lieblings-Podcast “SWR1 Leute” ein Interview mit dem Künstler HA Schult gehört. Er ist vor allem dafür bekannt, aus Müll Kunst zu machen. Sein bekanntestes Werk heißt “Trash People”. 1974 hat er dafür sogar die Abfälle von Kaiser Franz (Beckenbauer) verwendet. In dieser Folge sagte er: “Wenn ein Künstler über 50-60 Jahre ein Ziel und eine Strategie hat und diese realisiert, dann ist das ein kulturpolitischer Vorgang, aufgrund dessen er das Recht hat, der Erste gewesen zu sein.” Es braucht also einen Künstler, um Kunst zu erschaffen. Laut dem Duden ist ein Künstler eine Person, die Kunstwerke hervorbringt und über besondere Begabungen verfügt. Künstler und Kunstwerk bedingen sich also gegenseitig.

Ich glaube, dass Kunst vor allem dadurch „gut“ wird, wenn andere Menschen, es dafür halten. Diese Haltung festigte sich bereits im damaligen Deutschunterricht, als wir oftmals intratextuelle Interpretationen zu prägender Prosa und gewagten Gedichten anstellten, von denen ich gelegentlich unumstößlicher Überzeugung war, dass sich der Urheber das niemals gedacht haben konnte. Und Schüler und Lehrer darin mehr sahen, als möglicherweise intendiert war.

Nun bin ich einerseits erleichtert und andererseits aufgewühlt. Erleichtert, weil ich entweder Künstler sein muss, um Kunst zu erschaffen oder zum Künstler werde, weil ich Kunst erschaffe. Das kann mir also niemand absprechen. Was mich allerdings aufwühlt, ist der Umstand, dass Kunst nur dadurch gut wird, wenn andere Menschen etwas darin sehen. Das setzt mich ein wenig unter Druck, da ich mich in meinem Schreiben eigentlich nicht zu sehr davon abhängig machen will, wie es ankommt, sondern mich damit beschäftigen möchte, was mir auf dem Herzen liegt.

Was trotzdem nicht weg sind, sind meine Zweifel daran, ob es gut ist, was ich mache. Ich habe dafür bisher auch noch keine Lösung gefunden. Ein latenter Zweifel wird also immer bestehen bleiben. Solange ich es jedoch schaffe, die Phasen zu nutzen, an denen die Zweifel möglichst klein sind, halten sie mich wenigstens nicht davon ab, kreativ zu werden.

by spaghettihirn, der diesen Text als Kunst betrachtet, weil er darin einige Alliterationen verwendet hat. Wie viele hast du entdeckt?

Bild: Angelina Litvin

„Glaubst du, dass es einen Gott gibt?“

Da war sie wieder. Die Frage, die Chance und Gefahr zugleich war. Die Frage, die mich jedes Mal ein panisches SOS-Gebet gen Himmel schicken ließ, in der Hoffnung, daraufhin eine „richtige“ Antwort in den Wolken ablesen zu können. Die Frage, auf die ich mir selbst so sehr eine Antwort wünschte.

Es war Dienstagmorgen und eigentlich nur ein kurzes Small-Talk-Gespräch zwischen zwei Vorlesungen. Ich hatte gerade meine Sachen auf den Tisch gelegt, als meiner Kommilitonin der Sticker mit der Aufschrift „Woran glaubst Du?“ auf meinem Terminkalender auffiel.
„Glaubst du an Gott?“, fragte sie mich, „Glaubst du, dass es wirklich einen Gott gibt?“

Sie blickte mich fragend an. Ihr Blick war weniger skeptisch als erwartet. Vielleicht sogar hoffnungsvoll? Panisch suchte ich nach einer Antwort. Eine Antwort, die logisch durchdacht und überzeugend war. Eine Antwort, die ohne all die mysteriösen, christlichen Floskeln auskam und dabei noch irgendwie „cool“ klang. Doch ich hatte keine Antwort.
Wie auch?

Ich glaubte an Gott, schon irgendwie. Aber die Gründe dafür konnte ich nicht als Beweismaterial für die Existenz Gottes anführen. Sie rührten eher von persönlichen Erlebnissen, meiner sozio-kulturellen und familiären Prägung und einer inneren Gewissheit her. Wie glaubwürdig würde das klingen?
Und obwohl mein Glaube an Gott auf der einen Seite für mich das Wichtigste war, zweifelte ich ihn mehr an, als irgendetwas anderes, wovon ich überzeugt war…
Wie sollte ich jemand anderem von der Existenz Gottes erzählen, wenn ich mir selbst immer wieder die Frage danach stellte?

