Von der Heiligkeit, die Hosen runterzulassen

Lynn. 25. Studentin in Heidelberg. Braucht Kreativität und Aktivität. Ist outdoorbegeistert. Liebt Kuchen, Gespräche mit Lachanfällen und lernt gerade, sich von Gott unterbrechen zu lassen.

Ich liebe deutsche Redewendungen. Eine Metapher jagt die nächste und die Bilder bleiben nachhaltig im Kopf. Redewendungen machen es einfach, komplizierte Angelegenheiten zu beschreiben. Jeder versteht, was „Schmetterlinge im Bauch“ sind oder was es heißt, wenn man „den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht“. Mein neuester Favorit seit einiger Zeit: „die Hosen runterlassen“, was umgangssprachlich so viel wie „in einem sehr unangenehmen Moment die Wahrheit bekennen“ heißt. Es bedeutet, sich öffentlich verletzlich zu machen. Das Risiko einzugehen, in der eigenen Ehre eventuell getroffen zu werden und die Peinlichkeit des Moments auszuhalten. Seelisch und emotional blank zu ziehen. 

Zugegeben, die „Hosen runterzulassen“ ist eine sehr bildhafte Metapher und geht für den ein oder anderen unter die Gürtellinie (…um bei dem Bild zu bleiben😉). Doch falls dir das Bild unangenehm ist, bist du hier richtig. Denn in diesem Punkt ging es mir in der letzten Zeit sehr, sehr ähnlich…

Winter 2019/2020. Mein Studium war nach einigen Jahren endlich am Ziel angelangt: die Examensphase begann. Der Schreibtisch wurde zu meinem besten Freund – Kaffee, Fachbücher und der Laptop meine täglichen Weggefährten. Meine Zeit für Freunde, Sport, Kreativität oder Events musste ich radikal reduzieren. Angst vor einem Versagen kurz vorm Studienabschluss war bei mir schon immer hoch, weshalb ich als logische Konsequenz für meine Abschlussphase beschloss: „Kampfhaltung einnehmen. Durchziehen. Nicht schwach werden.“ Meine Haltung war also praktisch gesehen ziemlich effizient. Erstmal nicht bedenklich, zumindest nicht für die Examenskandidatin in mir.

Was ich jedoch nicht bemerkte: Mein Inneres begann ebenfalls, in Kampfhaltung zu gehen. Die Möglichkeit, verletzt zu werden, umging ich, indem ich mich vor bestimmten Fragen und wunden Punkten distanzierte. „Nicht schwach werden“ wurde also auch das Motto für die emotionalen, sensiblen Bereiche meines Alltags. Ich schaffte es so weit mit meiner Kampfhaltung, dass ich sogar vor Gott „effizient“ mit meiner Verletzlichkeit umging. Indem ich Gott meine zuvor selbst ausgewählten Schwächen hinlegte, konnte er ja direkt was damit anfangen und musste nicht erst suchen – praktisch, oder? ICH entschied, was ich Gott aus meinem Leben geben wollte. Diese Haltung wurde meine praktische Interpretation von:

„Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit,
damit die Kraft Christi in mir wohne.“

2. Korinther 12,9

Kämpferische Effizienz, allzeit bereit für persönliches Aufopfern – der „selbstlose“ Aktivismus fühlte sich richtig und erwachsen an, sowohl für mein alltägliches, als auch für mein emotionales und geistliches Leben. 

Bis dann mein persönlicher „Hosen runterlassen“-Moment kam.

Ich fing nämlich an, mich zu wundern: Warum war alles – von meinen Studienaktivitäten mal abgesehen – so still um mich herum und in mir geworden? Ich vermisste das Lebendige in meinem Alltag – wirklich „intensiv“ erlebte ich mich und andere nicht mehr. Auch die andauernde, fehlende Tiefe mit Gott wurde mir unheimlich. Ich wollte eine Lösung. Mein Kämpfer-Ich war im vollen Modus. 

Wie sehr in genau dieser Haltung das Problem lag, wurde mir klar, als ich an Silvester auf die „Zukunftswerkstatt“ (Freizeit auf dem Dünenhof, Cuxhaven) als Teamer mitfahren durfte: einem Ort, an dem Raum genug ist, dass das eigene Ich seinen Platz vor Gott finden kann. Ehrlich und ungeschönt, wenn man sich darauf einlassen möchte. Und hier, in diesem geschützten Freizeitrahmen, war meine Power innerlich auf einmal am Ende. Meine Kämpfernatur fühlte sich nicht mehr natürlich an. Stattdessen fiel mir auf, wie wenig ich eigentlich unter Kontrolle hatte, vor allem, was meine Schwächen anging. Mir wurde klar, dass ich vergessen hatte, wer der eigentliche Kämpfer in meinem Leben war – und dass meine Interpretation von 2. Korinther 12,9 völlig in die falsche Richtung ging.

Mich traf dieser Blick auf meinen blinden Aktivismus hart: Meine Ehre war getroffen, die Peinlichkeit groß. Meine Hosen waren (nicht ganz freiwillig) runtergelassen. Gott war Zeuge meiner Verletzlichkeit. Schon die ganze Zeit. Und auch wenn es übertrieben klingt: dieser Moment war heilig. 

„Heilig“, weil Gott mir in diesem Moment ziemlich deutlich und gleichzeitig unglaublich sensibel zeigte, wie wenig es an meiner Kraft liegt, mein Leben von ihm erfüllen zu lassen – sondern, dass er der Einzige ist, der mich stark, geliebt und gerecht machen kann und will, wenn ich ihn lassen würde. Wie sehr ich genau das in meinem Leben eigentlich aktuell brauchte, wurde mir in diesem Moment klar. Das war mein Zeitpunkt, die „Hosen runterzulassen“. Mir wurde auch bewusst, wie viel mehr und intensiver meine Freundschaften, Beziehungen und der restliche Alltag aussehen könnten, wenn ich nicht länger bete: „Gott, ICH gebe dir folgende Dinge, die mich beschäftigen …“, sondern ihn vielmehr im Gebet fragen würde: „Gott, was willst DU mir abnehmen, was ist dran?“.

Ich bin jetzt dabei zu lernen, dass mein eigentlicher Aktivismus eher so aussehen sollte, dass ich (geistlich gesehen! :)) öfter meine Hose runterlasse, auch wenn es mich alles kostet: Mut, Ehre, Lässigkeit und Kontrolle. Nicht mehr Ich, sondern Er. Attraktiv ist das im Alltag meistens nicht – genauso wenig, wie mitten auf der Straße ohne Hose dazustehen. Doch: Gott braucht uns nicht attraktiv, um unser Leben intensiv und atemberaubend zu machen – für ihn reichen auch Unterhosen. 

Eure Lynn, die jetzt erstmal neue Hosen shoppen geht.


Das Beitragsbild hat Lynn Schröder selbst gemacht.

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