Wegfahren in die Heimat

Die A33 nach Bielefeld ist leer und still. Wenn es hell wäre könnte man den Fernsehturm oben im Teutoburger Wald sehen. Jetzt blinken nur etwas diffuse, bunte Lichter im schwarzen Himmel. Nur noch auf die Schnellstraße ins Stadtinnere, dann am Cinemaxx abfahren, links – rechts – lange geradeaus – links – rechts – angekommen. Heimat – alles wie immer. Aber immer weniger – irgendwie.

Im September vor drei Jahren bin ich von Bielefeld nach Heidelberg gezogen, nachdem ich dort über 19 Jahre lang gelebt hatte. Ich weiß noch genau wie es war, als ich das erste Mal mit all meinem Krams weggefahren bin. Weg von allen und allem, was ich kannte. In Heidelberg kannte ich niemanden. Niemand aus dem Bekanntenkreis, niemand aus meiner Schule oder jemand, den ich sonst woher kannte. Wenn man die Zeit, die man mit Menschen verbringt als Maß nimmt, um anzugeben wie gut man jemanden kennt, wären die mir vertrautesten Personen meine Vormieterin, mein Vermieter und die Verwaltungsdame gewesen, bei der ich mich immatrikuliert hatte. Weihnachten bin ich dann das erste Mal nach Hause gefahren – für 4 Tage, dann erst wieder Ostern für eine Woche. Damals war der Weg nach Hause in die Heimat doch auch derselbe.

Was hat sich verändert? Was ist passiert mit der Heimat, dass sie immer weniger wird, was sie war?

In drei Jahren ändert sich das Stadtbild im Großen und Ganzen nicht, hier eine neue Baustelle, ein neuer Kreisel, ein neues Gebäude, da etwas abgerissen oder renoviert. Na gut, auf dem Acker vor meinem Elternhaus sollen hunderte Wohneinheiten gebaut werden, aber bisher ist noch nichts passiert. Gefühlt kenne ich jede Straße, jeden Laden, jedes Haus und jeden Stein. Ich weiß, wo man mit dem Cityroller aufpassen muss, welche Bordsteine man mit dem Waveboard am besten hochkommt, welche Äste man braucht, um in die Baumkronen zu kommen. Ich weiß, wie sich der Schlüssel in unserer Haustür anfühlt, wie es riecht, wenn man reinkommt usw. Ist das das nicht zu Hause? Wenn einem alles vertraut ist? Warum ist das Gefühl nicht mehr so wie früher? Was hat sich verändert?

Ich musste etwas darüber nachdenken, bis ich Antworten gefunden hatte. Offensichtlich hat Heimat wenig mit Äußerlichkeiten zu tun. Bielefeld bleibt Bielefeld. Und die Leute? Bielefelder bleiben auch Bielefelder. Mir fällt noch ein Zitat von Hazel Brugger ein. Eine, wie ich finde, sehr lustige Schweizerin mit extrem trockenen Humor: „Heimat ist da, wo die Menschen wohnen, mit denen man auf keinen Fall in den Urlaub fahren will“. Das trifft bei mir nicht zu. Familienurlaub ist der Hammer – gerade weil man sich so selten sieht! Was hat sich verändert? Langsam fange ich an zu begreifen … es liegt nicht an dem Ort, nicht an den Leuten, es liegt an mir. Bevor ich anfing zu studieren, war alles, was Heimat ausmachte, in Bielefeld. Ich war wie ein perfekt geschliffenes Zahnrad im System Bielefeld. Es passte einfach. Und dann wird man ausgebaut. System Bielefeld adaptiert sich. Manches läuft ohne mich anders, aber es läuft weiter. Und ich? Ich gehe nach Heidelberg. Ein neues System, das völlig neue Anforderungen und Möglichkeiten mit sich bringt. 3 Jahre haben mich umgebaut, ich habe mich umgebaut und das merke ich jetzt zunehmend, wenn ich nach Bielefeld komme. Ich kenne immer noch alles und weiß wie Vieles funktioniert, aber ich passe da nicht mehr so gut rein wie früher. Nach 3 Jahren Studium, eigenem Haushalt, neuer Gemeinde und ganz besonders ganz vielen liebgewonnenen Menschen, bin ich nicht mehr der Mensch, der ich mal war. Und das macht etwas damit, wie und wo man sich zu Hause fühlt. Ihr kennt sicher das Spiel „Ich packe in meinen Koffer…“. Wenn du deinen Heimatkoffer packst, was kommt rein? Ich kam mit einem prall gefülltem Heimatkoffer à la Bielefeld nach Heidelberg. Aber wenn man dort ein neues zu Hause finden will, muss man Platz schaffen und manche Sachen auspacken und neue einpacken, die Heimat ausmachen. Dieses Umpacken ist, glaube ich, eine der großen Challenges für alle, die aus ihrer langjährigen Heimat wegziehen. Neues einpacken ist dabei gar kein Problem. Die Frage ist: was packt man aus, was lässt man los? Mit der Zeit entstehen dann mehrere Fächer im Koffer, die in der Realität nicht aus Platzgründen dichtgedrängt nebeneinander gequetscht sind, sondern einige 100km auseinanderliegen. Nach Bielefeld fahren heißt dann immer mehr aus Heidelberg wegfahren. Im ersten Semester fährt man noch nach Hause. Dann beginnt allmählich der Umpackprozess, dass man eigentlich sagen müsste: Ich fahre nach Hause weg und man fährt zunehmend mehr weg als nach Hause. Irgendwann fährt man dann wohl zu Besuch zu den Eltern.