Dieses und viele andere Gespräche über den Glauben machten mir die Dringlichkeit bewusst, mich selbst mit meinem eigenen Glauben kritisch auseinanderzusetzen.
Woran glaubte ich? Wovon war ich überzeugt? Und vor allem: Warum?

„Ein Glaube ohne jeden Zweifel ist wie ein menschlicher Körper ohne Immunsystem. Zweifel sind dazu da, dass man mit ihnen ringt.“

aus “Warum Gott?” von Timothy Keller

Ich wollte meinen eigenen Zweifeln auf den Grund gehen und nicht länger in meinem „Schön-Wetter-Glauben“ festhängen, der alles ausblendete, was diesen infrage stellen konnte. Ich wollte mich nicht länger selbst mit meinen eigenen Zweifeln konfrontiert fühlen, wenn mir Freunde, Familienmitglieder oder Kommilitonen von den ihren berichteten. Ich wollte Perspektiven und Antworten auf Fragen finden, die ich mir selbst schon lange stellte, um schließlich auch durchdachte Antworten geben zu können.

Ich hatte Fragen wie:

– „Warum sind Menschen anderer großer Religionen genauso überzeugt von der Existenz ihrer Gottheit, wie Christen es sind?“
– „Warum legen selbst die Christen die Bibel so unterschiedlich aus und unterscheiden sich so extrem in ihrem Gemeindeleben? Was ist richtig und was ist falsch?“
– „Warum berichten Menschen, die meditieren oder mentales Training, etc. machen von den gleichen spirituellen Erfahrungen, wie ich, wenn ich gebetet und darin Gott(?) erfahren habe?“
– „Ist mein Glaube psychologisch erklärbar und bloß ein Konstrukt, dass mich Krisen besser aushalten lässt und meinem Leben einen Sinn verspricht?“
– „Wie kann Gott jeden einzelnen Menschen auf der Welt aus Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart lieben und kennen?“

Ich entschloss mich damals dazu, neben meinem eigentlichen Lehramtsstudium noch das Fach „evangelische Theologie“ zu studieren. Ich wollte mehr über die Bibel, ihre Hintergründe und den christlichen Glauben erfahren. Darüber hinaus las ich viele Bücher, führte unzählige Gespräche, hörte Predigten und stellte viele Theorien auf. An dem einen Tag war ich völlig überzeugt von Gottes Existenz, am anderen hielt ich alles bloß für einen Irrglauben. Endlich gefundene Antworten lösten wieder neue Fragen aus oder konnten sich in der Diskussion mit anderen nicht behaupten. Es gab schließlich kein objektives „Richtig“ oder „Falsch“.

Ich rang mit Gott, betete um Beweise und Sicherheiten, stellte ihn auf die Probe, klagte ihn an und wandte mich von ihm ab und dann wieder zu. Ich wägte ab, welche Indizien für die Existenz Gottes sprachen und welche dagegen. Ich konnte trotz meines neuen Wissensschatzes Gott nicht beweisen, aber ich konnte auch nicht das Gegenteil tun.
Mein Fazit: die Wahrscheinlichkeit, dass es Gott gab, war für mich höher, als die, dass Gott nur ein altmodisches Hirngespinst aus früheren Zeiten war.

Hatte ich auf jede meiner Fragen eine triftige Antwort gefunden? Nein, aber ich hatte neue Perspektiven, mögliche Erklärungsansätze und nach all dem Ringen mit Gott einen festeren Glauben an ihn als zuvor.

Und meine Antwort auf die Frage meiner Kommilitonin?
Nun ja, Glaube ist keine Wissenschaft und beruht nicht auf nachweisbaren Fakten, sondern auf einer inneren tiefen Überzeugung. Für diese, bzw. meine, tiefe Überzeugung kann ich zwar einige sehr gute Gründe nennen, doch daran glauben, muss sie selbst.
Und eins ist für mich ganz sicher: sich heute auf die Suche nach Gott zu begeben und sich mit seinen Zweifeln auseinanderzusetzen ist in jedem Fall besser, als es eines späteren Lebtages zu bereuen, das nicht schon längst gemacht zu haben.

