Zwölf Stunden später

Janina, fast 21, Studentin aus Heidelberg, liebt Gemeinschaft & Menschen, die von Jesus begeistert sind. Lässt sich besonders für gemeinsamen Lobpreis, Outdooraktivitäten oder gemeinsame Handlettering-/Spieleabene begeistern.


Voller Vorfreude stieg ich abends in den Bus ein. Nur noch einmal schlafen und schon würde ich bei meinem Freund sein. Ich machte es mir im Bus gemütlich, schaute einen Film und versuchte dann, so gut es eben ging, zu schlafen. Obwohl ich immer wieder aufwachte, konnte ich mich doch einigermaßen erholen. Am nächsten Morgen stieg langsam die Nervosität. Nur noch etwa eine Stunde und ich würde meinen Freund endlich wiedersehen und gemeinsam mit ihm ein paar schöne Tage verbringen. Ich malte mir aus, wie es wohl werden würde, sich nach einem Monat wiederzusehen. Auf jeden Fall war meine Freude riesig und ich schrieb ihm, dass mein Bus sogar noch etwas früher ankommen würde, als geplant. 

Mittlerweile waren wir an der slowenisch-kroatischen Grenze angekommen und der Busfahrer forderte uns auf, auszusteigen und unsere Ausweise vorzuzeigen. Ich zog also meine Schuhe an und nahm meinen Geldbeutel, um meinen Ausweis herauszuholen. Verwundert, dass dieser nicht an der gewohnten Stelle war, begann ich etwas hektisch, meine Sachen zu durchsuchen. Normalerweise habe ich ihn immer in meinem Geldbeutel. Wo ist er denn? Das kann doch wohl nicht sein? Bin ich etwa im falschen Film? Da fiel mir ein, dass ich ihn wahrscheinlich nach meinem Flug aus Norwegen zwei Tage zuvor in meiner anderen Jacke vergessen hatte. 

Etwas nervös stieg ich aus dem Bus aus und stellte mich in der Schlange zur Passkontrolle an. Zum Glück hatte ich noch ein Foto von meinem Ausweis auf dem Handy und meinen Führerschein dabei. Da ich ja innerhalb der EU reiste, würde ich schon irgendwie durchkommen, dachte ich. Kurz hatte ich noch überlegt, mich einfach in der Toilette des Busses zu verstecken, aber lieber direkt ehrlich sein, als später dort entdeckt zu werden. 

Als ich an der Reihe war, erklärte ich der Polizistin alles, zeigte ihr meinen Führerschein und das Foto meines Ausweises. Doch sie antwortete in gebrochenem Englisch, dass das so nicht ausreiche und sie meinen Pass sehen möchte. Ich versuchte es ihr nochmal zu erklären, doch sie blieb dabei und holte schließlich den Busfahrer, redete kurz auf Kroatisch mit ihm, bis dieser zu mir sagte: „You can go back, it is your problem.“ Ich verstand erst gar nicht genau, was er meinte und meine Anspannung wurde immer größer. Wohin sollte ich denn jetzt gehen? Wieder in den Bus oder an der Grenze warten oder was meinte er. Schließlich kam der zweite Busfahrer und meinte, ich solle ihm sagen, welches meine Tasche ist und dann könne ich mit meinem Gepäck einen Bus nehmen, der wieder zurück nach Lubiljana fahren würde.

Jetzt begriff ich erst wirklich, dass ich hier nicht durchkommen würde. Völlig verzweifelt und überfordert, fing ich an zu weinen und ging mit ihm zum Bus, um mein Gepäck zu holen. Was sollte ich jetzt machen? Ich hatte mich doch so gefreut und den ganzen weiten Weg nicht auf mich genommen, um kurz vor dem Ziel wieder umzudrehen und nach Hause zu fahren. Gab es keine andere Möglichkeit über die Grenze zu kommen? Ich überlegte, ob ein anderer Polizist vielleicht gnädiger wäre und noch ein Auge zudrücken würde, doch alle waren beschäftigt und mein Bus fuhr gerade schon über die Grenze – ohne mich. Könnte man mit einem Taxi irgendwo über eine unbewachte Grenze fahren? Ich war doch in der EU, irgendwie musste es doch möglich sein. Völlig überfordert, rief ich meinen Freund an, um ihm erstmal zu sagen, dass ich nicht wie geplant in 45 Minuten bei ihm sein würde, sondern gerade an der Grenze feststeckte. Ich fragte ihn, was ich nun machen sollte. Er war auch erstmal geschockt und meinte, ob es dort niemanden gab, der mir helfen könne. Um mich herum standen ein paar Kroaten, die auch mit dem Bus nach Ljubiljana fahren wollten und kein Englisch sprachen. Er riet mir, mit dem Bus erstmal nach Ljubiljana zu fahren und dort dann mal in die Deutsche Botschaft zu gehen. Irgendwas in mir sträubte sich aber dagegen, ich wollte nicht einfach zurückfahren und aufgeben. So konnte das alles doch nicht wirklich enden. Und was sollten die in der Botschaft schon machen, außer mir zu sagen, dass es dumm ist, ohne Ausweis zu reisen. Da ich aber auch keine bessere Idee hatte, fuhr ich also wieder zurück nach Ljubljana. Auf der Fahrt saß ich weinend neben drei Kroatinnen, die mich nur mitleidig ansahen, und offensichtlich mit mir überfordert waren. Gleichzeitig versuchte ich mit meinem Freund übers Telefon herauszufinden, was ich am besten als Nächstes machen sollte. 