Spannenderweise sehe ich diesen Heimattransformationsprozess nicht nur bei mir, sondern kann seit 3 Jahren anderen dabei zu schauen. Und jeder geht damit anders um und jeder tut sich unterschiedlich schwer damit. Am Anfang sieht man Leute freitags nach der letzten Univeranstaltung mit Gepäck zum Zug rennen. Jetzt kann man sich darüber unterhalten, wie es quietscht und klemmt wenn man nach Hause bzw. zu seinen Eltern fährt. Um beim Koffer zu bleiben: durch das allmähliche Auspacken von alter Heimat, fehlt einem das ein oder andere Tool, um im alten heimatlichen System zu funktionieren. Man quetscht sich zurück in das alte System, das sich auch ohne einen weitergedreht hat. Man nimmt alte Rollen und Verhaltensmuster an, auch die, die man für immer ablegen wollte und fügt sich so gut es geht. Aber das reicht nicht. Man passt nicht mehr einwandfrei. Es gibt auch keine Lösung. Einen interessanten Ansatz lieferte meine Mama diesen Sommer, als wir alle fünf da waren: „Wir sind doch eine WG!“ Eigentlich eine geniale Idee. Ein Systemhybrid aus Familie in Bielefeld und Student in Heidelberg. Aber so funktioniert es nicht. Man ist Sohn oder Tochter oder Mama oder Papa oder unabhängige*r Student*in. Es fehlen die Tools im Koffer. Nach drei Jahren bin ich nicht mehr in der Lage die nötige Flexibilität aufzuweisen, um im alten System zu funktionieren. Ich weiß wie es geht, aber ich kann es nicht mehr – zu Lasten aller Beteiligten. Das Gute ist: durch das ständige loslassen und auspacken von Heimat werden die Dinge, die man auf gar keinen Fall missen möchte, immer wertvoller. Das sind die Dinge, die man am häufigsten wieder eingepackt hat. Mit jedem ein- und auspacken begreife ich einmal mehr: Heimat ist unheimlich kostbar. Sie verändert sich. Sie wird komplizierter und vielschichtiger. Aber sie hält mir immer wieder vor Augen, welchen Reichtum ich genießen kann und lässt mich nichts als pure Dankbarkeit entgegnen, bis mich die nächste Frage wieder auf den Boden der Tatsachen stellt: Wie geht das weiter und wo führt das hin? Ich bin 22. Vielleicht habe ich noch drei viertel meines Lebens vor mir. Was muss ich da noch alles auspacken? Mit meinen Großeltern rede ich oft über ihre Erlebnisse aus dem Krieg, damit ich niemals vergesse, was Frieden bedeutet. Und aus all diesen Gesprächen habe ich gelernt: Städte können innerhalb von Stunden zerstört werden. Häuser brennen ab. Heimatstadt wird zum Fremdwort. Alle vier meiner Großeltern sind noch am Leben und können das bezeugen, aber wie lange noch? Menschen sterben – früher oder später, auch ohne Krieg. Und was bleibt dann im Heimat-Koffer? Eine staubige Sammlung von Erinnerung und Memoiren? Oder fängt der Koffer irgendwann an sich einfach zu leeren, während man Stück für Stück jeden einzelnen geliebten Menschen auspacken musste, bis man schlussendlich weder nach Bielefeld noch nach Heidelberg noch sonst wohin passt? Man passt hier dann überhaupt nicht mehr hin. Das System Erde dreht sich erbarmungslos weiter, auch ohne einen. Warum hat man eigentlich gepackt? Um auszupacken?

Heimat ist unheimlich kostbar, aber sie verändert sich und verschwindet möglicherweise irgendwann. Das ist der Zwang zum Loslassen oder einfach: das Leben. Das passiert, wenn man Heimat wirklich zu(m) Ende denkt. Ich denke Sachen gerne zu Ende und dann merke ich, dass man immer mit noch größeren Fragen endet. Oder kleinen Fragen, die plötzlich riesige Bedeutung bekommen: Womit packe ich meinen Koffer? Ich, für meinen Teil, habe in Jesus jemanden gefunden, der mir Kraft gibt, diese großen Fragen einfach stehen zulassen. Wie? Ich vertraue darauf, dass er hält, was er verspricht: ewige Heimat, die da ist, wo er ist – in mir, in der Welt und darüber hinaus (vgl. Hebräer 13,14). Deshalb versuche ich ihm den größtmöglichen Platz in meinem Koffer einzuräumen, weil ich mich darauf verlassen kann, dass mich nichts und niemand dazu zwingen kann ihn wieder auszupacken (vgl. Römer 8,38f.). Mit dieser Gewissheit ist das Loslassen und Auspacken bis an mein Lebensende nicht weniger schwierig und schmerzhaft, aber ich bin damit niemals allein, geschweige denn heimatlos, niemals!

„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ – Hebräer 13,14

„Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ – Römer 38 + 39

Euer Lukas

Danke an unsplash.com für das Beitragsbild!

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