Jahreslosung 2020: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!”

Eure Greta,
die euch wärmstens das Buch „Warum Gott?“ von Timothy Keller empfehlen kann!

Wenn ich groß bin…

Ich bin mal wieder draußen im Garten. In meiner Hand ein Spaten. Schweiß läuft mir über die Stirn. Wenige Zentimeter unter mir steht mein bester Freund in einem Loch. Wir graben schon seit einigen Tagen, aber es zeigt sich kein großer Fortschritt. Lautstark diskutieren Daniel und ich über die beste Vorgehensweise. Wenn wir so weitermachen, schaffen wir es nie, den Tunnel von Nepal nach Deutschland rechtzeitig fertig zu graben. Wenn das nicht klappt, müssen wir das nächste Mal schon wieder fliegen und davor habe ich doch Angst! Wie schaffen es die Großen nur so schnell zu graben? Auf ein Mal schallt ein lautes Rufen über den Hof: “Philipp, Daniel, Zeit ins Bett zu gehen!” Oh nein. Schon wieder. Es ist doch noch total hell! Wir tun so, als würden wir nichts hören und fangen ganz schnell wieder an zu graben. Doch nur kurze Zeit später, ein zweites Rufen. Diesmal klingt es deutlich näher. Missmutig tragen wir die Werkzeuge in den Schuppen und trotten meiner Mutter hinterher. “Irgendwann, wenn ihr groß seid, dürft ihr länger wach bleiben.” Aber jetzt müssen wir ganz schnell Zähneputzen und ins Bett gehen. Wie oft ich das nur höre. “Nein Philipp, das ist nur für Große.” Wann werde ich endlich so groß, wie die Erwachsenen? Dann darf ich alles! Aber was, wenn das alles eine große Lüge ist? Was, wenn es gar nicht stimmt, dass wir irgendwann mal groß werden? Wie Mama und Papa. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie Mal Kinder waren? Wie soll das denn gehen?

Das ist eines von vielen Dingen, die ich als Kind geglaubt habe.
Als meine Mama mir einmal das Faxgerät erklärte, glaubte ich, dass das Papier mit dem Text durch die Leitung – Quasi als Rohrpost – zum Empfänger geschickt wird.
Als in der Gemeinde Beutel herumgingen, um Spenden zu sammeln und die Gemeindemitglieder geheimnisvoll und andächtig hineingriffen, glaubte ich, es wäre eine geheime Umverteilungsmaßnahme. Die Reichen schmeißen Geld rein, die Armen nehmen sich etwas heraus.
Als ich auf der Weltkarte die dicken Linien an den Ländergrenzen sah, fragte ich mich, wem wohl das Land auf der roten Linie gehört. 
Oder was wäre, wenn sich die Erde nur dreht, weil am Äquator Menschen, wie auf einem Laufband, nichts anderes machen, als den ganzen Tag auf der Stelle laufen? 
Natürlich wusste ich irgendwie, dass das keinen Sinn ergibt. Trotzdem kamen mir zum Beispiel häufig Zweifel, dass ich wirklich einmal so groß werden würde wie die Erwachsenen.

In letzter Zeit unterhalte ich mich nach dem Gottesdienst häufig mit einem dreijährigen Jungen. Immer, wenn ich etwas erzähle, legt er kurz seinen Kopf schief, nimmt die Hand an den Mund und denkt kurz nach. So gerne würde ich ihm in den Kopf schauen. Was denkt er wohl in der Zeit? Vermutlich versucht er das Gesagte in sein Weltbild einzuordnen. Stimmt es, was der komische Typ erzählt? Kann ich ihm vertrauen?

Ich bin immer wieder fasziniert, wenn ich darüber nachdenke, wie viel Kinder den Tag über verarbeiten und aufnehmen müssen. Jeden Tag gibt es neue Erfahrungen und Eindrücke. Alles müssen sie irgendwie einordnen. Jedes neue Erlebnis trägt dazu bei, dass das Weltbild ein kleines bisschen weiter geformt wird. Das passiert so häufig, dass es ganz normal ist, alte Gedankenkonstrukte zu verwerfen und neu zu denken.

Wir Erwachsenen sind dagegen oft so festgefahren in unserem Denken. So wie ich es gelernt habe, muss es sein. Da gibt es nichts zu rütteln. So wie es früher war, ist es gut und daran darf sich nichts ändern!

