Wir brauchen deine Existenz

Hoffnung. Das ist, was am Ende dieses Beitrags bleiben soll. Und ich weiß, dass der ganze Part dazwischen vermutlich eher in eine gegenteilige Richtung geht. Ich weiß, dass ganz vieles von dem, was ich hier schreibe, nicht danach klingt, als ob ich diejenige sein sollte, dir was von Hoffnung zu erzählen. Aber ich weiß, dass Hoffnung der einzige Grund ist, warum ich heute überhaupt noch irgendwas zu sagen habe. 

Ich habe mich in so vielen Nächten gefragt, ob es einen Unterschied machen würde, wenn ich am nächsten Tag nicht mehr da wäre. Ich habe mich so oft gefragt, ob mein Tod überhaupt auffallen würde. Ob meine Existenz auf der Welt einen Unterschied macht. Ob jemand mich für das wahrnimmt, was ich bin. Ob mich jemals jemand lieben wird. Ob ich auf dieser Welt irgendeine Bedeutung habe. Meine Reaktion auf all diese Fragen waren Selbstmordgedanken.

Das Ding ist aber, die Antwort auf jede einzelne dieser Fragen ist JA. Falls du dir auch nur eine dieser Frage je gestellt hast, lautet die Antwort darauf: JA! Aber in meinem Leben habe ich meistens auf diese Stimme gehört, die mir weismachen wollte, die Antwort sei Nein. Depression. Ich musste ganz schmerzlich lernen, dass Depression lügt. Wirklich immer. Ich musste lernen, dass es zwar sehr viel schwerer ist, nicht darauf zu hören, sich aber im Endeffekt immer lohnt. Und ich durfte verstehen, dass ich so viel stärker bin, als ich meine zu sein. Und das bist DU auch.

Depressionen sind deswegen gefährlich, weil sie alles in Frage stellen, was über dein Leben wahr ist. Dass DU aus einem guten Grund hier bist. Dass DU geliebt wirst. Dass ein wunderbarer Schöpfer DICH wahrnimmt und seine Hand über DIR hält. Dass DEINE Existenz einen riesigen Unterschied macht. 

Ich kannte und kenne all diese Wahrheiten und Aussagen und es klingt so leicht, wenn jemand sagt, du musst das nur glauben. Aber das war und ist ein einziger Kampf. Und es klingt so leicht, wenn jemand sagt, du musst doch nur weiteratmen. Doch in Phasen, in denen ich wusste, dass der Schmerz in mir, wenn ich ihn noch ein kleines bisschen länger aushielte, mir den Atmen rauben und ich zusammenbrechen würde, schien selbst Atmen unmöglich zu sein. Während solcher Panikattacken war das Badezimmer oft der Ort, an den ich flüchten konnte und wo ich mich mehr als einmal auf den kalten Badezimmerboden legte und glaubte, im nächsten Moment zu ersticken. Weil ich nicht mehr wusste, wie ich noch Luft bekommen sollte. Weil meine Panik und Angst so groß waren, dass meine Herzschlagfrequenz gefährlich hohe Werte erreichte. Weil alles nur noch schwarz war. Weil mich das Ende nicht überrascht hätte. 

Dabei wollte ich nie wirklich sterben, aber ich hatte das Gefühl nicht mehr leben zu können. 

Gleichzeitig tat es in anderen Momenten so gut zu wissen, dass alles, was ich tun musste, atmen war. Nichts leisten, nichts vorweisen. Nur atmen. Und dennoch war ich geliebt. Niemand brauchte meine Perfektion. Aber meine Existenz war unabdingbar. Mein Atmen und mein Sein wurde und werden weiterhin gebraucht! Das trifft mich immer wieder. Gerade dann, wenn ich es nicht glauben kann. Gerade dann, wenn meine Perfektion sich sonst wo rumtreibt. Bedingungslos geliebt zu sein, ist ein unendliches Privileg. Und der Schöpfer des Universums bringt mir und dir diese selbstlose und völlig unverdiente Liebe entgegen. 