Er fand heraus, dass man in der Deutschen Botschaft in Ljubljana einen vorläufigen Pass beantragen konnte. Ich schöpfte also wieder etwas Hoffnung, dass ich vielleicht doch noch an dem Tag über die Grenze kommen würde. Da fiel mir auf, dass ich meine andere Tasche mit meinen Ladekabeln und meinem iPad noch im anderen Bus vergessen hatte. Dieser Tag war einfach nur bescheuert. Kurz vor Ljubljana fiel mir auf, dass die Botschaft erst wieder Termine für den nächsten Tag freihatte. Erneut fing ich an zu weinen. Sollte ich jetzt auch noch dort ein Hotel buchen müssen und dann womöglich erst am nächsten Abend in Zagreb ankommen? Dann würden uns ja nur noch eineinhalb gemeinsame Tage bleiben. Während ich dann aus dem Bus ausstieg und mich bemühte mit den wenigen Leuten, die im Bus Englisch sprachen, eine Taxifahrt ins Zentrum zu organisieren, rief mein Freund bei der Botschaft an und sagte mir, dass ich doch noch heute kommen könnte, aber Passbilder und Bargeld mitbringen sollte.

Im Zentrum angekommen, versuchte ich mich also zusammenzureißen und alles so gut wie möglich hinter mich zu bringen. Ich ging zum Fotostudio, machte Passbilder, hob Geld ab und ging danach zur Botschaft. Während der Wartezeit dort, versuchte ich mit dem wenigen Handyakku, den ich noch hatte, schonmal eine neue Verbindung nach Zagreb zu suchen. Wenn ich Glück hatte, würde ich am Nachmittag schon in Zagreb sein. Als ich meine Formulare ausgefüllt und abgegeben hatte, meinte die Dame, dass die Passausgabe, wenn alles gut läuft um 15 Uhr 30 sei, da sie erst noch Kontakt zu den Behörden in Deutschland aufnehmen müssten. Toll, dann konnte ich die rausgesuchte Verbindung vergessen und erst abends nach Zagreb fahren. Was sollte ich denn jetzt noch mit sechs Stunden hier anfangen. Handyakku hatte ich kaum mehr, sodass ich nicht wusste, ob es überhaupt noch reichen würde, um abends dem Busfahrer das Ticket zu zeigen. Egal, ich sollte froh sein, wenn es überhaupt klappen würde. Und so beschloss ich, in meiner fast ausweglosen Situation das Beste daraus zu machen und Ljubiljana in der Zeit etwas kennenzulernen. So lief ich durch die Innenstadt und bummelte durch ein paar Läden, kaufte mir neue Kontaktlinsen, da ich diese und meine Brille auch im Bus liegen gelassen hatte. Mit – im wahrsten Sinne des Wortes – neuer Sicht, konnte ich die Zeit dort bei schönem Wetter noch ganz gut genießen. Ich setzte mich immer wieder auf eine Bank und nutzte die Zeit, um Bibel zu lesen und zu beten. 

Als ich dann um 15 Uhr 30 zum Glück meinen vorläufigen neuen Pass bekam, war ich ziemlich erleichtert. Ich lief nochmal ein bisschen durch die Innenstadt und hatte schließlich noch gerade so genug Akku, um das Busticket zu zeigen und nach der Grenzüberfahrt meinem Freund Bescheid zu geben, dass diesmal alles klappte und ich um kurz nach neun in Zagreb ankommen würde.  Zum Glück war dem auch so, sodass ich, zwölf Stunden später als eigentlich geplant, bei ihm in Zagreb ankam – gar nicht mehr nervös über das Wiedersehen, sondern nur noch erleichtert. 

Heute kann ich echt dankbar zurückblicken und bin erstaunt, wie ich es geschafft habe, trotz der schief gelaufenen Situation die Stunden in Ljubljana zu genießen. Das ermutigt mich in Situationen, in denen alles nur schief zu laufen scheint, in Zukunft die Situation anzunehmen und das Beste daraus zu machen. Meinen Blick weg von meinen Fehlern hin zu Gott zu richten. Außerdem werde ich wohl nie mehr meinen Ausweis vergessen und weiß jetzt, dass Kroatien nicht Teil des Schengen-Abkommens ist und man somit an der Grenze seinen Ausweis zeigen muss. Und schlussendlich weiß ich jetzt, auf wen wirklich Verlass ist – auf Gott und auf meinen Freund.

Danke, dass du mich unterstützt und getröstet hast, wo es ging. 


Danke an Imre Tömösvári für das Foto von Unsplash.

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