Jesus sagte in Matthäus 18 einmal, wir sollen so werden wie Kinder. Wir sollen nicht zu hoch von uns Denken. Wir sollen nicht glauben, wir hätten die Weisheit für uns gepachtet. Ich will nicht, dass mein Glaube festgefahren und statisch ist, sondern sich stetig weiterentwickelt. Ich denke, es gibt niemanden auf dieser Welt, der jetzt schon alles verstanden hat. Jeden Tag kann ich neue Dinge über Gott lernen.

Je älter ich wurde, desto mehr zweifelte ich an der Theorie, dass man nicht größer wird. Allein schon ein Blick in mein Fotoalbum zeigte mir ziemlich deutlich, dass das nicht stimmen kann. Glaube und Zweifel hängen also stark miteinander zusammen. In den nächsten Wochen wollen wir bei Alltagspropheten diesem Thema weiter auf den Grund gehen. Dürfen Christen überhaupt zweifeln? Wie kommt man aus dem Zweifeln wieder heraus? Was, wenn ich daran zweifle, was ich tue? Muss man zweifeln, um zu Glauben? Mit diesen und weiteren Fragen werden wir uns beschäftigen.
In der Zwischenzeit würde mich interessieren, woran habt ihr als Kind geglaubt? Was hat euch vom Gegenteil überzeugt? Schreibt es uns gerne an info@alltagspropheten.de oder erzählt es und auf Instagram. Ich bin schon gespannt auf eure Geschichten!

Text: Philipp Jenny
Bild: Philipp Jenny

Du bist ein Meisterstück

Ich schaue aus dem Fenster. Die Landschaft zieht an mir vorbei. Draußen wird es langsam dunkel und viel kann man bald nicht mehr erkennen. Das laute Brummen des Zuges nervt mich irgendwie. Deswegen hole ich meine Kopfhörer raus und mache meine Lieblings-Playlist an. Während ich mich von der Musik einlullen lassen, wende ich meinen Blick in das Innere des Zuges. Ich beobachte gerne Menschen. Was sie tragen, wie sie reden oder einfach nur dasitzen. Manchmal stelle ich mir vor, wie sie es ihnen wohl geht. Was für Gefühle sie gerade bewegen oder in welcher Situation sie stecken.

Doch leider bleibt mein Blick oft nur am Äußeren hängen. Dann bewundere ich die langen Wimpern der Frau gegenüber oder ihre wunderschönen Locken, die ich auch gerne hätte. Oder ich frage mich, wie das Mädchen neben mir nur so einen coolen Style haben kann und wie viel ihre Schuhe wohl gekostet haben müssen. Und ach ja, fast hätte ich es vergessen: das ewige Drama um die Figur. Auf Werbeplakaten springt mir eine Frau ins Auge, welche verspricht, dass ich mir in nur zwei Monaten eine Traumfigur zulegen kann. Natürlich sieht sie selbst perfekt aus. Auf Instagram folgen Bilder über Bilder von Frauen, welche eine reine und perfekte Haut haben. Keine Spur von einem Pickel. Braun gebrannte Haut, frisch vom Dauerurlaub. Durchtrainiert im Fitnessstudio. Und, und, und…

Ihr merkt schon. Ich neige dazu, mich sehr schnell zu vergleichen. Das ist vermutlich eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Und nicht nur im Hinblick auf Äußerlichkeiten, sondern auch in ganz alltäglichen Dingen. Ich lasse mich leicht dazu hinreißen, zu denken, dass andere viel begabter, musikalischer, kreativer, selbstbewusster und authentischer sind. Und diese Liste kann ich unendlich weiterführen. Dieser kleine und tückische Gedanke „Andere können das viel besser“ oder „Ich bin nicht gut genug“ hindert mich irgendwie daran, frei zu sein, in dem, was ich tue und denke. Statt also meine Fähigkeiten einzusetzen, ziehe ich mich lieber zurück und überlasse dies den Anderen.

Wärend meine Gedanken so weiter schweifen und das Zugbrummen immer eintöniger wird, erinnere ich mich an einen Vers aus der Bibel:

DU BIST EIN MEISTERWERK GOTTES

Epheser 2,20

Ich muss ehrlich zugeben, dass es mir schwer fällt, diesem Glauben zu schenken. Es ist ein einfacher Satz, den ich oft höre und der so leicht in den Kopf geht, aber umso schwieriger ins Herz. Wie oft habe ich mir diesen Satz schon durchgelesen? 50 Mal oder schon 100 Mal? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich immer dann einen Augenblick Wertschätzung verspüre. Aber spätestens bei dem nächsten Fünkchen Neid oder gar einer Kritik, kehre ich zurück an den Startpunkt.