Das durfte ich immer wieder erleben und habe dann lange nach dem gesucht, was ich von diesem einen chaotischen und kostbaren Leben erwarte. Dabei durfte ich feststellen, dass das Leben meist unfassbar schwer und zugleich ganz leicht ist. Das Leben ist selten schwarz und weiß. Ich habe Träume für mein Leben und gleichzeitig gibt es Momente, in denen mir all diese plötzlich gleichgültig erscheinen und in denen alles, was ist und wovon ich träume an Relevanz verliert und nur dieser eine Gedanke bleibt: irgendwie aussteigen zu wollen.

Mich dann immer und immer wieder fürs Leben entscheiden zu müssen, verlangt mir Vieles ab. Aber es gibt mir gleichzeitig auch so viel MEHR zurück. Wie viele wunderschöne Momente, Chancen und Begegnungen hätte ich sonst verpasst. Und ja, für mich war Hoffnung nie einfach da, sie war immer eine Entscheidung. Immer eine Herausforderung. Und es immer wert.

Dennoch ist mein ganzes Leben ein Kampf, den ich entweder gewinne oder beim Versuch zu gewinnen, sterbe. Ich wünschte das wäre anders. Ich wünschte ich hätte nicht so viel für dieses Leben zu kämpfen. Ich wünschte, es wäre ein kleines bisschen leichter. Das einzige, was es möglich macht, weiter vorwärts zu gehen, ist Hoffnung. 

Hoffnung macht es möglich nicht aufzugeben. Dieses Jahr wurden so viele Dinge abgesagt, auf die ich hingelebt habe. Aber Hoffnung wird niemals abgesagt werden. Ich weiß, dass das wahr ist. An manchen Tagen kostet es mich dennoch alles an der Hoffnung festzuhalten. An Tagen, an denen alles in mir bereit ist zu sterben. An Tagen, an denen es mir schwerfällt, den nächsten Atemzug zu machen. An Tagen, an denen ich stundenlang mit der Rasierklinge in der Hand dasitze. An Tagen, an denen ich mich zwingen muss, nicht auf Parkhausdächer zu steigen. An Tagen, an denen ich des Lebens einfach müde bin.

Aufgeben wäre nicht schwer. Zum Aufgaben braucht es nicht viel. Aber Heilung braucht die Bereitschaft zu Kämpfen. Heilung braucht Zeit. Und es ist so wichtig sich diese Zeit zu nehmen! Zeit zu kämpfen und zu hoffen und niemals aufzugeben!

Die Wahrheit ist, die Welt wäre nicht die Gleiche ohne DICH darin. Schon allein, weil du Menschen in tiefster Trauer und mit unfassbarem Schmerz zurücklassen würdest. Selbstmord mag sich nach dem einfachsten und selbstlosesten Ausweg anhören, aber das ist schlichtweg nicht wahr! 

Ich weiß, wie sich Schmerz anfühlt, der unaushaltbar ist. Ich habe Erfahrungen mit Autoaggression und Selbstverletzung. Ich weiß, wie sich Einsamkeit und Verzweiflung anfühlen. Ich weiß, wie es ist, wenn man einfach nicht mehr weiterleben will. Aber Selbstmord ist nicht die Antwort darauf! Es mag sein, dass du das als einzigen Ausweg siehst, ich kann das verstehen. Aber ich will dir Mut machen, dein Leben nicht wegzuwerfen, sondern in Gottes Hände zu legen. 

Als ich mit 13 zum ersten Mal nicht mehr existieren wollte, habe ich Gott mein Leben gegeben. Ich wollte dieses Leben nicht mehr, aber er hatte irgendwie dafür gesorgt, dass ich weitergelebt habe. Also sollte er sich gefälligst was Gutes für mein Leben ausdenken. Das hat er auch getan. Es hat allerdings zwei weitere Selbstmordversuche gebraucht, bis ich den unfassbaren Wert meines Lebens wirklich verstanden habe. Es hätte mich nicht gewundert, wenn mich meine eigenen Handlungen das Leben gekostet hätten. Bis heute ist mir unerklärlich, warum sie das nie getan haben und warum da immer irgendjemand oder irgendwas war, das mich aufgehalten hat. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass Gott dabei ein entscheidende Rolle gespielt hat. Heute bin ich einfach nur dankbar, an keinem dieser Tiefpunkte gestorben zu sein.

Ich durfte lernen, dass das Leben die meiste Zeit bunt und Hoffnung der kleine weiße Streifen am Horizont ist. Die Frage ist nur, wie navigieren wir durch die Zeiten, in denen das anders ist? Depression hat mein Leben dunkelgrau gemacht. Die Suizidversuche waren die schwärzesten Momente. Aber gerade in diesen Momenten brauchte ich die Hilfe anderer Menschen, die den Horizont noch im Blick hatten, als ich ihn nicht mehr sehen konnte. 

Für selbstbewusste und eigenständige Menschen wie mich ist das eines der härtesten Dinge, die ich je getan habe – einzugestehen, dass ich Hilfe brauche. Zuzugeben, dass ich es allein nicht mehr schaffe. Der Pastor Steve Austin hat wunderschön formuliert, was passiert, wenn wir uns dazu durchringen, anderen Menschen von unseren Problemen und Kämpfen zu erzählen.

Die Kraft der Verletzlichkeit, des Mutes und der Gnade hat mein Leben verbessert. Allerdings ist das nicht von heute auf morgen passiert. Transformation ist gekommen, als ich mit anderen Menschen mitten in unserer Zerbrochenheit Beziehung gelebt habe.

Steve Austin auf twloha.com/blog/being-christian-and-living-with-a-mental-illness/

Genau das durfte ich auch erfahren. Verletzlichkeit macht uns nicht schwach, sie macht uns stärker. Und sie gibt uns die Möglichkeit auf ganz besondere Art, anderen Menschen Hoffnung zu schenken, weil wir selbst ihren Schmerz so gut kennen. Wir sind Hoffnungsträger und wir waren niemals dafür gemacht, allein durch dieses Leben zu gehen. 

Ich habe drei Menschen in meinem Leben als Notfallkontakte in meiner Suicide Safety App, die ich wirklich jederzeit anrufen kann und mit denen ich bereit bin, meine schlimmsten Momente zu teilen. Ich wüsste nicht, was ich ohne diejenigen tun würde. Und um sicher zu gehen, dass mich nicht mein Stolz davon abhält mich an diejenigen zu wenden, und einen dummen Fehler zu machen, habe ich außerdem das Wort alive (lebendig) auf mein Handgelenk tätowieren lassen. Trotz allem was war, bin ich noch am Leben. Und das ist auch der einzige Zustand, in dem ich mich befinden sollte. Für den ganzen Rest meines Lebens. 

Falls da niemand ist, den du anrufen kannst oder willst, hoffe ich trotzdem inständig, dass du mit deinen Gedanken nicht allein bleibst. Bitte sprich mit jemandem. Irgendwem. Einem Pastor oder einem Telefonseelsorger zum Beispiel.

Die TelefonSeelsorge® erreichst du 24-7 unter der Telefonnummer 0800 / 111 0 111, 0800 / 111 0 222 oder 116 123. Außerdem per Mail und Chat unter online.telefonseelsorge.de.

Ich jedenfalls werde weiter hoffen, weiter kämpfen und weiter leben. 

Letztendlich wünsche ich jedem von euch, dass ihr in eurem eigenen Leben solche Menschen findet und eure Todessehnsucht niemals stärker ist als euer Lebensmut! Passt auf euch auf.

xoxo, eure Karo

Your life matters. You’re needed. You’re loved.

Linkin Park

Weitere Links:

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Da Suizidprävention so wichtig ist, haben die Leute von frnd hier Infos rund ums Thema gebündelt. Schaut gerne auch auf deren Instagram Channel vorbei!

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