Und ich merke: Oft hindert mich mein Vergleichen mit anderen Menschen daran, meinen Blick auf Jesus zu lenken und darauf, wie er mich sieht. Ein gutes Zitat, das ich einmal in einer Predigt gehört habe, ist bei mir besonders hängengeblieben: „Durch das Vergleichen vergessen wir, wer wir sind!“.
Ich denke, da ist viel dran.

Ich muss mir immer wieder selbst sagen, dass mein persönlicher Wert nicht davon abhängt, wie ich äußerlich oder innerlich aussehe, was ich gut kann oder Besonderes leiste. Nein, mein persönlicher Wert ist schon längst festgesetzt. Wenn Jesus mich anschaut, sieht er ein Meisterstück. Er sagt zu mir: „Hey du, weißt du was? Ich weiß, dass du wunderbar gemacht bist.“
Vielleicht ist der Gedanke besser dargestellt mit einem Künstler, der ein Gemälde malt und unglaublich stolz darauf ist. Egal wie Kritiker das Bild finden, seine Meinung über sein Werk wird sich nicht ändern. Genauso hat auch Gott mich gemacht. Mit all meinen Macken, Fehlern und genau dem Körper, den er sich vorgestellt hat. Und darauf ist er stolz. Warum sollte ich es dann nicht auch sein? Aber es geht noch weiter; denn Gott hat mich auch mit Talenten und Gaben ausgestattet, die mich ausmachen und welche nicht zu gering oder wertlos sind. Genau das was ich gut kann, sollte ich nutzen und fördern, statt zu verringern.

Meine Identität und das, was mich ausmacht, ist in Gott verankert und durch ihn bestimmt. Nichts kann daran etwas ändern!
Die Frage ist nur, inwieweit mir dies bewusst ist und wie ich damit umgehe?! Ich wünsche mir so sehr, dass sich in mir ein tiefes Bewusstsein für die Liebe Gottes zu mir entwickelt und in meinen Gedanken präsenter wird.

Vielleicht geht es dir ja wie mir. Dann wünsche ich dir, dass du dich selbst mit den Augen Gottes sehen kannst. Vielleicht hast du aber auch mit Gott und der Bibel gar nichts am Hut und weißt überhaupt nicht, was diese Identität, die ich selbst bei Gott finden kann, jetzt mit dir zu tun hat. Dann kann ich dir sagen: Auch du bist ein Mensch wie ich. Und auch dich hat Gott erschaffen, daran glaube ich ganz fest. Deshalb glaube ich auch, dass auch du wunderbar und wertvoll bist, ganz egal wie deine äußeren Umstände sind oder ob du überhaupt an einen Gott glaubst. Ich möchte dir trotzdem Mut machen, dich selbst so anzunehmen wie du bist und deinen Körper, deine Talente und Fähigkeiten als einen Beweis von Gottes Liebe zu sehen.

Wie kann das Ganze aber nun praktisch aussehen. Wie kommt man von dem ewigen Vergleichen und des Neid weg? Ich kann dir darauf keine allumfassende, hundertprozentig richtige und anwendbare Antwort geben. Vielleicht hilft dir aber der nächste Tipp, einen ersten Schritt in die richtige Richtung zu gehen.

Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, dass Neid oder Eifersucht ganz schnell verschwinden, wenn man der anderen Person einfach mal schnell ein Kompliment zuwirft. Wenn dich also das nächste Mal wieder ein leises Gefühl des Neides beschleicht, dann probiere doch mal selbst aktiv dagegen vorzugehen. Es reicht schon ein kleiner Satz wie „Wow, du bist echt gut darin. Das liegt dir voll.“ Oder „Hey, ich finde du hast echt wunderschöne Locken. Die stehen dir so gut.“ Damit zauberst du der anderen Person ein Lächelns ins Gesicht und veränderst ganz schnell dein negatives Gefühl in ein Positives.

Probiere es doch einmal aus, auch wenn es viel Überwindung kostet.

Eure Larissa


Danke an unsplash.com und Hieu-vu-minh für das Foto.